Alle Erklärungsversuche seien vorläufig und griffen zu kurz, meinte
der Bundeskanzler und der Bundespräsident ergänzte: "Deutschland
trauert über ein unfassbares Geschehen." So äußerte sich
laut dpa die deutsche Führungsriege unmittelbar nach der Tat.
Gleichzeitig konnte man auf allen Fernsehkanälen, in Zeitungen und Zeitschriften
die Kommentare der semi-professionellen und hauptamtlichen JugendbetreuerInnen
genießen. Jeder wusste aus seinem Fachbereich Ursachen zu benennen, die
die Bluttat von Erfurt ermöglichten: Gewalttätige Video-Spiele, ein
lasches Waf fenrecht oder das starre thüringische Schulsystem müssen
zur Deutung herhalten.
Gesetze gegen Verrückte
Man sollte meinen, wenn der Sachverhalt unfassbar und unerklärbar ist,
wie es die PolitikerInnen behaupten, dann lohnt sich doch gar nicht das Befassen
mit der Untat. Aber so ist der Spruch nicht gemeint. Vielmehr will gesagt sein,
dass eine rationale Erklärung der Tat nicht möglich ist. Der Täter
habe keine Gründe für sein Massaker gehabt, er sei verrückt und
damit ein Fall für die psychiatrische Begutachtung. Allerdings gebe es
zahlreiche Umstände, die derartige Taten von Durchgedrehten befördern.
Dazu gehören die Gewaltdarstellungen in Video-Spielen und im Fernsehen.
Auch die Waffennarren kommen nicht ungeschoren davon. Ballerspiele und Schießprügel
sind halt nichts für Psychos.
Die ins Visier geratenen Vereine und Geschäftemacher greifen im Gegenzug
umgehend die exkulpierende Deutung auf. "Der Mann in Erfurt war psychisch
gestört", glaubt Burkhard Knot, Geschäftsführer des Rheinischen
Schützenbundes (NGZ, 30.4.). Rückendeckung erhält die Spiele-Industrie
aus der Wissenschaft. Eine Studie der Fachhochschule Köln kommt zu dem
Schluss: "Die Gewaltdarstellung ist für den Spieler unerheblich, entscheidend
ist der sportliche Erfolg. Eine Übertragung moralischer Werte auf die Wirklichkeit
findet nicht statt." (RP, 7.5.) Trotzdem gibt der Spiele-Redakteur der
Computerzeitschrift c't zu Bedenken: "Wie bei anderen Medien auch besteht
die Gefahr, dass es bei Menschen mit sozialen oder psychischen Defiziten zu
einem Realitätsverlust kommt, dass einer nicht mehr zwischen virtueller
und realer Welt unterscheiden kann." (ebd.)
Das merkwürdige Hobby, auf Zielscheiben zu ballern oder sich mit Brutalo-Spielen
zu vergnügen, wird hier nicht in Frage gestellt. Nur dürfen unbefugte
Personen - siehe Steinhäuser - keinen Zugang haben.
Die Welt ist also im Großen und Ganzen in Ordnung. Für den Rest ist
die Staatsgewalt zuständig. Sie darf die Gesetze verschärfen, die
Kontrollen ausweiten und die Strafen erhöhen. Die Klärung eventuell
rationaler Gründe für das Massaker ist nicht gefragt. Die sind nämlich
hausgemacht. Doch dazu später mehr.
Der Polizeistaat erstellt ein Täterprofil:
Ein auffallend unauffälliger Junge
Robert Steinhäuser war, wenn man den Medienberichten Glauben schenken
darf, ein ganz normaler Junge. "Ganz normal und unauffällig"
sagen die Nachbarn. "Er war schnell auf die Palme zu bringen" - sagt
seine Mutter. "Er hatte einen tiefen Hass gegen Lehrer" - sagt ein
Mitschüler. (RP, 29.4.) Er war so unauffällig, dass RP-Redakteurin
Pia Heissmeyer in ihrer Überschrift zusammenfasst: "Ein auffallend
unauffälliger Junge".
Anstatt hier zu klären, wie ein ganz normaler Junge darauf kommen kann,
nicht nur den Versuch zu starten, die versammelte Lehrerschaft umzunieten, sondern
auch sich nachher selbst zu vernichten, wird aus dem Befund ein merkwürdiger
Schluss gezogen: Weil man nichts Besonderes an dem Jungen finden kann, erklärt
man dies als Besonderheit und glaubt so Robert auf die Schliche gekommen zu
sein. Die Normalität ist eine besonders perfide Tarnung und kann somit
ein Indiz für extreme Gefährlichkeit sein. Dahinter steckt das grundsätzliche
Misstrauen des Polizeistaates, der in jedem Bürger den potentiellen Staatsfeind
sieht und ihn am liebsten auch so behandelt.
Analog dazu läuft in der Terroristenbekämpfung die "Schläfer"-Erkennung.
Auch dieser Typus von Mensch zeichnet sich durch besondere Unauffälligkeit
aus, hat ein besonderes Hobby (z.B. die Fliegerei), hängt obskuren Religionsgemeinschaften
an (Islam) und studiert - wenn überhaupt - nur unregelmäßig.
Unter diesen Aspekten wird demnächst in den USA die gesamte ausländische
Studierendenschaft inspiziert. Der Staat kommt so dem Ideal der vollständigen
Kontrolle des Individuums immer näher.
Die Gründe für die Tat
Robert war ein ganz normaler Schüler. Auf dem Gymnasium erwartete er den
entsprechenden Abschluss: das Abitur. Bekanntlich schafft das aber nur ein kleiner
Teil derjeniger, die neun Jahre zuvor mit diesem Ziel angetreten sind. Verantwortlich
dafür ist die Lehrerschaft, die für die Sortierung des Nachwuchses
in Masse und Elite zuständig ist.
Das durfte auch Robert im für ihn negativen Sinne erfahren. Schon nach
dem 10. Schuljahr gaben ihm die Noten darüber Auskunft, dass ein Verbleib
am Gymnasium für ihn wohl nicht vorgesehen war. Er versuchte, durch entsprechende
Prüfungen den Realschulabschluss zu erreichen. Aber auch das war ihm nicht
vergönnt. Also musste er den Leidensweg am Gymnasium weitergehen. Endgültig
Abschied nehmen von seinen Vorstellungen, im Kreis der Elite aufgenommen zu
werden, musste er, als er nicht die Zulassung zum Abitur erhielt und letztendlich
von der Schule flog, weil die Atteste, die er vorlegte, seiner eigenen Feder
entstammten.
Für Robert stand somit fest, dass die Schule seine Lebensplanung zerstört
hat und die Lehrer daran schuld waren. Da lag unser Todesschütze in seiner
Einschätzung irgendwo ganz richtig. Ziemlich daneben lag er trotzdem.
Der Zweck und das Ideal der Schule ist es, letztendlich eine objektive und sachliche
Sortierung der Schülerschaft ohne Ansehen der Person vorzunehmen, was die
Sache nicht gemütlicher macht. Das Resultat ist eine Menge frustrierter
SchülerInnnen, die auf der Strecke bleibt. Robert verwechselte Resultat
und Zweck. Für ihn war das Resultat, dass er auf der Schule eine herbe
Niederlage erlitten hatte, gleichzeitig der Zweck der Schule: Sie wollte ihn
persönlich fertig machen. Mit der Botschaft seitens der Schule, Versager
zu sein, konnte sich Robert nicht abfinden. Darum verschwieg er seiner Familie
den unrühmlichen Abgang von der Eliteanstalt. Und um sein Selbstwertgefühl
wieder herzustellen, mussten die nach seinem Befund Verantwortlichen für
seine Misere, die Lehrer, dran glauben.
War Robert ein Versager?
In seiner Trauerrede am 3. Mai mahnte der Bundespräsident, dass es falsch
sei, "Menschen nur nach Leistung zu bewerten. ," (RP, 4.5.)
Die Behauptung, dass Menschen in unserer Gesellschaft nach ihrer Leistung beurteilt
werden, ist rundum falsch. Ob jemand Erfolg im Leben hat, entscheidet sich nicht
über die individuelle Leistung, sondern über das vergleichende Ausschlussverfahren,
besser bekannt unter dem Namen Konkurrenz, das in der Schule mit der Notengebung
beginnt. Diese produziert eine ungefähr vordefinierte Anzahl vorläufiger
Gewinner (Abiturienten) und eine Masse Verlierer (alle Übrigen). JedeR
SchülerIn weiß, dass seine Anstrengungen nur dann zum Erfolg führen,
wenn die KlassenkameradInnen entsprechend faul sind. Darum verbarrikadieren
sich schon GrundschülerInnen, wenn sie einen Test schreiben. Sie wissen,
dass ihre Leistungen nur im Vergleich zählen.
Trotzdem glauben die meisten SchülerInnen, dass es letztendlich doch an
ihren Leistungen läge, wenn sie es zu etwas bringen. Das liegt einfach
daran, dass derjenige, der sich in der Konkurrenz nicht anstrengt, automatisch
auf der Verliererseite steht. Doch umgekehrt gilt der Schluss nicht. Wer sich
anstrengt, gehört eben nicht automatisch zu den Gewinnern.
Die unverwüstliche Ideologie von der erfolgversprechenden Leistung zeigt
sich in so bekannten Sprüchen wie "Jeder ist seines Glückes Schmied"
oder "Jeder trägt seinen Marschallstab im Rucksack". Angeblich
"liegt das Glück auf der Straße". Man muss es nur aufheben.
Die bürgerliche Gesellschaft ist eine einzige Gelegenheit für glückliche
und erfolgreiche Menschen. Und der Bürger lernt, dass er ein Anrecht auf
Erfolg und Teilnahme am Reichtum hat.
Wenn nun die Schule fälschlicherweise als Gelegenheit begriffen wird, in
der durch Leistung der Erfolg garantiert ist, muss sich derjenige, der die Ziele
nicht erreicht, als Versager vorkommen. Für diese Menschen hat der Bundespräsident
tröstende Worte gefunden: "Jeder ist wertvoll durch das, was er ist
und nicht durch das, was er kann." (ebd.)
Diese Menschen, die Verlierer in der Konkurrenz, dürfen sich auf anderen
Ebenen austoben: Sei es auf der Fußballtribüne, als Haustyrann in
der Familie oder am Stammtisch.
Steinhäuser bestand auf seinem Recht auf Erfolg und konnte sich mit dem
Urteil der Schule über ihn nicht abfinden. Die LehrerInnen haben das auf
blutige Weise zu spüren bekommen.
Schluss
Typen wie Steinhäuser sind Eigenproduktionen Marke bürgerliche Erziehung.
Wenn dem Jungmenschen fälschlicherweise eingeimpft wird, er sei durch seine
Leistung für seinen Erfolg verantwortlich in einer Gesellschaft, in der
die Gelegenheiten für Erfolg jedem zur Verfügung stehen, dann darf
nicht verwundern, dass so mancher "Versager" sich mit einem negativen
Urteil nicht abfindet und radikal wird. Und das hat mit "durchgeknallt"
oder einem psychischen Defekt bestimmt nichts zu tun!
In der kapitalistischen Gesellschaft geht es genau umgekehrt zu. Die gesellschaftlichen
Bedingungen sind nicht Mittel zum Erfolg des Menschen. Die lukrativen Jobs sind
in der Führungsebene rar gesäht. Der Konkurrenzkampf darum beginnt
in der Schule - und die meisten bleiben dabei auf der Strecke. Der Mensch ist
eben Mittel für den Erfolg von Staat und Kapital..Und hier muss eine vernünftige
Kritik ansetzen.
Komischerweise gibt es auch unter Linken den einen oder anderen, der das
"Glücksversprechen" der bürgerlichen Revolution gegen die
realen Verhältnisse eingelöst haben will. Zwar werden die chronisch
enttäuschten Genossen kein Blutbad anrichten, dennoch geht ihre Grundsatzkritik
an der Sache so ziemlich total vorbei. Und da treffen sie sich mit dem blutrünstigen
Robert.
www.terz.org - 3.6.2002