Postkarte: Hamburg, 2. Mai, Planten und Blomen, botanischer Garten, endlich wieder blauer Himmel. Die scheinbar ewig graue Wolkendecke dieses Landes ist aufgerissen, die Menschen kommen heraus, sonnen sich und zeigen ihre lang versteckten Körper. Manche auch ihre Gedanken. Im Portable die CD "Testament der Angst", die neue Blumfeld-Scheibe, in Dauerrotation. Dabei die Menschen beobachten - aber nicht als Beobachter, sondern als einer von ihnen.
In einem schnieken Hotel in der Innenstadt - eine neue Medienpartnerschaft
macht's möglich - geben Peter Thiessen und Jochen Distelmeyer Antworten.
Auf den ersten Blick macht es wenig Sinn, mit einer Band, die so offensichtlich
und deutlich im Bereich "Lied" unterwegs ist, über den Komplex
"Improvisation" zu reden. Doch ist das Prinzip Freiheit nur eine Möglichkeit,
sich den komplexen Bandprozessen zu nähern, da diese Band zu oft ausschließlich
nur mit ihren Inhalten konfrontiert wird. Wie entstehen aber die Stücke,
ist das noch ein kollektiver Findungsprozess, oder trägt Distelmeyer, der
früher gerne stets "vorgeschickt" wurde, um Blumfeld auch inhaltlich
zu repräsentieren, einen Hauptteil an Konzept und Ausrichtung der neuen
Linie?
Vorweg vielleicht das Wichtigste: Blumfeld arbeiten weniger konzeptionell als
sich vermuten ließe. Annahmen, die erste Schritte, Variationen und Neuansätze
gerne als strategisch durchgeplant codiert wüssten, laufen in der Regel
ersteinmal ins Leere, und das ist gut so. Denn Blumfeld sind sich, bei aller
Bewusstheit, in ihrer Entwicklung stets einer bestimmten Naivität sicher
geworden, die auch die neue Platte nicht unbedeutend prägt. Doch dazu später.
Zuerst gibt es einen ganz archaischen Proberaum, da wird gejammt, versucht und
konkretisiert. Gute kollektive Momente merkt man sich und verwendet sie später
in neuen Kontexten - "Diktatur der Angepassten", laut Alfred Hilsberg,
der immer noch der gute Geist der Band ist, das "zentrale Stück"
der Platte, ist z.B. so auf einer Probe zur "Old Nobody"-Tour entstanden.
Die meisten Stücke jedoch arbeitet Distelmeyer solo vor und trägt
sie zur kollektiven Weiterbearbeitung in den Proberaum. "Das ist gar kein
so langwieriger Prozess", versichert er, der es am geilsten findet, eine
Idee sofort "festzuklopfen" und den grundlegenden Kern eines Songs
sofort zu erkennen. Haben improvisatorische Aspekte, der Begriff des "Freestyles"
da noch einen Platz?
Wir holen weit aus. Distelmeyer rekurriert auf den Freestylebegriff des Rap,
der aus einem klar vorab definierten Übungskontext entsteht. "Wenn
man das weiterdefiniert, ist man schnell bei außermusikalischen Fragen
nach Freiheit. Bei Improvisation würde ich immer eine gewisse Könnerschaft
und Virtuosität ansetzen, nicht in Skalierungstechniken, aber doch so,
dass ein spontaner Einfall entwickelt werden kann." Thiessen versteht Jazzimprovisation
ebenfalls als spontanen Ausdruck einer langen Vorarbeit, einer Geschichte also,
und auch hinsichtlich des Begriffs einer gewissen Form von Anrufung - fernab
von jeglichem europäisch-privatistischem Esoterikkram. "Es ist immer
so etwas wie zum Himmel schreien." Jochen findet den Begriff der "Anrufung"
hochinteressant: "Ich glaube, es geht in dem Moment, wenn man sagen kann,
das ist tolle Musik, neben den spielerischen Fähigkeiten am Instrument,
vor allen Dingen um die Art des Zugangs zum Material. Die Beziehung, an der
jemand über Jahre aufgrund seiner Erfahrungswerte daran arbeitet, ist für
mich bei allen Musikern gleich - und da ist ab einem bestimmten Punkt sowohl
Genre wie auch Instrument egal." Der geniale Dilettant gilt ergo genausoviel
wie der hochvirtuose Instrumentalist als potenziell großer Künstler
und Musiker, und eine gewisse Punkhaltung signalisiert immer noch den Gefahrenpunkt,
wo Virtuosität in technokratisches Muckertum umkippt. Davon sind Blumfeld
weit entfernt, denn der künstlerische Ausdrucksversuch muss dem stets ein
Gleichgewicht gegenübersstellen. "Und das meint der Begriff der Anrufung,
dass man sich da schult über die Jahre, wenn ein Können übergeht
in ein Vertrauen in Body oder Vibes - in dem Moment findet so etwas wie eine
Anrufung des Augenblicks einer gemeinsamen Erfahrung im Spiel in der Musik statt.
Und selbst wenn man alleine spielt, ist es ein Zusammen", so Distelmeyer.
"Spiritual Unity" von Ayler, einem bekanntermaßen eher außerakademischen
Musiker, wird uns erst jetzt Name für die musikalischen Findungsprozesse,
die es auch bei einer Band wie Blumfeld zu suchen und zu beschreiben gibt. Und
erst recht da, wo es unvermutet sein könnte. "Auch wenn das, was wir
machen, nicht Improvisation ist, ist es trotz eines festgelegten Rahmens immer
eine andere Situation, in der wir spielen - ein Arrangement ist nur eine mögliche
Struktur, die dir Sicherheit geben kann."
Erinnerungen und Entscheidungen können anstrengend nachvollzogen werden,
aber das Grundgefühl, so Jochen, und die Art, wie sich die Musik entwickelt,
ist ja schon da. "Genauso, wie die Musik manchmal schon weiß, worum
es später in dem Text geht." Nach Old Nobody wurde zum einen ein klarer
Schnitt gemacht, der ein Ende bedeutete und einen Neuanfang machte, gleichsam
ziehen sich frühere Motive hinüber, und beides ist sehr richtig und
wichtig, um die neue Platte zu verstehen, so die Herren Blumfeld.
"Alle Fragen, die einem sonst gestellt werden - ist das jetzt wieder eine
persönliche oder eher eine politische, oder aus dem Bauch raus oder total
verkopft, Kriegserklärung oder vielleicht doch ein Lovesongalbum - gehen
an uns vorbei, weil die Band all das mit ihren Alben immer gleichzeitig und
nebeneinander war, das lässt sich gar nicht anders denken, fühlen
oder leben", so Jochen. Und Testament bedeutet einen Nachlass zu Lebzeiten,
man fängt noch einmal an unter Berufung auf das, was vorher war, als würde
man z.B. Ich-Maschine nochmal machen - kein Sprechtext, nur eine Person auf
dem Cover -, gleichzeitig aber auch eben keine plakative Neuerfindung, sondern
Kontinuität und Vertrauen in Spiel und Songwriting - der Komplex Blumfeld
äußert sich bei aller vermeintlichen Einfachheit - Direktheit ist
der angemessenere Begriff - als disparates Modell, das Widersprüche stets
bejaht und gleichsam in einen homogenen Fluss bringen kann. "Als wir L'
etat gemacht haben, dachte ich damals, das ist die direkteste Art der Darstellung",
so Jochen, "aber Songs müssen nicht komplexer sein, um komplex zu
sein. Mark E. Smith hat mal gesagt: You don't have to be weird to be weird.
Einfachheit jedoch darf Komplexität und andere Vielschichtigkeiten nie
ad acta legen." Und Blumfeld müssen sich nicht verbiegen oder etwa
anstrengen, um "einfacher" zu sein - "das lässt sich auch
gar nicht machen." Trotzdem: vieles auf der Platte klingt, als ob man es
einem Kind erklären würde, oder besser: als ob es dies gleich selbst
erklären würde. Eine Interpretation, der die Band sofort zustimmt.
Ein Kind von Traurigkeit, ein kleines Kind kommt mir im Flur entgegen, altes
Kind kommt nach Haus - die Verweise und Verdichtungen sind häufig. Eine
kindliche Position einnehmen, um grundsätzlich insistieren zu können,
um zu einer Position von Kritik zu kommen, wie sie nicht nur aus der Mode geraten
ist, sondern wo gar nicht mehr klar ist, wie und aus welcher Position heraus
sich Kritik an den Zuständen überhaupt noch formulieren lässt.
In diesem entpolitisierten und
-historisierten Raum sollen die grundsätzlichen Fragen wie aus Kindermund
gestellt werden, aus einem Bewusstsein heraus, das sich nicht mehr präventiv
als ewig verständnisvoller Teil des Problems begreift, sondern mit dem
Finger naiv und abgrenzend auf die Umwelt zeigt. "Angst" ist dabei
ein zentrales Motiv: Unbewusstsein über Ängste, Panik und deren Mache
als Einschüchterungsgeste der kapitalistischen Wirklichkeit - und ein Testament,
das als Vermächtnis von früher oder als letzter (politischer) Wille
von abdankenden Königen gelten kann, genauso wie ein altes und ein neues
Testament - all diese Möglichkeiten werden angeboten, und in allen Lesarten
gibt es ein Testament aus Ängsten, und vielleicht auch, dass sich die Angst
selbst ihr Testament verfasst hat, und einen Zustand behauptet, in dem sie sich
selbst erledigt hat. Geht es auch um Weltschmerz, und sieht die Band nicht auch
die Gefahr, mit der Platte als pur existenzialistisches Befindlichkeits-Popmodell
verkauft oder angenommen zu werden, in dem Inhalte nurmehr Zuckerguss sind und
nicht wirklich rezipiert werden?
Jochen jongliert zwischen Pop und Philosophie: es geht ihm nicht um den aktuellen
Zweifel, darum kann es auch nicht gehen. Vielmehr geht es darum, vor diesen
Hintergründen nicht Zen-buddhistisch weiterzumachen, also die Unterscheidung
zu leugnen und einen vorsprachlichen Zustand zu behaupten, sondern die Ganzheit
der Welt anders denken zu können. "Wir und die Welt sind ein Ganzes,
aber sie ist natürlich auch komplex, vielschichtig, unterschieden und zerschnitten."
Aus der Verantwortungsübernahme dafür erwachse auch ein politischer
Auftrag, ein moralischer und ein Aufruf zum Engagement.
Brauchen wir linke Popstars?
Ich will diese Frage in all ihrer genialen Dämlichkeit und oszillierenden
Falschheit genauso stehen lassen.
Sieht sich Blumfeld nun als eine Band, die immer noch linke Positionen vertritt,
nicht mittlerweile in Strukturen angekommen, wo sie diese kaum noch vertreten
kann, ohne integrierter Teil einer Dissidenzmaschine zu sein? Schwierig, mit
so einer Fragestellung sei man schnell wieder bei Adornos richtigem Leben im
Falschen, so Jochen. Fakt sei, dass er so eine Platte wie die neue lange nicht
mehr gehört habe, dazu noch auf einem Majorlabel, das ihnen die Unabhängigkeit
garantiere, die sie brauchen. Transparenz, Angreifbarkeit und Offenheit zeichnen
Blumfeld nach wie vor aus, und Kritik erwarten sie geradezu, wollen sie auch
auf bestimmte Weise, um das Gespräch weiterzuführen. Bei all dem erweiterten
medialen Radius betont die Band jedoch, dass ihre Position nach wie vor die
der Minderheit ist: SIE sind die Marginalisierten, ob Top of the Pops oder nicht,
die Mehrheit schweigt und will unter sich bleiben und wünscht keine offenen
Grenzen. Gegen die musikalische Form von Blumfeld aber werden gern präventive
Blockaden aufgebaut, da die Songs einem mitunter archaischem Indiepopbegriff
frönen. "Beim Saxofon hören die Leute leider oft nicht die Musik,
sondern die Werbung und das Vorurteil", weiss Jochen. Öfter würden
jedoch die Texte als "banal" kritisiert, leider auf eine bigotte Weise,
die Bands wie Beatles, Clash, Nirvana oder Smiths nie etwas ankreiden würde.
Doch gegen eine vorsätzlich verkomplizierte, oft jedoch nur kritikertaugliche
Textlichkeit wehrt sich Blumfeld inzwischen: "totaler Bullshit". Leider
beschert der derzeitige Kurs der Band auch jede Menge falsche Freunde, wie auch
im Feuilleton zu beobachten ist. Aber wie sang sie einst selber über Popmusik?
"Ein falscher Freund mehr, der nicht lockerlässt, bis du einer von
ihnen bist." Von den Schwierigkeiten bis Unmöglichkeiten, in einer
alles andere behauptenden Welt eine moralische Position einzunehmen, davon erzählt,
wie immer, der Herr Blumfeld.
Ein archetypisches Punkerpärchen kommt aus dem Superdupermarkt heraus,
unter dem Arm ihr Sixpack, die zugestandene Ration. Im Ohr läuft "Diktatur
der Angepassten". Gebt endlich auf, es ist vorbei. Weitergehen.
MARCUS
| www.terz.org - 04.07.2001 |