by HONKER
MADE MY DAY
Lacht,
das frisst kein Brot! Die Situation wird immer
absurder, da hilft nur noch Slapstick! Nehmt im Konsum immer zwei
Megapacks
Quark mit: einen für euren Bauch, den anderen für die Torte,
die Ihr den
Arschlöchern dieser Welt in die Fresse ballert. Gestern bekam die
Oberzicke der
US-Vogue bei einer Modenschau eine Torte in die Maske, für ihr
rigoros
ausgesuchtes Pelzoutfit, dito ihr Gigolodandy mit der Nerzstola –
immer rin mit
Schmackes!
Und
Ackermann verdiente glatt ne Mio Euro weniger von seinen
10 letztes Jahr: Gürtel-enger-schnallen-Bossa-Tralala! Und die
Dax-Unternehmen
fuhren mal eben eine Gewinnsteigerung von 82 %
ein ... Hallo wach? Hose runter, Torte rein, wird schon nicht so
schlimme sein. Hier die aktuellen Soundtracks dazu.
JOSÉ GONZÁLES: VENEER (Peacefrog) Nun hat auch das sonst
auf
House+Electronica spezialisierte Label Peacefrog einen klassischen
Songwriter
im Gepäck. Der im schwedischen Göteburg aufgewachsene
Argentinier Gonzáles
besticht durch fragile Songs im Stil von Paul Simon, oder gleich den
Kings of
Convenience, die er äußerst konzentriert und beseelt
einspielt. Sehr reduziert,
klar und einfach gehalten, was eine Qualität ist, und wundervolle
Stimmungen
mit fragil-starken, mitunter latino-artigen Schwingungen erzeugt. Nicht
immer,
aber wenn, dann!
SUBTERFUGE: THE
LEGENDARY EIFEL TAPES (Supermodern) Seltsam:
Irgendetwas macht diese Musik immer gut, wenn man sie auflegt –
was ist das
nur? Die stimmigen, unüberladenen melodiösen
Song-Arrangements der 1991
gegründeten Düsseldorfer Band, die
irgendwie immer in der zweiten Liga spielte, aber durch ihre
Kontinuität und
charmante Sturheit schon längst Meister geworden ist, zumindest im
unspektakulär
guten Songwriting?
BEN HUMAN: THE
OUT OF TOWNER (Unique) Ben Human ist ehrlich,
aber das macht ihn, entgegen einer vulgärpoppolitischen Annahme,
nicht etwa
gefährlich. Er sagt: “Ich habe nichts, was ich gerade
wirklich sagen muss. Ich
bin weiß, aus der Mittelklasse, lebe in Westeuropa, und es gibt
nicht viel, über
das ich mich beklagen könnte.” Unendlich gelangweilt von all
den Songs, die
keine Inhalte transportieren können und wollen, steht er als
Grooveproduzent da
auch etwas auf dem Schlauch. Also gibt uns der Ex-Corduroy-Mastermind
eben
dieses schöne Retro-Sci-Fi-Beat-Szenario. Bon!
FOG: 10th AVENUE
FREAKOUT (Warp) Alternative-HipHop mit
Punk-Attitude und einem futuristischen Electro-Vibe, ihr habt das Bild?
Klingt
wie Pavement auf Schwarzbrot, denn, ach ja, der süße
Indie-Gesang hält das
Ganze unter folkig-soundtrackartiger Spannung.
TURBULENCE:
SONGS OF SOLOMON (VP) Der junge jamaikanische
DJ überzeugt auf einem superben Progressive Dancehall-Album mit
einer ganzen
Bandbreite von Vocal-Styles, mal smooth und soulful, mal ruff und
fordernd,
dabei immer mit dem Musikmaterial experimentierend.
V.A.: RUCKUS
(RIDDIM DRIVEN) (VP) Ruckus ist ein
Electro-Bounce-Mix im Mid-Tempo, der mit organischen Instrumenten wie
Flute
oder Handtrommeln abgeschmeckt wird. Produzent Louis
“Flabba” Malcolm nimmt
sich hier aktuelle Dancehall-Hits von Beenie Man bis Capleton vor und
peppt sie
dementsprechend auf.
V.A.: UNIVERSAL
MESSAGE VOL.3 (VP) Die derzeit beste
Compilationreihe für roots & consciousness Dancehall-Reggae:
18 Tracks
beschwören das Erbe der Revolutions-Romantik genauso wie sie
Ausblick auf
gegenwärtige und zukünftige Tendenzen geben.
MARKUS KIENZL:
PRODUCT (klein) Das Mitglied des
Elektro-Dub-Kollektivs Sofa Surfers zeigt auch auf seinem Solo-Debut,
wie tief
und viel er von Dub und seinen zeitgemäßen Transformationen
verstanden hat. Im
sinistren, aber immer zpackenden Vibe, u.a. mit Tikiman-Vocals,
gestaltet sich
ein bezwingendes wie konkretes Klangszenario.
MADRID DE LOS
AUSTRIAS: MÀS AMOR (Sunshine) Zwei Wiener
mixen ihre entspannten Groove-Vibes mit traditionell-spanischen
Flamencokünstlern zusammen. Sehr organisch, jazzy und klischeelos
erotisch!
RIVERA ROTATION:
SUNRISE & RAINBOW (Lounge) Äußerst
erstaunliches Debut des seit 1985 DJenden Soul-Maniacs Pete Rivera. Der
Ur-Ulmer emigrierte nach HH und gründete dort vor Urzeit den
Lounge Club. Das
Debut strotzt vor kraftvoll-melodiösem Bassline-Soul, deep und
klar.
Fantastisch auch das Barbara Mason-Cover “Another Man”!
SABRINA
MALHEIROS: EQUILIBRIA (Far Out) Auf dem Debut der
jungen Sängerin aus Rio, einem sehr bewegten und authentischen
Samba, Bossa,
Jazz und House-Crossover, mischt nicht nur Vater Alex, Basser der
legendären
Brazil-Band “Azymuth”, und seine Ex-Musiker mit, sondern
auch sonstige
Brazil-Freaks und Koryphäen: klassisch und modern.
V.A.: VERVE
REMIXED VOL. 3 (Universal Jazz) Schon Tradition:
Einmal im Jahr wagen sich DJs und Remixer an die alten Verve-Hits.
Manche
lästern, das beste an dieser Edition ist die CD mit den
unangetasteten
Originalen von Billie Holiday bis Nina Simone ... aber es gibt auch
Leute wie
Bent oder Carl Craig, die einfach etwas von Musik verstehen statt von
effektheischenden Gimmicks ... bleibt zwiespältig bis sehr gut.
BOHREN UND DER
CLUB OF GORE: GEISTERFAUST (Wonder) Die
Mühlheimer statisch wie immer: Wir. Haben. Zeit. Ihr nicht? Euer
Pech. Fünf
Tracks wie Finger, die sich wie in Zeitlupe vor euch öffnen. Ist
die Platte um,
hat euch diese Musik wie eine Geisterfaust gepackt. Grandiose Therapie.
MUGISON:
MUGIMAMA, IS THIS MONKEY MUSIC? (Accidental)
Islandbonus gleich mal im Klo versenken, denn Mugison ist auch so voll
knorke.
Der Zweitling noch psychedelischer, weirder und barocker, ne Menge
Freunde
mischten mit. Ist das neu? Nee, aber saugut: George Harrison, Jeff
Lynne, Will
Oldham, Conor Oberst ... diese Schnittmenge in etwa. Lohnt sich.
BY COASTAL
CAFÉ: OLD CARTOONS (Earsugar) Dasjanepladde! So
ein geiles wunderschönes Artwork habt ihr lang nicht mehr gesehen,
so wird’s
auch was mit dem nicht-mehr-cd-brennen! Wow! Plus stickt’n Spruch
von Willi
Oldham auf’m Cover: Supapladde usw! Kann da noch was schief
gehen? Aua, ja: die
Musik! Das nette schwedische f/m-Duo suchte 21 Songs von 1996-2000 auf
einer
Gesamtlänge von 31 Minuten aus ... und die sind meistens so
lofi-indie und
öhhh, also, ich mein ... schon gut, aber bitte hört da erst
mal rein, von wegen
originell ... das Ganze ist zudem eine real-life-ego-doku ihrer
Beziehung ...
natürlich indie as can be ... wer’s braucht ...
V.A.: CHILDISH
MUSIC (Staubgold) Große Klasse zu entdecken:
25 fitte Indietroniker nahmen unter den Fittichen von Ekkehard Ehlers
im Geiste
von Nobukazu Takemura, der logisch auch mitmacht, Kindermusik auf.
Ergebnisse
reichen von reflektierter Naivität bis zu Anti-Klingeltonmusik,
verraten aber
meist die Handschrift der Erwachsenen.
NATHAN MICHAEL:
THE BEAST (sonig) Der Dr. der musikalischen
Komposition auf den Spuren von Van Dyke Parks ... dem Arrangeur ist
halt kein
Track zu schwör. Sein Meisterstück gelingt Michael, der
musikalisch alles
selbst macht, dadurch, dass er Komplexität gleich Simplizität
klingen lassen kann.
Gute Gleichung, Prüfung bestanden, bitte mehr!
ATOM TM:
!MIXMINILP (Laboratory Instinct) Noch ein
Komplexitätsmaniker: Herr Schmidt sucht hypernervös das
Glück. Ob als Oye Como
Va-Kraftwerker oder Robot-Party-DJ, der Schlagwerker lässt auf 7
Tracks die
Elektroden raunzen und furzen, auf dass die Bassdrum doppelt.
ERIKA STUCKY:
PRINCESS (Traumton) Die US-Schweizerin nimmt
sich auf ihrem Drittling in ureigener Manier einige Cover vor: Prince,
Cobain,
Jackson, Mercury, Elvis, naheliegender heißer Scheiß also,
herrlich zu hören.
Der Rest ist Original Stucky plus Friends, wobei vor allem Gebläse
und
Percussion Akzente setzen. Wunderbar eigenwillig betreibt Stucky als
Prinzessin
eigener Gnaden ihre brisant-lasziven Rollenspiele.
SINISTRI: FREE
PULSE (Häpna) Dem italienischen Trio gelingt
mit seinen asymmetrisch-intuitiven Improv-Kompositionen die Quadratur
des
Kreises. Das ständige Suchen, das ein ständiges Finden ist.
10 Stücke,
unglaublich klar und transparent. “The hardest thing of all is to
find a black cat
in a dark room, especially if there is no cat.”
THE GASMAN: THE
GRAND ELECTRIC PALACE OF VARIETY (Planet Mu)
Chris Reeves aus Portsmouth schenkt auf zwei Silberlingen eine satte
Soundtracksuppe ein: Stellt euch vor, ihr steht auf einer belgischen
Kirmes und
jemand kommt vorbei und gibt euch eine Postkarte aus dem Jenseits. Ganz
schön
spooky, atmosphärisch vertrackt und vielschichtig! In den 34
Tracks gibt es
jede Menge digitale Jetztzeit zu entdecken, versampelt und zugepitcht
auch –
diese Mischung aus Spookyness und Cartoonvibe ist absolut einzigartig!
AUTECHRE:
UNTILTED (Warp) Ewiges Wurzelziehen in der
selbstangereicherten Erde der Gegenwart. Aus dem kalten Hypertext
der
Vergangenheit die schwarzen Wurzeln in der hellen Sonne betrachten und
stillschweigend ins Labor legen. Elektrok, Jazzt, Technod. Booth/Brown
immer
noch Astronauten. Und die Synapsen schnappen wieder zu.
BENGE: I AM 9
(Expanding) Ben Edwards! Großartig! Was er
hier macht: sich wieder 9 Jahre alt, und Sportwagen liebend –
dafür steht der
Lamborghini auf dem Cover. Doch der Sound ist alles andere
als
maskulin-nerdig als vielmehr sanft-abstrakt rhythmisiert, und immer
intelligent-beseelt bewegt. Ausnahmeelektronik!
SI-CUT.DB: FROM
TEARS; BEACH ARCHIVE (Bip-Hop) Über zwei
Jahre schraubte Douglas Benford diesen wunderbaren Micro-House-Dub
zusammen,
und er klingt wie aus einem Guss. Dabei wurde er am Laptop an diversen
Küsten
gefühlt, gesammelt und eingespielt. Schöner geht’s kaum.
FLOTEL: WOODEN
BEARD (Expanding) Hier eine ähnliche
Struktur: Auch Leigh Toro aus Nottingham gelingt mit diesem eher
ruhigem Album
etwas sehr Spezielles. Auf insgesamt 12 Tracks entfaltet er einen
Soundtrack
mit organischer Klangästhetik, der weniger eine Ansammlung von
Impressionismen
als vielmehr eine zusammenhängende Kartografie einer individuellen
Biografie
ist, deren interaktive Punkte wachsen und wandern.
IRIS GARRELFS:
SPECIFIED ENCOUNTERS (Bip-Hop) Die
Fotografin und Vokalkünstlerin, die auch gerne Kollaborationen
eingeht, hier
mit 7 Tracks, in denen allein ihre Stimme moduliert und digital
prozessiert
wird. Dabei hat jeder Track ein radikal eigenes individuelles
Klangbild, wobei
ein Track mit 18 Minuten Spieldauer zu einem psychedelischen Trip
gerät.
Zusätzlich ein Video des kroatischen Filmemachers Mario Radinovic.
TERMINAL 11:
ILLEGAL NERVOUS HABITS (Cock Rock Disco) Aha,
das geht also doch noch? Irrwitzig LUSTIGE Computermusik? Mike
Castaneda aus
Phoenix Arizona schüttelt seinen Rechner derart durch, dass die
Files auf den
Boden fallen: neues Material zum Schreddern, klarer Fall. Soso, Jason
Forrest
aka Donna Summer hat also nix Besseres zu tun, als eine Scheibe nach
der
anderen auf seinem Label zu releasen. Nun denn:
DOORMOUSE:
STANLEY YERKOWSKI PRESENTS ... (Cock Rock Disco) ... ist noch
so ein Streich. Und langsam wird die auserwählte begnadete
Weirdness der
Fulltime-Maniacs von CockRockDisco immer deutlicher. Von dem, was hier
auf
einem Track passiert, zehren manche Labels jahrelang. Die hiesige
Freakshow ist
wie ein Container amoklaufender Aufziehfiguren. Grrreat! Und genau der
richtige
Soundtrack für Tortenschlachten. Worauf warten wir?
www.terz.org - 27.04.2005