"Gibt es denn mehr als nur die eine Wirklichkeit? Lassen sich Wirklichkeiten tatsächlich wollen, ist nicht die eine vielmehr hinzunehmen? Und wo, bitteschön, gäbe es denn heute noch dieses "Wir", das andere Wirklichkeiten wollen könnte?"
Unter dieser Fragestellung fand am 27.04. die Eröffnungsveranstaltung der Stiftung W. in Wuppertal statt. Die Stiftung, die aus dem AK Perspektiven des Internationalismus des Infobüros Nicaragua hervorgegangen ist und sich vor etwa einem Jahr als eigenständige Stiftung gegründet hat, stellte sich hier erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor.
Die - möglicherweise irritierende - Frage nach anderen Wirklichkeiten markiert
eine erste grobe Suchrichtung der Stiftung. Was bedeutet Systemkritik heute
angesichts eines globalisierten, zunehmend als alternativlos erscheinenden Zivilisationsmodells,
in dem auch weiterhin die vielen womöglich möglichen der einen Wirklichkeit
werden weichen müssen: jener der hochvernetzten, computerisierten und durch
die westliche Kultur geprägten "Weltgesellschaft"? Wie können
Perspektiven jenseits des im Namen von Vernunft, Marktwirtschaft und Demokratie
geführten Dominanzanspruchs formuliert werden, ohne sich affirmativ auf
die Kategorien der herrschenden westlichen Vernunft- und Warenreligion zu beziehen?
Sind es doch dieselben Kategorien, die linken Bewegungen und ihrer Gesellschaftskritik
zu Grunde lagen und liegen. Um weiterhin "das System", welches mit
der uns umgebenden Wirklichkeit zuallererst uns selbst als Individuen, unser
Denken, Fühlen und Sein schafft und durchdringt, von außen anprangern
zu können, müssten wir im Stande sein, uns buchstäblich neben
uns selbst zu stellen. Jedoch hat die kritische Infragestellung der Kategorien
hegemonialer Wahrheits- und Vernunftsdiskurse eben nicht zur Herausbildung einer
viel beschworenen "wahren" Identität, einer "revolutionären
Subjektivität" geführt, sondern eben doch nur zu der zunächst
erschütternden Erkenntnis der Konstruiertheit aller zugeschriebenen und
zuschreibenden Identitäten (Stichwort RasseKlasseGeschlecht). Einschließlich
der eigenen. Worauf lassen sich also die neu zu (er-)findenden Bilder und Wirklichkeiten
gründen, wenn doch die traditionellen Kategorien linker Analysen ihre Gültigkeit
verloren zu haben scheinen?
Die Suche formuliert zum einen Kritik an bisherigen und konventionellen Formen
linker politischer Arbeit, zum anderen ist damit die Forderung nach neuen Formen
von kapitalismus- und patriarchatskritischen Widerständigkeiten verbunden,
ohne dabei auf konkrete Modelle verweisen zu können. Ausgangspunkt der
Stiftungsarbeit ist daher, dass es die althergebrachten Grenzziehungen wie jenen
zwischen Kultur und Politik, Sprache und Handeln, Alltag und Revolution aufzuheben
und den Blick für die gesellschaftlichen Dimensionen anderer Wirkungsweisen
zu erweitern gilt. So hat linke politische Praxis Literatur, Kunst und Alltagskultur
bislang häufig in den Bereich des Privaten verwiesen, dadurch in ihrer
gesellschaftlichen Relevanz förmlich ausgeblendet und, während sie
sich selbst im Bereich des Öffentlichen ansiedelte, als unpolitisch deklariert.
Die Stiftungsratsmitglieder haben sich vorgenommen, gemeinsam mit anderen Interessierten
und Gruppen neue Verknüpfungen von alltäglicher Praxis mit theoretischen
Reflexionsprozessen und "politischer" Aktion zu finden, um so die
(be-)herrschende Wirklichkeit wirkungsvoll in Frage zu stellen.
Mit der Eröffnungsveranstaltung wurde ein erster Versuch unternommen, neben
aller dargebotenen Theorie auch den Körper und die Sinne anzusprechen und
die klassischen Formen politischer Veranstaltungen zu verlassen. So wurden gleich
zu Beginn Carepakete an die TeilnehmerInnen verteilt, die, gefüllt mit
Eßbarem, Schreibutensilien und Geduldsspielen, diese durch den Tag geleiten
sollten, der auch verschiedene Gelegenheiten zu Körper- und Entspannungsübungen
bot. Eine Klanginstallation zur linken Parolengeschichte bot einen beeindruckenden
akustischen Überblick über die letzten 40 Jahre sozialer Bewegungen.
Die theoretisch geforderte Multiperspektivität und der angesprochene Perspektivenwechsel
wurden auf charmante Art auch räumlich umgesetzt: So sprachen die eingeladenen
ReferentInnen nicht etwa von einem Podium aus, sondern wurden auf wohnlich mit
Sesseln, Tischchen und Pflanzen ausgestatteten und im Raum verteilten Bühnen
platziert, deren Plätze zwischen den Vorträgen auch von anderen TeilnehmerInnen
besetzt wurden und das Publikum auf angenehme Art aktiv forderte, sich jeweils
neu im Raum zu verorten und auszurichten. Die ReferentInnen, insgesamt nicht
gerade die klassischen AutorInnen der Bewegung, repräsentieren in mehr
oder weniger direkter Weise Denkansätze, die für die Arbeit der Stiftung
von Bedeutung sind oder waren. Birgit Rommelspacher wurde eingeladen, weil ihr
Konzept der Dominanzkultur die eigene uneindeutige Rolle und die Involviertheit
ins System thematisiert, die (post-)feministischen Berlinerinnen Brigitta Kuster
und Renate Lorenz, weil ihre dekonstruktivistische Analyse alltäglicher
Verhältnisse sich nicht in theoretischen Reflexionen erschöpft, sondern
sich auch in ihrer Materialverwendung und der Art des Vortrags niederschlägt.
Uwe Pörksens Sprachkritik verdeutlicht, wie sehr unsere Sprache und die
darin transportierten unsichtbaren Bilder uns auf eine Wirklichkeit festlegen
und uns den Blick für andere Wirklichkeiten verstellen, und wie sehr dieser
etablierte Sprachgebrauch auch linke Debatten und Diskurse steuert. Kanak Attak,
als deren VertreterInnen Massimo Perinelli und Manuela Bojadzijev eingeladen
waren, steht mit deutlich neuen und phantasievollen Politikformen für eine
Selbstermächtigung, die sich schon im Namen widerspiegelt, und stellt eine
Analyse, die auch feministischen und postkolonialistischen Ansätzen Rechnung
trägt; Dabei schreibt der Bezug auf die eigenen migrantischen (kanakischen)
Kämpfe eine andere und eigene Geschichte, die eben nicht als eine der Niederlagen
begriffen wird. Natürlich war das eine Menge, vielleicht sogar zuviel theoretischer
Input für nur einen Veranstaltungstag, und gerade deshalb kam der Musikgruppe
Partita Radikale, die zwischen den einzelnen Vorträgen die Köpfe der
TeilnehmerInnen grandios kostümiert mit szenischen Darstellungen und musikalischen
Einlagen freizupusten verstanden, eine besondere Rolle zu.
Für die Stiftung W., die dezidiert keine Antragsstiftung ist, stellt die Eröffnungsveranstaltung einen Auftakt dar zu einem Prozeß, in den die verschiedenen hier vorgestellten Analysen Eingang finden sollen. Sie will Menschen versammeln, für die die schwieriger gewordene Konstellation leb- und vorstellbarer Systemkritik in der einen oder anderen Weise den Ausgangs-, und nicht den resignativen Endpunkt ihrer gesellschaftlichsverändernden Hoffnungen und Bemühungen markiert. Neben inhaltlichen Auseinandersetzungen sind weitere Veranstaltungen - Vorträge, Ausstellungen, Lesungen, Publikationen etc. - geplant, dabei bieten sich verschiedene Möglichkeiten zur Mitarbeit und Kooperation. Neben den verschiedenen Fragen, Sehnsüchten und Visionen bleibt bei der vorgestellten Suche die Unversöhnlichkeit gegenüber jeder Form von Herrschaft und Gewalt das die Gruppe verbindende Muster.
Kontakt: mail@stiftung-w.de
www.terz.org - 3.6.2002