bookParaiso
Travel
Für viele
Menschen in Lateinamerika sind die USA der große
Traum vom Paradies. Aufgrund der Aussichts- und
Perspektivlosigkeit, in der
viele in ihren Ländern leben müssen, wird das Traumziel USA
verklärt. Alles
Denken und Handeln wird diesem Traum unterworfen, kritische
Einwände und
Berichte negiert. Der kolumbianische Autor Jorge Franco hat aus diesem
millionenfachen Traum ein bitteres Buch geschrieben.
Reina und Marlon
leben in Medellin in Kolumbien. Reinas
Leben besteht nur aus dem Ziel, in die USA zu gelangen und dort nach
New York
ins Herz des amerikanischen Traums. Aus Liebe zu ihr lässt Marlon
sich auf die
Reise ein. Mit Hilfe des dubiosen Reisebüros “Paraiso
Travel” gelangen sie
durch verschiedene Fluchthelfer nach New York. Das Elend in den Ghettos
von
Medellin haben sie gegen das Elend in einem Ghetto in New York
getauscht. Ohne
Papiere und Geld ist ihr Leben durch Furcht vor der Polizei und der
drohenden
Abschiebung geprägt. Auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle
verirrt sich
Marlon in dem Moloch New York und findet nicht mehr zurück. Noch
nicht einmal
der Sprache mächtig, verwahrlost Marlon auf der Suche nach Reina
immer mehr.
Erst die Fürsprache der Frau eines kleinen kolumbianischen
Restaurantbesitzers
verschafft ihm etwas Hilfe – fortan darf er die Toiletten putzen.
Aber Reina scheint
wie Millionen ImmigrantInnen wie vom Boden verschluckt zu sein,
und dennoch
ist es die Suche nach seiner großen Liebe, die ihn davor bewahrt
unterzugehen.
Jorge Franco ist
es mit dem Buch gelungen, den Unsichtbaren
eine Stimme zu geben. Millionen von “illegalen” Menschen
halten das System in
den Industrieländern am Laufen und müssen Arbeiten unter
miserabelsten
Umständen tätigen, häufig gar nicht entlohnt und immer
in Angst vor der
Polizei. Franco schildert solch ein Schicksal und zeigt eine Welt, die
für die
meisten unbekannt und unsichtbar ist. Er zeigt das Elend, aber er zeigt
auch
menschliche Anteilnahme und Solidarität untereinander. Trotzdem
verfällt auch
Franco der Stereotype, dass jeder es schaffen kann, aus der Gosse
herauszukommen. Im Buch nur dahingehend abgeändert, dass man es
nur schafft mit
Freundschaft und Unterstützung. Das Ende des Buches wiederum
zerstört auch
diese Stereotype.
Meikel F
Jorge
Franco: Paraiso Travel
Unionsverlag,
288 S. für 19.90 Euro
booksUntergang
oder Befreiung – Opfer oder Täter?
Nun, wo 60 Jahre
nach dem 8. Mai 1945 über das Ende des
Nationalsozialismus immer noch öffentlich sinniert wird, ob es
sich hierbei um
Untergang oder Befreiung handelt, gibt es wieder viel zu lesen
über diesen
Jubiläumstag – und bei weitem nicht immer Empfehlenswertes.
Mit dem
Erinnerungstag wurde in Deutschland seit jeher Politik gemach,t und
dies wird
auch in diesem Mai 2005 nicht anders sein. Um die Debatten und die
politischen
Instrumentalisierungen verstehen und einordnen zu können, sei der
TERZ-Leserschaft die Lektüre zweier Sammelbände empfohlen,
die der
Politikwissenschaftler Michael Klundt zum Thema Befreiung und zum Thema
NS-Geschichtsdiskurs
herausgegeben hat. Hier wird deutlich, dass die Einordnung des
geschichtlichen
Ereignisses des Kriegsendes in Deutschland in erster Linie eine Frage
der
Sichtweise ist. Treffend hat dies in dem Sammelband zum Thema der
antifaschistische Widerstandskämpfer Peter Gingold dargelegt,
indem er ein
Gespräch mit deutschen Wehrmachtsangehörigen
anlässlich der Feierlichkeiten
zum D-Day letzten Jahres in der Normandie wiedergibt. In einer dortigen
Diskussionsveranstaltung
stellte sich der Antifaschist als Deutscher vor, der in der Resistance
gekämpft
habe, worauf ihm ein ehemaliger Wehrmachtssoldat entgegnete:
“Dann haben Sie
ja gegen Deutschland gekämpft.” Gingold erläuterte
daraufhin, warum er und
andere Deutschland vom Faschismus befreien wollten, woraufhin ihm sein
Gesprächspartner erklärte: “Wir wollten ja nicht
befreit werden.” Eine solche
Bemerkung ist laut Gingold bezeichnend für die Nachkriegszeit. Der
Antifaschist
schildert, wie er nach Rückkehr in seine Heimatstadt Frankfurt mit
Misstrauen
und Argwohn “empfangen” wurde. Die KZ-Häftlinge, die
Überlebenden und
Widerständler galten als Störenfriede und
Vaterlandsverräter, als unangenehme
Erscheinungen, die Erinnerung an das eigene Mitläufertum
auslösten: “Aber für
wie viele war es die Befreiung? Doch fast nur für die
Überlebenden des
Widerstandes, die Inhaftierten der KZ, der Nazi-Kerker, der im Exil
Lebenden”,
so Gingold. Er wie auch die anderen Antifaschisten und
Antifaschistinnen, die
im Sammelband ihr persönliches Erleben des 8. Mai 1945 schildern,
verdeutlichen, dass dieser Tag für Europa und die Welt, für
die Opfer des
Faschismus und für die Kämpfer gegen ihn eine Befreiung war.
In Deutschland
selber hingegen fühlte sich die erdrückende Mehrheit nicht
befreit, sondern war
höchstens erleichtert über das Ende des Krieges. So wurde und
wird auch heute
noch von der Rechten mit nationalistischen und revisionistischen
Argumenten
vehement gegen den Begriff der Befreiung Stellung bezogen. Doch nicht
nur die
Rechte, sondern auch die führenden Meinungsträger in Politik,
Medien und Kultur
wollen vom Segen der militärischen Niederlage nicht gern allzu
uneingeschränkt
reden. Nachdem namhafte Historiker wie Joachim Fest vom
“Untergang” des NS schrieben,
macht der Eichinger-Film “Der Untergang” nun Karriere und
prägt das
Geschichtsbild der Jugend.
Der Herausgeber
der Sammelbände zitiert in diesem
Zusammenhang den Historiker Norbert Frei, der den
Jubiläumstag als Anlass zur
“Umcodierung der Täter als Opfer”
erklärte. Wie dies vonstatten geht, lässt
sich in den hiermit empfohlenen Büchern nachlesen.
Al C.
Michael
Klundt (Hg.): Ein Untergang als Befreiung
Der
8. Mai 1945 und die Folgen
PapyRossa-Verlag,
Köln 2005, 268 S., 16,80 Euro
Michael Klundt
(Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel
Der zweite
Weltkrieg und seine Folgen im deutschen
Geschichtsdiskurs.
PapyRossa-Verlag, Köln 2004, 191 S., 13,50 Euro
bookHerbert
Wehner – Moskau 1937
Eine finstere
Zeit, ein finsterer Ort: das war Moskau 1937 während
der “großen Säuberung” ganz bestimmt. Reinhard
Müller hat bereits in “Menschenfalle
Moskau” eindringlich beschrieben, wie die Sowjetunion zur
Todesfalle für vor
den Nazis geflohenen deutschen Kommunisten wurde. In seinem neuen Buch
untersucht er an Hand von bisher unbekannten Quellen, wie einer der
wichtigsten
deutschen Sozialdemokraten der Nachkriegsgeschichte diese Zeit in der
Sowjetunion überlebte, als er noch KPD-Funktionär war. Das
Buch ist sperrig, es
hat einen enormen Anhang und Unmengen an Fußnoten, die
Wissenschaftlichkeit
soll bei dem immer noch brisanten Stoff offenbar gewährleistet
sein. Man kann
hier nachlesen, wie Wehner agierte und taktierte. Einerseits als
linientreuer
Funktionär, der keine Skrupel kannte, Andere mit in dieser Zeit
lebensgefährlichen
Adjektiven wie “trotzkistisch” oder
“versöhnlerich” usw. zu belegen.
Andererseits aber schon früh an einem anderen Lebenslauf als
“verunsicherter
und kritischer Kommunist” arbeitete. Man könnte dies
durchaus extrem negativ
auslegen und Herbert Wehner als wirklich üblen Zeitgenossen
darstellen. Ich bin
mir nach einiger Überlegung nicht so sicher, ob dies einer solchen
Figur
gerecht wird. Es war eine Zeit, in der der Terror und die Denunziation
groteske
Züge annahmen, Viele alles gestanden und jeden verrieten, nur um
zu überleben.
Das liest sich in den Akten, emphatisch ausgedrückt, oft sehr
unschön. Wenn man
aber sieht, was die Menschen zu erdulden hatten, die keine Namen
angeben
wollten, wird einem ganz anders. Wehner wusste dies sicherlich, und
vielleicht
wurde er deswegen aktiv und schrieb so manches. Bevor man mich falsch
versteht:
Ich suche hier keine Entschuldigung für einen mir nicht sonderlich
sympathischen Politiker. Ich frage mich nur, ob die, die überleben
wollten,
anders handeln konnten. Verantwortlich für den großen Terror
waren nicht
Menschen wie Herbert Wehner, das waren andere, von Stalin bis Jeschow
und viele
mehr. Konnte ein emigrierter KPD-Funktionär anders als mit den
Wölfen heulen?
Es ist durchaus schlimm was Wehner tat, aber wer nicht in so einer
Situation
war, kann sich selber leicht zum Helden erheben. Ich weiß nur,
dass bei
Inquisitionsprozessen im Mittelalter (und damit ist die
“große Säuberung” in
mancherlei Hinsicht durchaus vergleichbar) die meisten Delinquenten
alles
gestanden haben bevor man sie folterte. Es reichte aus, ihnen die
Instrumente
der Qualen zu zeigen ...
Fehri
Reinhard
Müller: Herbert Wehner – Moskau 1937, Hamburg 2004
bookEin
Leben mehr
“Ich bin
kein Superstar des Leidens. Behandelt mich bitte wie
einen normalen Menschen”, sagt Esther Mujawayo. Sie arbeitet
in Düsseldorf,
als Traumatherapeutin im Psychosozialen Zentrum für
Flüchtlinge. Bis vor
wenigen Jahren hat sie in Ruanda gelebt. Als von April bis Juni 1994
eine
Million Menschen, Tutsi und oppositionelle Hutu, ermordet wurden,
verlor sie
ihren Mann, ihre Eltern, beinahe ihre gesamte Familie und Freunde.
Esther
selbst überlebte mit ihren drei kleinen Töchtern. Das Hotel
Mille Collines in
Ruandas Hauptstadt Kigali, das derzeit im Zentrum des Kinofilms
“Hotel Ruanda”
steht, war eine der Stationen, wo sie Zuflucht fand.
“Um nicht
verrückt zu werden”, um sich gegenseitig zu
trösten und zu unterstützen, gründete Esther zusammen
mit 50 Frauen die
Organisation Avega – “Assoziation der Witwen des Genozids
an den Tutsi Ruanda
April 1994”. Inzwischen zählt Avega 35.000 Mitglieder.
Esther, die als
Soziologin für die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam arbeitete,
machte zwei
Jahre nach dem Genozid eine Ausbildung als Therapeutin, um den vielen
traumatisierten Frauen professioneller helfen zu können.
Außerdem hielt sie
Vorträge auf zahlreichen internationalen Konferenzen und arbeitete
bei
TV-Dokumentationen mit.
In dem Buch
“Ein Leben mehr” erzählt Esther ihre Geschichte,
um Zeugnis abzulegen über das, was in Ruanda geschah, und was
woanders wieder
geschehen könnte. Sie berichtet über ihre Kindheit und Jugend
in Ruanda, ihre
Familie und den Alltag als Tutsi. Sie schildert, wie sie den Genozid
erlebte
und überlebte. Sie erzählt die Geschichten Vieler, die
grausam ermordet wurden.
Sie erzählt die Geschichten Anderer, die überlebten, und
deren Erlebnisse
später niemand hören wollte, weil sie zu schrecklich, zu
unerträglich waren.
Sie berichtet darüber, wie es ist weiterzuleben, wenn fast alle
tot sind – von
der Entwicklung “zum Leben verdammt zu sein” dahin, sich
zum “lebendigen Leben”
zu entscheiden.
Das Buch ist ein
leidenschaftliches Plädoyer für die
Überlebenden, die Opfer, vor allem Frauen und Kinder, die bis
heute keinerlei
Entschädigung oder Unterstützung erhielten. Das Sterben der
Opfer geht weiter:
“Von den Frauen, die den Genozid überlebten, sind ca. 80%
vergewaltigt worden.
Mehr als die Hälfte von ihnen wurde mit HIV infiziert, da zu der
Zeit des
Genozids Ruanda bereits ein Land mit hoher Aids-Rate war. Wegen der
Vergewaltigungen durch Banden von Soldaten und
Straßenräubern, von solchen
Gruppen also, die selbst zu dem Bevölkerungsteil mit einer hohen
Infektionsrate
gehören, ist dieses Ergebnis nicht verwunderlich.”
“Als
Therapeutin bei Avega sehe ich seit Jahren viele dieser
Frauen sterben. Die erste, die ich verloren habe, hieß Dafroza:
sie war
neunzehn, als sie starb, und vierzehn, als sie vergewaltigt wurde. Sie
war
Kellnerin in einem Restaurant und uns aufgefallen, weil sie so
unendlich
traurig wirkte. Ein zierliches Mädchen, so hübsch, aber eben
mit diesen
traurigen Augen, todtraurig. Daran ist sie schließlich auch
gestorben, an ihrer
Traurigkeit, ihrer Krankheit, ihrer Verzweiflung. Sie war von einer
ganzen
Mörderbande missbraucht worden, die kurz vorher fast ihre gesamte
Familie
niedergemetzelt hatte. Wir von Avega mussten tatenlos zusehen, wie sie
uns
verstarb: Wir hatten die fünfhundert Doller nicht, die eine
Dreifachtherapie
damals pro Monat gekostet hätte, um sie am Leben zu halten.
Gleichzeitig
aber stellt der Internationale Strafgerichtshof,
der über die Verbrechen des Völkermords urteilt, den
Inhaftierten die Therapie
kostenlos zur Verfügung. Ein paar von den Mördern, die
Dafroza infiziert haben,
wurden im Ausland verhaftet; sie warten dort auf ihren Prozess und
werden, im
Gegensatz zu ihr, medizinisch behandelt, damit sie im Prozess aussagen
können.
Dass Dafroza hätte am Leben bleiben müssen, um auszusagen,
daran hat niemand
gedacht.”
Die
algerisch-französische Journalistin Souâd Belhaddad hat
Esthers Bericht aufgeschrieben. Der Stil der mündlichen
Erzählung ist in dem
Buch erhalten geblieben und durch seine Direktheit und
Authentizität sehr
packend. Man spürt Esthers Wut, ihre Trauer, ihre Liebe, ihre
Zweifel an Gott
und der Menschlichkeit und ihren – oft verzweifelten –
Willen, weiterhin an das
Gute, an das Leben zu glauben und dafür zu kämpfen.
Die
französische Originalausgabe des Buches (SurVivantes –
ÜberLebende) erschien im April 2004 zum zehnten Jahrestag des
Genozids. Es
stand wochenlang auf den französischen Bestsellerlisten und wurde
mit dem
Ahmadou Kourouma Preis auf der Genfer Buchmesse 2004 ausgezeichnet.
So wie Esther
ganz sicher zu den beeindruckendsten Menschen
gehört, die ich kenne, mit ihrer Klarheit und Klugheit, ihrer
Wärme und ihrem
unbändigen Lachen, ist “Ein Leben mehr” eines der
Bücher, die mich am meisten
bewegt haben, und ich möchte es eigentlich jedem ans Herz legen.
Weitere
Informationen über den Genozid in Ruanda und die
Aktivitäten der Witwen-Organisation Avega findet man auf der
Internet-Seite
www.avega-ruanda.de.vu
Maid Marian
Esther
Mujawayo / Souâd Belhaddad: Ein Leben mehr
Peter-Hammer-Verlag
2005, 19,90 Euro
bookDas
Goebbels-Experiment – Propaganda und Politk
Es ist ja
richtig: Joseph Goebbels war der Propagandist des
“Dritten Reiches”. Zugegebenermaßen war er auch im
Vergleich zum “normalen”
Naziführer ein gebildeter Mensch. Ja, und seine Tagebücher
sind eine wichtige
Quelle für die Zeit des Nationalsozialismus. Alles unbestritten.
Aber muss man
deswegen einen Film und ein Buch schaffen wie es Lutz Hachmeister
und Michael
Kloft getan haben? Ich melde Zweifel an. Die Methodik, vor allem beim
Film, ist
aus meiner Sicht kritisch zu betrachten. Der Film “Das
Goebbels-Experiment” ist
ein solches in doppelter Hinsicht. Man sieht Goebbels’ Leben als
ein Experiment
in Propaganda und experimentiert selber in dem Film – und zwar,
indem man
Bilder aus besagten 1000 Jahren zeigt und einen Schauspieler aus
Goebbels’
Tagebüchern die den Film betreffenden Passagen vorlesen lässt
und auf jeden
erklärenden Kommentar verzichtet. Hachmeister und Kluft haben
schon früher für
Spiegel TV durchaus gute Filme über den Zweiten Weltkrieg gemacht,
die mit
wenig Kommentar auskommen. Dies ist bei der Aussagekraft und Macht
vieler
Bilder auch vertretbar, z.B. in “Welche Farbe hat der
Krieg”. Die Bilder
sprechen für sich. Aber beim “Goebbels-Experiment”
halte ich diese
Herangehensweise für gefährlich. Joseph Goebbels hat diese
Tagebücher
geschrieben, um sich selbst ein Denkmal zu setzen – und nicht als
allerprivateste Notizen. Nach einem Sieg der Deutschen im Krieg sollten
die
Tagebücher die Basis für eine Autobiographie werden. Die
Tagebücher sagen nur
zum Teil, was Goebbels getan hat, sondern eher wie er wollte, dass man
ihn sieht
und wie er sich selber gerne sah. Darüber hinaus gibt es nun mal
nicht zu
wenige Menschen, die auch zu sich selber nicht ehrlich sind, vielleicht
weil
die Schuld zu groß ist oder die Egozentrik zu stark. Ich denke,
dass Goebbels
so einer war. Dabei scheinen sich die Autoren über den Wert der
Tagebücher
selber nicht ganz im Klaren zu sein. Mehrfach wird beispielsweise in
dem Buch
behauptet, dass Goebbels’ Antisemitismus nicht von innen kam,
sondern
taktischer Natur gewesen sei. Wenn die Autoren dies wirklich glauben,
dann
müsste ihnen doch seltsam erscheinen, dass sich schlimme Passagen
über Juden in
diesen Tagebüchern innerhalb eines Zeitraumes von über 20
Jahren finden. Den
Hass gegen Juden nur aus Taktik, aber im Tagebuch immer wieder zu
lesen. Ein
Beleg dafür, dass die Autoren Goebbels durchaus nicht trauen, ihn
aber trotzdem
im Film quasi ungefiltert reden lassen.
Wir haben hier
keine Biographie im üblichen Sinne vor uns,
aber auch keine Analyse von Propaganda, sondern etwas seltsam
Zwitterhaftes.
Man sieht im Film Bilder aus der “Reichspogromnacht” und
hört die Lügen des
Joseph Goebbels über die “Demonstrationen gegen die
Juden” , als ob der
Gauleiter von Berlin diese nicht selbst organisiert hätte. Man
hört die
Phantastereien über einen Sieg in der Normandie gegen die
Alliierten 1944 und
vieles mehr. Anders ausgedrückt: Natürlich zeigt der Film
interessantes und
selten zu sehendes Material. Natürlich entlarvt sich Goebbels des
öfteren
selber, aber nur für Leute, die sich mit der Geschichte des
NS-Regimes einigermaßen
auskennen. Goebbels kann hier seine Ideen unkommentiert ausplaudern ...
und ich
fürchte, dass dies ein letzter kleiner Sieg in seinem
Goebbels-Experiment ist.
Die Filmemacher haben etwas Interessantes probiert, das in dem Buch
durch
Beiträge namhafter Wissenschaftler wie z.B. von Michael Wildt in
unterschiedlicher Qualität besser als wie im Film gelingt: Den
Menschen und
Propagandisten Joseph Goebbels zu zeigen und zu demaskieren. Es ist
aber ganz
sicher im Film nicht gelungen, ihn als einen der schlimmsten Verbrecher
jener
Zeit zu porträtieren. Goebbels kommt durch als smarter,
intelligenter,
egozentrischer Mann, durchaus interessant. Das Schlimme ist, dass ich
mir
ziemlich sicher bin, dass der Film ihm gut gefallen hätte. Warum
auch nicht? Wir
sehen einen begnadeten Redner und Politiker, einen Mann, dem die Frauen
gefallen und der ihnen gefällt. Einen Mann, der nicht zu feige
ist, um
zerbombte Städte und ihre Bevölkerung zu besuchen, und der
konsequenterweise
für seine Idee den Freitod wählt. Dass man in dem Film
mitkriegt, dass er
Antisemit war, hätte ihn bestimmt nicht gestört, für ihn
war das nichts
Schändliches. C’est tout, er wäre zufrieden gewesen.
Fehri
Lutz
Hachmeister, Michael Kloft (Hrsg.): Das
Goebbels-Experiment – Propaganda und Politik, München 2005
www.terz.org - 27.04.2005