Mittenwald
– angreifbare Traditionspflege
Endlich
weg damit
Seit
48 Jahren trifft sich im bayerischen Mittenwald der
Kameradenkreis der Gebirgsjäger. Auch dieses Jahr treffen sich bis
zu tausend
Leute, bestehend aus alten Wehrmachtsangehörigen,
Bundeswehrsoldaten und
Familienangehörigen damit sie dort ,ihrer’ Toten aus zwei
Weltkriegen gedenken.
Seit dem Jahr 2001 können sie dies nicht mehr ungestört tun.
Dieses Jahr findet
neben der Demonstration ein Wiederentwaffnungscamp statt.
Die
Gebirgsjäger waren im 2. Weltkrieg in fast allen
Kriegsgebieten anzutreffen und haben dort ihre Spuren hinterlassen
– von Finnland
bis Griechenland. Die bekanntesten Massaker der Gebirgsjäger
begingen sie in
Kommeno in Nordgriechenland, wo sie 317 ZivilistInnen ermordeten und
auf
Kephalonia, einer Insel bei Korfu, auf der sie 5000 entwaffnete
italienische
Soldaten niedermetzelten. Erst letztes Jahr nahm die Staatsanwaltschaft
Ermittlungen gegen einige der noch Lebenden auf. Dies geschah jedoch
erst
aufgrund von Anzeigen der VVN (Vereinigung der Verfolgten des
Naziregimes) und
den vorhergehenden Recherchen von AntifaschistInnen. Bisher konnten die
Täter
ungestört ihr Leben fristen. Einmal im Jahr traf man sich dann in
Mittenwald
zum jährlichen Treffen, pflegte alte Freundschaften und machte
neue mit Bundeswehrsoldaten.
Die Bundeswehr kümmerte sich traditionsbewusst um die alten
Kämpfer. Das
Pfingsttreffen war ein willkommener Event im beschaulichen Mittenwald.
Drei
Kasernen liegen in unmittelbarer Nähe des Ortes. Heutzutage ist
die Bundeswehr,
neben dem Tourismus, der beherrschende Arbeitgeber. Praktisch in jeder
einheimischen Familie finden sich nicht nur alte
Wehrmachtsangehörige, sondern
auch gediente oder aktive Bundeswehrsoldaten. Kein Wunder, dass die
DemonstrantInnen in Mittenwald ungern
gesehen werden. Sie stören das Idyll und die Eintracht.
Schließlich hat man
sich während der 60 Jahre seit der Niederlage Deutschlands immer
als Opfer
dargestellt.
“Sauhaufen”
war letztes Jahr noch die nettere Aussage, die
man zu hören bekam. Selten kommt man in den “Genuss”
eines hasserfüllten Mobs
wie am Straßenrand in Mittenwald.
Hinrichtungsphantasien sind kein
Einzelfall, wie die der Wirtin einer
Gaststätte: “Euch müsste man alle mit dem
Schürhaken erschlagen”. Noch übler
waren die Aussagen gegenüber eines Überlebenden eines
Massakers, das man ihn
wohl vergessen habe zu vergasen. Seit zwei Jahren finden am Vorabend
des
Treffens Veranstaltungen mit Überlebenden und HistorikerInnen
statt. Die
Aktivitäten gegen die Traditionsveranstaltung haben aber auch zu
einer
Polarisierung in Mittenwald geführt. In Einzelgesprächen
fanden es einige gut,
das die Taten endlich zur Sprache kommen. Etlichen gefällt das
jährliche
Gedenken auch nicht, aber öffentlich möchten sie sich nicht
dagegen stellen.
Aber das repressive Klima von Gewalt und Angst zeigt Brüche. Das
ganze
öffentliche Aufsehen, dass das Treffen und die Gegenaktionen
hervorgerufen
haben, die ungenierten Äußerungen mancher Mittenwalder
BürgerInnen vor
laufender Kamera und die laufenden Ermittlungsverfahren wg.
Kriegsverbrechen in
Kommeno und Kephalonia haben bereits zu Stornierungen empörter
TouristInnen
geführt, die unter solchen Mörderbanden keinen Urlaub machen
mögen.
Eine Woche nach
den Feierlichkeiten zum 8. Mai wollen die
Gebirgsjäger weiter machen wie bisher. Im Zuge des Staatsaktes am
8. Mai der
offiziellen Eröffnung des Holocaust-Mahnmals droht die Forderung
nach einer
aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Tätergeschichte, nach
der Verfolgung
der zahlreichen noch lebenden Täter und nach einer
Entschädigung der Opfer
unterzugehen.
Dem
demonstrativen öffentlichen Gedenken in der Hauptstadt
entspricht das massive öffentliche Verdrängen, Umbiegen und
Leugnen an Orten,
für die Mittenwald nur ein besonders krasses Beispiel ist.
Berlin und
Mittenwald sind aber geeint in der offiziellen
Deutung der militärischen Niederlage des Nationalsozialismus in
einen Sieg der
Demokratie über den Extremismus. Indem man sich so moralisch auf
die Seite der
Kriegsgewinner projiziert, ist es möglich, die Bundeswehr mit dem
Argument der
Verhinderung eines neuen Auschwitz wieder Angriffskriege führen zu
lassen. Auch
hier sind die Gebirgsjäger, in Traditionspflege den alten
Kriegsverbrechern der
Wehrmacht eng verbunden, ganz vorne dabei.
Auf nach
Mittenwald!
Kif-Rheinland
Weitere Infos
unter
www.nadir.org/nadir/kampagnen/mittenwald/
Dort ist auch das
Programm zu finden.
Es wird einen
Bus von Wuppertal aus geben. Anmeldung und
Kontakt unter
angreifbare.tradtion@freenet.de
www.terz.org - 27.04.2005