Die
DKP & der Sozialstaat
Im
zentralen Artikel “Propagandamärchen gegen den Sozialstaat” lässt die DKP den
Pfarrer i. R. Otto Meyer zu Wort kommen. Diesmal darf der Gottesmann nicht dem
Publikum das Blaue vom Himmel versprechen, wenn es sein irdisches Dasein brav
und bescheiden bewältigt. Jetzt bläst er den Herrschenden den Marsch!
Nun
mag es den einen oder anderen verwundern, was wohl der Stellvertreter des
Stellvertreters des Allerhöchsten in einer Kommunistenzeitung zu suchen hat.
Aber eine derart dumme Frage wissen die gestandenen Parteikader schnell vom
Tisch zu wischen. Da gibt es schließlich die breite Masse von Arbeitern,
Bauern, kleinen Angestellten, Kleingewerbetreibenden, Beamten, Gottesdienern,
Intellektuellen, Mittelständler usw. usf., die alle – insbesondere in der neuen
Zeit – unter den Monopolen und ihrer Regierung leiden. Alle hätten laut DKP nun
das objektiv gemeinsame Interesse, die Monopole mitsamt ihrer Regierung hinwegzufegen
und die antimonopolistische Demokratie einzurichten.
Was
kümmert es die DKP, wenn der Kleingewerbetreibende händeringend nach billigster
Arbeitskraft sucht und den Beistand des Staates vermisst, der Bauer seine
Viecher mit Antibiotika vergiftet, um nicht pleite zu gehen, der Kioskbesitzer
darauf wartet, den Malochern nach überstandener Nachtschicht noch ein paar
Kröten aus der Tasche zu locken, der Beamte seine hoheitlichen Aufgaben gegen
den Rest der Bevölkerung durchsetzt, der Pfaffe mit Bibellesungen das Volk
verdummt, der Intellektuelle sich immer neue Tricks ausdenkt, die Produktion
rationeller zu gestalten, um Arbeitskräfte und Lohn einzusparen und nicht
zuletzt der Vermieter, der seinem arbeitslosen Mieter die Hölle heiß macht.
Die
imaginäre Einheitsfront gegen Monopolkapital und Staat will von derartigen
Marginalien nichts wissen, und deshalb darf der Pfarrer i. R. nicht obwohl,
sondern weil er Gefolgsmann Gottes ist, seinen Sermon abgeben.
Tatsächlich
mag es sein, dass nicht nur der Prolet den frischen Wind in der bundesdeutschen
Politik spürt. Die kapitalistische Konkurrenz kann auch den einen oder anderen
Selbstständigen oder Profiteur der Mehrwertproduktion von einem auf den anderen
Tag ruinieren. Doch unterscheidet sich der vom Besitz aller Produktionsmittel
außer seiner Arbeitskraft freigesetzte Arbeiter grundsätzlich vom Kleingewerbetreibenden
oder Hilfssheriff des Kapitals. Letztere können jedenfalls zeitweise auf ein
erkleckliches Einkommen auf Basis kapitalistischen Produzierens verweisen,
während ein auskömmliches Lohnarbeiterdasein dem einzig gültigen
gesellschaftlichen Interesse nach unbehinderter Gewinnproduktion widerspricht,
denn erfolgreiches kapitalistisches Produzieren beruht auf billiger Arbeit.
Selten
war ein Staat ehrlicher. Seine Wahrheiten lauten: Unser Land soll in der Welt
einen Spitzenplatz einnehmen, politisch wie ökonomisch. Darum muss unsere
Wirtschaft nicht nur konkurrenzfähig sondern überlegen sein. Dazu benötigen wir
Spitzentechnologie, eine funktionstüchtige Bundeswehr und billige Arbeitskraft.
Unnötige Kostenfaktoren gilt es zu eliminieren.
Die
sozialen Leistungen, die bisher ihren Zweck erfüllten, dem Kapital eine
funktionsfähige Arbeiterklasse zu günstigen Konditionen zur Verfügung zu
stellen, sind zum Teil überflüssig geworden und können gestrichen werden. Warum
sollen finanzielle Mittel auch für diejenigen aufgebracht werden, die in
absehbarer Zeit ohnehin nicht mehr fürs Kapital gewinnbringend tätig sein
können? Außerdem hat die Absenkung der sozialen Leistungen eine lohndrückende
Wirkung – ein Argument, mit dem die Regierung offen hausieren geht.
Der
DKP-Pfarrer kennt sich mit den Untiefen der menschlichen Seele aus. Obwohl der
Mensch weiß, dass Ehrlichkeit am längsten währt, rutscht ihm dennoch bisweilen
eine Lüge über die Lippen, weil die Durchsetzung von Zwecken und Interessen
sich nicht immer mit dem christlichen, demokratischen oder sonst welchem Ideal
vertragen.
Basta!
Henrici