Auf einen Tipp hin machten wir uns auf, um an einem Samstag Abend mit der
Bahn durch das Ruhrgebiet nach Mülheim zu fahren. Es sollte eine Vernissage
mit dem Titel "Zur Wiederaneignung des Lebens" stattfinden. Wir freuten
uns auf einige nette Leute in einem Autonomen Zentrum im Ruhrgebiet - es gibt
schlechtere Möglichkeiten, den Samstag Abend zu verbringen.
Wir kamen sehr früh an und hatten so die Möglichkeit, uns die Exponate,
Plakate und Collagen genauer anzugucken. Wir waren ganz angetan, da sie auf
grafisch hohem Niveau den Zwang zur Arbeit und einige Strategien der Verweigerung
und Sabotage thematisierten. Gestellt werden also die wichtigen Fragen nach
unserer individuellen wie kollektiven Reproduktion im kapitalistischen Alltag
- der Abend hatte gewonnen!
Wir führten viele Gespräche und in uns reifte die Idee, ein Interview
zu machen.
Gesagt und getan - nun lest und schaut euch die Plakate an, vielleicht auch
demnächst in Düsseldorfs Straßen, äh im Linken Zentrum...
TERZ: Wer seid ihr, wie viele seid ihr?
Wir sind BUGPAPIER. Der in papierner Zweidimensionalität gestaltete Widerspruch,
der Fehler im System. Jedenfalls ist das ein Anspruch an unsere Tätigkeit
als Plakatgruppe. Wir haben uns im einjährigen Diskutieren, Gestalten,
Organisieren, Kritisieren und Ermutigen als Gruppe konstituiert. Wir sind eine
Frau und sechs Männer.
TERZ: Wie seid ihr zu der inhaltlichen Bestimmung "Wiederaneignung
des Lebens" gekommen? Ist dieses Thema aus eurer materiellen Situation
entstanden (Arbeitslosigkeit, Kohlenot, Lohnarbeit, Jobben), oder seid ihr eher
über eine politisch abstrakte Diskussion dazu gekommen?
Sowohl als auch. Fast alle in der Gruppe arbeiten, studieren oder machen eine
Ausbildung. Unser Einkommen ist sehr unterschiedlich. Es gibt "Doppelverdiener
ohne Kind" und jobbende Studenten. Einige arbeiten im Bereich digitaler
Medienproduktion. Zwei Teilnehmer sind Grafiker, und es gibt eine Schriftsetzermeisterin.
Die "Professionellen" in der Gruppe verlieren oft den Kampf gegen
die Arbeit. Und unsere Diskussion hat ergeben, dass wir unsere Arbeit auch lieben.
Love and Hate. Das war ein Ausgangspunkt. Ein anderer war die Kritik, dass sich
eine radikale Linke in den letzten Jahren aus jeglichen sozialen Prozessen verabschiedet
hat. Dass sie über Klasse zwar diskutiert, aber nicht ernsthaft in Auseinandersetzungen
um die Fragen von Arbeit, Einkommen, Wohnen, Gesundheit, Bildung eingreift -
in die Fragen, die auf der Mikroebene des Alltags das Leben bestimmen. Das ist
die Schwäche und vielleicht die Chance. OK, die soziale Bewegung, die diese
Fragen aufgreift, wie etwa in Frankreich oder Italien, existiert in Deutschland
so nicht. Aber wir können zumindestens experimentieren, z.B. mit dem Kommunikationsmittel
Plakat.
TERZ: Es gibt verschiedene kritische Auseinandersetzungen mit dem Begriff
der "Arbeit" (Krisis - Arbeit als Selbstzweck eines in die fundamentale
Krise geratenen Kapitalismus; Negri/Lazzarato postmoderner Neo-Operaismus -
die Verschiebung zur immateriellen Arbeit, die den Kommunismus in sich trägt;
Wildcat - Arbeit als zwanghafte und unfreie Verausgabung menschlicher Potenzen,
die von den ArbeiterInnen durch vielfältigste Widerstandsformen immer wieder
in Frage gestellt wird; FAU - die anarcho-syndikalistische Organisierung gegen
die Arbeit - eben, wie hält mensch es mit dem Klassenkampf), ist es möglich
euch als Gruppe in einer dieser Positionen zu verorten?
Wir kommen aus ganz unterschiedlichen politischen Diskussionszusammenhängen
der radikalen Linken und einer auch aus keinem. Wir teilen die Ablehnung der
Lohnarbeit. Gemeinsam ist uns ein Begriff von Gestaltung, dem unmittelbar immer
auch ein gesellschaftliches Gestalten immanent ist. In der Frage, was eine politische
Strategie sein kann, sind wir uns nicht immer einig. Der Vorschlag, die unterschiedlichen
Aussagen der Plakate mit der Forderung nach einem garantierten Einkommen ("Existenzgeld")
zu verbinden, war in der Gruppe nicht Konsens.
TERZ: Wie seid ihr auf die Idee gekommen eine Plakatreihe zu entwerfen.
Ihr hättet ja auch eine Veranstaltungsreihe (wie aktuell in Düsseldorf),
eine Broschüre (wie Krisis "Manifest gegen die Arbeit") o. ä.
machen können. Ist die künstlerische, grafische Tätigkeit Teil
eurer Lohnarbeit?
Wir wollten eingreifen, nicht nur diskutieren. Sichtbarkeit schaffen. Visuell
intervenieren. Die Plakate sind für die Straße, nicht für die
WG-Küche. Das ist in der Ausstellung etwas untergegangen, weil wir uns
vielleicht zu "künstlerisch" präsentiert haben. Die grafische
Tätigkeit ist für einige Lohnarbeit und Leidenschaft.
TERZ: Der Bezug auf die Situationistische Internationale ist schon im Titel:
"Wiederaneignung des Lebens" deutlich - dies finden wir erstmal sympathisch,
gegen die Totalität des Kapitals die Totalität der eigenen Bedürfnisse
zu setzen. Problematisch an dem Bezug:
a) Hinter der radikalen Kritik am Warenfetisch verschwindet der Bezug auf die
Produktionsverhältnisse, in denen die Waren geschaffen werden
b) Der Begriff "Leben" kann selber zum Fetisch werden
c) Situationistische Fundamentalkritik ist in den letzten Jahren Pop-links/modisch
rezipiert und verwässert worden (vergl. Viva 2 Kampagne "Radikalisiert
das Leben"). Läßt sich eurer Meinung nach der revolutionäre
Charakter situationistischer Kritik gegen diese oberflächliche "hip"-Rezeption
behaupten?
Das ist schwierig zu beantworten. Politische Auseinandersetzung ist immer auch
ein Kampf um Bedeutungen, um Begriff, um Codes. Das Sympatische an der Pop-Linken
ist ihr Mut zum Experiment mit Bedeutungen, zum Quer-Denken. Wenn wir in den
Plakaten so etwas Selbstverständliches wie den Begriff "Arbeit"
in Frage stellen, richtet sich das an eine unbestimmte Öffentlichkeit -
wir wollen "populär" sein im Kampf um die Begriffe. Aber wir
sprechen aus einer linken Minderheitenposition. Debatten um Reform oder Revolution
sind langweilig.
TERZ: Ihr habt über ein Jahr daran gearbeitet. Könnt ihr uns euren
Arbeitsprozess transparent machen? Wie oft habt ihr euch getroffen (regelmäßig
oder bei Bedarf; am Anfang häufig, später gelegentlich...), habt ihr
die Serien gemeinsam bestimmt, habt ihr konkret an einzelnen Bildern zusammen
gearbeitet oder sind es Werke Einzelner? Wie würdet ihr den Zusammenhang
von individueller und kollektiver Arbeit jetzt bewerten?
Die Zusammenarbeit war besonders in der Anfangsphase schwierig, weil wir uns
zunächst nicht wirklich getraut haben, unsere Ideen und Entwürfe zu
kritisieren. In einer Diskussion kannst du eine Position vertreten, kritisieren
oder schweigen. Wenn du einen Entwurf präsentierst, trägst du dein
Herz in die Gruppe, deine kreative Verausgabung. Die Kritik daran geht dir viel
näher. Wir waren sehr vorsichtig miteinander. Das hat uns am Anfang etwas
blockiert. Zumal diese Arbeitssituation in einer Gestaltungsgruppe für
einige neu war. Jedes Plakat hat eine Autorenschaft, aber es wäre ohne
die Gruppe in dieser Form nicht entstanden.
TERZ: Eure Vernissage im AZ-Mülheim war sehr gut besucht. Hat euch
das überrascht? Wie würdet ihr das Publikum beschreiben? Wie war das
Feedback?
Im AZ waren über hundert Leute und das hat uns sehr überrascht. Viele
Freunde und Bekannte waren darunter - ein Familientreffen, aber ganz unterschiedlicher
Scenes. Das Feedback war überwältigend - Wir waren die Größten.
TERZ: Habt ihr schon weitere Ausstellungsanfragen? Wir würden euch
auch ger ne in Düsseldorf sehen.
Die Ausstellung wird am 28. Mai in der Zeche Carl in Essen im Zusammenhang mit
der Plakatbuchpräsentation "vorwärz bis zum nieder mit"
gezeigt. Dort stellt sich auch die Gruppe BUGPAPIER vor.
TERZ: Wollt ihr als Plakatgruppe weiterarbeiten, oder war dies ein einmaliges
Projekt?
Wir machen weiter.
TERZ: Danke euch!
Das Interview hat okapi@m4f.net geführt:
Wir sind auf der Suche nach den Kräften, die die Verhältnisse zum
Tanzen bringen. Wir gehen davon aus, dass die negative Gesellschaftlichkeit
des Kapitalismus da aufgehoben wird, wo sie produziert wird. Wichtig ist uns
also, Informationen über Kämpfe mitzubekommen, sie zu verbreiten und
aus ihnen zu lernen. Denn in den Kampferfahrungen wird die Kollektivität
erlebt, die eine andere Gesellschaftsform attraktiv macht.
Wir haben zuletzt die Streikberichte von McDonald´s in Paris übersetzt
und unter www.ainfos.ca ins Netz gestellt.
Ausserdem heben wir an der Arbeitsgruppe zur "Glokalisierung" mitgearbeitet:
www.prol-position.net
www.terz.org - 3.6.2002