| Die
Stunde der Zigarre |
"Israel,
die Palästinenser und die deutsche Linke" - so lautete der Titel
eines Streitgespräches zwischen Hermann Kopp und Karl Selent, das
am 8. Mai im Zakk aufgeführt wurde. Der Anlass des Disputs war der
von Selent gegen Kopp erhobene Antisemitismusvorwurf, der in der "Terz"
eine oberflächliche und mit Despektierlichkeiten angereicherte Debatte
ausgelöst hatte. Die Disputanten und das Auditorium erschienen im
Zakk gut vorbereitet. Bereits einige Tage vorher hatte das handverlesene
Publikum die vereinbarten Thesenpapiere erhalten. Die Parteien hatten
jeweils 25 Minuten Zeit, um ihren Standpunkt darzulegen.
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Zuerst erhielt Karl Selent das Rederecht. Das folgende Referat behandelte
ausführlich die Entwicklung der palästinensischen Nationalbewegung.
Im Fokus der Betrachtungen stand die Zusammenarbeit der palästinensischen
Nationalführung - an deren Spitze der "Großmufti"
von Jerusalem stand - mit dem NS-Regime. Selents Ausführungen zeigten
deutlich, dass die Führung der palästinensischen Nationalbewegung
nahezu drei Jahrzehnte in den Händen von hartgesottenen Antisemiten
lag, die bis in das Jahr 1973 - dem Todesjahr des Muftis von Jerusalem
- einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Politik der PLO ausübten.
Nachdem beide Kontrahenten ihre Standpunkte dargelegt hatten und Karl Selent sich sichtlich an einem Glas Wein und einer langen, rauchreichen kubanischen Zigarre erfreute, wurde die Diskussion eröffnet. Wer im Auditorium die Hoffnung hegte, dass die Diskussion Erhellendes zum Palästinakonflikt und der damit verbundenen Antisemitismusdebatte beitragen könnte, wurde schnell enttäuscht. Die meisten Beiträge aus dem Auditorium wiederholten nur Altbekanntes. So wurde behauptet, dass der Zionismus immer schon auf die systematische Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung gezielt habe oder dass Israel ein faschistischer Staats sei. Ein weiterer Zuhörer vertrat die Ansicht, er könne als Araber kein Antisemit sein, da er selbst einer sogenannten "semitischen Volksgruppe" angehöre. Auch die Argumente der Gegenseite, die sich an diesem Abend in der Minderheit befand, waren wenig überzeugend und gelegentlich ebenso unerträglich wie die Diskussionsbeiträge der antizionistischen Fraktion. So hielt es tatsächlich ein Zuhörer für notwendig auf Kopps im Thesenpapier formulierte Frage einzugehen "Wie würden wir reagieren, wenn der jüdische Staat (...) 1948 im Ruhrgebiet gegründet worden wäre?", indem er durchblicken ließ, dass er eine Staatsgründung am Niederrhein für gut befunden hätte und dass er die anschließende Vertreibung der Bevölkerung - aus historischer Sicht - oder aus Gründen der Gerechtigkeit - billigend in Kauf genommen hätte. Dass die Diskussion zu diesem wichtigen Thema erneut auf das Kläglichste
scheiterte, lag auch an den Kontrahenten. Der zweite Kontrahent ließ die letzte Frage schon aus Eigeninteresse nicht ganz offen - schließlich hatte Selent ihn des Antisemitismus bezichtigt. Hermann Kopps Erklärungen blieben jedoch sehr an der Oberfläche. Der Antisemitismus sei "Ausdruck des Fortlebens reaktionärer Haltungen und Vorurteile ...". Diese Formulierung erweckt den Eindruck als ob der Antisemitismus eigentlich nur im "reaktionären" oder "rechten" Denken so richtig vorkommen kann. Das dies nicht so ist, weiß jeder, der sich in den letzten Jahren hin und wieder mit den Ergebnissen der Antisemitismusforschung auseinandergesetzt hat. Der moderne Antisemitismus, d. h. die in ihm gesammelten antijüdischen Feindbilder und die hieraus abspaltbaren Bausteine wie Anti-Intellektualismus, Anti-Amerikanismus usw. sind längst zu einem flexiblen Code geworden, der ohne "Substanzverlust" in jede Ideologie eingebaut werden kann. In diesem Zusammenhang ist eine weitere Klarstellung notwendig. Der Begriff Antisemitismus, der von dem Judenhasser Wilhelm Marr 1879 eingeführt wurde, war von Anfang an ausschließlich auf die Juden bezogen. Insofern können Einwände - wie sie auch auf der Veranstaltung aus dem Publikum geäußert wurden - Araber könnten qua ihrer Abstammung keine Antisemiten sein, als billige Polemik zurückgewiesen werden. Im Gegensatz zu Karl Selent war Hermann Kopp immer um eine sachliche Auseinandersetzung bemüht. Aber auch er erlag offenbar der Versuchung ungünstige Tatsachen verschwinden zu lassen. Grundsätzlich gilt - und das ist scheinbar schwer - wenn Geschichte als Kronzeugin der Argumentation aufgerufen wird, müssen alle relevanten Fakten berücksichtigt werden. Kopp schilderte in seiner 8. These detailliert die Kriegsfolgen von 1948: Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung durch Massaker, Vernichtung von 450 Dörfern ... All dies ist richtig und unbestritten. Doch zu den Kriegsfolgen gehört auch, dass nach 1948 die in den arabischen Ländern lebenden Juden ihre Heimat verlassen mussten. Von den 265000 Juden in Marokko blieben lediglich 25000 in ihrer Heimat. In Tunesien schrumpfte die jüdische Bevölkerungsgruppe von 105000 auf 2000 Menschen. In Libyen, Ägypten und dem Irak, wo die jüdischen Gemeinden ursprünglich 248000 Menschen umfassten, blieben weniger als 1000. Diesen Teil der Tragödie verschweigt uns Kopp. Wenn man diese Zahlen auf sich wirken lässt, erhöht sich die Zahl der "Erniedrigten" und "Beleidigten", auf deren Seite nach Kopp die Linke in einem jeden Land zu stehen hat, beträchtlich. Und zugleich wird deutlich, dass gerade im Palästinakonflikt das dichotome Bewertungsschema, das sauber zwischen "Erniedrigten" und "Erniedrigern" zwischen "Beleidigten" und "Beleidigern" unterscheidet, gänzlich untauglich ist. Fast alle Menschen die in Palästina leben - d. h. die Juden und die Palästinenser - wurden irgendwann einmal von einem Erniedrigten und Beleidigten erniedrigt und beleidigt. Aus Opfern wurden Täter und aus Tätern wurden wieder Opfer und so weiter - Das ist die eigentümliche Logik des Konflikts. Und zum Schluss noch einmal die Frage: Was tun - als deutsche Linke? Auch ich habe eine einfache Antwort. Tut nicht das, was ihr normalerweise tun würdet. Micha Kiefer |