by
HONKER
MADE MY DAY
“Es bleibt dabei: die
Aufstiegschancen von Geringverdienern
in Deutschland werden schlechter. Immer mehr Menschen verdienen immer
schlechter - und immer weniger Menschen schaffen den Aufstieg, denn nur
jeder
dritte der 3,6 Mio Geringverdiener in Deutschland verlässt im
Laufe seines
Lebens den Niedriglohnsektor. Vor 15 Jahren schaffte das noch jeder
zweite” -
so war’s letztens in der Presse zu lesen. Die Führung dabei
übernehmen, wie
immer, unsere Ossis, hier die thüringischen Friseure mit tariflich
vereinbarten
sagenhaften 3,18 Euro, im Westen sind die Bremer Haushaltshilfen mit
auch nicht
üblen 5,56 Euro am schlechtesten. Ja aber und? Ist doch bald
Sommer, da wachsen
die neuen Regierungen wie die Blümchen. Und machen’s wie die
gute alte
Zigarettenindustrie: das Hartz IV Summer-Jobbing rollt an, das
Casting läuft
ab jetzt! Bewirb dich als “One-Euro-Hand” in
Sachsen-Anhalt, als “Temporary-Factory-Worker”
im wilden Ruhrpott, oder vielleicht als
“Highway-Trail-Builder”? Alles ist
möglich! Harte Zeiten brauchen gute Musik. Hier:
SMOG: A RIVER AIN’T TOO MUCH TO LOVE (Domino)
Das isses.
Indieland ist abgebrannt, aber Bill Callahan
reift in seiner Flasche wie der beste Wein. 10 der derzeit besten Songs
über
Leben und Sterben. Urguter fragiler, klarer und starker Klang. Und wie
das
swingt. Mit seinem bis dato besten Gesang schlüpft Smog in die
Rolle des freien
Vogels, des Migranten, der zu spät aufbricht und so eine komplett
neue Welt
sieht und erfährt. Großartig.
DEADMAN: OUR
ETERNAL GHOSTS (One little Indian)
Nach seinem
2001er Debut legt das f/m Duo aus Texas jetzt 10
sehr seelenvolle Gospel-Drones nach, die erneut Mark Howard
produzierte. So was
kommt heraus, wenn man auf Eno und Aretha Franklin steht:
traditioneller
Country-Soul im Stil von Gram Parsons oder The Band, aber komplett auf
der Höhe
der Zeit. Weg von den Texasmonstern, und mit Goyas Monstern hinein in
die Welt.
SONGDOG: THE
TIME OF SUMMER LIGHTNING (One little Indian)
Was ist das
denn? Ich glaube, eine der besten Songplatten
der Neuzeit. Die walisischen Provinzler reiften nach zwei Alben in
London zum
Klassetrio, dessen dunkles, raues und magisches Songwriting eine
treibende kleine
Spinne ist, die zielsicher und klar ihr Netz um dich webt. Nur echt mit
Clash-Cover.
CANNED HEAT: THE
VERY BEST OF (Capitol)
Ihr Auftritt in
Woodstock gehört zum besten, was weisser
Bluesrock der Neuzeit je zu bieten hatte. Aktuell tourt eine Besetzung,
bei der
nur noch Drummer Fito de la Parra als Urgestein mitmacht. 19 Tracks,
drei live!
Auch die Kracher mit den Idolen John Lee Hooker und Little Richard,
machen noch
mal eindrucksvoll erfahrbar, wie der legendäre Fünfer den
Blues für uns alle
herunter boogiete.
STEPHEN MALKMUS:
FACE THE TRUTH (Domino)
Das dritte
Soloalbum des Ex-Pavement-Masterminds erinnert
stark an die frühen Roxy Music. Sehr eigenwillige und originelle
Instrumentierungen und Arrangements sorgen dafür, dass diese
hochspannende
Musik nicht im Sumpf abgehalfterter Profi-Experimente versinkt. Eines
der
wenigen Indie-Expansionen, die auch noch in vielen Jahren Neues
offenbaren
werden.
MAXIMO PARK: A
CERTAIN TRIGGER (Warp)
Was man von den
neuen Indie-Darlings nicht unbedingt sagen
kann: das ist modische Retro-Schleife galore, das ist New-Wave 1980.
Und leider
unverschämt gut. Nur: wozu soll das gut sein? Modeschauen?
Seltsamer Kreis.
BENJAMIN
DIAMOND: OUT OF MYSELF (!K7)
Meint der das
ernst? Ex-Stardust-Vokalist außer House,
bastelt sich Songwriterpop nach Baukastenprinzip zusammen. Nicht
klassisch,
vielmehr geschmäcklerisch, 1000mal gehört und vor allem
Mitt80er, dass man erst
mal präventiv ab- bzw. durchwinkt. Was schade wäre, denn in
Folge der Scheibe
passieren dann doch noch einige recht gute Songs, für die sich
Hinhören lohnt.
SUZIE ROCK: O.K.
(Strunz!)
17 Minuten, 7
Songs, Schönster SpeedRock - noch Fragen? Die
Scheibe des hiesigen Dreiers erscheint am 30. Mai, laut Schulze &
Schulze
und einigen mehr der Weltuntergang, aber hiermit fängt die Welt
eigentlich erst
an. Nämlich geil zu sein. Das ist nun mal wirklich definitiv so.
Tut mir leid,
ich mag Trios.
E:GUM: KEYBOARD
LIES (Klein)
Und immer wieder
Hans Platzgumer, hier mit saudoofem Cover,
aber Superprojekt. Mit Jens Döring und dem wundervoll
lasziv-tightem Gesang von
Catriona Shaw hat’s hier obskuren ElectroFunk mit vielen
Holperstellen und
Kanten, aber stets straight und hier. Nie überkomplex, doch nie zu
simpel und
abgedroschen. Rollt reduziert auf den Punkt und dann over the top.
FOUR TET:
EVERYTHING ECSTATIC
(Domino)
Weil Kieran
Hebden die Schnauze von der eigens kreierten
Folktronika voll hatte, setzt sich der Junge hier ans Schlagzeug und
kramt in
der Technokiste. Klingt komisch? Auf jedenfall! Eines der witzigsten
Instru-mentalalben der Zeit!
ZION I: TRUE
& LIVIN (Live Up)
Woweee…das
Duo aus Oakland mit dem Drittling.
Supersoulfuller Flow aus Sample und Live-HipHop, Talib Kweli, Del oder
Aesop
Rock als Gäste, und, yeah, alles auf dem eigenem Label...this is
exactly how we
wanted it. Hört man!
Eines der
gefühlvollsten, bewusstesten und schönsten
HipHop-Alben der Zeit.
VIRUS SYNDICATE:
WORK RELATED
ILLNESS (Planet Mu)
Kann man von
diesem Album nicht gerade sagen. Warum Planet
Mu nach Neuer Musik jetzt auch noch unbedingt HipHop
veröffentlichen muss,
bleibt sein Geheimnis. Im Klartext: es nervt. Dieser misogyne
Grünschnabel-Vierer aus Manchester hat mit seinem Rap-Comic
absolut nix Neues
zum Genre beizutragen. Das ist Grime?! Hey, ihr Scheiss-Weissbrote -
werdet
alt.
V.A.: NOW 02
(underscan)
Die zweite EP
von underscan macht mit Scanner, Onethema,
Quench und Rod erneut deutlich, worum es dem Label geht. Hier heisst
das: sehr
beatbetonte hiphop-hypnotische Dramatisierungen von elektronischen
Klängen.
Spannend!
ANTHONY NICHOLS:
NECESSARY PHAZES
(Track Mode)
Jenseits der
Klischees gelingt dem DJ aus Chicago DeepHouse
mit Jazz, Soul und Funk-Einflüssen, der in seinen besten Momenten
weit über das
Mittelmaß hinausragt, bisweilen aber auch sehr im
Allgemein-Belanglosen
plätschert.
V.A.: THE
ARABIAN CLASSICS CHILLOUT (EMI Music Arabia)
Wasserpfeife
raus und CD rein: auf 16 Tracks warten aktuelle
arabische Hits mit traditionellen Klängen in chilliger
Elektrofusion auf euch.
Auch hier ist das Ergebnis durchwachsen: herrliche Entspanner wechseln
mit
trägen Hängern.
V.A.: SOCA GOLD
2005 (VP)
Statt Kamelle:
der karibische Karneval wird seit diversen
Jahren durch die Soca-Compilations und ihre ,grosse Klappe, viel
dahinter’-Hits
bestens abgebildet. Mit diesen vital-gutgelaunten 18 Tracks
wird’s auch was mit
der Sommerparty.
TOSCA: J.A.C.
(!K7)
Traniger
Downbeat-Schmäh war gestern: Huber und Dorfmeister
servieren ihre grandiosen und üppigen Soundtracks tighter,
funkiger und
entspannter denn je. Diese famose Achter-bahnfahrt ist universenweit
entfernt
vom blöden Kaffehaus-Klischee, mit dem diese humorigen Urguten ja
nie zu tun
hatten.
CHRISTOPHER
JUST:
ROLAND FLICK
FAIRMONT... (Combination)
Der etwas
hedonismusgeläuterte Wiener, der in letzter Zeit
nicht ganz so arg fit war, will’s noch mal wissen. Zwischen
Discotentech und
Italohüpfburg schafft sich der Ex-Technoclown eigentlich ganz fit
in die
Jetztzeit: Open House OK!
ELECTRONICAT:
RE:BIRD (Angelika Köhlermann)
Elektrorocker
Fred Bigot lässt sein erstes Album “Birds want
to have fun” kongenial von Wahl- und Seelenverwandten remixen.
Sehr schön. Auf
der Festplatte tummeln sich Mike Ladd, The Hacker, Kid 606 oder auch
Anne
Laplantine. Das ganze Album ist wunderbar facettenreich und disparat.
V.A.: ARMY OF ME
– CHARITY RECORD (One little Indian)
Björk hat
etwas mehr Fans: über 600 Beiträge landeten für
den Remix- und Coverwettbewerb für ”Army of me” auf
ihrer Website. Die von ihr
mit Graham Massey von 808 State ausgesuchte Compilation
unterstützt die Arbeit
von Unicef weltweit, zu hören sind abstruse, ödige bis tolle
Versionen aus
Heavy Metal, Elektro, Pop oder Folklore - quer durch alle Länder.
KEITH BERRY: THE
EAR THAT WAS SOLD TO A FISH (Crouton)
Fantastisch, was
der Londoner Komponist hier macht: total
leise, langsam und filigran, doch sehr bestimmt, präsent und nie
beliebig
tastet er sich mit Klarheit und Intuition durch ein Labyrinth. Berry
geht es
darum, Philosophien der De-Konzentration akustisch abzubilden und zu
verstärken. Es ist im Grunde unbeliebige Mood-Musik, wie der beste
Jazz, der
beste Ambient. Nur 300 Stück.
JANE: BERSERKER
(Paw Tracks)
Irre schön:
Acid-Folks entdecken Techno. Panda Bear und sein
Kumpel Scotty mochten schon immer Musik zum Tanzen. Im Animal
Collective
Proberaum, noch lieber aber zuhause in Greenpoint nahmen sie mit
minimalstem
Equipment maximalst originelle Tracks auf, bei denen es nicht um
Stilwissen und
Geschmacksschrott, sondern um Seele, Spaß, Denken und Fühlen
geht.
ARIEL PINK: WORN
COPY (Paw Tracks)
Und noch ein
sehr bemerkenswerter Release auf dem Animal
Collective-Label: in 17 Songs zelebriert Pink eine
Acid-Space-Prog-Pop-Show,
die ebenso herrlich intim wie obszön ist. Eine Reise durch einen
Phazer. Auf
Paw Tracks findet sich derzeit die definitiv erfrischendste
Außenseitermusik
für Millionen.
DOMOTIC: ASK FOR
TIGER
(Active
Suspension)
Auch ein
Tier-Verwandter: Sté-phane Laporte, der seine
enigmatische wie simple Tiger-Musik zwischen Noise, Kraut und Song hin-
und
herspringen lässt. Und der inmitten seiner eigenwilligen
Track-Song-Dickichte
immer wieder singt, was uns immer wieder auf falsche Fährten
führt. Nur echt
mit Donovan-Cover.
GIUSEPPE IELASI:
GESINE (Häpna)
A Tribute to
Gesine Schwan? Auf jedenfall titelt der
italienische Improv-Gitarrist seltsam. Luzid und magisch jedoch sein
Spiel auf
diesen sechs Tracks zwischen Folk-Drone und Industrial-Country. Sehr
prägnant
wirkt auch der elektronische Unterbau, und das Cover gehört zum
Besten der
letzten Zeit.
MORCEAUX DE
MACHINES:
ESTRAPADE (No
Type)
Haha, was
schreiben die da? Die B-Boys der Musique-Concrète,
sehr schön! Naja, das Duo, trackweise erweitert um u.a. Otomo
Yoshihide, gibt
sich wirklich alle Mühe, neue Standards für den Digital-noise
des 21.
Jahrhunderts zu finden, doch Estrapade, angeblich eine Art
französischer
mittelalterlicher Folter, klingt letztlich gar nicht so betont wild,
sondern
setzt vielmehr längst vorhandenes Material maximal reduziert neu
zusammen. Die
Kanadier opponieren großmundig gegen Klischees und Pop, finden
sich aber selbst
oft in Anti-Pop-Klischees wieder. Punkt aus. Könnte aber live sehr
spannend
sein.
SCHWABINGGRAD
BALLETT: s/t
(Staubgold)
Darauf habt ihr
alle gewartet, stimmt’s? Das 2000 bei einem
antirassistischem NoBorderCamp gegründete Kollektiv wirklich aller
jetzt
üblichen polit-, pop- und kunstlinken Verdächtigen (klar
fehlt wieder mal die
Hälfte!) versammelt alle Schönheiten und Schrecklichkeiten
kollektiver
linksradikaler Stimmungs-Avantgarde. Und das ist so geilscheisse-geil,
das muss
man wohl wirklich live hören. Von wegen! Das müsster sofort
vergessen, das
müsster schon sofort selber machen. Aber erst mal hier
reinhören, dass das wohl
klar ist!
PET SHOP BOYS
PRES.: BACK TO MINE (DMC)
So, jetzt geh
ich kacken und hör PSB. Und wer da stört, ist
des Todes. Die Back-to-Mine-Serie, auf der Musiker Wurzeln ziehen oder
Seelenverwandtes
ineinanderrühren, glänzte in letzter Zeit nicht immer mit
Hochlichtern. Und
jetzt: Wowee! Und zum ersten mal eine Doppel-CD. Tennant mischt in
superber
Stimmung eklektizistischen Melancholie-Ambient, Klassik und
schönstrange Songs,
Lowe dagegen, man ahnte es, persönliche
Italo-und-Trash-Disco-Klassiker. Die
Mischung, wie immer, macht’s. So, ihr “Temporary Music
Consumers”, dann bewegt
euch mal aus dem Niedriglohnsektor raus!
www.terz.org - 31.05.2005