musicVOM
WECHSEL DER SOZIALEN FUNKTION VON MUSIK
– ENO
REVISITED II
Die Eno Re-Edition-Reihe geht weiter: Nach und nach wird das
großartige Musikmaterial des Ambient-Pioniers in
zeitgemäßen digitalen
Übertragungen (was für Eno nicht ein digitales Re-Mastering,
sondern vielmehr
ein Re-Design bedeutet) via CD wieder verfügbar gemacht. Da
wäre zunächst das
stilprägende Album MUSIC FOR FILMS aus dem Jahre 1978, 18
Stücke, die Eno ab
1975 teilweise explizit als Soundtracks komponiert hatte, die aber auch
teilweise erst später dazu gemacht wurden. Die Stücke
zeichnen sich, natürlich
neben ihrem analog-elektronischen Charakter, nicht zuletzt durch den
nahezu
organischen Bandcharakter aus, in dem hier bisweilen aufgezeichnet
wurde, so
spielen u.a. Fred Frith, Robert Fripp, John Cale oder einmal gar Phil
Collins,
der ja früher durchaus experimentell unterwegs war, mit. Dadurch,
dass die
Stücke in der Regel recht kurz sind und man den visuellen
Ko-Kontext nicht
kennt, entwickelt sich auf Dauer jedoch kein wirklicher
Soundtrack-Charakter,
als Compilation stimmungsvoller Elektronik und
aufschlussreiche Vorstufe der
Ambient-Reihe ist die Platte jedoch superb zu hören, auch, weil
auf Dauer
deutlich wird, wieviel die zeitgenössische elektronische
Soundtrackkultur
dieser Musik immer noch verdankt. Das Album MORE MUSIC FOR FILMS, das
21
bislang unzugängliche Soundtrackstücke aus der zweiten
Hälfte der 70er Jahre
zusammenstellt, bestärkt diesen Eindruck noch: Die Stücke
– manche wirken
durchaus eher als Skizzen und Fragmente – zeugen von einem
exakten
atmosphärischen Gefühl für Fluss und Dramatik. Manches
ist ungleich
rhythmisierter und von einem mehr geräuschhaften Klanggestus
charakterisiert
als die bislang bekannte Music for Films, manches könnte bei einem
Naturfilm,
anderes glatt bei einem Thriller durchgehen. Insgesamt zeigen sich
erneut die
fantasievollen wie präzisen Klangarrangements, die in ihrer
konkreten
Ambivalenz alles andere als Bedienung von Stimmungen sind als vielmehr
Anregungen, mit den individuellen Voraussetzungen des
Hörvermögens in einem
jeweiligem gesellschaftlichem Existenzraum umzugehen.
Das 1983er Album
APOLLO – ATMOSPHERES & SOUNDTRACKS
hingegen hat einen festen Bezugsrahmen, nämlich das Ereignis der
Mondlandung,
das Eno 1969 vor dem TV gesehen hatte. Schon damals erschien ihm die
schwarzweiße Winzglotze ein obskur-inadäquates
Guckkästlein für die Weite des
Weltraums zu sein, was die Unternehmung wie eine billige
Star-Trek-Version
aussehen ließ, zudem ihm die Berichterstattung insgesamt viel zu
up-tempo,
newsy und mit Dauergeschwätz behaftet war, was der
Grandiosität und Seltsamkeit
des Ereignisses, so Eno, wohl eine Down-to-Earth-Patina verleihen
sollte. Von
daher war es logisch, dass er das Angebot des Dokumentarfilmers Al
Reinert
annahm, den Soundtrack zu dessen Film über die Apollo-Mission
zu komponieren.
Reinert hatte tatsächlich das gesamte Doku-Filmmaterial gesichtet
und
zusätzlich die Astronauten interviewt. Die einzigen Stimmen in dem
Film waren
daher die der Space-Cadets und ihre Gespräche mit der
Bodenstation. Um es kurz
zu machen: Enos Musik ist ein einziger Trip, der dem Ereignis
Würde wie auch
Klarheit verleiht, ohne es überkünstlerisch oder esoterisch
zu verbrämen. Es
ist typisch für Enos Musik, dass sie diese Gratwanderung zwischen
Magie und
Konkretion veritabel hinbekommt. Das 1984er Album THURSDAY AFTERNOON
schließlich macht, so CS Bofop in den Linernotes, noch einmal
deutlich, wie
sehr Enos Musik ihre soziale Funktion wechselt, indem sie neue Nischen
in der
kulturellen Landschaft temporär besetzt. Im technologischen Sinne
bedeutet dies
hier Video, für das dieses 61minütige Stück der
Soundtrack war, wie auch CD,
denn nur letztere war damals in der Lage, ein derart langes und auch
derart
ruhiges Stück in dieser Transparenz sonisch abzubilden. Beides
sind übrigens
Medien, die heute, 2005, kurz vor ihrem Aus stehen – niemals
hätte man ihnen
damals eine mögliche auratische Kraft zugeschrieben. Die
zeitgemäßen
Hypermedien sind heute andere, Video und CD dagegen sind zweifellos
nostalgische Medien geworden. Enos Stück steht hier in einer Reihe
mit
“Discreet Music” und “Music for Airports”,
einer Musik also, die, ohne sich auf
eine rein dekorative Funktion reduzieren zu wollen, eher als eine
Tapete oder
ein Wandgemälde in einem Raum denn als ein Aufmerksamkeit
erheischendes,
egozentriertes Kunstwerk erscheinen will. Einer Musik also, welche
Möglichkeiten zur Beeinflussung der Stimmung bereitstellt, aber
nicht präventiv
manipulieren will. Die Funktion von Musik im sozialen Raum bestimmen
letztlich
immer die Hörer – selten wurde ihnen dies so unaufdringlich
nahegebracht wie
mit der Musik von Brian Eno.
HONKER
Brian
Eno: Music for Films / More Music for Films / Apollo –
Atmospheres & Soundtracks / Thursday Afternoon (jeweils erschienen
auf
Virgin Music)
www.terz.org - 27.04.2005