Überall
können wir sehen: der Staat verändert sein Leben - also ändere deines auch.
Manche werden Bankräuber werden, andere lieber Sklaven, wieder andere reichen
vormals Fremden die Hand, andere verweigern sie, und andere drehen sich einfach
nur um. Aber nicht jeder kann wahrhaft so gnadenlos geil sein wie dieser
schnauzbärtige arbeitslose Franke, der bei einer seiner zahlreichen Sexreisen
nach Thailand endlich seine Frau kennen lernte. Diese reiste nach wenigen
Monaten Ehe wieder nach Thailand zurück und brachte dort einen Sohn zur Welt.
Der Franke wollte vom Sozialamt nun die Flugkosten für ihre Rückkehr haben, das
Amt aber lehnte ab. Da wollte der Franke wenigstens die Übernahmekosten für die
viermalig im Monat stattfindenden Bordellbesuche erstattet haben (Pro Termin
125 EUR plus Fahrtkosten), plus die Kosten für die Hilfsmittel zur
Selbstbefriedigung. Das Amt lehnte auch hier ab, und der Franke, ein echter
Deutscher halt, legte prompt Berufung ein. Leute. Lasst dies Schicksal sacken.
Wollt ihr mehr oder weniger Staat? Wollt ihr mehr oder weniger Sex? Ihr wollt
Musik? Dann reicht doch mal einen Antrag beim Sozialamt ein. Klar, sagte da das
Amt und gähnte, wie viel Scheiben wolln se denn?
POST INDUSTRIAL BOYS (max.Ernst)
They have a wonderful voice, read
james joyce, make a careful choice, subscribe the village voice, they play with
colored toys and make a awful noise. Und machen den schönsten Pop, der
zurzeit ohne Weglaufen zu hören ist. Ja: du stehst da wie im einsam-gemeinsamen
Morgenlicht, wenn ein fremder seltsamer Vogel neue Lieder von einem gelassenem
Leben in einer durchgedrehten Dienstleistungshölle singt. Die Stimmen aus
Tiflis/Georgien kommen und verdrehen übercharmant den Sinn, bis die Füße
endlich mitmachen. Ja, Gehen, das große Geheimnis, jeden Tag ein bisschen, und
immer ein bisschen mehr.
SLICKER: WE ALL HAVE A PLAN (Hefty)
Das
auf jeden Fall. Nur: geht er immer auf? Ja mach nur einen Plan, sei nur ein
schlauer Wicht, und mach noch einen zweiten Plan, gehen tun se beide nicht,
wusste schon Bundestrainer Berti Brecht. Hier aber: Leute! Einen verkrachten
Hip-Hop nach dem anderen an der Theke ordern, Funk, Jazz, Elektro dazukippen,
auf ex, und immer bessere Laune kriegen. Wahnsinnsgeile internationalistische
Musikkommune aus Chicago mit ganz weit vorne Tracks!
TO ROCOCO ROT: HOTEL MORGEN (Domino)
Keiner
weiß noch nicht, wie schön diese Musik ist oder besser sein kann. Klar schön,
denn wenn ihr das letzte Konzept gegessen habt und die letzte
Bedienungsanleitung weggeschmissen habt,
werdet ihr merken, dass man Musik
nicht nur kaufen, sondern vor allem erleben kann. Unaufgeregte zeitgemäße und
tolle Elektronik, deren Alltagsbegleitung man bald nicht mehr missen möchte.
DOCTOR ROCKIT: THE UNNECESSARY
HISTORY OF... (Accidental)
Le doctor est mort, vive le doctor! Hier verlässt
uns ein Alias von Matthew Herbert mit einem immerwährendem Grabstein grandioser
14 Tracks. Hochromantisch funny, wie sich hier Sampledelia von albernen
Experimenten zu einem persönlichem Audio-Tagebuch entwickelte. Sehr groß, sehr
gemütlich.
FAT
JON: LIGHTWEIGHT HEAVY (Exceptional)
Luft
anhalten, hier kommt was ganz Gutes! Ohio-Rapper Jon, mit Five Deez und auch
hierzulande sehr aktiv, mit dem besten Instrumental-HipHop zur Zeit. Dabei so
smooth, soulful und deep, wie es sonst nur DJ Cam oder Pete Rock hinkriegen.
Diese Musik überrascht und begeistert immer wieder aufs Neue!
CAY
TAYLAN: SU (Couch)
Aus
Taylans türkischen Wurzeln wächst ein polystilistisches Downbeatgewächs, aus
dessen Knospen Soul, Jazz, Breakbeats, House, Latin und Afrobeat blühen. Immer
schön mit Su (türk. Wasser) gießen, dann wird das immer bunter.
EIVIND
AARSET: CONNECTED
(Jazzlandrec)
Das
norwegische Jazzorchester setzt neue Fusion-Standards: schwer auf der Suche
nach Miles' Früh70er-Spuren im Hier und Jetzt kommt man in Gefilde von
experimenteller Ambientelektronika und erweiterter Groovekultur, ohne den Sinn
für Improvisation und Grenzüberschreitung zu verlieren.
RODNEY HUNTER: HUNTER FILES
(g-stone)
Dieser
Jäger ist ein Sammler unterschiedlichster Grooves. Nicht als Novize, sondern
als Ureinwohner der Wiener G-Stone-Family pirscht sich Hunter durchs
Rythmusdickicht und klaubt einige dicke Dinger aus dem Schlamm, aus denen noch
der Soul trieft. Leider ist auch einiges an altbackener Elektronik mit dabei.
V.A.:
BRAZILIAN LOVE AFFAIR 5 (far out)
Die
chillig-relaxte Versammlung bietet mit frischen und teils wunderschönen Tracks
den besten Anlass, diesen Sommer diverse Cocktails oder auch Fruchtgummitüten
über Treppenstufen und liebe Freunde auszugießen.
FAUST
VS. DÄLEK: DERBE RESPECT, ALDER (Staubgold)
Hier
aber rappeltz im Karton. Die Verbindungen zwischen der Kraut-Legende und dem
Industrial-HipHop-Trio werden logisch zusammengezogen, extrapoliert und schon
krachts im Gebälk: dunkler Dekonstrukt-Illbient.
BLACK DICE: MILES OF SMILES EP
(FatCat)
…oder
Ace of Spades durch konkrete Musik. Zwei lange Tracks entwickeln in
Einzelteilen einige Einzelleben. Sagenwama: das Konzept rollt nicht, es
zischt.
FRANCISCO
LOPEZ: UNTITLED #150 (Antifrost)
Hier
zischts dito, aber wenn die 31 Minuten um sind, ist im Raum etwas passiert.
Lopez macht schon seit ewig die besten Drones, keine plakativen
Krachexperimente, sondern Spannung und Entwicklung. Klang-Gas an der Grenze vom
Hörbaren zum Unhörbaren. Nur 370 Kopien, so get it on.
JOSHUA TREBLE: FIVE POINTS FINCASTLE
(intr_version)
7
eische Verträumtheiten fürs dekonstruierte Abspacen im Grünen oder auf
Flachdächern. Durch Schichtungen und Klangnebel hört man harmonische
Bruchstücke, digitale Hänger bieten Guidelines. Romantische Pilzsuppe.
MENU:EXIT
VOOL EP (Underscan)
Vier
sehr schöne beruhigende und rhythmische Tracks des Berliner Duos. Intelligentes
Amalgam aus klassischen Soundstrukturen und Zeitrhythmik.
O.LAMM
/ SUTHEK: SIX RESIDUA EP (Active Suspension)
Noch
ein Starter-Menü für Mutige: die Kollaboration Paris und San Francisco mit zwei
langen Tracks mit je drei Parts, die repetetive Minimalelektronik, zittrige
Wiegenlieder und ko(s)misch-astronomische Kalkulationen verbinden.
SECRET MOMMY: MAMMAL
CLASS (Orthlorng Musork)
Hallo
Kinder: alle mal weghören, alle mal zuhören. Diese Mammi macht Musik aus
Katzen, Kindern, Elefanten, Fröschen, Radios, Zeitschriften, Britney Spears und
ich glaub nen paar "richtige" Instrumente sind auch dabei. Ein irrer Spaß!
ANIMAL COLLECTIVE: SUNG
TONGS (FatCat)
Beach Boys, Incredible String Band,
Bloody Valentine, T. Rex? Leute: best Album bis jetzt. Sie schaffen sich insgesamt
super sehr schön, jedoch ist klar: sie sind nicht nur Pop, sie sind sogar
Poser. Nämlich die besten. Songs wie Holundermarmelade mit LSD 25. Und
WWWAAAHHH! Absolut großartig!!!
Die
werden niemals groß werden. Die sind es nämlich schon. Schlürft's weg!
MARGARETH KAMMERER: TO BE AN ANIMAL
OF REAL FLESH
(charhizma)
Spröde
und intensive Stücke der Gitarristin und Sängerin, die seit längerer Zeit in
der Berliner Improv-Szene aktiv ist. Kammerers markanter Gesang, weniger von
Expression getragen als von einer Klarheit der Erzählung, wird in insgesamt 14
spannenden Stücken von verdienten Improv-Musikern begleitet und diverse Male
elektronisch remixed. Sehr schöne Ausnahmeplatte.
MINIMAL
SELF: FORMULA OF REVERSAL (Wavetrap)
Sehr
ernsthaft verfolgter Ansatz, infolge von Klang den psychologischen Aufruhr eines
Menschen zu erforschen, auszuloten und weiterführend zu skizzieren. Der
Produzent sampelte die eigene Stimme, veränderte und verstümmelt sie, um sie
dem Un-Sprachbild einer schizophrenen Person anzunähern. Das Ergebnis ist
intensiv, klar und bewusst abgedunkelt, um die Konturen des Anzugehenden besser
abbilden und umfassen zu können.
JÖRG PIRINGER: VOKÁL
(Transacoustic Research)
Das
Mitglied des Wiener Gemüseorchesters stellt ebenso die Micro-Cut-Ups der Stimme
in den Mittelpunkt des Audios, erstellt jedoch sämtlichen Klang aus Kehlkopf-,
Radio- und TV-Stimmmaterial. Klingt leider spannender, als es oft ist: die
Klanghaftigkeit wird zum Stottern gebracht, aber leider nicht die Inhalte.
ENCRE:
FLUX (Clapping Music)
Ganz
großartige instrumentale orchestrale Musik des Franzosen Yann Encre, die
Atonalität und Harmonie genauso verbindet wie gespielte und sequentielle Musik.
Zwischen Konkretion und Imagination ist der Spielort dieser Musik nicht immer
leicht zu fassen, aber hier flieht und hetzt nichts, sondern stellt der
Wirklichkeit faszinierende Spiegelbilder entgegen, die packen und begeistern.
GLENN BRANCA: LESSON No. 1 (Acute
Records)
Kann
man nicht oft genug hören, den Mann. Lesson No. 1, seine erste ambitionierte
Soloplatte 1981, ist sozusagen prototypischer Branca für Anfänger: minimaler
Bombast in Rockbesetzung. Dissonance treibt die Komposition in Richtung Rock'n
Roll, und bei Bad Smells greifen die Musterschüler Moore und Ranaldo mit in die
Saiten. Plus langem Video.
MÚM:
SUMMER MAKE GOOD
(FatCat)
Die
Isländer spinnen zwischen minimaler Tonschüchternheit und selbstbewusst vollem
Klang ein sehr eigenes Netz atmosphärischer Stücke, deren Fantastik
entdeckenswert ist. Allein, es fehlt das Uptempo. Oft auch überambitionierte
Arrangements, und auf Dauer nervt die flüstrighauchige Kleinmädchenelfen-Stimme
enorm. Na, mal weitergehen - huch! Füße eingeschlafen!
SARAH
HARMER: ALL OF OUR
NAMES
(inakustik)
Die
klassisch-modernen Folk-Pop-Songs der Kanadierin überzeugen durch ihre
herrliche Klarheit und ihre exzellente Produktion, die wegen ihrer Schnörkellosigkeit
weniger auf die Komplexität Joni Mitchells - ihr Hauptvergleich - als auf
Suzanne Vega oder Lucious Jackson deuten. Wenn man mal genug von dieser Musik
hat, weiß man doch: sie kommt immer wieder.
THE WATERBOYS: THIS IS THE SEA (EMI)
They don't make records like this
anymore. Diese
Platte von 1985 ist und bleibt der Höhepunkt der beseelten
Songschreiber-Leidenschaft von Mike Scott und seinen kongenial aufspielenden
Mitmusikern. Diese dynamische, kraftvolle und farbige Musik ist hier nicht nur
"digital remasterd at Abbey Road", sondern enthält eine komplette
zweite CD mit Outtakes und dazu ein Booklet mit Texten wie man es sich wünscht.
Manchmal gibt's halt noch Sternstunden.
LEE HAZLEWOOD: POET, FOOL OR BUM/BACK
ON THE STREETS AGAIN (EMI)
Noch
ein Nugget-Rerelease: als der Songschreiber mit dem lässigsten Country-Timbre
ever Anfang der 70er ein alter Schwede wurde, schien ihm die Sonne noch breiter
ins Hirn hinein. Die Alben von 73 und 77 (auf einer CD) haben coole
Arrangements und warme Groover bis zum Abwinken und ...best music to go out,
lie in the grass and drink wine.
MARKKU
PELTOLA: BUSTER KEATONIN RATSUTILALLA (Klangbad)
Ihr
kennt ihn, als er sich selbst nicht kannte: der Hauptdarsteller von Kaurismäkis
"Der Mann ohne Vergangenheit" macht Musik, aber nicht etwa Tangos,
sondern eine imaginäre internationale Folklore. Schön charmant, obskur und mit
lakonischer Melancholie spielen der Gitarrist und seine Klasseband keinen Ton
zuviel, und haben doch alles Notwendige gesagt. So sollte es sein. Nu geht man
los zum Amt und holt euch Musik. Oder macht euch halt selber welche.
www.terz.org - 27.4.2004