Henrici hat in der letzten Ausgabe etwas sehr Löbliches unternommen.
Nämlich den Versuch, die blutigen Seiten der Stalinära in die politische
und ökonomische Geschichte der Sowjetunion sinnvoll einzubetten. Dies ist
richtig und wichtig. Ich möchte hier nun einige ergänzende Bemerkungen
und Fragestellungen anfügen, die vielleicht etwas über "Sinn
und Zweck" von vordergründig sinnlosen und scheinbar persönlich
motivierten Gewaltakten aussagen können.
In den meisten Medien ist die Sache ganz einfach. Josef Stalin war ein böser
Diktator, dessen Blutgier durch nichts zu stillen war. Also einer wie Saddam,
Hitler und die Taliban. Er hatte Millionen auf dem Gewissen. Sogar seine Frau
hat sich selber getötet. Er war ein Ungeheuer. Dem würde ich nicht
unbedingt widersprechen. Aber was erklärt das? Wer sich für Stalin
persönlich interessiert, der kann schon bei Erich Fromm in dessen "Anatomie
der menschlichen Destruktivität" nachlesen, dass es sich bei Stalin
um einen "klinischen Fall von nicht sexuellem Sadismus" gehandelt
habe. Erklärt dies nun, wie aus einer politischen Bewegung, die von ihren
Ursprüngen her zutiefst der Tradition der Aufklärung, des Humanismus
und der Arbeiterbewegung verpflichtet war, ein "monolithischer Block"
werden konnte, der Terror verbreitete, aber auch erlitt? Worauf noch einzugehen
wäre.
Allein auf Grund dieser historischen und ideengeschichtlichen Hintergründe
taugen Totalitarismustheorien nichts, denn die Überbetonung der Person
Stalins gibt im Grunde nur den Personenkult dieser Zeit wieder und analysiert
nichts. Dies ist in etwa so erhellend, wie ausgehend von der Erkenntnis, dass
Heinrich Himmler ein Massenmörder war, sich die Frage zu stellen, ob die
SS unter anderer Führung anders agiert hätte, also sagen wir z.B.
unter der Leitung von Heydrich oder Kaltenbrunner.
Terror gegen die reale oder vermeintliche Opposition ist nun bei weitem kein
neues Phänomen. Was war bei Stalin denn nun wirklich neu, was ist beunruhigend?
Man kann dies alles hier nur anreißen, aber meines Erachtens nach ist
das Wesentliche der Terror gegen die Basis des eigenen Systems! Dies erscheint
auf den ersten Blick völlig irrational und psychopathisch. Aber deswegen
auch völlig unerklärlich?
Ein paar kurze Vergleiche von heftigen Terrorkampagnen in der Geschichte mögen
die Unterschiede erhellen. Als die Römer Christen massiv verfolgten, war
dies ganz eindeutig eine rational vertretbare Entscheidung. (Wohl gemerkt, es
geht in diesem Artikel nicht um moralische Bewertungen, ich lehne Terror als
Herrschaftsinstrument persönlich ab.) Eine monotheistische Religion bedrohte
eine wichtige Basis der römischen Herrschaft, nämlich die religiöse
Vielfalt und daher Abwesenheit von Religionskriegen. Logischerweise wird diese
neue Religion bekämpft.
Die katholische Kirche im späten Mittelalter entscheidet sich ganz ähnlich.
Als häretische Gruppen gauftauchen, die sich organisieren, greift sie ein
und beginnt mit der Inquisition. Terror als bewusstes Mittel, universelle Ansprüche
durchzusetzen.
In der französischen Revolution setzen die Jakobiner extreme Gewalt gegenüber
denjenigen ein, die in der Revolte zu weit gehen (Vorläufern der Anarchisten
wie den Enrages um Jaques Roux) oder die sie nicht konsequent durchführen
wollen, wie den Girondisten. All dies mag man grausam finden, sinnlos ist es
nicht.
Selbst den Nazis muss man "zugute" halten, dass, wenn man sich auf
ihre verbrecherischen, rassistischen Wahnideen einlässt, sie ihre halluzinierten
Feinde bekämpft haben.
Stalin wird regelmäßig vorgeworfen, die Methoden Lenins übernommen
und verfeinert zu haben. Ich halte dies für unsinnig. Lenins Bürgerkriegspolitik
und auch die Gründung der Tscheka kurz nach der Revolution mag man hart
und grausam finden. Es ist aber nichts anderes, als die Vorraussetzung, um die
Macht, die sich eine Minderheit erkämpft hat, zu behalten. Mitnichten also
eine persönlich motivierte oder irrationale Politik; einen Bürgerkrieg
gewinnt man nicht ohne den Einsatz von extremer Gewalt.
Bei Stalin beunruhigt vor allem die sogenannte große Säuberung der
Partei von 1936-1938, bei der mindestens 700.000 Menschen erschossen wurden.
Hitler rüstete bereits auf, der Westen versuchte die Nazis hinzuhalten
und der Spanische Bürgerkrieg tobte. Wie konnte man in dieser Situation
also auf die Idee kommen, Unmengen von Leuten, die das sozialistische System
bejahten, umzubringen? War es sinnvoll, z.B. den größten Teil der
leitenden Parteikader und das Gros des Offizierkorps der Roten Armee zu töten?
Bestimmte Konstanten in der Geschichte sollte man auch für diese Periode
nicht ganz übersehen. Auch die große Säuberung hat für
sehr viele Menschen Karriere und Bereicherungsmöglichkeiten gebracht. Es
ist also nicht nur ein böser Mann an der Spitze, sondern es sind sehr viele
Menschen, die sehr vielen anderen Unrecht antun. Ihr Lohn? Erst einmal das Überleben,
aber eben auch für den einen eine Datscha, für den anderen ist ein
Posten frei geworden, der unter normalen Umständen erst in vielen Jahren
neu besetzt worden wäre. Dies ist der Faktor "Mensch", der nicht
alles erklärt, aber leider niemals vergessen werden darf. (Dass die Bolschewiki
einen "neuen Menschen" kreieren wollten, war immer schon ein bißchen
naiv, Stalin war Realpolitiker).
Aber ich glaube, dass noch etwas anderes eine große Rolle spielte. Nach
der Oktoberrevolution wurde die Sowjetunion von Kadern gestaltet, die internationalistisch
und weltrevolutionär ausgerichtet waren. Diese Möglichkeiten zerrannen
im Lauf der Jahre immer mehr und machten der Stalinschen Realpolitik Platz.
Der Sozialismus sollte in einem Land aufgebaut werden, und um jeden Preis sollte
dieses Land modernisiert werden, die revolutionäre Romantik war schädlich.
Sie war dies bereits 1936 bei den spanischen Linken und wurde konsequent auch
hier terroristisch bekämpft. Die alten Bolschewiki hätten eigentlich
Verständnis haben müssen, denn war es nicht Trotzki, der die revoltierenden
Kronstädter Matrosen zusammenschießen ließ? All dies mündete
im Hitler-Stalin-Pakt und seinen geheimen Zusatzprotokollen, später dann
im Wald von Katyn. Stalin hat also in Wahrheit gar nicht so wahnsinnig gehandelt.
Er hat nur bestimmte Vorausetzungen gesehen, die notwendig für das Überleben
der Sowjetunion waren. Eine dieser Vorausetzungen war eine Parteibürokratie,
die realpolitisch orientiert war. Und deswegen wurden die alten Leute in Massen
geopfert. Sozusagen ein präventiver Terror gegenüber denen, die 1917
usw. noch erlebt hatten und sich oppositionell hätten äußern
können. Ansonsten war ja eh keiner mehr da. Vielleicht hat Stalin so tatsächlich
das Vaterland der Werktätigen kriegstauglich gemacht. Ob ein solcher Staat
für Linke unterstützens- und bewahrenswert ist, steht auf einem anderen
Papier. Es sollte hier nur ein Versuch unternommen werden, den Darstellungen
Stalins als halb wahnsinnigem Dikator zu widersprechen. Er war der Realpolitiker
der Epoche, was die Verbrechen nicht verringert.
Fehri
www.terz.org - 29.4.2003