Müntes Offensive
Im
bevölkerungsreichsten Bundesland stehen im Mai die
Landtagswahlen an, und den Sozis laufen die Wähler davon. Das
pfeifen die
Spatzen von den Dächern der Parteizentrale und der
Redaktionsstuben der
oppositionsnahen Presse. Und es sind nicht nur die so genannten
WechselwählerInnen oder die ewig Unentschlossenen, sondern
scharenweise die
StammwählerInnen, die sich bockig zeigen. Hämisch wird dieser
Umstand von der
Opposition aufgegriffen und als Beleg genommen für die
Regierungsunfähigkeit
von SPD/Grüne.
Keine
durchgreifenden Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik,
Unterrichtsausfall an den Schulen, Kriminalität, wohin man nur
schaut, und
angesichts der Perspektivlosigkeit vergeht den NRW-Bürgern sogar
die Lust auf’s produktive Vögeln. Versagen auf ganzer
Linie eben attestieren die KandidatInnen der Opposition der Regierung.
Münte
Da fährt
die SPD ihr schwerstes Geschütz auf: Franz
Müntefering. Mit kernigen Sprüchen möchte er die
frustrierten SPD-WählerInnen
und GenossInnen an die Wahlurnen treiben, damit sie dort an der
richtigen
Stelle ihr Kreuzchen malen.
In einer
Grundsatzrede auf dem “dritten Programmforum der
SPD”. Mitte April wettert er gegen die “totale …
Ökonomisierung” und die
“international wachsende … Macht des Kapitals”. So
etwas könne “auf Dauer
unsere Demokratie” gefährden und “die Reputation des
Staates bei seinen
Bürgerinnen und Bürgern dramatisch” belasten. Als
abschreckendes Beispiel nennt
er “bestimmte … Finanzunternehmen” und spielt hier
an auf das ungebührliche
Benehmen des Chefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann.
Selbiger hat
unlängst einen Abbau von 6400 Stellen in den
direkten Zusammenhang mit einer Gewinnsteigerung um 87 % nach Steuern
gegenüber
dem Vorjahr gebracht. Ganz im Sinne der neuen Zeit verzichtet Ackermann
auf
dumme Sprüche über die schmerzliche Trennung von verdienten
Mitarbeitern, um
der Restbelegschaft die Arbeitsplätze zu sichern. Wir reduzieren
die Kosten und
steigern den Gewinn, das sind die neuen Töne, die heutzutage einen
guten Klang
haben!
Müntes
Ergüsse kommen beim Volke und bei seinen
Parteigenossen aber so gut an, dass er wenige Tage später in der
“Bild am
Sonntag” noch mal nachlegt: Die Finanzinvestoren “bleiben
anonym, haben kein
Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über die Unternehmen
her, grasen sie
ab und ziehen weiter.”
Kanzler & Co.
Dass
Müntefering als oberster Parteiarbeiter in Krisenzeiten
Spruchweisheiten aus den Urzeiten der sozialdemokratischen Bewegung
hervorkramt, wird von der Öffentlichkeit zwar kritisch, aber mit
einigem
Verständnis aufgenommen. Schließlich kennt man die Sorgen
und Nöte der um die
Macht konkurrierenden Vereine in Wahlkampfzeiten. Nachdenklich wird
hingegen
wahrgenommen, dass der Kanzler und seine Ministergarde dem Parteichef
den
Rücken stärken, anstatt sich diskret zurückzuhalten. So
beklagt Eichel die
“mangelnde Strategiefähigkeit der Wirtschaft” und
Clement erwartet von den
Volksgenossen an der Kapitalfront einen “Schuß
Patriotismus”. (Faz.Net, 18.4.)
Die Unternehmer
zeigen sich verstört. Arbeitgeberpräsident
Hundt ist erstaunt über die Reaktion seines Kanzlers: “Auf
der einen Seite ist
er der Genosse der Bosse, auf der anderen Seite teilt er die pauschale
Beschimpfung.” (ebd.) BDI-Vize-Chef will gar laut Rheinischer
Post vom 21.
April “den Sozialdemokraten die Rote Karte zeigen.”
Müntefering,
der die vaterlandslosen Kapitalisten, die
einfach dort investieren, wo sie die besten Produktionsbedingungen
finden, ins
Visier genommen hat, bekommt vom bayerischen CSU-Chef mangelnden
Patriotismus
aufs Brot geschmiert: “Wenn jemand Kapital für Investitionen
um Deutschland
herumlenken will, muß er es so machen wie
Müntefering.” (ebd.)
“Einsichten aus
dem Lehrbuch für marxistische Ökonomie”?*
Zwei Tage nach
seinem viel beachteten Auftritt auf dem
Programmforum, zum Jahresparteitag der Frankfurter SPD am 15. April,
lässt es
sich der unermüdliche Müntefering nicht nehmen, vor seinen
Genossen auch mal
wieder Klartext zu reden. Die FAZ.NET vom 17. April kann beruhigt
konstatieren:
“Diese kapitalismuskritischen Töne waren indes nur ein
Vorwort für eine
getarnte Standpauke an alle Utopisten, die zurück zu den Zeiten
vor der Agenda
2010 und den Hartz-Reformen wollen. Man könne sich nicht für
oder gegen die
Globalisierung entscheiden, mahnte ‚Münte’, sie sei
schon längst da und treffe
alle mit voller Wucht: ‚Wir müssen uns anstrengen.’
… Und dann sei da noch die
demographische Entwicklung: ‚Acht Jahre länger leben und
acht Jahre weniger
arbeiten – das haut nicht hin.’ Mit durchschnittlich 59
Jahren in die Rente –
das gehe nicht mehr.”
Denn
Müntefering will nicht missverstanden werden. Er macht
sich stark für Deutschland mit Konkurrenzbedingungen, die
Ihresgleichen in
einer “globalisierten” Welt suchen: billige und
gefügige Arbeitskräfte, ständig
sinkende Abgaben für Unternehmer und eine Politik, die immer ein
offenes Ohr
hat für die Sorgen des Unternehmers.
“Wenn die
Politik einen Rahmen geschaffen haben wird, der
wirklich auskömmlich ist, dann sollte endlich das ständige
Gerede von der
Verlagerung von Betriebsstätten und Arbeitsplätzen
aufhören und in Deutschland
investiert werden. Diese Erwartung richte ich an die deutsche
Wirtschaft.” So
sprach am 17. März der Kanzler in seiner Regierungserklärung,
und nicht mehr
oder weniger war aus dem Munde Münteferings zu hören.
Die
Rahmenbedingungen für kapitalistisches Wirtschaften
werden vom Staat geschaffen. Er sorgt dafür, dass die
kapitalistische Ökonomie
profitabel arbeiten kann. Die Klagen von Unternehmerseite, die Steuern
und
Sozialabgaben seien zu hoch und die Arbeitskräfte immer noch zu
teuer, werden
vom Staat als legitim anerkannt. Dieser muss allerdings, um die
Bedingungen für
kapitalistisches Wirtschaften langfristig zu sichern, auch bisweilen
für das
Kapital kurzfristig unpopuläre Maßnahmen ergreifen. In
diesem Spannungsfeld
sind Münteferings Äußerungen und die
Auseinandersetzungen
darum inhaltlich anzusiedeln.
Der von
Müntefering angesprochene potentielle SPD-Wähler
soll sich von den kraftvollen Auftritten des SPD-Chefs betören
lassen und in
ihm die Inkarnation des starken Staates – das Ideal der
Sozialdemokratie –
wiedererkennen, Kreuz chen malen und Schnauze halten. Alles
weitere erledigen
in den kommenden Jahren die gewählten Damen und Herren mit
Berufung auf den
souveränen Volkswillen.
Von
“Einsichten aus dem Lehrbuch für marxistische
Ökonomie”
ist hier jedenfalls nichts zu
finden.
*(Frank Thadeusz, tagesschau.de,
18.4.)
www.terz.org - 27.04.2005