Wohnen
unter Abriss
Ein
Interview mit den MieterInnen der Häuser in der Binterimstraße 26-32. (Terz
berichtet u.a 11/03)
:
Wie fühlt Ihr euch zur Zeit in den Häusern?
ANTWORT:
Ich kann immer noch nicht glauben, daß die Häuser abgerissen werden sollen. Der
Gedanke macht alle noch hiergebliebenen traurig und wütend, denn wir sehen ja,
wie gut in Schuß die Häuser sind und welch hohe Wohnqualität sie bieten! Die
beiden Hinterhofgärten sind jetzt im Frühjahr wieder grün, es ist wirklich eine
kleine Oase in der Stadt .Die Leute sind hier nicht freiwillig ausgezogen. Da
hat die Genossenschaft schon Druck ausüben müssen. Jetzt sind nur noch 10
Mietparteien übriggeblieben, die Ihre Rechte wahrnehmen, um sich gegen den
Abriss zu wehren.
ANTWORT:
Die Hausnummer 28 steht ja leer und ist nach der Besetzung im Herbst 2003
sofort von der Genossenschaft unbewohnbar gemacht worden. Z.B. Sind alle
Holzteile rausgerissen worden. Dabei waren die Böden aus bestem Holz, die Türen
noch massiv; Alles war gut erhalten und schön gearbeitet. Die Fensterscheiben
auf der Rückseite sind entfernt worden und das Dach ist an einigen Stellen
aufgerissen worden. In den anderen Häusern sind alle unbewohnten Wohnungen
zugemauert. Eine Wohnung ohne Luft fängt bekanntlich an zu schimmeln. Also hat
der Abriss schon begonnen, bevor alle MieterInnen die Häuser verlassen haben.
ANTWORT:
Das wissen wir nicht. Bislang hat uns noch keiner eine plausible Wirtschaftlichkeitsrechung
vorgelegt. Angeblich kündigen sie uns jetzt aus Eigenbedarf, 400 Mitglieder
würden auf eine altengerechte Wohnung warten, wieviele andere auf eine
bezahlbare Wohnung warten, kommt nicht zur Sprache. Die geplanten
Seniorenwohnungen liegen bekanntlich sehr hoch im Mietspiegel.
Wenn
man den ganzen Fall betrachtet, alle Einzelheiten hier aufzuführen würde zu
lange werden, ist man geneigt, an persönliche Vorteile von einzelnen Personen
zu denken. Man weiß aber nicht, wie das Geflecht aussieht. Die Genossenschaft
ist gut verankert in der Stadt. Zum Beispiel gibt es personelle
Überschneidungen von Mitgliedern des Stadtrats- und Aufsichtsratsmitgiedern
der Genossenschaft. Deshalb erhoffen wir uns auch von den Prozessen mehr
Transparenz über die Gründe des Abrisses.
ANTWORT:
Die Genossenschaft fühlt sich von ihrer ursprünglichen Verpflichtung zum
gemeinnützigen Wirtschaften vollkommen entbunden. Sie kokettiert noch damit auf
den ersten beiden Dritteln ihrer dicken Festschrift, aber im letzten Drittel
wird dann der Umschwung deutlich . Während sie früher keine Gewinne machen
durften, soll jetzt erwirtschaftet werden was geht. Die 4 % Rendite, die den
Mitgliedern im Moment zugesichert werden, sind beim heutigen Zinsniveau sehr
hoch. Der Vorstand scheint losgelöst von den Mitgliedern schalten und walten zu
können.
Dr.
Krupinski, der zuständige Abteilungsleiter im Wohnungsministerium NRW, hat
sich in der ”Aktuellen Stunde” zur Binterimstrasse geäußert und zugesagt, dass
er die Sanierung der Häuser mit Fördermitteln des Landes unterstützen würde.
Die Genossenschaft hat dazu nur kurz abgewunken, damit sei sie an einen festen
Mietpreis gebunden, sie wolle keine Leute mehr aus den unteren Einkommensschichten.
ANTWORT:
Der erste Vorsitzende des Mietervereins Herr Bungert, unser ehemaliger
Bürgermeister, Dr. Krupinski und Herr Nitsch, Vorsitzender des Rheinischen
Landschafts- und Denkmalvereins wollten die Genossenschaft zu einem
öffentlichen Gespräch einladen. ”Kein Interesse” so hieß es beim Vorstand der
Genossenschaft.
Es
ist unglaublich, dass eine Genossenschaft, die einen so großen Hausbestand in
einer Stadt hat und damit das Stadtbild prägt, sich noch nicht einmal einer
öffentlichen Diskussion stellt. Dies wäre unsere Erwartung, daß öffentlich nach
Lösungen gesucht wird, die umsetzbar sind und dass nicht wie hier ein Vorstand
über alles hinweg entscheidet.
ANTWORT:Es
ist ja nicht so, dass wir hier ein paar exotische Spinner sind, die nicht aus
ihrer Wohnung wollen. Wenn man hier wohnt, sieht man, dass es idiotisch ist,
solche Häuser abzureißen. Wir haben viel Zuspruch von außen bekommen, politisch
ist das Thema durch alle Parteien gegangen, die uns zuerst zugestimmt haben und
einige haben sich auch nochmals eingesetzt, jedoch gleich wieder aufgegeben.
Auf
die Antwort unseres Petitionsschreibens an den Landtag warten wir noch.
Ansonsten stehen jetzt alle vor Gericht mit einer Räumungsklage; jeder Fall
wird einzeln verhandelt. Die Richter sind anscheinend auch unterschiedlicher
Meinung.
:
Danke für das Gespräch!
Der
erste Berufungprozess gegen die MieterInnen findet am 13.5.2004 um 9:15 im
Düsseldorfer Landgerichtan der Neubrückstr, Raum 257 statt.
www.terz.org - 27.4.2004