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In den Niederungen der Marktwirtschaftsgesellschaft angesiedelt ist Irvine
Welshs Drama "Das letzte Loch", das Sewan Latchinian für
die neue Studiobühne im Keller des Neusser Schauspielhauses an der
Oberstraße eingerichtet hat, und zwar als deutsche Erstaufführung.
Obwohl das Theaterstück des "Trainspotting"-Autors von
Gewalt, Drogen und Sex handelt, ist in Neuss - entgegen den Verlautbarungen
eines gottesfürchtigen Chefkritikers - keine Inszenierung zu sehen,
die sich in "Schockeffekten erschöpft".
Kaum haben die Zuschauer im dunklen Studio Platz genommen, werden sie
unvermittelt ins Geschehen hineingerissen. Die Scheinwerfer gehen an,
und direkt vor ihren Augen hängt ein gefesselter Mann mit blutigem
Kopf an einem Seil. Er befindet sich in der Gewalt zweier Männer
und scheint nicht zu wissen warum. Nach und nach wird er - und die Zuschauer
werden mit ihm - über die Hintergründe ins Bild gesetzt: Dex,
Docksey und Jinks müssen ihr Geld als Drogendealer verdienen. Es
kommt aber auch vor, dass sie für ihren Boss einen Auftragsmord zu
erledigen haben. Das ist eine unangenehme Arbeit und führt zu Komplikationen.
Docksey hat wegen einer solchen Sache einige Jahre im Gefängnis sitzen
müssen, weil Dex ihn verpfiffen hat. Das jedenfalls glaubt er, den
die grausige Bluttat traumatisiert hat, zu wissen. Also entführt
Docksey mit Hilfe von Jinks den Verräter Dex. Sie halten ihn in einem
ausgedienten Tonstudio gefangen, um mit ihm abzurechnen, indem sie ihn
physisch und psychisch foltern.
Gefoltert wird Dex, dessen Rolle von Martin Müller sehr überzeugend
gespielt wird, aber nicht wegen irgendwelcher Schockeffekte. Vielmehr
wird nachvollziehbar gemacht, zu welchen Brutalitäten und Gemeinheiten
Menschen in der Lage sind, die in den Abgrund der Konkurrenzgesellschaft
geraten sind und deren immanente Logik vollstrecken, indem sie ihren Lebensunterhalt
mittels Gewalt sichern. Der Höhepunkt der Qualen des Entführten
(und der Latchinian-Inszenierung) ist seine Vergewaltigung durch den homosexuellen
Jinks, den der hervorragende Marco Luca Castelli beängstigend authentisch
gibt. Zur selben Zeit - beide Spielorte sind nun beleuchtet, sodass das
Publikum die parallelen Handlungen simultan vorgeführt bekommt -
schläft Docksey, den Timo Doleys ein wenig zu kultiviert mimt, mit
Dexens Freundin Laney, deren Auflehnung gegen das trostlose Leben als
Gangsterbraut Juschka Spitzer mit angemessener Stimme und allerfeinster
Mimik auf die Bühne bringt. Doch es gibt kein Entkommen aus der "low
society". Die Gewalt verselbstständigt sich; und am Ende des
Stücks ist Laney allein, Jinks hat AIDS, Docksey und Dex sind tot.
Für die starke Leistung der Crew um Sewan Latchinian gibt es lang
anhaltenden Beifall vom Publikum und vom Rezensenten ein Bravissimo!
Franz Anger
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