Business
as usual?
Die Gruppe
FEHLSTELLE zeigt kommerzielle Werbung aus aller
Welt
Wer in den
letzten Tagen mal erkrankte Verwandte im
evangelischen Krankenhaus besucht hat oder aus anderen Gründen
durch’s
lauschige Bilk spaziert ist, wird sie schon gesehen haben: die neue
Installation der Gruppe FEHLSTELLE. Neben der Baustelle am
Seitenflügel des
Krankenhauses prangt eine geballte Ladung von Werbeplakaten auf einem
großen
Baugerüst mitten vor dem Eingang des Hospitals. Die mehr als
dreißig Plakate,
von denen einige auch um das Krankenhaus herum angebracht sind, stammen
aus
verschiedensten Ländern. Vornehmlich aus solchen, deren Sprache
hier
Aufgewachsene ohne zweitsparchige Anverwandte nicht ohne weiteres
verstehen:
aus Russland, der Türkei, aus Marokko, China und anderen Gefilden.
Das macht
sie zunächst einmal interessant, denn obwohl die ganze Stadt mit
kommerzieller
Werbung zugepflastert ist, neigt man wohl doch dazu, das Ensemble von
Schriftzeichen und Bildern decodieren zu wollen. “Ach ja, der
Astronaut,
schwarzweiss neben dem roten Rechteck, den kenn ich aus der
Sparkasse!” mag
sich manch eineR denken, um dann feststellen zu müssen, dass das
Plakat für die
türkische, übrigens erzreaktionäre Zeitung Hürriyet
wirbt. Die kennt man
vielleicht vom Kiosk an der Ecke, aber wofür wirbt das extreme
Querformat mit
roten Blumen und blauem Himmel? Und das einzig deutbare Wort auf dem
Plakat
daneben, nämlich “Sex” muss auch irgendetwas anderes
meinen, denn irgendwie
will die hier übliche Bedeutung nicht zu der freundlich
lächelnden
Mittvierzigerin im Ringelshirt mit dem netten kleinen Hund auf dem Arm
passen.
Auf manchen ist wenigstens eine Flasche drauf, da wird es sich wohl um
Maiskeimöl handeln, aber ist das Plakat mit den
Ultraschallaufnahmen eines
Babys nun Promotion für medizinisches Gerät oder Propaganda
militanter
AbtreibungsgegnerInnen?
Dass es sich um
irgendeine Form von Werbung handelt, ist
jedenfalls nicht zu übersehen, und irgendwie gefällt es mir
gut, dass diese
großformatigen Billboards in ihrer Häufung in dieser
lauschigen Altbausiedlung
störend wirken – zumal sie nicht dazu dienen, wie sonst an
Bauzäunen üblich,
den Blick auf eine schäbige Baustelle zu versperren, den kann man
weiterhin mit
einem Blick nach rechts in vollen Zügen genießen. Klotzig
wirkt die
Installation, aufdringlich und unangenehm, und das macht gerade ihre
Qualität
aus. Denn: Warum stört mich diese Ansammlung von ein paar
Plakaten, wenn ich
heute schon an hunderten vorbeigefahren bin und mir jeden Abend
dreißg
verschiedene Klingeltöne um die Ohren gehauen werden, wenn ich
eigentlich einen
Krimi sehen will? Die Ausstellung sensibilisiert zumindest kurzzeitig
für die
permanente Berieselung, der man tagtäglich ausgesetzt ist.
Andererseits ist das
wohl kaum im Sinne der ErfinderInnen, denn FEHLSTELLE geht es in erster
Linie
darum, die Werbung aus ihrem Kontext zu lösen und damit ihrer
Wirkung zu
entledigen, so dass der Blick geöffnet wird für eine andere
Lesart: Das
Werbeplakat als Bild – ohne Werbebotschaft.
Ob dieser Plan
aufgeht, bleibt abzuwarten. Bei den
PatientInnen des Krankenhauses wird wohl noch etwas
Überzeugungsarbeit
geleistet werden müssen: “Die ham uns unsre schönen
Sonnenplätze hier
vollgestellt …”, ist einer nicht ganz zu Unrecht
beleidigt, ein anderer meint
mit einem Augenzwinkern: “Das ist ein internationales Krankenhaus
hier, und
jetzt wollen die auf diesem Weg ihre Produkte an den Mann
bringen.”
Ob es sich am
Ende doch nur um eine perfide “Art &
Economy”-Strategie des globalen Kapitalismus handelt, klären
die VerschwörungstheoretikerInnen
unter der LeserInnenschaft wohl am besten selbst: Am 8. Juni
führen FEHLSTELLE
und Gäste durch die Installation (weitere Infos unter www.fehlstelle.de).
Importe 2005
– internationale Plakate ist noch bis zum 24. Juni am
evangelischen
Krankenhaus zu sehen.
krümel
www.terz.org - 31.05.2005