“Man
müsste heute noch mal mit einer Klassenanalyse anfangen”
Am
Montag, 19. April war Klaus Viehmann im hiesigen Antifa-Café zu Besuch und
hielt einen Vortrag zu Klassenkampf und Stadtguerilla. Nach der Veranstaltung
nutze die Terz die Möglichkeit, ihm ein paar Fragen zu stellen. Klaus Viehmann
war in den 70ern in der “Bewegung 2. Juni” organisiert und saß 15 Jahre im
Knast. Durch zahlreiche Veröffentlichungen beteiligte er sich an hiesigen
Diskussionen, zuletzt im Zusammenhang mit den Prozessen gegen die RZ.
:
In deinen Ausführungen hast du zwei Zitate der RAF angeführt, eins aus der
Anfangszeit und ein etwas späteres. Diese verdeutlichen immens die fixe
Wandlung der Stadtguerilla in Deutschland: Anfangs die konkrete Bezugnahme auf
die subproletarischen Schichten, auf die Frauen, die nur darauf warten, den
Richtigen in die Fresse zu schlagen, und später dann auf den internationalen
Befreiungskampf, auf den Kampf gegen den Papiertiger Imperialismus. Woher kommt
diese Wandlung, dass binnen zweier Jahre die Linien, um es polemisch zu formulieren,
komplett ausgetauscht worden?
KV:
Es gab seinerzeit zwei Linien, wie ich das auch versucht habe zu umschreiben:
einerseits diese sozialrevolutionäre Linie, die es auch schon in der APO gab.
Mit Randgruppen zu arbeiten, sich auf die Unterdrückten, auf die proletarischen
Schichten zu beziehen ... und andererseits die antiimperialistische Schiene,
die aus der Kritik am Vietnam-Krieg hervor gegangen war. Zwischen diesen beiden
Linien konnte man relativ einfach hin und her pringen. Die gab es beide, und je
nachdem wie es gerade am besten passte oder wie es die Sachzwänge der illegalen
Arbeit es scheinbar erforderten, wurde hin und her geschaltet. Dennoch wurde
nicht einfach willkürlich eine x-beliebige neue Linie angenommen, sondern
zwischen noch zwei existierenden Strängen, die auch nahe lagen und die durchaus
in der Linken stark vertreten waren, Linienschwenks vorgenommen.
KV:
Ja, mehr am Abstrakten, an der abstrakten politischen Lage orientiert.
Aber
de facto haben sie sich schon z.B. an der Repression, der sie ausgesetzt waren,
orientiert, insofern also an der eigenen Situation. Allerdings darf man nicht
vergessen, dass z.B. die APO schon noch aus ihrer eigenen gesellschaftlichen /
politischen Situation heraus ihre Politik entwickelt hat. Siehe die Situation
an den Unis, die Knastaufstände Anfang der 70er uvm. Einzelne sind dann aus
diesen politischen Zusammenhängen später bei bewaffneten Gruppen gelandet. Dass
die durch die Bank im luftleeren Raum, ohne jede soziale Verortung agiert
hätten, würde ich nicht sagen. Das würde die Sache doch zu sehr vereinfachen.
KV:
Anfangs hat sich die RAF deutlich zu den Klassenverhältnissen geäußert, aber
auch gleichzeitig behauptet, dass ohne gleichzeitig die Rote Armee auszubauen,
jeder Konflikt zu Reformismus verkomme. Im nächsten Schreiben äußerte sich die
RAF ja schon unter den Eindrücken der verschärften Repression: die ersten
Schießereien, die ersten Festnahmen. Diese Erfahrung bewirkte mitunter die
Hinwendung zur antiimperialistischen Linie.
Und
es bleibt ja richtig, dass Klassenkampf ohne internationalistische Ausrichtung
in die nationalistische Borniertheit führt und Antiimperialismus ohne sozialrevolutionäre
Praxis vor Ort zur Isolation und schließlich zu einem Freund-Feind-Denken. Es
ist nur die Frage, aus welcher Position ich internationale Solidarität
betreibe, und wichtig, dass man sein eigenes Denken nicht abgibt bei
irgendwelchen Gruppen, die von außen betrachtet erst mal erfolgreich
erscheinen.
KV:
Das wäre heute natürlich auch noch ganz schlau. Wobei man es zum Teil als
LinkeR einfacher hat. Du brauchst nicht mehr soweit laufen, inzwischen kann man
sich bei der Linken selbst umhören, wie die Leute so arbeiten; entgarantiert
oder viel zu teuer wohnen, oder ganz andere soziale Verhältnisse erleben. Da
ist man heut als LinkeR zwangsläufig näher dran, als das vielleicht früher der
Fall war.
KV:
Da gibt es meines Wissens wenig Erfahrungen zu. Das ist so eine Sache. In den
linken Gruppen werden alle möglichen Themen behandelt, aber relativ selten wird
die eigene soziale Situation thematisiert. Sieh nur die heutige
Binnenstruktur: gemeinsame Kassen in den Wohngemeinschaften, in denen alles
Geld zusammen geschmissen wird, gibt es so gut wie gar nicht mehr. In diesem
Bereich ist vieles, wie eben auch in der Gesellschaft drum herum,
individualisierter geworden. Das schlägt dann möglicherweise auch auf die
Behandlung von solch einem Thema durch.
KV:
Gut, das ist sicher nicht gut gelaufen, daraus aber egoistische Konsequenzen zu
ziehen – insofern, dass man zuvorderst für seine eigene Absicherung sorgt und
dann nebenbei Politik macht, bis 30, maximal Mitte 30, um sich anschließend nur
noch um den Fortgang seiner Karriere zu kümmern –, ist mindestens eine dumme
Konsequenz. Solang dies so ist, unterscheidet sich die Binnenstruktur der
Linken um nix vom Rest der Gesellschaft. Darüber sollte sich die Linke klar
sein, dass diese ‚Individualisierungs’- und ‚Asozialisierungs’-Tendenz auch
in der Linken greift.
KV:
Man müsste heute damit anfangen, noch mal so was vorzunehmen, was früher
Klassenanalyse hieß. Wer also heutzutage als sozialer Akteur auftreten kann
oder auftritt. Dies findet schon längst schon nicht mehr in der klassischen
Fabrik statt: die sog. Geschlechterverhältnisse, Rassismus usw. sind neu hinzu
gekommen. Dies sind ja wichtige Erkenntnisse, an Hand derer bedeutsame
Widersprüche deutlich geworden sind. Weiterhin muss man die Rolle des Staates
neu betrachten. Es ist nicht mehr der fordistische Wohlfahrtsstaat, sondern
vielmehr ein Sicherheitsstaat, der soziale Leistungen abbaut und gleichzeitig
die Repression erhöht. Der schlanke Staat ist ja nicht der schwache, eher der
starke Staat. Viele Dinge laufen jenseits staatlicher Ebene ab. Und wenn man
das alles analysiert hat, kann es hilfreich sein, die alten Erfahrungen in
diesen Rahmen hinein zu nehmen.