bookThe Inner Circle
Manchmal schüttel ich nur noch den Kopf. Jeder Mensch, der in einem Verlag arbeitet, weiß wie schwierig dieses Geschäft heute ist und Geld verdienen müssen wir schließlich leider alle. Aber aus T.C. Boyles neuem Roman “The Inner Circle” in der deutschen Ausgabe “Dr. Sex” zu machen, ist schon ganz schön blöd. Ein Hoch auf diese Idee.
Meiner Meinung nach hat Boyle zwei sehr gute Bücher geschrieben (“World’s End” und “Wassermusik”) und danach vieles, das zwischen Mittelmaß und ganz nett liegt. Er ist ein begnadeter und schw-arzhumoriger Erzähler, dem man eins lassen muss: Selbst seine schwächeren Bücher sind nie langweilig, sondern höchstens von einem Mangel an Tiefsinn geschädigt. Konservativen AmerikanerInnen liegt er ganz sicher schon auf Grund der Themenwahl in seinen Büchern schwer im Magen. Allerspätestens seit er in “America” dem liberalen Milieu seine Heuchelei im Umgang mit den ganz Armen (hier illegal eingewanderten Mexikanern) unter die Nase rieb, wird sich seine Popularität auch dort in Grenzen halten. Sein neuer Roman ist die fiktive Autobiographie eines erfundenen Assistenten des berühmten Dr. Kinsey, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg durch diverse Sexreports die prüden USA schockierte. In der äußerst unterhaltsamen Erzählung wird deutlich, in was für einer Zeit ein Wissenschaftlerteam ganz unbedarft anfing, den Leuten Fragen über ihr Sexualleben zu stellen. Daß dies für die Wissenschaftler nicht immer einfach war versteht sich von selbst und wie immer kann der geübte Boyle-Leser langsam die Katastrophen erahnen, in die sich seine Protagonisten chancenlos verrennen.
Kurze Probe:
“Und hier verlor ich wieder den Boden unter den Füßen, denn ich stellte dieser im landläufigen Sinne hübschen und höchstwahrscheinlich verwöhnten Pofessorengattin, diesem eleganten blonden Juwel von einer Frau, geschmackvoll und makellos gekleidet, die nächste Frage dieser Sequenz, und die lau-tetete: “Wie viele Orgasmen haben Sie im Durchschnitt?” ... “Ich würde sagen, so ungefähr zehn bis zwölf.” Bestimmt war mir meine Überraschung anzusehen: Selbst unter den Interviewten mit der höchsten Orgas-musfrequenz gab es nur wenige, die an diese Zahl heranreichten. “Pro Woche?” fragte ich. Und dann, idiotischerweise: “Oder ist das eine auf den Monat bezogene Schätzung?” Jetzt war sie es, die errötete -  nur eine ganz zarte Verfärbung unter den Wangenknochen und entlang der Nasenflügel. “Nein”, sagte sie, “nein, ich meinte täglich.”
 
Der arme junge Wissenschaftler muss immer wieder die unmög-lichsten Herausforderungen überstehen und dabei mit seiner katholischen Gattin klar kommen. Aber wie immer bei T.C. Boyle ist der Roman nicht nur lustig. Boyle stellt die Frühzeit der Sexualwissenschaft als ständig von Pfaffen und Politikern bedrohte Ära dar, die allerdings auch kritisch gesehen werden kann. So ist Dr. Kinsey in diesem Roman zumindest jemand, der die Menschen wie Säugetiere sieht und ein sehr fragwürdiges Weltbild hat. Von dem, was er seiner persönlichen Umgebung zumutet ganz zu schweigen ....
Alles in allem: Ein optimales Buch, um es bei schönem Wetter auf einer Wiese liegend zu lesen.        
Fehri
T.C. Boyle: Dr. Sex, Hanser, 2005, 468 S., 24.90 Euro
 
 
bookLabyrinth der Masken
Dies ist der dritte von vier Bänden des kubanischen Krimi Autors Leonardo Padura. Erneut ermittelt der Kommissar Mario Conde in einem Mordfall. Am 6. August wird in Havanna die Leiche eines Transvestiten gefunden. Pikanterweise ist der Tote der Sohn eines kubanischen Diplomaten. Eine heikle Ermittlungsaufgabe, die Kommissar Conde gerne übernimmt, da er so von seinem jetzigen Posten, der Karteikartensortierung, in die er strafversetzt wurde, wegkommt. Schon führen ihn seine Ermittlungen zu dem exzentrischen Marques. Bis dieser in Ungnade des Politbüros fiel, war er ein anerkannter Theaterregisseur auf Kuba, der nun im Stillen sein exzentrisches Leben führt. Kommissar Conde lässt sich von dieser auch für ihn unbekannten Seite Kubas einfangen und entwickelt eigene Ambitionen. Immer mehr verstrickt sich Kommissar Conde in einem Verwirrspiel, wo nichts mehr so ist, wie es scheint. Selbst bei seinem Arbeitgeber, der Polizei von Havanna, gibt es faustdicke Überraschungen, wie interne Untersuchungen zum Vorschein bringen, von denen auch Condes direkte Umgebung nicht verschont bleibt. Kurz vor der Rente stehend, wird Kommissar Conde ein immer schärfer Beobachter der gesellschaftlichen Zustände auf Kuba.
Wie in den vorherigen Bänden zeichnet Padura ein Bild von Kuba, das so ganz anders ist, als das was man so kennt und dem Urlauber in der Regel auch verschlossen bleibt. In dem er mit offenen Augen die Zustände betrachtet und pointiert beschreibt, entwickelt er eine offene Kritik an den herrschenden Zuständen. Die Korruption und kriminellen Machenschaften reichen bis in höchste Kreise. Während Padura diese Kaste verachtet, liegt seine Sympathie bei den einfachen Leuten, die mit kleinen und manchmal auch etwas größeren nicht ganz legalen Aktionen ihr Überleben in einer schwierigen wirtschaftlichen Zeit organisieren müssen. In diesem Buch geht es aber insbesondere um die verfehlte Kulturpolitik Kubas, die besonders in den ersten Jahrzehnten nach der Revolution in einen Moralismus verfallen ist, bei der das Politbüro die kulturellen Eckwerte bestimmte und die jegliche Abweichung verfolgt hat. Eine unheilvolle Politik, die bis heute nachwirkt, auch wenn sich mittlerweile vieles zum besseren gewendet hat. Das kommt insbesondere im Nachwort zur Sprache. In der Zeit vor der Revolution war Kuba das billige Hinterhofbordell für die USA. Folglich hatte die kubanische Revolution einen “puritanisch tugend-wahnhaftigen Kern”, der kaum Abweichungen zuließ. Wiederum ein Roman Paduras über den man eine Menge über Kuba erfährt und dazu noch  spannend geschrieben.
Meikel F
Labyrinth der Masken - Leonardo Padura; Unionsverlag, 272 S. , 19.90 Euro

www.terz.org - 31.05.2005