MoersFestival
2005
Weltoffenheit
und Lokalchauvinismus
Es
hätte ein musikalisches Mai-Highlight werden können: Das
Programm des 34. Internationalen New Jazz Festivals las sich beinahe
wie ein
“Best Of” der letzten Jahrzehnte Moers-Musik-Geschichte.
Doch der Abschied des
Gründers und bisherigen künstlerischen Leiters, Burkhard
Hennen, sowie die Diskussionen
über Fortbestand und Perspektiven des Festivals entwickelten sich
zum
Politikum, das das Musikprogramm überschattete.
Jedes Jahr zu
Pfingsten trifft sich in Moers eine
internationale Avantgarde von MusikerInnen aus den Grenzbereichen
zwischen
Jazz, Rock, Elektro, Improvisations- und Weltmusik. Herbie Hancock und
Dizzy
Gillespie standen hier ebenso auf der Bühne wie George Clinton und
Sun Ra, Femi
Kuti und Cheb Khaled ebenso wie Fanfare Ciocarlia und Nusrat Fateh Ali
Khan,
die Amsterdamer ArtPunker von The Ex und die Einstürzenden
Neubauten, die
sagenumwobenen The Residents, der Finnentango-Revoluzzer M.A. Numminen
oder
Helge Schneider. Angereichert wird dies mit neuen und unbekannten
Formationen,
experimentellen “Projekten” und der sich großer
Beliebtheit erfreuenden
“African Dance Night” in der Moerser Eissporthalle.
Parallel zum
Festival entsteht im angrenzenden Park eine
Zeltstadt mit kostenloser Camping-Möglichkeit, die über die
regulären
BesucherInnen hinaus eine bunte Schar von Leuten anlockt. Zwischen den
obligatorischen Fressbuden und Verkaufsständen schwirren hier
Punks, Hippies,
Grufties, Techno- und HipHop-Kids durcheinander, die mit
unzähligen kleinen
Parties ein “Festival im Festival” entstehen lassen.
Dieses Jahr
endlich mit Pressekarten ausgestattet, starteten
wir also trotz des trüben, aber immerhin nicht regnerischen
Wetters
optimistisch durch zu unserem ersten Konzert, bei dem die beiden
aktuellen
Mitglieder der legendären ArtRock-Formation King Crimson, Trey
Gunn (g) und Pat
Mastelotto (dr), die auch gemeinsam unter dem Namen KU firmieren, auf
das
finnische Duo Kluster, bestehend aus dem Akkordeonisten Kimmo Pohjonen
und dem
Elektroniker Samuli Kosminen, trafen. Und was direkt für ein
Hammer! Die vier
entfachten einen Sound zwischen Improvisation und Melodik, der prima
die Ohren
frei fegte für die nächsten Tage. Das reichte fürs
erste, die Yohimbe Brothers
mit Vernon Reid von den Living Colors haben wir uns gespart ... aber
soll eh
enttäuschend gewesen sein.
Am Samstagmorgen
dann zum Ausnüchtern ins Schulzentrum, wo
auf zwei Bühnen verteilt die sogenannten “Projekte”
stattfinden, ein
Tummelplatz für (nicht nur) musikalische Experimente aller Art,
die zu Zeiten,
als der WDR noch einen Großteil des Festivals übertrug, als
“nicht sendefähig”,
da nicht ausreichend massenkompatibel eingestuft wurden. Die Projekte
wurden
dieses Jahr betreut von The Ex und dem Kölner Jazzschuppen Loft,
beide in/mit
diversen Konstellationen schon häufiger in Moers dabei. Hier
konnte dann in der
Turnhalle u.a. das Temperament von Katherina Ex bewundert werden, mit
body
percussion und am klassischen Drumkit, begleitet von zwei
Saxophonisten, die
für diese frühe Stunde ganz schön die Post abgehen
ließen. In der benachbarten
Aula ging es da schon ruhiger zu, auf halbwegs bequemen Stühlen
ließ es sich
genüsslich diversen ungewöhnlichen Instrumentbehandlungen
beiwohnen, bis der
Sinn dann doch wieder nach groovigeren Dingen stand.
Das wars jedoch
leider fürs erste mit der Musik, denn nach
diversen Zwischenfällen am Samstagnachmittag und einem
cineastischen Ausflug am
Abend wurden wir des Nachts leider Opfer der auf sämtlichen
Festivals Jahr für
Jahr zunehmenden Kleinkriminalität, was nicht nur die
Sonntags-Stimmung
ziemlich versaute, sondern uns auch um die Möglichkeit weiteren
Fotografierens
brachte, da die DigiCam samt bereits gespeicherter Fotos sozusagen
unterm Arsch
weg, während des Schlafens aus dem Zelt geklaut wurde ... da
konnte auch die
Afro-Disko am Sonntagabend nicht mehr viel rausreißen. Müde
und abgeklärt
kehrten wir zur Übernachtung nach Düsseldorf zurück, um
am Montag ausgeschlafen
und geduscht wenigstens noch ein paar interessante Acts mitzubekommen.
Für den
letzten Festival-Tag hatte sich der scheidende
Leiter Burkhard Hennen aber dann doch einen persönlichen
Paukenschlag
aufgehoben: Durch ein auf dem gesamten Gelände verteiltes
“ExtraBlatt” und in
einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz ließ er etwas von
den
Hintergründen seiner Entscheidung, den Streitereien mit
Rundfunkanstalten und
städtischer Kultur-Verwaltung durchscheinen.
Was der Herr
Hennen da allerdings von sich gab, mutete
teilweise schon befremdlich bis bedenklich an angesichts einer
Festival-Konzeption, die sich durch ihre transnationalen und
multilateralen
Kooperationen stets weltoffen und tolerant, darüber hinaus durch
jahrelange
Partnerschaft mit der Aktion Mensch als Vorreiter bei
behindertengerechten
Veranstaltungen geriert. Der offensichtlich überzeugte (Links‑)
Niederrheiner
stellte in einem ausschweifenden historischen Exkurs die Rolle des
Niederrheins
als ewig besetzte Region heraus und spannte den Bogen zum aktuellen
Verkauf des
Festivals an den WDR. Das Festival sei “nach Köln
verschachert” worden,
verstieg er sich während der Pressekonferenz, im ExtraBlatt war
von “Colonisierung”
des Festivals die Rede (immerhin auch im Original in
Anführungszeichen), und
auch bei der Verabschiedung des Veranstaltungs-Teams, die vor dem
letzten
Konzert eingeschoben wurde, betonte Hennen immer wieder die Herkunft
der
Mitglieder, die fast sämtlich aus Moers oder zumindest vom
Niederrhein kommen.
Dieser lokalchauvinistische Blut-und-Boden-Romantizismus mündete
schließlich in
dem Ausspruch: “Jenseits des Rheins beginnt für uns das
andere Deutschland.”
Bei allem Verständnis für eine durch jahrelange Reibereien
und Stress sich
niederschlagende Frustration – dies alles ließ sich
irgendwie schon schwer
vereinbaren mit der übrigen Atmosphäre ...
Dennoch erhielt
Burkhard Hennen, der sich nun nach neuen
Lokalitäten umsehen wird, wahrscheinlich den größten
Applaus während der ganzen
Tage. Eine pathetische Zuspitzung wie “Wir werden nicht dienen!
Wir wollen
agieren!” zieht halt immer. Und dass ihm unbestritten große
künstlerische
Verdienste für die 34 Jahre währende Programmgestaltung
zustehen, konnte er
auch an seinem allerletzen MoersFestival-Tag noch einmal unter Beweis
stellen.
Die letzten Acts
wogen unsere erneute Anreise nämlich mehr
als auf. So konnte der türkische DJ, Komponist und Ney-Spieler
Mercan Dede, der
u.a. bereits für Pina Bausch und Fatih Akin gearbeitet hat, mit
einer
grandiosen Show begeistern, einer in die Beine wie in den Kopf
fahrenden
Mischung aus virtuosen Instrumentalisten, Elektro-Sounds und
Derwisch-Tänzerin.
Danach wurde es mit der italienischen Sängerin Cristina Zavalloni
wieder etwas
ruhiger, bevor als Abschluss ein besonderes Bonbon wartete: die DJ
Grazzhoppa’s
DJ Bigband aus Belgien, bestehend aus 12 Turntable-Spezialisten, die
wie in
einer Orchester-Struktur agieren, ergänzt um einen Saxophonisten,
eine Sängerin
und einen Videokünstler. Diese ungewöhnliche Formation
brachte nochmals auf den
Punkt, was das Festival bisher ausgemacht hat: Altes trifft Neues,
Vertrautes
wird in Überraschendes transformiert, Grenzen werden aufgebrochen.
Ob das Moerser
Festival in nächsten Jahren unter der Ägide
des WDR ähnlich interessante Experimente präsentieren wird,
darf bezweifelt
werden. Dagegen dürfen musikalisch Neugierige trotz der bisweilen
verqueren
Ansichten Hennens mit Spannung erwarten, was er und sein Team in
Zukunft auf
die Beine stellen. Im Herbst wollen sie mit ihren Plänen an die
Öffentlichkeit
treten.
DK
Mehr
Infos unter: www.jazzmexx.com
(dort
gibt’s auch das ExtraBlatt als PDF)
www.terz.org - 31.05.2005