Deutsches Gedenken in
Buchenwald
Immer um den 8. Mai herum ziehen sich Politiker ihr
Büßerhemd an und ermahnen, aus der Geschichte zu lernen.
Da reibt man
sich verwundert die Ohren , wenn man vernimmt:
“Wir, die Nachgeborenen, die Vertreter eines anderen, eines
demokratischen
Deutschlands, wir wollen und wir werden nicht zulassen, dass Unrecht
und
Gewalt, dass Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wieder
eine
Chance bekommen.” So vernahm man Kanzler Schröder in Weimar
vor 550 ehemaligen
Häftlingen des KZ Buchenwald. Die faktische Abschaffung des
Asylrechts, die
Ausgrenzung von Ausländern, das fehlende Agieren gegen
Rechts, die Bedienung
nationalistischer Argumentation bspw. mit der Standortargumentation
sprechen
eine andere Sprache, genauso die Relativierung und
Instrumentalisierung von
Auschwitz durch Fischer um den Angriffskrieg gegen Jugoslawien zu
rechtfertigen. Aber Schröder weiß, dass die in- und
ausländische Presse solche
Worte hören will. Da kommen die KZ Häftlinge, viele in alter
Häftlingskleidung,
als eindrückliches Beiwerk medial sehr gut rüber. Vor und
zwischen den Reden
lief eine Bilderserie mit vielen Bildern aus der Nazizeit, Hitlerjungs,
Jungvolk, etc. So wurden die Kzler erneut an die Täter und die
Gräuel erinnert.
Ein etwas sensibleres Vorgehen gegenüber den EX- Gefangenen
wäre sicherlich
angebracht gewesen.
Nach der Rede
mussten die ehemaligen KZ Häftlinge schön im
Theater warten, bis die Politprominenz zu ihren Limousinen
geeilt waren, um
zum nächsten Termin auf dem KZ Gelände zu eilen. Das KZ
Gelände war weiträumig
durch die Polizei abgeriegelt. Autos und Busse mit ehemaligen KZ
Insassen
wurden durchsucht und die Personalien kontrolliert. Einige
AntifaschistInnen
wurden an den Sperren festgehalten und bekamen zu hören:
”Gemäß §18 des
Thüringer Gesetzes über die Aufgaben und Befugnisse der
Polizei wird Ihnen das
Betreten des Stadtgebietes Weimar sowie der Nationalen Mahn- und
Gedenkstätte
Buchenwald verboten..” Bei Zuwiderhandlung wurde die
Gewahrsamnahme angedroht.
Diejenigen die durch kamen, mussten die Antifafahnen abgeben. So eine
Fahne
sollte schließlich nicht auf einem Pressefoto erscheinen. Auf dem
ehemaligen
Appellplatz fanden dann die Feierlichkeiten mit 1200 Personen, davon
550 ehemaligen
Häftlingen und auch ehemaligen Angehörigen der US-Armee
statt, während
außerhalb des Stacheldrahtzaunes mit Maschinenpistolen bewaffnete
Polizei
patrouillierte, was bei vielen Häftlingen unangenehme Erinnerungen
wachrief. In
den Reden war von der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers durch
die
Häftlinge nicht die Rede. Offiziell wird dies weitestgehend
negiert und als
kommunistische Propaganda abgetan. Das würde aber auch den Mythos
des wehrlosen
Opfers unterlaufen, zu dem die Häftlinge häufig degradiert
werden. Die
offizielle Kranzniederlegung erleben die ehemaligen Häftlinge am
Rande. In der
Mitte hatte sich die Politprominenz aufgebaut und ins Zentrum der
Veranstaltung
gerückt. Nur ein ehemaliger russischer Häftling, der sich bei
Kanzler Gerhard
Schröder über die ausbleibende Entschädigung beklagt,
stört die Idylle für
kurze Zeit. Ihm wird der Strom für das Mikro ausgestellt. Danach
wird wieder
zum Programm übergegangen. Da macht es dann auch nicht mehr viel
aus, dass die
Gedenkfeier um halb vier beginnt und
nicht um 15.15 Uhr, die Zeit in der damals die US amerikanischen
Soldaten am
Lager eintrafen und die KZ Insassen endgültig frei waren.
Die ganzen
Feierlichkeiten zeigen die Abscheulichkeiten, wie
das offizielle Deutschland mit dem Gedenken umgeht.
Instrumentalisierung der
Gräuel wird zur offiziellen Politik. Die
Schlussstrichaktivitäten sind in
vollem Gange, die einzigen, die diese Debatte noch stören, sind
unverbesserliche AntifaschistInnen und die ehemaligen KZ
Insassen. Zumindest
die letzteren werden nicht mehr lange leben. Und was dann aus dem
Gedenken
wird, darüber gaben die diesjährigen Veranstaltungen einen
anschaulichern
Einblick.
www.terz.org - 27.04.2005