Für ihren Wahlkampfauftakt hat sich die FDP das Düsseldorfer Internetcafe "g@rden" ausgesucht. Während die Lokalzeitungen dem Yuppie-Fascho Torsten Lemmer für dessen Möllemann-Werbungen Raum ließen, protestierten die Jüdische Gemeinde und Leute aus unterschiedlichen linken Gruppen gegen den Antisemitismus aus der sog. Mitte.
"18 % Antisemitismus - Wo wollt ihr hin?" hieß es auf Transparenten
der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, als sich Westerwelle und Möllemann
am 16.6. zum Stelldichein im g@rden als Wahlkampf-Auftakt begaben, um dort vom
FDP-Wahlkampfstrategen Fritz Görgen als "Erfolgstandem" vorgestellt
zu werden. Eine zusätzliche lokale Brisanz erhielt die Veranstaltung im
Vorfeld durch Pressemeldungen, wonach sich der rechtsextreme Profilneurotiker
Torsten Lemmer "mit Freunden" zur Veranstaltung angekündigt habe.
Lemmer, früher selbst schon einmal FDP-Mitglied, versucht nun durch FDP-Reklame
auf der Welle um den angeblichen FDP-Tabubruch mitzuschwimmen. So verteilten
Lemmer & Konsorten FDP-Werbematerial in der Düsseldorfer Innenstadt
und der Fascho-Yuppie erklärte sich öffentlich mit dem "nationalliberalen
Kurs der FDP" einverstanden. Möllemanns Haiderisierungsstrategie findet
Anklang bei der extremen Rechten. So druckte die "deutsche Stimme",
Parteizeitung der NPD, ein Interview mit dem NRW-Landesvorsitzenden der FDP
ab, und auch sämtliche anderen faschistischen Medien sind voll des Lobes
über den "Tabubruch" des schnautzbärtigen Fallschirmspringers.
Dessen Botschaften werden im neofaschistischen Lager als das verstanden, was
sie sind: Die Themen der Rechten werden zu Themen der Mitte gemacht. Auf der
Nazidemonstration mit über 2000 Teilnehmern gegen die Ausstellung "Verbrechen
der Wehrmacht" lautete denn auch die Parole eines der Fronttransparente
"Solidarität mit Jürgen Möllemann!"
Möllemanns "Leistung" im öffentlichen Diskurs ist es, die
Ressentiments und Parolen der extremen Rechten gesellschaftsfähig gemacht
zu haben: Die Forderung, Israel und die angeblich allmächtige "jüdische
Lobby" - auch "als Deutscher", wie immer wieder zwanghaft betont
wird, - "kritisieren" zu dürfen, bedient ein gesellschaftlich
tief verwurzeltes antisemitisches Ressentiment, das sich - trotz bzw. gerade
wegen Auschwitz - aus der Unfähigkeit speist, Verantwortung für die
nazistischen Verbrechen zu übernehmen. Denn während in der Realität
seit Beginn der zweiten "Intifada" sämtliche deutschen Medien
voll sind mit Kritik an Scharon und der israelischen Militärpolitik, inszeniert
sich Möllemann als "Tabubrecher", der etwas angeblich nicht Sagbares
offen ausspreche.
Möllemanns antisemitisch gefärbtes "Engagement" gegen Israel
und die Juden scheint zudem nicht frei von finanziellen Interessen: Als Inhaber
der "Wirtschafts- und Exportberatung Jürgen W. Möllemannn"
(Web/Tec) mit Sitz auf der Achenbachstraße 56 in Düsseldorf fungiert
der Landes-FDP-Chef als Vermittler und Berater für Geschäfte im Nahen
Osten - laut Andeutungen der Zeitschrift "Der Spiegel" wohl auch Waffengeschäfte,
wie z.B. Lieferungen von Spürpanzern nach Saudi-Arabien. In einen ähnlichen
Kontext könnte auch sein Engagement in der "Deutsch-Arabischen Gesellschaft"
gestellt werden.
Doch die Personifizierung des politischen Spiels mit antisemitischen Klischees
und Anfeindungen auf den angeblichen "Querkopf" banalisiert die Dimension
einer solchen Entwicklung.
Haiderisierte FDP?
In einem Beitrag für das "Neue Deutschland" offenbarte Möllemann
das politische Kalkül seiner antisemitisch gefärbten Ausfälle
gegen Israel und den Zentralrat der Juden in Deutschland. Er erklärte dort
den Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa als Prozess einer "Emanzipation
der Demokraten" und schloss damit auch ausdrücklich Haiders FPÖ
mit ein. Die Gratulation des österreichischen Rechtsaußen Jörg
Haider ließ nicht lange auf sich warten. Auch wenn daraufhin offiziell
Ablehnung seitens der FDP signalisiert wurde, stellt der Aufstieg Haiders für
viele FDPler eine politische Orientierung dar. Nicht nur hatte die FDP seit
ihrer Gründung eine "nationalliberale" Strömung, die in
der Nachkriegszeit als Sammelbecken alter Nazis diente; dieser -- besonders
in NRW starke - Flügel ist seit dem Bestehen der FDP konstitutiver Teil
der Wirtschaftsliberalen. Absonderungen, wie der von Haider protegierte "Bund
freier Bürger", konnten sich längerfristig nicht etablieren;
die nationalliberale Wiederauferstehung der FDP hingegen wohl eher. Leute wie
Möllemann scheinen hierbei die Rolle des Rammbocks zu übernehmen.
Der nassforsche Westerwelle hingegen steht für die Verbindung von Spass-
und Gaga-Partei mit Neo- und Nationalliberalismus: Als "verklemmt"
bezeichnete er beispielsweise die Äußerungen von Bundespräsident
Rau, nicht stolz auf Deutschland, sondern höchstens auf seine eigenen Leistungen
zu sein. Westerwelles deutsch-nationales Bekenntnis hingegen wird als neurechts-modern
zu verkaufen versucht. Andere FDPler wie der ehemalige Generalbundesanwalt Alexander
von Stahl hingegen machen aus ihrer Sympathie für die Neue Rechte keinen
Hehl; von Stahl macht nicht nur Reklame für die extrem rechte Wochenzeitung
"Junge Freiheit", sondern vertritt diese sogar in ihrem Prozess gegen
das Land NRW wegen Erwähnung im Verfassungsschutzbericht. Eine feine Gesellschaft
also, die dort einen "Aufstand der Anständigen" probt um das
extrem rechte Potenzial in der Mitte zu etablieren.
Schon vor fünf Jahren wies eine Protestaktion des Düsseldorfer Antifa-KOK
gegen den Lions-Club aus Oberkassel auf die Anfälligkeit der "besseren
Gesellschaft" für Rechtspopulismus hin: Jener Wohltätigkeitsclub
der upper class hatte den FPÖ-Chef Haider zu einer Diskussion auf die Rheinterrassen
geladen, um zusammen mit dem damaligen Berliner FDP-Vorsitzenden über Liberalismus
zu diskutieren. Die aufgrund der Antifa-Proteste abgesagte Veranstaltung wurde
von dem Oberkasseler "Lions-Club"- Vorsitzenden Hans-Joachim Kind
mit dem Argument verteidigt, Haider sei "eher das Gegenteil" eines
Rechtsextremisten. Auch Möllemanns als "Tabubruch" verkleideter
Antisemitismus hat der FDP beileibe nicht nur Ablehnung erbracht, denn er bedient
ein Potenzial, das weit über 18% liegt und empfänglich ist für
einen modernisierten Rechtspopulismus, den neoliberale Politikkonzepte verbindet
mit Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus.
Die Antifa sowie die noch spärlich in diesem Land existente Linke insgesamt
täte gut daran, in ihrem Kampf gegen Faschismus ihren Blick nicht auf die
klassischen Neonazis zu beschränken. Denn die parteipolitische Zukunft
der extremen Rechten - das zeigt der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa
- liegt in der BRD sicherlich nicht bei REPs, DVU, NPD oder den als "freie
Kameradschaften" auftretenden SA-Imitationen im Skinhead-Outfit, sondern
in der Transformation der sog. politischen Mitte in einen Rechtspopulismus mit
nationalliberalem Anstrich: Dem Antisemitismus fällt hierbei augenscheinlich
die Rolle eines Katalysators zu.
www.terz.org - 24.6.2002