“Neues” aus
dem Lemmer-Land
“Ich bin
mir fast sicher, daß es nicht das letzte ist, was man von ihm
hört, sieht oder
liest”, äußerte ein unter dem Pseudonym “Thule28”
auftretender Neonazi am 3.
Mai im Gästebuch der Homepage des RechtsRock-Magazins “Rocknord”
aus Hilden.
Thema war Torsten Lemmers kürzlich erschienenes Buch “Rechts Raus.
Mein
Ausstieg aus der Szene”, was in der extremen Rechten großteils
abgelehnt und
verrissen, teilweise aber auch gelobt wird. “Laßt mal den
Fernseher aus, und
lest Euch dieses Buch gut durch. Es liest [sich] so gut, dass ich es an
einem
Tag ausgelesen habe”, vermeldet ein anderer stolz nach Studium der 150
beschrifteten Seiten in einer Schriftgröße für
Weitsichtige.
Über den
Inhalt des Buches viele Worte zu verlieren, lohnt nicht wirklich. Alles
ist
einmal mehr bigger than big, Lemmer eben. Aus 100-köpfigen
antifaschistischen
Stadtspaziergängen und kleineren Kundgebungen vor seinem
ehemaligen Elleraner
Büro und seinem Derendorfer Sonnenstudio werden militante
Antifa-Demos mit bis
zu 1.000 Teilnehmern gegen “einen der gefährlichsten Neonazis
Deutschlands”.
Und natürlich ist es allen Erkenntnissen zuwider Lemmer
persönlich gewesen, der
Anfang der Neunziger die Hess-Märsche organisierte, vom
Autotelefon aus: “Ich
bevorzugte bei solchen Anlässen die Anreise im eigenen Wagen,
schon weil ich
mir meine Designer-Klamotten ungern dreckig machte. Außerdem
hatte ich im PKW
ein Funk-Telefon, über das ich den Aufmarsch meiner Kameraden
dirigieren konnte.”
Ob es
dieses Buch gibt oder in Hamburg eine Wurst platzt, ist eigentlich
egal,
ärgerlicher ist es, dass sich ausgerechnet der Schriftsteller
Gerhard Zwerenz,
1994 als parteiloses Mitglied für die PDS in den Deutschen
Bundestag gewählt,
sowie der Verlag “Das Neue Berlin” dazu hinreißen ließen,
Lemmer zu
unterstützen und sein Buch zu veröffentlichen. Zwerenz
hält sogar mit Lemmer
zusammen Lesungen ab und schrieb das Vorwort: “Als der kleine Torsten
lesen
lernt, lernt er auch aufzufallen. Um diese Zeit waren linke Parolen
verbraucht.
Wer aber ein Hakenkreuz an die Wand malte, erregte die Welt. [...]
Neonazismus
entsteht offenbar auch aus pädagogischer Verwahrlosung.” Und gegen
Naivität,
insbesondere Lemmer gegenüber, ist kaum ein Kraut gewachsen...
Lemmers
ehemaliger Kompagnon, der amtierende “Rocknord”-Chef Andreas Zehnsdorf,
weiß
indes, in bester Lemmer-Manier aus dem “Skandal”-Buch ein wenig Profit
zu
schlagen: “Unabhängig davon, was man vom ‚Indianerschmucktragenden
Rotweintrinker’ aus dem Dorf an der Düssel hält, dieses Buch
ist die 12,90 Euro
wert”, heißt es im “Rocknord online shop”.
Nun schickt
sich Lemmer an, das zu tun, wovon er seit Jahren träumt: Mitglied
des
Düsseldorfer Stadtrates zu werden und als
Oberbürgermeisterkandidat gegen
Joachim Erwin anzutreten.
Niemand,
weder die eigenen Leute, noch KritikerInnen, hatte ernsthaft geglaubt,
dass es
Lemmer bei seiner verkündeten Funktion als “Berater” der am 12.
Januar
neugegründeten “Unabhängigen Wählergemeinschaft für
Düsseldorf – LemmerListe”
belassen würde. Und so kam es dann auch: Am 1. Mai ließ er
sich zum
Spitzenkandidaten der “LemmerListe” für die Wahlen zum Stadtrat
und zum
Oberbürgermeisterkandidaten wählen. Zuvor verschwanden nach
einer
Pressemitteilung des Antifa-Kok (www.antifakok.de) und
Veröffentlichungen in
der TERZ (4/2004) das Ehepaar Volker Kempf (“wissenschaftlicher
Berater” der
Liste) und Martina Kempf (stellvertretende Vorsitzende) aus der Liste.
Beiden
waren von der Antifa Aktivitäten in der extremen Rechten
nachgewiesen worden. Eben
damit aber möchte die Liste vor der Wahl nicht in Verbindung
gebracht werden.
Es ist im übrigen mehr als unglaubwürdig, dass der Liste,
mindestens aber
Lemmer, die Aktivitäten der Kempfs vor den antifaschistischen
Veröffentlichungen nicht bekannt waren. Der offizielle Verlust der
beiden
dürfte aufgrund ihrer politischen Erfahrung auch durchaus
schmerzhaft sein, es
bleiben nicht viele geeignete Listenfunktionäre übrig. Ein
Blick hinter die
Kulissen offenbart jedoch, dass der Kontakt zwischen Lemmer und den
Kempfs
bestimmt nicht abreißen wird. Ein Blick in das Handelsregister
lässt die
folgende Firma zum Vorschein kommen, eingetragen am 16.12.2003:
“Lebenswissen
Verlag GmbH Hilden (Richrather Str. 195 a, 40723 Hilden ) [...]
Gegenstand: Die
Herstellung und/oder der Vertrieb von Büchern, Zeitschriften sowie
Tonträgern
und Nahrungsergänzungsprodukten.” Geschäftsführer sind
Volker Kempf sowie Saida
Lemmer, Torsten Lemmers Ehefrau und Zweitplazierte auf der
“LemmerListe” bei
den Wahlen zum Stadtrat. Erwartungsgemäß trägt die
“UWG-LemmerListe” also ihren
Zweitnamen mehr als zurecht.
Antifaschistisches
AutorInnenkollektiv
Drinnen und
draußen
Nicht
ganz
einverstanden mit den offiziellen “Feierlichkeiten” anlässlich der
EU-Osterweiterung am 1. Mai vor dem nordrhein-westfälischen
Landtag waren
diverse Revanchistenverbände. Während sich die adrett
gekleidete und um
Umgangsformen bemühte “Junge Generation” - wohl genetisch
“Vertriebene” - damit
begnügten, in der Altstadt Flugblätter (“Erst Deutsche, dann
Kosovaren – wer
sind die nächsten?”) des “Bund der Vertriebenen” (BDV) an viel zu
früh
aufgestandene TERZ-Autoren zu verteilen und sich einmal mehr für
ein “Zentrum
gegen Vertreibungen” in Berlin auszusprechen, verharrte der extrem
rechte “Bund
für Gesamtdeutschland” und andere bis in den Abend hinein mit
Transparenten,
Plakaten und Flugblättern an der Kniebrücke oberhalb des
Landtages. Bei den
Tausenden von BesucherInnen der offiziellen Festivität, die
bei sommerlichem
Wetter an ihnen vorbeispazierten, schien die Aktion jedoch
großteils für
Kopfschütteln zu sorgen. Einige beließen es nicht beim
Schütteln und legten
sich verbal mit ihnen an. Zu altbacken und offenkundig revanchistisch
vermittelte sich die Aktion. Dabei dürfte sich das Anliegen der
Mahnwachenden
für Großdeutschland nicht großartig unterschieden
haben von dem des “Gerhart
Hauptmann Hauses” (GHH), ehemals “Haus des Deutschen Ostens” mit Sitz
auf der
Bismarck-Straße, also des BdV. Einziger Unterschied zwischen
beiden war, dass
das GHH sich nicht unter der Kniebrücke stellen musste, sondern
einen eigenen
offiziellen Pavillon auf der EU-Fete hatte, in Greifweite zu dem des
neuen
EU-Staates Polen.
Antifaschistisches
AutorInnenkollektiv
Hartung
befreit immer noch “Südtirol”
Nach wie
vor fleißig für den “Südtiroler Freiheitskampf”
unterwegs zu sein scheint Dr.
Erhard Hartung, wissenschaftlicher Angestellter und Oberarzt im
Universitätsklinikum der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf. Gemeinsam mit
Peter Kienesberger referierte er am 12. Mai ‚auf’ dem Haus der
pflichtschlagenden und farbentragenden DB-“Burschenschaft Normannia
Heidelberg”
zum Thema “Der Südtiroler Freiheitskampf in den 1960er Jahren”.
Nachzulesen war
dieses u.a. auf der extrem rechten Homepage des Solingers Oliver Klas,
der auch
schon mal Veranstaltungen mit Horst Mahler und dem zwischenzeitlich
verstorbenen NPD-Rechtsanwalt Hans Günter Eisenecker organisiert.
Sowohl mit
Burschenschaften als auch mit dem so genannten Freiheitskampf im so
genannten
Südtirol - gemeint ist die norditalienische Provinz Trentino/Alto
Adige - kennt
sich Hartung gut aus. 1994 bundesweit in den Medien hat sich aber
zwischenzeitlich der Mantel des Schweigens bzw. des Vergessens um sein
Treiben
gelegt, auch an der Heinrich-Heine-Universität, wo er u.a. als
Dozent und Mitglied
des Personalrates der wissenschaftlich Beschäftigten im
Universitätsklinikum
tätig ist. Hartung persönlich gehörte nämlich zu
den “Südtiroler
Freiheitskämpfern”, ebenso wie Peter Kienesberger. Teile der
deutschsprachigen
separatistischen Bewegung in Trentino/Alto Adige griffen in den 1950er
und
1960er Jahren zu terroristischen Mitteln; es kam zu
Sprengstoffanschlägen und
Bombenattentaten, um die Loslösung von Italien und den Anschluss
an Österreich
zu erzwingen.1 Wegen der Beteiligung an mindestens einem dieser
Sprengstoffanschläge, bei dem vier italienische Soldaten
getötet wurden, wurde
Hartung in Italien in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.
Hartung ist
“Alter Herr” der Innsbrucker Burschenschaft “Brixia”, aus deren Reihen
diverse
Aktivisten des völkischen “Südtirol”-Terrorismus kamen und
ebenso diverse
Funktionäre der neonazistischen österreichischen
“Nationaldemokratischen
Partei” (NDP), die 1988 verboten wurde. Hartung, seit 1972 an der
Heinrich-Heine-Universität beschäftigt, fungierte damals als
NDP-“Sprecher der
in Deutschland lebenden Kameraden” und unterhielt ein “NDP-Sonderkonto”
in
Düsseldorf.
1994
bestätigte ein Gericht Hartungs Rauswurf aus dem Kuratorium der
Düsseldorfer
“Herrmann Niermann Stiftung”, über die separatistische Bewegungen
unterstützt
wurden. Die Hartung-Clique stand in Verdacht, nicht unerhebliche Summen
in den
“Freiheitskampf” geschoben zu haben.
Nach einer
Kampagne antifaschistischer und fortschrittlicher studentischer
Gruppierungen
gegen Hartung sowie einer bundesweiten Presseberichterstattung
kündigte der
Rektor der Heinrich-Heine-Universität im Oktober 1994 Hartungs
Arbeitsvertrag,
das zuständige Verwaltungsgericht bestätigte die
Rechtmäßigkeit des Rauswurfes.
Diese Bestätigung wurde jedoch später vom
Oberverwaltungsgericht Münster
kassiert, Hartung kehrte an die Universität zurück, wo er
auch heute noch
völlig ungestört und offenbar sehr angesehen seiner Arbeit
als Anästhesist
nachgeht; wenn er nicht gerade über die Rechtmäßigkeit
des “Südtiroler
Freiheitskampfes” referiert oder seine “Brixia” in Innsbruck besucht.
Antifaschistisches
AutorInnenkollektiv
1
Vgl. Jörg
Kronauer: Die neuere Entwicklung der “Deutschen Burschenschaft”, in:
LOTTA –
antifaschistische Zeitung aus NRW (www.free.de/lotta),
Nr. 16/2004, S.
16 ff.
Literaturempfehlungen
Antifa-Referat
des AStA der HHU: Gegenwind – Antifaschistische Materialsammlung Nr. 1:
Der
Fall Hartung, Düsseldorf 1994
Ohne
Autorenangabe: Erhard Hartung – Die Spitze des Eisberges, in:
Antifaschistische
NRW-Zeitung, Nr. 7, Februar- April 1995, S. 5 f.
AutorInnenkollektiv
des Antifa-KOK: Entwicklungen neofaschistischer Strukturen im lokalen
Raum, in:
RechtsSchutzInstitut (Hg.): Lokalpolitik und die extreme Rechte in
Düsseldorf,
Düsseldorf 1997