bookNach
der Diktatur
Die
Medizinische Akademie Düsseldorf nach 1945
Die
Medizinische Akademie Düsseldorf ist die Vorläuferin der heutigen
Heinrich-Heine-Universität. Die jüngere Geschichte ist bislang weitestgehend
unerforscht.Im vorliegenden Buch untersuchen verschiedene AutoInnen Brüche,
Veränderungen, aber auch Kontinuitäten der Akademie. Größtenteils die gleichen
AutorInnen untersuchten auch schon in einem weiteren Buch die Geschichte der
Fakultät im Nationalsozialismus.
Die
medizinische Akademie in Düsseldorf war kein Ort exzessiver Verbrechen und von
wenigen Ausnahmen abgesehen auch kein Hort der extremen Nazis in
Studentenschaft, unter Professoren und Ärzten. Das Buch kann sich auf den
medizinischen Alltag im Nationalsozialismus beziehen, wo unterwürfig und meist
ohne Kritik, geschweige denn Widerstand, die Gesetze und Bestimmungen der Nazis
umgesetzt werden, wie z.B. die Entfernung von jüdischen Wissenschaftlern.
Keinerlei Schuld bewusst, versuchen die Nutznießer bruchlos nach dem verlorenen
Krieg wieder dort weiterzumachen. Die Rückkehr der wenigen Überlebenden
jüdischen Wissenschaftler wurde von der Akademie meist gar nicht in Erwägung
gezogen, außer aus medizinischer Notwendigkeit aufgrund von Unterbesetzungen.
“Die Remigranten standen als Mahnmale der “Ausblendung der jüngsten
Vergangenheit” im Wege,...”, wie es im Abschnitt über die vertriebenen
jüdischen Hochschullehrer heißt.
Dies
ließ die meisten Studenten in der Nachkriegszeit unberührt. Bereits im November
1945 findet die Wiederaufnahme des Studienbetriebes statt. Die schon von den
Nazis betriebene Entfernung weiblicher Studenten findet sich auch in der
Nachkriegszeit mit einer fast ausschließlichen männlichen Studentenschaft
wieder. Diese hatte anfangs ihr Studium unter den Nazis begonnen und war
dementsprechend geprägt. So bestand die erste gebildete Studentenvertretung aus
aktiven Offizieren und ehemaligen Hitler-Jugend Führern. Aufgrund von Protesten
aus der Studentenschaft entstand 1946 der erste gewählte AStA, der sich jedoch
weniger um politische, denn um soziale Aspekte kümmerte. Die
Studienbedingungen, die Mängelwirtschaft, die Wohnungssituation, etc. waren für
Studenten, bezogen auf die Lebenssituation der Bevölkerung, außerordentlich
schlecht. Im Bewusstsein, eher der elitären Elite anzugehören, fanden an der
1966 zur Universität geadelten Medizinischen Fakultät während der bundesweiten
Studentenunruhen Ende der 60er Jahre kaum Aktivitäten statt. Der Mord an Benno
Ohnesorg durch einen Polizisten führte zwar zu Bestürzung, endete aber mit
einem Aufruf zur “sachlichen Auseinandersetzung”. Der AStA befasste sich lieber
mit dem zügigen Ausbau der Uni.
Weitere
Kapitel beschäftigen sich u.a. mit der Entnazifizierung an der Akademie, dem
medizinischen Alltag, einem Einblick ins damalige Studium, Vergangenheitspolitik,
einzelnen Instituten, sowie exemplarischen Karrieren einzelner
WissenschaftlerInnen. Überflüssig erscheint jedoch das letzte Kapitel, das sich
formaljuristisch mit der Akademie im Nationalsozialismus auseinandersetzt. Ein
Versuch der langweilt.
Das
Buch versucht mit etlichen inhaltlich ganz unterschiedlich ausgerichteten
Texten einen Überblick über die Zeit nach 1945 zu geben. Die vielen Facetten
führen zu einem interessanten Buch, das auch noch gut zu lesen ist, da es zwar
wissenschaftlich die medizinische Akademie untersucht, aber keine quälende
wissenschaftliche Sprache benutzt. Es gibt einen Einblick in die damalige
Nachkriegszeit, von der man meistens nur wenig weiß. Gerade im Alltäglichen
erfasst man häufig mehr.
Meikel
F
Nach
der Diktatur
Die
Medizinische Akademie
Düsseldorf
nach 1945
Woelk,
Sparing, Bayer,
Esch
(Hg.)
Klartext
Verlag
464
Seiten mit Abb. für 24.90 Euro
bookDer
Zug
Eine
Mischung aus historischer Recherche und Fiktion ist dieser spannende Roman von
Detlef Bluhm. Sein Protagonist ist der Jude Paul Singer, der mit seiner Familie
im faschistischen Ungarn lebt. Gefährlich wird es aber erst, als 1944 die Nazis
Ungarn besetzen. Er wird aufgefordert im so genannten Judenrat mitzuarbeiten
und dort die Deportationen vorzubereiten. Er versucht seine schwangere Frau aus
dem Land zu schaffen. Doch der Zug, der das Leben retten soll, wird nach
Auschwitz umgeleitet. Wie Singer erfährt, war dies durchaus kein Zufall. Sein
glückliches Überleben widmet er seiner Rache. Er wird Agent des israelischen
Geheimdienstes und jagt fortan Naziverbrecher. Auf die Spur des
Verantwortlichen für den Tod seiner Frau und weiteren 3000 Opfern gerät er erst
als Pensionär, als ihn ein Zufall wieder in die Vergangenheit führt. Er
mobilisiert seine alten Geheimdienstkanäle und steht bald darauf seinem alten
Feind gegenüber.
Der
Zug nach Wien ist ein eindringliches Buch, bzw. eher ein lebendiger Krimi, das
einem des öfteren einen Schauer den Rücken herunterlaufen lässt. Es ist aber
auch ein Buch über Kontinuitäten, die nun mal leider keine Fiktion sind. Die
Geschichte, insbesondere der Geheimdienstaktivitäten hätte leicht ins
Übertriebene ausarten können. Bluhm schafft es jedoch einen nahezu authentische
Geschichte zu erzählen, die bis zur letzten Seite spannend und ergreifend
bleibt.
Meikel
F
Der
Zug nach Wien
Detlef
Bluhm
Aufbau
Taschenbuch
235
Seiten für 7,95 Euro
bookSoziale
Klassen, soziale Kämpfe
Die
Zeitschrift FANTOMAS ist ein Theorieorgan aus dem Umfeld der Monatszeitschrift
”Analyse & Kritik” (ak). In ihrer aktuellen Ausgabe beschäftigen sich die
AutorInnen ausführlich mit dem Verständnis von Klassen und deren Genese. Eine
zusammenfassende Hauptthese der verschiedenen und in ihrer Ausrichtung durchaus
heterogenen Aufsätze ist, dass Klassen an sich höchstens als theoretisches
Modell existieren und in ihrer Ausformung sowie ihrem Selbstverständnis als
Klassen für sich eine Ergebnis von politischen Kämpfen und Machtverhältnissen
sind. Die Aufsatzsammlung des Themenheftes ist unterteilt in drei Bereiche:
Analysen und Thesen zum Begriff von Klassen, zu konkreten Klassenkämpfen und zu
Klassenrändern. Die Aufsätze beziehen sich nicht argumentativ auf einander
sondern beleuchten aus unterschiedlichen Fragestellungen und Ansätzen heraus
ihr jeweiliges Thema. So skizziert Frank Deppe das Verschwinden der
traditionellen Arbeiterbewegung im 21. Jahrhundet, beschreibt Steffanie Graefe
den Klassenbegriff von Bourdieu, Moe Hierlmeier die Anpassung des Proletariats
an die kapitalistische Ordnung und Marcel van der Linden gibt einen Einblick in
den Begriff der WeltarbeiterInnenklasse. Im zweiten Kapitel werden
Klassenkämpfe in Argentinien vorgestellt, Untersuchungen zu alternativen Gewerkschaftsmodellen
angestellt, historische Klassenkämpfe analysiert und Verbindungslinien zwischen
feministischen und Klassenkämpfen hergestellt. Im abschließenden Kapitel gibt
es einen Einblick in die Auseinandersetzungen in russische Industriebetriebe
sowie in die Arbeitsverhältnisse der Bordellprostitution in Hamburg und
Frankfurt sowie in informelle Überlebensökonomie in Drittwelt-Staaten.
Die
Aufsätze sind von unterschiedlicher Ausrichtung und auch einem
unterschiedlichen analytischen Niveau gekennzeichnet. Einen übergreifenden
analytischer Bezugsrahmen sucht man vergebens. Doch dies ist auch nicht das
Ziel der Autoren gewesen, die mit der Herausgabe die Frage aufwerfen wollen,
”wie sich zwischen sozialen Kämpfen aus radikal unterschiedlichen Lebenswelten
eine Kommunikation, vielleicht gar eine Koordination herstellen lässt.” Hierzu
bietet die aktuelle Ausgabe von FANTOMAS eine interessanten Fundus.
Al
C.
FANTOMAS
Nr. 4
Magazin
für linke Debatte und Praxis
67
S., 4,50 Euro
bookEntfesselter
Kapitalismus
Der
Mitherausgeber der Zeitschrift ”Sozialismus”, Joachim Bischoff, analysiert in
der Neuerscheinung aus dem VSA-Verlag die Entwicklung vom fordistischen
Sozialstaat zu einem neoliberal gefärbten und ”entfesselten” Konurrenzkapitalismus.
Der
so genannte rheinische Kapitalismus, das Modell des Klassenkompromisses, der
sozialstaatlichen Regulierung von Klassenkonflikten, hat ausgedient. An seine
Stelle ist ein Kapitalismusmodell getreten, das die Konkurrenz zum
gesellschaftlichen Leitprinzip erhoben hat und gesteuert ist von
sozial(staatlich)er Deregulierung sowie vom Shareholder-Value-Prinzip, den
Zwang zur Steigerung der Eigenkapitalrendite und die Ausrichtung der
betrieblichen Wertschöpfung auf den
Börsenwert des Unternehmens. Statt Klassenkompromiss diktiert nun der Klassenkampf
von oben den Rahmen der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Die
Gewerkschaften sind geschwächt durch die hohe Arbeitslosigkeit,
Mitgliederschwund und die Aufkündigung des Sozialpaktes mit Regierung und
Wirtschaft. Der Autor wendet sich hierbei gegen die These von einem fest
etablierten nach- oder postfordistischen Regulationsmodell und vertritt die
Ansicht, dass es sich bei dem gesellschaftlich vorherrschenden Machtblock um
ein Produkt permanenter Strategie- und Machtverschiebungen unter neoliberalem
Diktat handele, die vorherrschende Ordnung also eher als eine weitgehend
planlose Unordnung unter kapitalistisch globalisierten und vom
Konkurrenzverhältnis bestimmten Verhältnissen handelt. Es ist das Verdienst des
Werkes, dass hier zahlen- und faktenreich die Merkmale des Fordismus wie des
vorherrschenden neoliberalen Aktionärskapitalismus beschrieben und analysiert
werden. Man muss die Vorstellungen des reformsozialistisch orientierten Autors
nicht teilen, um Gewinn aus der Lektüre ziehen zu können. Das Buch kann zum
Einblick in die Erscheinungsweise des gegenwärtigen Kapitalismus und dessen
kritischer Analyse eine wertvolle Hilfe sein.
Al
C.
Joachim
Bischoff: Entfesselter Kapitalismus. Transformation des europäischen
Sozialmodells.
VSA-Verlag,
Hamburg 2003, 220 S., 16,50 Euro
Der
Londoner Professor für russische und georgische Geschichte und Literatur Donald
Rayfield legt mit diesem Buch einen beindruckenden Wälzer über die Gräuel und
Verbrechen der Stalinära vor. Um es direkt zu sagen: Es ist eine Ausstellung
der menschlichen Grausamkeit. Das Werk hat einige Stärken, die es für am Thema
Interessierte lesenswert machen. Die komplizierten Machtkämpfe innerhalb der
KPDSU werden nachvollziehbar beschrieben. Man kann die unterschiedlichen
politischen Strömungen begreifen, so dass der Aufstieg Stalins zum Despoten
erklärbarer wird. “Linke” Abweichler, für die die Namen Trotzki, Sinowjew,
Kamenew und andere stehen, werden genauso erklärt wie die “Rechten”, für die Leute
wie Bucharin und Rykow gehalten wurden. Das schwierige Verhältnis von diesen
Gruppen, die nach Ende des Bürgerkriegs vor allem für oder gegen die NEP (Neue
Ökonomische Politik, ergo begrenzte Marktwirtschaft), Zwangskollektivierung,
Industrialisierung, die Macht der Tscheka usw. waren, erklärten den Aufstieg
Stalins. Dieser wurde für einen ausgleichenden Mann der Mitte, des Zentrums
gehalten. Er ließ alle potentiellen Rivalen und Unmengen vermeintliche
Andersdenkende vernichten. Wie dies geschah, kann man bis ins Einzelne
nachlesen.
Des
weiteren werden Struktur und Führungspersönlichkeiten der Tscheka von
Dserschinski bis Berija dargestellt bzw. porträtiert. Ebenfalls besonders stark
begutachtet wird das Verfahren in der Sowjetunion mit Literaten, Dichtern und
Wissenschaftlern, sprich den Intelektuellen des Landes. Ich kann all dies hier
nur anreißen, aber vieles in diesem Buch ist bisher meines Wissens nach so noch
nicht beschrieben worden. So galt das genaue Ende des außer Stalin Haupttäters
der “großen Säuberung” Jeshow noch vor ein paar Jahren als unbekannt.
Allerdings
hat das Buch auch ein paar größere Schwächen, die hier nicht unterschlagen
werden sollen. Auffallend einige kleinere Fehler zur Geschichte des Zweiten
Weltkriegs, für den sich Rayfield offensichtlich weniger interessierte. Aber es
gibt Schlimmeres in diesem Buch. Rayfield versucht der plump
antikommunistischen Falle zu entgehen, in dem er kurzerhand Stalin zum
Antikommunisten erklärt. “Er war so wenig Kommunist wie ein Borgia-Papst Katholik”.
Dies ist ein schönes Bonmot, bedürfte aber einer eingehenderen Untersuchung,
die leider ausbleibt. Für äußerst problematisch halte ich bestimmte
Bezeichnungen von historischen Abläufen. Man kann mit Fug und Recht die
Zwangsmaßnahmen gegen die Landbevölkerung in Grund und Boden kritisieren, aber
muss man da von einer “Endlösung der Bauernfrage” sprechen? Rayfield sieht immerhin, dass der frühe “Rote
Terror” eine Verteidigung war “gegen Feinde, die ebenso brutal oder noch
schlimmer vorgingen”. Lange Rede kurzer Sinn, vieles in diesem Buch ist
lesenswert, die sprachliche Annäherung der Beschreibung politischer Verbrechen
in der Sowjetunion an die Shoa im zweiten Weltkrieg ist falsch, der Holocaust
ist der Holocaust und nichts anderes.
Fehri
Donald
Rayfield: Stalin und seine Henker, München 2004
www.terz.org - 27.4.2004