Düsseldorf
spielt Monopoly
Rücke
vor bis zum Hofgarten!
die Aufwertung der Graf-Adolf-Straße, unterbleibt dagegen.
1999
gründete sich aus Sorge über die verfallende Bau-Kultur in der Bundesrepublik
der “Bund kritischer Architekten”. “Gute Architektur ist die, die sich rechnet
und Ehrfurcht erzeugt” – mit diesem ästhetischen Grundsatz mochten sich die
BaumeisterInnen nicht länger abfinden. Sie beklagen eine mehr und mehr
auftrumpfende “Wir sind wieder wer!”-Baukunst, die keine Verbindung mit der
jeweiligen Umgebung eingeht und keine soziale Verantwortung mehr kennt. Als Grund
für diese Entwicklung führt der Bund die Privatisierung des öffentlichen Raumes
an. Die Kommunen legen Stadtentwicklung zunehmend in private Hände, weshalb
offene Architektur-Wettbewerbe Auslauf-Artikel sind und die ArchitektInnen zu
VollstreckerInnen einer Finanzkaste mutieren, so die KritikerInnen.
Die
Geschichte der Kö-Bogen-Planungen bestätigt ihren Befund bis ins Detail. Der
Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven hatte die Stadtsparkasse gerade mit
einem der handelsüblichen Glas-Paläste versorgt und geriet im Gespräch mit Hans
Schwarz von der Stadtsparkassen-Immobilientochter “Corpus” ins Sinnieren über
sein Lieblingsprojekt, die Königsallee wieder an den Hofgarten heranzuführen.
Dazu wollte er den Verkehr unter die Erde verlegen und den Tausendfüßler
abreißen. Durch eine Bebauung der so frei werdenden Flächen sollten die Kosten
für die Abtrag- und Tunnelarbeiten wieder eingespielt werden. Ein gigantischer
Plan mit gigantischen Rendite-Aussichten - der Corpus-Chef war begeistert.
“Wenn es an Kontakten zur Politik mangelt ...”, bot er Ingenhoven an, wolle
Corpus den Türöffner spielen. Allzuviel Antichambrier-Kunst war dazu bei
Joachim Erwins Charakter-Disposition allerdings nicht nötig. Ein Projekt
braucht nur groß genug sein, um sich in seinem Glanz spiegeln zu können, dann
ist unser OB gleich Feuer und Flamme. Ohne zu zögern war er bereit, städtisches
Grundeigentum zu veräußern und einem Investoren nebst seinem Haus-Architekten
“an die Hand zu geben”, wie der verwaltungstechnische Ausdruck vielsagend
heißt. Einen offenen Architektur-Wettbewerb hielt Joachim Erwin dagegen für
verzichtbar. Eine Präsentation des Entwurfs auf der exklusiven Cannoiser
Immobilienmesse und vor zwei Abnick-Jurys, bestehend aus Stadträten,
Düsseldorfer Jonges und delikaterweise auch aus Corpus-VertreterInnen - mehr
Demokratie wollte der Oberbürgermeister nicht wagen. Gerne hantiert er nämlich
selber mit Bauklötzchen herum, weshalb er sich zusätzlich zum OB-Posten gleich
noch das Amt des Planungsdezernenten angemaßt hat, und allzuviele sollten sonst
nicht mitspielen dürfen.
Wieder
und wieder musste Ingenhoven auf Erwins Geheiß die Entwürfe ändern, bis kaum
noch ein Stein auf dem anderen stand. Von “Auseinandersetzungen bis zur
Zerreißprobe” berichtet die “Rheinische Post”. Zunächst stutzte der CDU-Mann
den geplanten Kö-Bogen um zwei Stockwerke. Investoren pflegen nämlich in Breite
und Höhe soviel Nutzfläche wie möglich herauszuschlagen - schließlich werden
sie in Quadratmetern bezahlt. Das ist auch bei den nun noch verbleibenden 26
Meter einträglich genug, nur leider verbirgt sich durch die ganze Operation der
Hofgarten, der doch der Kö näher kommen sollte, hinter dieser Wand. Christoph
Ingenhoven bekundet zwar, damit würden die Baukörper die Höhe von Gebäuden auf
der Königsallee aufnehmen, aber da muss man lange suchen ...
Und
dann behagte Joachim Erwin das derzeitige Lieblingsmaterial aller Investoren,
Glas, diesmal nicht so ganz. Er ist halt eher ein rustikaler Typ und plädierte
für eine traditionsgebundenere Bauweise. Momentan kann er sich eine
Kombination aus Stein und Glas vorstellen. Ingenhoven scheint vorerst gar keine
Vorstellungskraft mehr zu haben. Sein Büro wollte zum verwendeten Material
keine Auskunft geben und verwies stattdessen auf den Investor. Die Frage sei
noch offen, beschied darauf hin ein Corpus-Sprecher.
Wie
so häufig kam Erwins Durchmarsch allerdings auch diesmal wieder ins Stocken.
Plötzlich ging einigen auf, dass Stadtplanung etwas mehr sein könnte als Erwins
Monopoly-Spiele mit seinem Frühstückskabinett.
Vor
allem an dem Fehlen eines Architektur-Wettbewerbs stießen sich die
KritikerInnen. Auf der Diskussionsveranstaltung der RP zum Kö-Bogen warnten
sogar gestandene CDUler wie Wolfgang Schulhoff: “Die Stadt darf nicht von
Investoren regiert werden!”. Erwin hat damit allerdings gar keine Probleme. Für
ihn sind es die Investoren, “die Prosperität in der Stadt garantieren”, wie er
in einer Planungsausschusssitzung offenherzig bekannte.
Sinnfälliges
Zeichen für diese Investoren-Architektur sind die vielen schon fertigen oder
noch im Bau befindlichen Glas-Bauten. Auf der Derendorfer Mercedesstraße ist
ein solches Gebäude mit einer Höhe von 180m geplant. Auf der Graf-Adolf-Straße
wächst dort, wo früher das Fernmeldeamt stand, ein gläsernes Büro-Hochhaus mit
einer elliptischen Form empor, obwohl in Düsseldorf jetzt schon großer
Leerstand herrscht. Gleich neben der Baustelle vermeint ein Eigentümer gar mit
dem Schild im Fenster “Schon 30 % vermietet” protzen und InteressentInnen
anlocken zu können. Aber Neubauten richten sich eben nicht nach dem Bedarf – es
sind reine Spekulationsobjekte. Bevorzugtes Material derartiger Immobilien ist
Glas. Die Transparenz lässt die Baukörper weniger wuchtig erscheinen und
erlaubt so größere Höhenflüge. Zudem verarbeitet es sich leicht und deshalb
schnell und kostengünstig. Auch die Flächenausnutzung optimiert es. “Sie
wickeln die Fassade praktisch wie eine Tapete um die Grundstücksgrenze. So
schaffen sie eine möglichst große Baumasse” weiß Hans Ulrich Zöllner vom Bund
Deutscher Baumeister. In Hamburg gehört er mit zu den ArchitektInnen, die
eine zunehmende Verarmung des Stadtbildes durch eine uniforme
Glas/Stahl-Architektur kritisieren. Die Hamburger Sektion des Bundes Deutscher
Architekten will schon die Notbremse ziehen und versucht seine Mitglieder in
Stellung gegen die “Stadt aus Glas” zu bringen.
Der
Düsseldorfer Ellipsoid ist jedoch nicht nur aus Glas gebaut. Die Bauherren
haben gnädigerweise eine Fassaden-Front des Fernmeldeamtes stehen lassen und
integrieren sie mittels eines Daches - natürlich aus Glas - in den Komplex.
Eine rein äußerlich bleibende Geste, die architektonische Kontinuität bloß
schnöde behauptet. Genauso verhält es sich mit den 740 Segeln aus Onyx-Stein,
die ein wenig weiter die Kasernenstraße hoch aus der Fassade des Benrather
Karrées hervorlugen. Im Sonnenlicht sollen sie einen “warmen honigfarbenen
Schimmer” verbreiten, so in Kontrast zum kalten brauen Rest der Fronten treten
und am Abend einen Laternen-Effekt erzielen. Solche Lichtspiele sind derzeit
nicht nur in Düsseldorf groß in Mode. Nur ein derartiger Zierat vermag nämlich
von der Charakterlosigkeit der Gebäude abzulenken, eine Charakterlosigkeit, die
ihnen schon in die Wiege gelegt ist. Sie sind nicht gebaut, um eine bestimmte
Funktion zu erfüllen, die sich dann auch in ihrer Form spiegeln würde. Sie
sollen möglichst vielen Nutzungen offen stehen und natürlich jeden
Quadratzentimeter Fläche ausnutzen. So wirkt das Benrather Karrée dann mit
seiner braunen Fassade und den abgedunkelten Fenstern in seiner abweisenden
Massivität wie eine Festung. Aber dahinter – der Öffentlichkeit unzugänglich –
sieht es ganz anders aus. Dort lockt ein grüner Innenhof, “eine Oase mitten in
der Großstadt”. Auch das hat Methode. Die eigentlich spannenden Momente eines
Gebäudes fänden ihren Platz nur im Inneren, monierte schon Zöllner in Bezug auf
die Hamburger Verhältnisse, die auch am Düsseldorfer Hafen zu beobachten sind.
Die
Bauschilder am Ellipsoid, dem Broadway-Office der Allianz oder im Bankenviertel
an der Kö bieten ebenso wenig Abwechslung. Immer wieder tauchen dieselben Namen
von Architekturbüros auf: HPP, JSK und RKW. Als Ingenieur-Büro stets mit von
der Partie: Schüssler-Plan, die Firma von Erwins Schwiegerpapa. Dass sie beim
Kö-Bogen involviert ist, versteht sich von selbst. Zwar hatte das Unternehmen
auch zu rot-grünen Zeiten sein Auskommen, aber dem Vernehmen nach überspringen
Bau-Projekte doch leichter die Hürden der Rathaus-Bürokratie, wenn Schüssler
mitplant. Die Bauwut des OB tut also der Familienkasse außerordentlich gut –
und flankierende Maßnahmen wie die jetzt schon fünfte Grundsteuer-Senkung in
Folge erleichtern die Familienplanungen zusätzlich.
“Es
ist eine Krankheit dieser Stadt, die SPD und CDU – auch vor Erwin schon –
gemeinsam zu verantworten haben. Hier reduziert es sich auf ganz wenige Namen:
Schüssler-Plan im Bereich ‘Ingenieursleistungen’ und HPP, RKW und vor allen
Dingen JSK und Ingenhoven bei den Architekten. Überall wo die Stadt ihre Finger
mit drin hat, tauchen diese Namen auf und das macht die Stadt arm”, kritisiert
Marion Enke, die für die Grünen im Planungsausschuss sitzt. Als krassestes
Beispiel für diese Sterilität nennt sie das Bankenviertel. “Es ist eine
Katastrophe, was da passiert. Es ist eine Straße aus dem vorletzten
Jahrhundert, von Stein-Bauten geprägt, und jetzt hat man sich nach dem Abriss
des alten Städtebauministeriums entschieden, wir machen hier eine
Glas-Architektur hin, eine sehr funktionale Architektur. Bei vielen Architekten
wird es da ja schon die Speicher in den Computer-Programmen geben, wo man nur
Hamburg gegen Düsseldorf tauschen muss und schon hat man wieder ein neues
Gebäude.”
Marion
Enke und der Mitarbeiter der grünen Ratsfraktion, Markus Völker, kritisieren an
der konservativen Stadtplanung vor allem die fehlende Abgestimmtheit. Sie
plädieren für ein Vorgeben, das Architektur, Verkehr, Ökologie, Arbeiten und
Wohnen miteinander verbindet, statt nur auf einzelne “Schmuckstücke” zu setzen.
“Ein Haus macht keine Stadt aus”, so Enke. Im Hafen z. B. versäumt es die Stadt
ihrer Meinung nach, ein Hafenbetriebe, Star-Architektur, Verkehrsanbindung und
Wohnen unter einen Hut bringendes Konzept zu entwickeln. Selbst wenn es
bestimmte Leitlinien gibt wie eine Studie, nach der Düsseldorf die Ausweisung
neuer Einzelhandelsflächen kaum mehr verträgt – taucht ein Investor auf,
erklären Erwin & Co. sie leichtfertig zu Makulatur. So darf die MFI am
Bilker Güterbahnhof eines ihrer sterilen Einkaufszentren errichten, gegen die
sich andernorts schon Bürgerinitiativen gründen, obwohl auf dem Areal
ursprünglich eine an den Flora-Park anknüpfende Grünanlage geplant war. Und
dabei versäumen die StadtplanerInnen noch, den Investoren durch bestimmte
Vorgaben wenigstens einige städtebauliche Grundstandards abzuringen. “Wenn eine
Stadtplanung alles tut, was der Investor will, dann brauchen wir eigentlich
keine Stadtplanung”, meint Markus Völker. Wenn es hingegen keinen Investor
gibt, tut die Stadt gar nichts, wie nicht nur das Beispiel “Graf-Adolf-Straße”
zeigt. Hier kann man nämlich nicht einfach tabula rasa machen, hier müsste man
alle Grundeigentümer an einen Tisch bringen, um gemeinsame Lösungen zu finden,
die den schleichenden Verfall aufhalten.
Das
größte stadtplanerische Versäumnis sehen Enke und Völker allerdings in der
Vernachlässigung des Wohnungsbaus. Während andere Kommunen
Architektur-Wettbewerbe zu “Neuem Wohnen” ausschreiben und auch interessante
Projekte realisieren, schaut Düsseldorf dem Treiben in Wersten-Südost und
anderen “Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf” tatenlos zu. Wie
alarmierend die Lage dort ist, brachte wenige Tage nach unserem Gespräch einmal
mehr eine Untersuchung der Düsseldorfer Fachhochschule ans Tageslicht. “Wenn
wir nichts ändern, fliegen uns diese Stadtteile in ein paar Jahren um die
Ohren”, lautete das Fazit des leitenden Wissenschaftlers Volker Eichener. Im
Planungsausschuss ist Marion Enke die einzige, die solche Schieflagen zur
Sprache bringt und Erwin Paroli bietet. Wenn der mal wieder ganze Baumreihen
per Kettensägen-Massaker plattmachen will, um einem Investor den Weg frei zu
machen und Einwände mit einem schnöden “das ist doch nur Spontan-Vegetation”
abtut, bleibt sie stets standhaft.
Für
ein solches Engagement muss man eine affektive Beziehung zu Düsseldorf haben.
Diese hatten auch die Menschen, die auf der RP-Veranstaltung zum Kö-Bogen gegen
den Ausverkauf ihrer Stadt protestierten. Linke dagegen haben Düsseldorf nie
als ihre Stadt betrachten können. Sie sollten dem zunehmendem Raumgewinn des
Neoliberalismus auf hiesigem Terrain aber trotzdem nicht tatenlos zusehen.
Jan
Fotos durch Kristijan