Nicht klug, aber
emsig...
Die
„Nationale Front
Düsseldorf L-D-U“
„WO UNRECHT WIRD, WIRD DER
NATIONALER WIDERSTAND ZUR PFLICHT!!!“, stammelt
Neonazi-Schläger Kevin Giuliani
(Pseudonym „Freier Nationalist 87“) im Forum der
„Nationalen Front Düsseldorf
L-D-U“. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur
Pflicht“, verbessert der
Administrator der „Heimatseite“, der sich
„Verteidiger“ nennt. Ein derartiges
Niveau ist auf der Homepage der „Kameradschaft“ die Regel.
Schon in ihrer
Selbstdarstellung beweisen die Düsseldorfer dieses im feinsten
Pisa-Doitsch: „Wir sind eine freie
Kameradschaft aus Düsseldorf und gehören keiner Partei an, jedoch neigen wir nicht davon ab was manche
Partein von sich geben. Was aber wiederum nicht heißt das wir die
Partein in
unserem LAND für gut halten, stoßen Sie eher ab.“
Aha??!! Gemeint sein dürfte:
‚Wir finden zwar nicht alles schlecht, was die NPD sagt und
macht, lehnen diese
aber eigentlich ab und sind deshalb als „Freie
Kameradschaft“
organisiert.’
Entstanden ist die
„Nationale Front Düsseldorf“ aus einer rechten
Skinhead-Clique, die sich
insbesondere in den Stadtteilen Unterrath und Lichtenbroich tummelte
und sich
zunehmend politisierte. „Das L-D-U steht für
Lichtenbroich-Düsseltal-Unterrath“, heißt es auf der
Homepage, „das sind
Stadtteile von Düsseldorf wo wir herkommen.“ Eigenangaben
zufolge gehören der
Gruppe um die zwanzig Personen an. Die meisten von ihnen dürften
Anfang bis
Mitte 20 sein, aber es finden sich auch einige ältere im Team. Der
aktive Teil
dürfte zirka acht bis zehn Personen umfassen.
Regelmäßig werden „Kameradschaftstreffen“
durchgeführt. Mitglieder der Gruppe sind auch auf Aufmärschen
anzutreffen.
Mindestens seit Frühjahr diesen Jahres ist die Gruppe im
„Weltnetz“ mit einer
eigenen „Heimatseite“ inklusive Gästebuch und Forum
vertreten. Als erste große
Unternehmung wurde die Planung einer großen
„Seeparty“ in Düsseldorf bekannt
gegeben. Doch schon mit der szeneüblichen Konspirativität war
man
offensichtlich überfordert. Nicht nur, dass bereits mehrere Wochen
vor der
Party der exakte Schleusungspunkt, also
der Vorabtreffpunkt, veröffentlicht wurde, auch das Datum wurde
ausposaunt.
„Denk dran der Feind liest mit!“, warnte der selbst in der
Neonazi-Szene als
besonders dämlich geltende Giuliani im öffentlichen
Gästebuch, um dann im
nächsten Satz nachzufragen: „Macht Ihr am 28.05. [...] Fotos
und setzt die hier
rein?“
Nazis ohne Raum
Am 28. Mai war es dann also
soweit. Neonazis aus Duisburg, vom Niederrhein, aus dem Kreis
Recklinghausen,
aus dem Münsterland und aus anderen Regionen trafen sich am
Außenbahnhof
Düsseldorf-Flughafen und wurden dort von ihren Düsseldorfer
„Kameraden“ in
Empfang genommen. Doch die „Seeparty“ drohte, ins Wasser zu
fallen. Nachdem man
zunächst vergeblich bei den zuständigen Ordnungsämtern
Genehmigungen für eine
Party an zwei in Flughafennähe gelegenen Baggerseen beantragt
hatte, zog man
letztendlich ohne Genehmigung an den „Silbersee“. Doch als
endlich der erste
Schwung Gäste eingetroffen war, rückte die Polizei an und
machte dem Treiben
ein vorzeitiges Ende. Das Feiern im Naturschutzgebiet, zudem ohne
Genehmigung,
sei verboten. Also musste abgebaut werden. Nun war guter Rat teuer. Ein
bis
zwei Stunden später war dann erneut Aufbau angesagt, dieses Mal im
Schrebergarten von Heinz Sterzenbach auf dem Gelände des „Kleingartenvereins Heinrich
Förster e.V.“ am
Stoffeler Damm in Düsseldorf-Flehe. „Der Sohn und die
Tochter“ des Pächters
hätten das wohl ermöglicht, so ein kontaktfreudiger
Schrebergärtner, dessen
wachsamen Augen der Partyaufbau nicht entgangen war. „So viel
Bier kriegt ihr
doch gar nicht ausgetrunken“, habe er den Jungs und Mädels
beim Anblick der
Fässer noch schmunzelnd zugerufen, die ihm aber versichert
hätten, dass das
„kein Problem“ sei. „Ärger haben die nicht
gemacht“, so der Schrebergärtner,
„und am nächsten Morgen haben sie alles wieder
aufgeräumt.“
Aus der „Seeparty“ wurde
also eine „Gartenparty“. Durch den Umzug und die
Scherereien mit der Polizei
war es aber offensichtlich nicht gelungen, noch auf der Anreise
befindliche
Gäste einzusammeln, so dass die Party letztendlich mit zirka 50
TeilnehmerInnen
stattfand, die erwartete doppelte, gar dreifache Zahl hätte dem
Schrebergarten
auch sicherlich den vorzeitigen Exitus beschert.
Der nächste Kontakt mit der
Polizei ließ nur wenige Stunden auf sich warten. Sich durch den
Lärm gestört
fühlende Nachbarn riefen sie auf den Plan. Das Ganze endete mit
einem
martialischen und völlig überzogenen Polizeieinsatz um 2.45
Uhr mit 130 Beamten
nebst Hunden und einem Hubschrauber, der über dem Stadtteil
kreiste. Ergebnis:
47 vorläufig festgenommene TeilnehmerInnen im Alter zwischen 14
und 31 Jahren,
diverse Blessuren und eine Strafanzeige wegen Verwendens von
Kennzeichen
verbotener Organisationen. „Sie sind zumindest noch mit keiner
Straftat
aktenkundig geworden“, zitierte einige Tage später die
„Westdeutsche Zeitung“
(WZ) einen Beamten des Düsseldorfer Staatsschutzes. Etwa die
Hälfte der
Verhafteten würde aus Düsseldorf stammen, „die anderen
Neonazis kommen aus
allen Teilen der Republik“. Hinzu kam eine vom Vorsitzenden des
Kleingartenvereins
ausgesprochene Abmahnung an Pächter Sterzenbach: „Sollte
sich so ein Vorfall
wiederholen, würden wir den Pachtvertrag sofort
kündigen.“
Sicherheit geht vor
Bereits einen Tag später
wurden aus den Reihen der „Verwundeten“ die erste Rufe nach
einem Aufmarsch
„gegen Polizeiterror“ in Düsseldorf laut,
schließlich wolle man sich derartiges
nicht gefallen lassen. Ohne ein Datum zu nennen, lud
„Verteidiger“ am 4. Juni
auf einem Miniaufmarsch in Marl (Kreis Recklinghausen) dann auch schon
mal per
Megaphon nach Düsseldorf. Zuvor hatte er bereits verkündet:
„Weil wir soviele
Probleme mit unseren netten Herren in Grün hatten haben wir uns
dazu
entschlossen direkt noch eine Feier zu machen.“ Dieses Mal werde
alles viel
besser und sicherer organisiert. Mit dem Thema Sicherheit müsste
sich Pascal
Ried – so der bürgerliche Name des
„Verteidigers“– eigentlich auskennen,
schließlich ist der 23-jährige Unterrather, der von seiner
Wohnung in der
Wangeroogestraße die „Kameradschaft“ leitet und deren
Homepage betreibt, für
ein renommiertes Düsseldorfer Sicherheitsunternehmen tätig.
Versuch einer
Einschätzung
Die „Nationale Front
Düsseldorf L-D-U“ ist eine von vielen neonazistischen
Gruppen, die sich aus
einer rechten Skinhead-Clique entwickelt und politisiert hat. Noch
verfügt sie
über wenig Erfahrung und ist noch nicht in die relevanten
Strukturen der
nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene integriert. Neonazistische
Strukturen wie
das nordrhein-westfälische „Aktionsbüro
Westdeutschland“ (AB-West) scheint es
nicht zu gelingen, derartige Gruppen einzubinden. Man will es nicht
einmal und
grenzt sich von der „Spalter-Spitzel-Provokateure und
Party-Fraktion“ ab. Noch
spielt der Spaßfaktor bei den meisten LDU-Gruppenmitgliedern
eine größere
Rolle als die politische Arbeit, nur wenige Akteure sind bei
politischen Aktionen
anzutreffen. Kontakt pflegt man insbesondere zu vergleichbaren
Gruppierungen,
so zum Beispiel zur „Kameradschaft Moers“ um den bereits
erwähnten Kevin
Giuliani sowie zur „Kameradschaft Marl“. Giuliani jedoch
gilt in weiten Teilen
der Neonazi-Szene als unerwünscht, sogar als Spitzel. Von den
meisten
Demonstrationen ist er ausgeschlossen, sein bevorstehender Haftantritt
wird
sehnlichst erwartet. In den Reihen der Düsseldorfer
LDU-„Kameraden“ darf er
jedoch weiter ‚mitspielen’. Das
Ergebnis
sind Möchtegern-Aufmärsche mit hohem Unterhaltungswert und
gerade einmal 30
Personen, wie beispielsweise am 4. Juni in Marl. Bezeichnend für
die
Zusammenarbeit und deren Qualität ist auch die neonazistische
Demonstration am
25. Juni in Moers. „Wir haben 400 Kameraden Angemeldet!“,
hatte Giuliani vorher großkotzig
angekündigt.
Einmal mehr bewiesen er und seinesgleichen mit der Kreation des
Demomottos ihre
intellektuelle Begabung: „Kriminalisierte Multikultur - NICHT MIT
UNS!!!“. Selbst
aus der Neonazi-Szene gab es Proteste: „Entweder ein peinlicher
tippfehler oder
ein wirklich bescheuert gewaehltes demomotto. wenn ihr das meint wovon
ihr hier
immer redet muesste es ‚kriminelle multikultur - nicht mit
uns’ heißen.“ Die
Anmelderin der Demo, Violetta Blacha aus Duisburg, entschied sich
für ersteres:
„Es war wirklich nur ein Tippfehler! Die Demo ist natürlich
gegen das
kriminelle Verhalten der Multikultur!“ Giuliani: „Die
Veranstalterin war gerade
bei der Polizei und hat diesen kleinen peinlichen Fehler wieder richtig
gestellt!“
(vgl. LOTTA Nr. 20, Innenteil, Seite 9). Geholfen hat das auch nicht,
es kamen
einmal mehr nur 30 Personen, darunter auch einige
LDU-„Kameraden“.
Trotz ihrer intellektuellen
Beschränktheit und trotz ihrer (noch) fehlenden Erfahrung und
Einbindung in relevante
regionale und überregionale Strukturen, muss zukünftig mit
mehr eigenen
Aktivitäten der Düsseldorfer LDU-„Kameraden“
gerechnet werden. Frei nach dem
Motto „Nicht klug, aber emsig“ dürfte es für
kleinere politische Aktionen und
kulturelle Events reichen. Und natürlich stellt eine 10- bis
20-köpfige
Neonazi-Gruppe alleine durch ihre Präsenz eine Gefahr dar, so hohl
sie auch
sein mag. Auch die Frage der Einbindung in überregionale
Strukturen wird sich
nach der Inhaftierung Giulianis früher oder später neu
stellen. Es wäre also
aus antifaschistischer Sicht gewiss nicht verfrüht, sich jetzt
schon etwas
eingehender mit der „Nationalen Front Düsseldorf
L-D-U“ zu beschäftigen.
Antifaschistisches
AutorInnenkollektiv
www.terz.org - 30.06.2005