Olle
Kamelle aus der Marktwirtschaft
Professor
Sinns Lehrstunde
Professor
Dr. Hans Werner Sinn, Lehrstuhlinhaber für
Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der
Ludwig-Maximilian-Universität in
München und Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung
(ifo), ist als
Interviewpartner ein gern gesehener Gast in deutschen Redaktionsstuben.
Er
spricht eine deutliche Sprache, wenn es um die Zukunft der deutschen
Wirtschaft
geht, aber auch die Nöte der Opfer wirtschaftlichen Wachstums sind
ihm bekannt.
Nicht zuletzt weiß er um die Bedeutung eines gut funktionierenden
Staates und
spart, wenn nötig, hier nicht mit kritischen Worten. Dass die
Gewerkschaft in
einer Marktwirtschaft nichts zu suchen hat, versteht sich für ihn
von selbst.
Ein
glasklarer Verstand analysiert die Bedingungen und
Perspektiven des bundesdeutschen Kapitalismus, kritisiert
verhängnisvolle
Auswüchse und vermag die Schlussfolgerungen in eine
volkstümliche Sprache zu
kleiden.
Der
Gegenstand seiner wissenschaftlichen Liebe ist die
Marktwirtschaft, wobei Professor Sinn keine ideologische
Beschönigung zulässt:
“Die Wirtschaft ist keine ethische Veranstaltung”,
behauptet er und ergänzt, er
selber habe nie die Illusion gehabt, “dass die Marktwirtschaft
eine gerechte
Wirtschaftsform ist.” “Sie schafft enorme
Ungleichheit”, denn sie entlohne “nach
Knappheit” und das habe “mit Gerechtigkeit nicht die Bohne
zu tun.” Aber, und
das ist sein Credo, “die Marktwirtschaft ist effizient.”
Was er unter
“Effizienz” versteht, verrät der Herr Professor auch:
“Wenn man die
Ungleichheit akzeptiert, erzeugt sie hohe Einkommen.” Der
IFO-Chef lässt
zunächst seinen Interviewpartner im Unklaren, wer bei Ungleichheit
die hohen
Einkommen erzielt. Die LohnarbeiterInnen jedenfalls sind es nicht. Der
Maßstab
für ihren Erfolg müssen sie irgendwo anders suchen und sich
mit der Gewissheit
bescheiden, dass die Marktwirtschaft “gerade auch für die
Arbeiter … ein
höheres Einkommen als der Sozialismus erzeugt.” (alle
Zitate: Neue Osnabrücker
Zeitung, 19.4.2005) Der Herr Professor hat so klargestellt, dass die
ArbeiterInnen nicht die Nutznießer einer effizienten
Marktwirtschaft sind.
Welche Funktion sie in einer effizienten Marktwirtschaft zu
erfüllen haben,
erzählt der Herr Professor in einem Interview mit dem
Wochenmagazin Focus am 7.
März.
1.
Verlängerung der Arbeitszeit
In der
gemeinsamen Sorge um den Erhalt der Arbeitsplätze
fordern die Unternehmer die Verlängerung der Arbeitszeit ohne
Lohnausgleich,
die Gewerkschaften hingegen wollen, dass die wenige Arbeit auf mehr
Schultern
verteilt wird.
Professor Sinn
weiß die Steilvorlage des Reporters im
Focus-Money-Interview gekonnt aufzunehmen und den ersten Treffer zu
landen.
Natürlich haben die Unternehmer Recht. Erstens hauen sie nicht ab
in
Niedriglohnländer und zweitens wirkt Arbeitszeitverlängerung
ohne Lohnausgleich
wie ein großer Produktivitätsschub. Denn “mehr
Produktion bedeutet mehr
Wertschöpfung und damit mehr Einkommen und Nachfrage.” Um
Missverständnisse
bezüglich Einkommen und Nachfrage zu vermeiden, legt der Herr
Professor sofort
nach: “Im konkreten Fall steigen die Gewinne der Unternehmen im
Umfang des
Wertes der zusätzlich produzierten Waren und
Dienstleistungen.”
Auf die
kritische Nachfrage, ob eine Arbeitszeitverlängerung
nicht zu Entlassungen führe, antwortet Sinn: “Doch wenn alle
Unternehmen die
Arbeitszeit verlängern und mehr produzieren, ist das völlig
anders. Dann kommt
dem einzelnen Unternehmen die Mehrnachfrage der anderen Unternehmen
zugute, und
diese ist im Durchschnitt genauso groß wie die eigene
Mehrproduktion. Deswegen
ist es wichtig, dass wir nicht nur von einer Flexibilisierung der
Arbeitszeiten
reden, weil das so gut klingt, sondern dass jetzt wirklich eine
Massenbewegung
zur Ausweitung der Arbeitszeiten zu Stande kommt.” Und der Herr
Professor hat
das schon alles durchgerechnet und meint, wir müssten “die
Arbeitszeit von
durchschnittlich 38 auf 44 Stunden steigern”. Er schlägt
eine moderate
Übergangslösung vor: “Fürs Erste würde ich
mit 42 Stunden beginnen. Das wäre
etwa so viel, wie die Italiener heute arbeiten.” Und zynisch
setzt er noch
einen drauf: “Bekanntlich ist das mit dem Dolce Vita noch
kompatibel.”
2.
Lohnzurückhaltung
Herr Sinn hat
die kapitalistische Ökonomie studiert und ist
zu dem Schluss gekommen, dass “Lohnkosten … die einzigen
standortrelevanten
Kosten von Belang” sind. Hingegen sind
“Kapitalkosten … durch den
einheitlichen Kapitalmarkt überall gleich, importierte Vorprodukte
sind
ebenfalls für alle Länder gleich teuer.” Darum muss der
Hebel bei den
Tariflöhnen ansetzen, die laut Sinn in Deutschland im Vergleich
mit
Nachbarländern viel zu hoch sind. Denn “in dem Maß,
wie die Gehälter unter
Druck geraten, steigen die Gewinne. Es gibt nur eine Umverteilung. Die
wird
verständlicherweise beklagt. … Zunächst profitieren
die Unternehmer statt der
Arbeiter.” Nun kündigt Herr Sinn an, dass auch irgendwann
die Arbeiter von
ihrem Lohnverzicht profitieren sollen, wie das aber genau aussehen
soll,
darüber lässt er sich nicht aus.
3.
Produktivität der Arbeit
Der Herr
Professor kennt auch den gewerkschaftlichen
Einwand, dass die hohe bundesdeutsche Produktivität, also die
geringen
Lohnkosten pro Stück, höhere Löhne rechtfertige. Aber er
wischt ihn als
Denkfehler vom Tisch. Wenn man die Firmen, die die Hochlohnpolitik
nicht
mitmachen konnten und pleite gingen, in die Rechnung mit
einbezöge, dann bliebe
von der überragenden Produktivität nichts übrig.
Für Herrn
Sinn kann und darf es eben keinen Grund für
überzogene Lohnforderungen geben. Und da geraten die
Gewerkschaften in sein
Visier.
4.
Die Rolle der Gewerkschaften
Die hohe
Arbeitslosigkeit sei ein ureigenes Produkt
gewerkschaftlicher Politik, meint Sinn. Er begründet es so:
“Die Gewerkschaften
sind ein Kartell derjenigen, die Arbeit haben. Und wie jedes Kartell
dient es
dazu, überhöhte Preise durchzusetzen. Würden sich die
Löhne frei nach dem Gesetz
von Angebot und Nachfrage bilden, gäbe es keine Arbeitslosigkeit.
Es stellt
sich im Gleichgewicht eine bestimmte Lohnhöhe ein, die den Markt
räumt. Das
Kartell dient dazu, einen höheren als den Gleichgewichtspreis
durchzusetzen.
Ist der Lohn höher, werden Arbeitskräfte, deren
Beschäftigung sich für den
Unternehmer nicht mehr lohnt, entlassen oder gar nicht erst
eingestellt. Es
entsteht Arbeitslosigkeit. An der Zahl der Arbeitslosen kann der
Gewerkschafter
ablesen, dass der Preis für Arbeit, den er durchgesetzt hat,
höher war als
derjenige, der sich ohne sein Zutun ergeben hätte. So gesehen ist
jeder
Arbeitslose mehr ein Orden mehr an der Brust des
Gewerkschafters.” Und er fährt
fort: “Es gibt nur einen einzigen Weg: Die Macht der
Gewerkschaften muss gebrochen
werden. Die Tarifpartner sollten per Gesetz verpflichtet werden, in
ihren
Tarifverträgen wirksame Öffnungsklauseln vorzusehen, die es
der Belegschaft
eines Betriebs ermöglichen, freiwillig vom
Flächentarifvertrag abzuweichen.” Und mit dem
gewerkschaftlichen Einfluss müsse
auch der Kündigungsschutz verschwinden, denn “er zwingt die
privaten
Unternehmen, die Arbeitsleistung dann noch zu kaufen, wenn sie ihnen zu
teuer
geworden ist.”
Die kollektive
Interessenvertretung der Lohnarbeiter ist mit
den Prinzipien einer freien Marktwirtschaft nicht vereinbar. Auch ein
irgendwie
gearteter Anspruch des Arbeitnehmers auf einen Arbeitsplatz ist eine
Beschränkung der Freiheit des Unternehmers. Schließlich
gehört die Freiheit,
über sein Eigentum unbeschränkt – falls es sich der
Staat nicht anders überlegt
- verfügen zu können, zu den heiligsten Rechten in unserer
Gesellschaft.
5.
Die Rolle des Staates
Dass der Staat
mittels seiner Gewalt kapitalistisches
Wirtschaften ermöglicht, weiß der Herr Professor zu
schätzen. Und nachdem er
den Staat zur Liquidierung der Gewerkschaften und zur Streichung des
Kündigungsschutzes aufgerufen hat, stellt er ihm ein gutes Zeugnis
aus: “Wir
haben immer noch ein hervorragendes Rechtssystem, das private
Verträge
ermöglicht und schützt.”
6.
Aktivierende Sozialhilfe statt Mindestlohn
Die
konzertierten Maßnahmen von Staat und Kapital zur
Reduktion der Kosten für die Arbeitskraft haben einen bedenklichen
Punkt
erreicht. Vielfach reicht der Lohn nicht mehr zur Wiederherstellung der
Arbeitskraft aus. Die SPD will dem selbst geschaffenen Problem mit der
gesetzlichen Festlegung eines Mindestlohns begegnen, um nicht von den
lästigen
Folgekosten in ihrer Handlungsfreiheit beschränkt zu werden. Herr
Professor
Sinn hingegen findet den Mindestlohn kontraproduktiv:
“Mindestlöhne produzieren
Arbeitslosigkeit, weil sie einen höheren Preis für Arbeit
verlangen, als am
Markt zu erzielen ist.” Dagegen setzt Sinn auf die
“aktivierende Sozialhilfe”.
“Wer zu wenig verdient, bekommt einen Zuschuss vom Staat.”
Herr Sinn erläutert
auch die Feinheiten seines Vorschlags: “Man müsste Hartz V
so konstruieren,
dass ALG II ein Lohnzuschuss wird, den man nur dann in voller Höhe
erhält, wenn
man arbeitet. Dann fallen die Lohnansprüche, und es gibt neue
Jobs. Wer dennoch
nichts findet, muss vom Staat zumindest einen 1-Euro-Job angeboten
bekommen.
Zusammen mit dem Lohn daraus und ALG II wird sich der Lebensstandard
halten
lassen.”
Auf die Frage
von Focus, was der Staat denn mit all den
1-Euro-Jobbern Sinnvolles machen soll, antwortet Sinn kurz und knapp:
“Sie
meistbietend als Leiharbeiter der privaten Wirtschaft anbieten.”
Das ist doch
mal ein Wort!
Fazit
Herr Professor
Sinn hat hinreichend die Bedingungen für
kapitalistisches Wirtschaften erläutert und ist zu dem Schluss
gekommen, dass
die Senkung der Kosten für die Arbeitskraft als einzige
“standortrelevanten
Kosten von Belang” notwendig ist für die “Effizienz
der Marktwirtschaft”, d.h.
für die Steigerung der Gewinne. Damit hat der Professor mit allen
sozialstaatlichen Illusionen aufgeräumt, die immer noch behaupten,
dass unter
Bedingungen kapitalistischen Wirtschaftens und deren staatlicher
Kontrolle noch
etwas für den Arbeiter heraus springen könne. Marktwirtschaft
ist eben mit oder
ohne dem Attribut sozial für den Lohnarbeiter ein untaugliches
Lebensmittel.
Und das werden uns die zukünftigen CDU(CSU)FDP-Regierungen im Land
und im Bund
nach tatkräftiger Vorarbeit von SPD/Grüne demnächst
demonstrieren!
Alle Zitate aus:
Neue
Osnabrücker Zeitung 19.4.2005
Focus-Online,
7.3.2005
Focus,
Printausgabe, 7.3.2005
www.terz.org - 31.05.2005