Lausige Zeiten
das letzte hemd hat
keine taschen
Seit den
letztjährigen staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen
Steuerhinterziehung gegen den Düsseldorfer Oberbürgermeister
Joachim Erwin weiß
man, dass der Mensch Millionär ist. Nun kann man aber als Anwalt,
sofern man
nicht Staranwalt ist, kaum Millionär werden. Und als
Scheidungsanwalt schon gar
nicht. Reich geheiratet hat er auch nicht. Wie er aber im Moment zu
mehr Geld
kommt, weiß man mittlerweile. Neben seinem Gehalt als OB von
130.000 Euro im
Jahr bezog Erwin 2004 rund 88.000 Euro aus Nebenjobs. Er ist Mitglied
mehrerer
Beiräte von Unternehmen. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates und
des
Kreditausschusses der Stadtsparkasse Düsseldorf hat er für 20
Sitzungen über
35.000 Euro erhalten. Für zwei Sitzungen als Mitglied des Beirates
der RWE
Rhein-Ruhr AG bekam er über 23.000 Euro, für eine Sitzung als
Mitglied des
Energieunternehmens EnBW AG erhielt er über 5.000 Euro, als
Mitglied des
Verwaltungsrates Provinzial erhielt er ohne Sitzung über 8.000
Euro. Da sind
die 116 Euro für eine Sitzung als Mitglied des Beirates der RWE
Energy AG oder
die 50 Euro für eine Sitzung der Neuss Düsseldorfer
Häfen Verwaltungs GmbH
regelrechte Peanuts. Weiterhin erhielt er Geld von Corpus
Immobiliengruppe GmbH
& Co. KG (2.610 Euro), Rheinischer Sparkassen- und Giroverband
(5.120 Euro)
und Veletrhy Brno AG (8.214,72 Euro).
Dass er sich
für die Interessen der Unternehmen einsetzt,
zeigen drei Beispiele: Im Jahr 2001 propagierte Erwin den Verkauf und
damit die
Privatisierung der Stadtwerke. Erst aufgrund erheblichen
öffentlichen Drucks
durch ein Bürgerbegehren musste er den Totalverkauf aufgeben. Die
Stadt verkaufte
ein Drittel der Stadtwerke Düsseldorf für 875 Millionen Euro
an die
Energie-Baden-Württemberg (EnBW), dessen Mitglied im Beirat er
ist. Auch für
die RWE zahlte sich das Mitglied des Aufsichtsrates aus. Die RWE konnte
2003 in
das städtische Entsorgungsunternehmen Awista einsteigen. Da sind
die paar
Tausend Euro der Konzerne gut angelegt, geht es doch bei den
Abschlüssen um
Millionen.
Um nicht ganz
soviel geht es bei der Vermietung des
Elleraner Schlosses. Nachdem die Modeschule schließen musste,
ging das Gerangel
um das alte Gebäude los. Mehrere Interessenten balgten sich um das
repräsentative Gebäude. Von vornherein stellte Erwin klar,
dass ein Unternehmen
neuer Mieter wird. Die Aktivitäten der Initiative von
AnwohnerInnen, “Rettet
Schloss Eller”, fanden bei der Stadt kein Gehör. Die
Initiative befürchtet,
dass der Schlosspark für die Öffentlichkeit geschlossen wird
und fordert
dagegen, dass sich das Schloss für Vereine und Organisationen
öffne und der
Arbeitskreis Kultur ein Museum im Bootshaus einrichten könne. Ohne
Angabe von
Gründen bekam jetzt die Provinzial den Zuschlag. Ende März
hat die Stadt das
Schloss für 50 Jahre in einem Erbpachtvertrag an die Provinzial
verpachtet. Und
wer sitzt da als Mitglied im Verwaltungsrat ... na?
wer ist der
schärfste?
Das Ausnutzen
der eigenmächtigen Ausgestaltung des
Ordnungsrechtes treibt in den Städten seltsame Blüten. Die
Städte überbieten
sich geradezu mit repressiven Maßnahmen gegen
“unerwünschte” Personen. Ein ganz
besonders perfides Werk hat jetzt die Stadt Köln ausgeknobelt.
Dort ist seit
dem 15. März das Durchsuchen von Müll verboten. Strafe 5
Euro. Das Einsammeln
von Pfandflaschen bspw. aus Glascontainern kostet 10 Euro. Da ein
Banker wohl
kaum in eine solche Situation kommt, ist auch klar, gegen wen sich
diese
Maßnahmen richten: Gegen die nicht gerade wenigen armen Leute,
die bei
Nichtbezahlen der Strafe sich dann auch noch schnell im Knast
wiederfinden
können. Der sowieso nie gerade ausgeprägte Kampf gegen die
Armut wandelt sich
vollends zu einem Kampf gegen die Armen.
dokumentationsstelle
hartz IV
Verschiedene
Organisationen haben kürzlich eine
“Dokumentationsstelle Hartz IV” eingerichtet. LabourNet
Germany und Aktion
Agenturschluss suchen schwarze Schafe – dies sind
Beschäftigungsträger, Wohlfahrtsverbände,
Schulen, Initiativen und Einrichtungen des sozialen Hilfesystems usw.,
die
1-Euro-ZwangsdienstlerInnen (Arbeitsgelegenheiten mit
Mehraufwandsentschädigung, MAE) beantragen und beschäftigen.
Sie sollen in Form
einer Liste der “schwarzen Schafe” unter den
Beschäftigungsträgern
veröffentlicht werden, um
a)
die
Informationen zusammenzutragen,
b)
damit
eine Grundlage für “1-Euro-Job-Spaziergänge”,
andere Proteste sowie die
geplanten Umfragen als Recherche- und Interventionsinstrument zu
schaffen sowie
c)
um durch
die öffentliche Form durch Rufschädigung bzw. moralische
Vorführung an die
Beschäftigungsträger bzw. Ihre Personal- / Betriebsräte
zu appellieren.
»Die
Dokumentationsstelle Hartz IV ist ein unabhängiges
Projekt von LabourNet Germany, Tacheles e.V., der Initiative
Agenturschluss und
der Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen und
Sozialhilfeinitiativen e.V.
(BAG-SHI). Wir arbeiten nicht mit der Bundesagentur für Arbeit
zusammen! Im
Gegenteil: Wir wollen die Praxis von Hartz IV kritisch begleiten. Wir
wollen
wissen, was auf den Ämtern läuft, wie die Leute bei den
Ein-Euro-Jobs behandelt
werden. Wir wollen alles wissen! Alle Arbeitsämter, ihre
“Fallmanager”, die
“Ein-Euro-Job”-Einsatzstellen und deren Verantwortliche
werden wir einem kritischen
“Kundencheck” unterziehen. Denn wie heißt es so
schön: der “Kunde” ist König.
Bitte helfen Sie mit – Ihre anonymen Angaben werden vertraulich
behandelt!!«
(aus dem Aufruf zur Aktion)
Dazu ist ein
Fragebogen entwickelt worden, der im Internet
unter
www.labournet.de/agenturschluss/fragebogen.html
abgerufen werden
kann
hausbesetzung wieder
in
Wer in
Düsseldorf eine Wohnung sucht, hat es schwer. Nach
München hat Düsseldorf die teuersten Mieten. Billige
Wohnungen sind Mangelware.
Der Bestand von Sozialwohnungen ist auf 33.000 gefallen, nach über
42.000 im
Jahr 1995. Weitere 40 Prozent fallen in den nächsten 10 Jahren
weg. Laut dem
Sozialdezernenten haben 700 Hartz IV-Beziehende in Düsseldorf zu
große
Wohnungen. Etwa 70 wurden aufgefordert, sich billigere Wohnungen zu
suchen. Wie
sie die finden sollen, wurde ihnen nicht gesagt. Fast 5.000 Haushalte,
also
schätzungsweise 15.000 Menschen sind wohnungssuchend gemeldet,
davon liegen 90%
unter der Einkommensgrenze des sozialen Wohnungsbaus. Insgesamt gibt es
fast
326.000 Wohnungen in Düsseldorf, davon stehen aber immer mehr
dauerhaft leer.
abschiebung in den
krieg
Düsseldorf
ist nach Frankfurt der zweitgrößte
Abschiebeflughafen in Deutschland. Doch hinter abstrakten Zahlen
verschwinden
oft die Menschen. Nur selten hört man von den menschlichen
Schicksalen, wie vom
Musiker Stephane D., der in Oldenburg lebte. Er wurde am 21. April nach
Abidjan, Elfenbeinküste abgeschoben. In der Elfenbeinküste,
der Heimat des
Musikers Stephane D., herrschen Bürgerkrieg und politische
Willkür, und dies
schon seit Dezember 2000. Das in Bedrängnis geratene Regime in der
Hauptstadt
reagiert auf Regungen der Opposition mit brutaler Härte. Und wer
aus der
Elfenbeinküste z.B. nach Deutschland geflohen ist, von hier aber
aufgrund der
derzeitigen repressiven Abschottungspolitik gegenüber
Flüchtlingen wieder
dorthin abgeschoben wird, ist in erheblicher Gefahr, sich in einem der
wegen
Folter berüchtigten Gefängnisse der Elfenbeinküste
wiederzufinden. Denn wer als
Flüchtling dem Land den Rücken kehrte, so die Logik des
Regimes in Abidjan, hat
das Image der Elfenbeinküste im westlichen Ausland beschmutzt.
Wenige Tage vor
der Abschiebung meldete noch “die tageszeitung”
militärische
Auseinandersetzungen in Abidjan zwischen regierungstreuen und
oppositionellen
Milizen. Selbst das Auswärtige Amt warnt in einem
“Sicherheitshinweis” von
Reisen in die Region dringend ab. Aber für Abschiebungen ist dies
kein
Hindernis.
Stephane D.
hatte sich in Deutschland erhofft, eine neue
Wahlheimat zu finden, in der er nicht mehr um sein Leben bangen muss.
Seit dem
Jahre 2000 in Deutschland (und seit 2001 im Asylverfahren), hatte der
junge
Mann begonnen, sich ein neues Leben aufzubauen. Stephane D. lernte
Deutsch,
gewann viele neue Freunde und ging auch in seiner neuen Heimat mit
Begeisterung
seinem Beruf als Musiker nach. Das Percussion-Ensemble, in dem er
mitwirkte,
erlangte überregionale Bekanntheit. Im letzten Jahr
schließlich lernte er eine
Frau kennen und lieben, und die beiden schmiedeten Heiratspläne.
Doch was sich
Stephane D. über Jahre aufbaute, ist unter die
Räder der deutschen Abschiebemaschinerie gekommen.
abschiebung ausgesetzt
Wie wichtig
öffentlicher Druck ist, zeigt einmal mehr die
Unterstützung, die eine fünfköpfige Familie, die aus dem
Kongo geflohen ist,
erhalten hat. Vor zehn Jahren floh Boby Bilolo mit seiner Familie nach
Düsseldorf. Seine Frau ist an Epilepsie erkrankt und hätte
hier ärztlich
versorgt werden können. Aber alle Asylanträge wurden
abgelehnt. Die
Härtefallkommission des Landtags sah auch keinen Grund, die
Entscheidung zu
revidieren. Die Familie reichte Klage ein, doch das Ausländeramt
der Stadt
Düsseldorf blieb stur und bestand auf “freiwilliger”
Ausreise bis zum 25.
April, sonst werde inhaftiert und abgeschoben. Nur die Mutter
könne aufgrund
ihrer Krankheit vorläufig bleiben. Die Mitschüler des
16-jährigen Sohnes Jordan
machten mobil und demonstrierten vor dem Ausländeramt und dem
Landtag. Darauf
hin griff auch die Presse den Fall auf. Nun ist die Abschiebung
vorläufig ausgesetzt,
bis über den Antrag auf Herstellung der abschiebenden Wirkung
entschieden ist.
Im Kongo tobt seit Jahren ein fürchterlicher Krieg, in dem laut
unabhängiger
Organisationen unvorstellbare 1,5 bis 2 Millionen Menschen umgekommen
bzw.
umgebracht worden sind. Auch dies ist weder Fluchtgrund noch
Abschiebehindernis.
deutscher als deutsch
Es ist schon
eine seltsame Debatte, die da im Vorwahlkampf
geführt wird. Als ob es irgendwie interessant wäre, wie viele
Pässe ein Mensch
hat, wird eine Diskussion geführt, als ginge das Abendland unter.
In vielen
Ländern ist der Besitz von zwei Pässen verschiedener Staaten
erlaubt. Nicht so
in Deutschland. In der Debatte kommt der ganze deutsche Nationalismus
und
Rassismus an die Oberfläche. Vielen in Deutschland
eingebürgerten TürkInnen
wurde von der Türkei nahe gelegt, den türkischen Pass zu
behalten. Ein allseits
bekanntes Vorgehen. Vor der Landtagswahl machte die CDU daraus einen
Skandal,
der die gesamte Schizophrenie offenbart. Es ist halt vollkommen egal,
wie lange
jemand hier lebt, um wählen zu dürfen – durch zwei
Pässe hat er die
Legitimation verloren. Nicht dass Wahlen irgendetwas ändern
würden ...
In
Düsseldorf wurden über 1.400 türkischstämmige
Deutsche,
die in den letzten Jahren eingebürgert wurden, von der Stadt
angeschrieben.
Laut NRW-Innenministerium sollen die Auskünfte auf freiwilliger
Basis eingeholt
werden. Die Düsseldorfer Stadtverwaltung droht allerdings in ihren
Schreiben
mit Ordnungsverfügungen und Zwangsgeldern. Pauschal
wurden alle Angeschriebenen
verdächtigt. Dem Druck des Schreibens folgten nur etwa 10% nicht.
Unter
juristischen Gesichtspunkten sind diese Anschreiben mehr als
zweifelhaft. Es
kann jedoch niemand gezwungen werden, die Wahrheit zu sagen, denn mit
der
eventuellen Offenlegung einer doppelten Staatsbürgerschaft kann
die
Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis bedroht sein. Interessanterweise
wurden
ehemalige GUS-BürgerInnen, die auch häufig eine doppelte
Staatsbürgerschaft
besitzen, von der Stadt nicht angeschrieben. Im Gegensatz zu den
ehemaligen
türkischen BürgerInnen unterstellt man den AussiedlerInnen
wohl eine Wahloption
für die CDU.
Vollkommen
unbeachtet bleibt, dass Deutschstämmigen in Polen
der deutsche Zweitpass regelrecht aufgedrängt wird. Aber das liegt
halt im
deutschen Interesse ...
Der
Schriftsteller Peter Paul Zahl (“Die Glücklichen”) hat
wiederum eine ganz andere Erfahrung gemacht. Ihm wurde die deutsche
Staatsangehörigkeit entzogen, da er einen jamaikanischen
Pass hat. Dies ist
seit dem neuen Staatsbürgerrecht möglich – und beendete
das Gesetz, dass kein
Deutscher ausgebürgert werden darf, das aufgrund leidlicher
Erfahrungen aus der
Nazizeit eingeführt wurde.
bundesdeutsche
flüchtlingspolitik und ihre
tödlichen folgen
Die 12.
aktualisierte Auflage der gleichnamigen, von der
Berliner “Antirassistische Initiative e.V.” herausgegebenen
Broschüre umfasst
Todesfälle und Verletzungen bei
Grenzüberquerungen; Selbsttötungen,
Selbsttötungsversuche
und Verletzungen von Flüchtlingen aus Angst und auf der Flucht vor
Abschiebungen;
Todesfälle und Verletzungen vor und während Abschiebungen;
Misshandlungen und
Folter nach Abschiebungen. Die Zusammenstellung umfasst auch
Brände und
Anschläge auf Flüchtlings-Sammellager. Die beschriebenen
über 3.800
Einzelschicksale machen deutlich, dass die Chance, in der BRD Schutz
und
Sicherheit zu finden, gegen Null tendiert. Die Lebensbedingungen
für
Flüchtlinge sind heute brutaler denn je. In der Dokumentation
werden Fälle
zwischen 1993 und 2004 aufgelistet. Enthalten sind alle der
“Antirassistischen
Initiative” bekannten Fälle. Die Dokumentation gibt es als
Heft und als CD-Rom.
Auf der CD-Rom werden Einzelthemen herausgegriffen, um das Arbeiten mit
dem
Inhalt entsprechend der Zielthematik zu erleichtern.
Die CD-ROM
kostet 12 Euro (plus 1,60 Porto und Verpackung).
Zum gleichen
Preis ist das Heft (DIN A4, 318 Seiten)
erhältlich bei:
Antirassistische
Initiative e.V. - Yorckstr. 59 - 10965
Berlin
Fon 7857281 -
Fax 7869984 - eMail: ari-berlin@gmx.de
Weitere
Informationen unter: www.anti-rar.de
www.terz.org - 27.04.2005