100
Tage Hartz IV in
Düsseldorf
Anfang
April erstattete die von Stadt und Agentur für Arbeit
gebildete Arbeitsgemeinschaft (Arge) erstmals Bericht über den
Stand der Dinge
bei der Umsetzung von Hartz IV in Düsseldorf. Die Zwischenbilanz
fiel gruselig
aus.
“In der
Arge läuft nicht alles optimal”, räumte der
städtische Sozialdezernent Burkhard Hintzsche vor dem
Ratsausschuss für
Gesundheit und Soziales ein. Die Düsseldorfer Regionaldirektorin
der
Bundesagentur für Arbeit, Christiane Schönefeld, drückte
sich gegenüber der
Rheinischen Post deutlicher aus und sprach von teils chaotischen
Zuständen zu
Beginn des Jahres. Bislang kommen die Fall-ManagerInnen kaum dazu, ihre
Fälle
zu betreuen und die Vermittlungsbemühungen zu intensivieren. Die
Bearbeitung
der Anträge bindet einen Großteil der Arbeitskraft, gestand
Peter Lorch von der
Düsseldorfer Arbeitsagentur, nicht nur wegen der mangelhaften
Software. Die
restliche Zeit ist die Arge mit sich selbst beschäftigt. Die
Zusammenführung
von kommunalen und bundesstaatlichen Einrichtungen gestaltet sich
nämlich
schwierig. Es gebe eben “unterschiedliche Spielregeln”,
erklärte Gerd
Dombrowski von der Bundesagentur für Arbeit. Das führt zu
unter anderem zu Kompetenz-Gerangel,
wer “hoheitliche Aufgaben” übernehmen darf und wer
nicht. Und zu langen
Dienstwegen: Wenn die Düsseldorfer ihre Raumwünsche erst
einmal mit der
Bundesbehörde abstimmen müssen, kann sich die Suche nach
geeigneten Büros für
die Arge schon einmal hinziehen - vier Monate dauert sie bereits.
Momentan sei
man bei der Marktanalyse, gab Dombrowski den aktuellen
Zwischenstand durch.
Damit sind Lorch & Co. in guter Gesellschaft. 29 Prozent aller
Arbeitsgemeinschaften haben bislang keine Büro-Immobilien
gefunden. Auch sonst
liegt bei den Arges vieles im Argen. 31 Prozent von ihnen haben ihr
IT-System
nicht am Laufen, 34 Prozent noch keine Telekommunikation bereit
gestellt, 12
Prozent haben sich nicht über gemeinsame Ziele verständigen
können und 22 Prozent
haben ihre Organisationsstrukturen nicht geklärt.
Bundesagentur-Chef
Frank-Jürgen Weise musste die Arbeitsgemeinschaften schon dazu
aufrufen, ihre
internen Querelen beizulegen. Als weitere Mängel nannte er die
nicht nur den
DüsseldorferInnen Kopfschmerzen bereitende Software sowie Defizite
bei der
MitarbeiterInnen-Schulung und der Bildung von Teams.
Peter Lorch,
seit Neuestem auch offizieller
Arge-Geschäftsführer, und Gerd Dombrowski legten sich deshalb
mächtig ins Zeug,
um die Sache schön zu reden, blieben aber im Nebulösen. Die
Arbeitsgemeinschaft
arbeite fieberhaft an “flächendeckender
Bedarfserfassung”, wolle für
Arbeitslose unter 25 “Jugendjobcenter” mit
maßgeschneiderten Angeboten
einrichten und bemühe sich im Übrigen darum, “so nah
wie möglich am Kunden zu
sein”. Ganz so nah wie gewünscht darf sie ihm aber doch
nicht kommen. Sollte
sich ursprünglich ein Fall-Manager um 150 KundInnen kümmern,
erhöhte sich die
Zahl aus Kosten-Gründen auf 200. Mit konkreten Ergebnissen konnten
Lorch und
Dombrowski vor dem Ratsgremium nicht aufwarten, weshalb sie Frank
Laubenburg
von der PDS ins Kreuzverhör nahm. Der Ausschussvorsitzende
Renetzki sah sich
deshalb sogar gezwungen, die beiden in Schutz zu nehmen und den PDSler
- unter
fraktions- und verbandsübergreifendem Beifall - zurechtzuweisen:
“Das ist schon
sehr belastend, was sie da machen”.
Belastend ist
vielmehr, was die Arge mit ihren “KundInnen”
so alles anstellt. Sechs Prozent aller Anträge auf
Arbeitslosengeld II lehnte
sie ab - die Partner sollten doch bitte für den Unterhalt des
Arbeitslosen
aufkommen. 700 der über 30.000 Hartz-Vierer lebten nach Ansicht
der Behörde in
zu teuren Wohnungen. An 90 von ihnen erging bereits die Aufforderung,
sich eine
neue Bleibe zu suchen. Eine Liste mit Wohnungsgesellschaften hatte die
Arbeitsgemeinschaft ihrem Schreiben praktischerweise gleich
beigefügt, und auch
das Fordern kam nicht zu kurz: Binnen einer Woche hatten die
Betroffenen
entsprechende Umzugsbemühungen nachzuweisen. AdressatInnen der
Schreiben waren
nicht nur diejenigen, die mit ihren Mietkosten über 200 Euro
über dem Limit
lagen, wie Lorch und Dombrowski behaupteten. Frank Laubenburg
korrigierte sie
und dokumentierte anschließend an einem Fall-Beispiel, wozu die
angemahnten
Bemühungen führen - zu nichts nämlich. Er las dem
Ausschuss einen ganzen Stoß
Absage-Briefe der empfohlenen Wohnungsanbieter vor und häufte
damit noch mehr
Belastungsmaterial an.
Gegen solche und
andere Zumutungen gingen bereits 800
Widersprüche ein. Peter Lorch redete sie zu
“Sachverhaltsaufklärungen” klein,
für die Beratungsgespräche genügten. In 42 Fällen
mussten allerdings
Sozialgerichte diese “Sachverhaltsaufklärungen”
leisten. Die Klassenjustiz hat
jedoch wieder klasse funktioniert: Von den bisher 23 Entscheidungen
ging nur
eine zugunsten des Klägers aus; zweimal kam es zu einem Vergleich.
Ein
entsprechendes Medien-Echo wurde dem Ausnahme-Urteil zuteil. Nach
Ansicht des
Richters verstieß die Anordnung, eheähnliche Gemeinschaften
hätten sich im Fall
von Arbeitslosigkeit gegenseitig zu unterstützen, gegen das
Gleichheitsgebot,
weil die Vorschrift für Homosexuelle nicht gelte.
Brauchten
Betroffene aber wirklich einmal
“Sachverhaltsaufklärung” und riefen bei der
Düsseldorfer Arge an, so hatten sie
schlechte Karten - kein Anschluss unter dieser Nummer. Die
Arbeitslosengeld
II-Beratung hatte nämlich überregional ein Call Center in
Wuppertal übernommen.
Und hatte sich damit wohl übernommen. Inzwischen hat die Arge das
Outsourcing
von Beratungsdienstleistungen wieder rückgängig gemacht.
Auf die
ausbleibenden Erfolge angesprochen, warten
Frank-Jürgen Weise und seine Düsseldorfer Statthalter mit
einer im Zuge der
Hartz-Reformen fast vergessenen Erkenntnis als Erklärung auf: Es
gebe eben zu
wenig offene Stellen. Diese Einsicht ging verloren, als der
VW-Personalchef
Peter Hartz sich anschickte, den Reformstau zu lösen. Seither war
nur noch von
Verkrustungen am Arbeitsmarkt, zu bürokratischen
Arbeitsämtern und zu wenig
geforderten Arbeitslosen als Grund der Misere die Rede. Jetzt ist nach
Hartz IV
offensichtlich wieder vor Hartz IV. Nur dass es inzwischen ein
gigantisches
Verarmungsprogramm und eine massive Ausweitung des Billiglohn-Sektors
gegeben
hat. Die Unternehmen wandeln in großem Ausmaß
vertragspflichtigen
Beschäftigungsverhältnisse in prekäre, unterbezahlte um.
Allein die Minijobs
haben zwischen September 2003 und September 2004 um eine Million
zugenommen,
während die regulären Stellen von Juni 2003 bis Juni 2004 um
431.000
zurückgingen.
Mittlerweile
scheint der SPD die Suppe nicht mehr zu schmecken,
die sie sich selbst eingebrockt hat. Die Partei hat die
Kapitalismus-Kritik
entdeckt. Auf den Weg von Hartz IV zu Marx I dürfte sie sich aber
kaum machen.
Jan
www.terz.org - 27.04.2005