bookHandeln
gegen rechts
Da hat die IG
Metall
zusammen mit anderen gerade zur rechten Zeit ein Buch zum Thema
„Rechtsextremismus in den Köpfen“ herausgegeben. Denn
laut einer neuen Studie
des Politikwissenschaftlers Richard Stöss ist der Anteil von
Leuten mit
rechtsextremen und rassistischen Einstellungen unter organisierten
Gewerkschaftsmitgliedern erschreckend hoch.
Nach dem
„staatlichen
Antifa-Sommer“ 2000 wurde unter anderem das Xenos-Programm von
der
Bundesregierung betrieben mit dem Ziel, in Betrieben und der
beruflichen
Weiterbildung praxisorientiert etwas gegen rechtsextreme
Erscheinungsformen zu
unternehmen. In dem Buch werden neun unterschiedliche Projektbeispiele
aus der
Praxis beschrieben, die alle im Rahmen des Xenos-Programms
durchgeführt wurden.
Eingeleitet wird der Band mit einem Beitrag von Roland Roth, der
– durchaus
auch kritisch – einen komprimierten Überblick zu den
Maßnahmen gegen
Rechtsextremismus gibt. Wer wissen will, was so alles mit den rund 200
Millionen Euro Maßnahmengeld der Bundesregierung gegen
Rechtsextremismus
passiert ist und sich einen Einblick in den Inhalt solcher Projekte
verschaffen
will und zudem noch an Kontaktadressen interessiert ist, dem sei diese
Neuerscheinung zur Lektüre empfohlen.
Al C.
Jürgen
Peters/Hans
Hoffmann/Udo Schmode (Hrsg.): Handeln gegen rechts. Xenos –
Berichte aus der
Praxis
VSA-Verlag,
Hamburg 2005,
110 S., 9,80 Euro
bookKapital-Verbrechen
Eine
Kriminalgeschichte des
Christentums hat es vor Jahren schon mal als Buch in die
Bestsellerlisten
gebracht. Das wird der Kriminalgeschichte des Kapitalismus wohl nicht
beschert
werden. Der Untertitel erscheint verwirrend, da er zunächst
suggeriert, es gäbe
zweierlei Kapitalismus: einen kriminellen und einen gerechten
Kapitalismus.
Hierzu erklären die Autoren: „Wir betrachten als
verbrecherisch diejenigen vom
Kapitalinteresse angetriebenen Operationen, die systematisch gegen
Menschenrechte gerichtet waren oder diese für belanglos hielten,
die also der
Maxime folgten: Die Würde des Menschen ist antastbar.“ In
dem Buch wird ein
historischer Bogen gezogen von der Ausbeutung, Ermordung und
Versklavung der
Indios und der Afrikaner über die Mühlen der Baumwoll- und
Automobilproduktion
hin zum Ölgeschäft und der Waffenindustrie. Das
vorherrschende System – so wird
es deutlich – ist auf Mord und Gewalt aufbaut. Der Wohlstand der
westlichen
Welt beruht auf der Ausbeutung der abhängigen Länder.
Al C.
Werner
Bierman/Arno Klönne:
Kapital-Verbrechen. Zur Kriminalgeschichte des Kapitalismus
PapyRossa-Verlag,
Köln 2005,
207 S., 14,80 Euro
bookKein
Frieden mit
Tschechien
Wer kennt sie
nicht als ewig
gestrige und peinlich auftretende Trachtengruppe: die Sudetendeutschen
Landsmannschaften. Was im Alltagsbild des linksalternativen Milieus
mehrheitlich eher als belustigend und lächerlich, als
reaktionär, dämlich und
unbedeutend wahrgenommen wird, ist real ein manifester Ausdruck eines
staatlich
geförderten Geschichtsrevisionismus mit faschistoiden
Anflügen. Die sich selbst
als „Vertriebene“ bezeichnenden Nachfolger der damaligen
Henlein-Faschisten
sind – das zeigt das Buch in erschreckendem Ausmaß –
nicht Randfiguren in
geschichts- und außenpolitischen Diskursen, sondern stehen
mittendrin. Die
Debatten um das angestrebte „Zentrum gegen Vertreibung“
zeigen das Ausmaß des
Einflusses dieser reaktionären Verbände auf die aktuelle
Geschichtspolitik.
Jenes geforderte Zentrum, das in Berlin errichtet werden soll, stellt
einen
ideologischen Gegenpol zum Denkmal für die ermordeten Juden dar.
Es steht für
die Verklärung der früheren NS-Täter als Opfer. Der
Autor Erich Später zeigt
auf, dass die Vorläufer der Sudetendeutschen Landsmannschaften
aktiv an der
Zerschlagung der demokratischen Republik 1938/39 sowie am NS-Terror
mitgewirkt
haben. Aus dieser Sicht erweist sich die so genannte Vertreibung als
logische
Folge der Befreiung von der NS-Herrschaft.
Ein Buch also,
das ein
notwendiges Korrektiv zum vorherrschenden Geschichtsrevisionismus
darstellt.
Al C.
Erich
Später: Kein Frieden
mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft
Konkret-Verlag,
Hamburg
2005, 168 S., 14 Euro
bookG
Strich
Nein, ihr
Nasenbären – mit
dem wundersamen G-Punkt hat der Titel nix gemein, mit der wundersamen
Vermehrung an und für sich jedoch sehr viel. Es ist das Studium
und die
historische Herleitung eines spezifischen Vermehrungsprozesses, der
sich in der
Formel G – W – G’ ausdrückt: Der Autor Georg
Fülberth nennt dieses Studium
Kapitalistik. Es ist das Studium des Kapitalismus. Doch Vorsicht vor
falschen
Hoffnungen: „Nur als brotlose Kunst kann Kapitalistik die
notwendige
Rücksichtslosigkeit aufbringen. Wer selbst sein Auskommen hat,
sollte jungen
Leuten nicht vorlügen, von derlei Beschäftigung könne
man leben“, so die
Warnung Fülberths. Nach dieser Vorwarnung wird eingetaucht in
siebzig Seiten
zur Schulung Marx’scher Kapitaltheorie, bevor dann auf den
nächsten zweihundert
Seiten die Geschichte des Kapitalismus materialistisch hergeleitet
wird. Dass
dieses Unternehmen neben lehrreichen durchaus nicht minder
unterhaltsame
Aspekte aufweist, liegt am Talent des Autors zur süffisanten
Beschreibung eines
an sich trockenen Stoffes. Schreiben kann er halt, der erimitierte
Politikprofessor aus der alten roten universitären Kaderschmiede
im schmucken
Marburg. Daher kann die Neuerscheinung auch nicht einfach als eine
so-und-so-vielte Interpretation Marx’scher Theorie abgetan
werden, denn es
handelt sich hierbei um den orginär Fülberth’schen
Marxismus, einen ganz spezifischen
Cocktail halt – einen, der törnt. Prost!
Al C.
Georg
Fülberth: G Strich –
Kleine Geschichte des Kapitalismus
PapyRossa-Verlag,
Köln 2005,
314 S., 19,80 Euro
bookUnsere
Opfer zählen
nicht
Die
dritte Welt im Zweiten
Weltkrieg
Zum 60.
Jahrestag der Beendigung
des Zweiten Weltkrieges und der Niederlage Nazi Deutschlands waren die
Massenmedien voll mit Berichten über deutsche Opfergeschichten.
Den meisten ist
nicht bewusst, dass für viele Menschen in der Welt der Zweite
Weltkrieg weder
1939 angefangen hat, noch das er 1945 beendet war. Die hiesige
Geschichtsschreibung ist deutlich europazentriert. Selbst dass Wissen
um den
Weltkrieg in Asien reduziert sich zum größten Teil auf die
beiden
Atombombenabwürfe auf Japan. Dass auf Seiten der Alliierten jedoch
Millionen
von Menschen aus der so genannten Dritten Welt kämpften ist
weitestgehend
unbekannt – auch dass auf Seiten der Nazis Hunderttausende aus
Nordafrika, dem
Nahen Osten und Indien an verschiedenen Fronten eingesetzt wurden.
Darunter
auch in den Reihen der SS eine muslimische Einheit. Noch viel mehr
wurden von
Deutschland und Japan zur Zwangsarbeit und Prostitution gezwungen. Bis
heute
wird an diese Opfer kaum erinnert. Auch der Einsatz der vielen Menschen
aus den
Kolonien gegen den Faschismus und die verheerenden Auswirkungen des
Krieges auf
deren Heimatländer mit Millionen von Toten und schweren
Verwüstungen von Land
und Wirtschaft ist in den ehemaligen Siegerländern kaum ein Thema.
Allein auf
Seiten der Briten kamen von 11 Millionen eingesetzten Soldaten 5
Millionen aus
den Kolonien, davon die Hälfte allein aus Indien. Deutschsprachige
Artikel und
Bücher zu diesem Thema sind so gut
wie
nicht vorhanden. Dabei gibt es genügend schriftliche Beiträge
von Beteiligten,
die jedoch bis jetzt nicht übersetzt wurden. Das Rheinische
Journalistenbüro
füllt mit seinem Buch „Unsere Opfer zählen nicht“
diese eklatante Lücke. Die
MacherInnen betonen, dass dies kein abschließendes Buch über
die Geschehnisse
ist, sondern ein erster Anfang. In über zehn Jahren sammelten sie
Beiträge und
Fotos, interviewten Beteiligte und ließen vor allem die
Zeitzeugen selber
erzählen. Das Buch ist eines der interessantesten und wichtigsten
Bücher, die
dieses Jahr über den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht wurden.
Auf den 400
Seiten zeigt sich eine ganz andere Sicht des Zweiten Weltkrieges. Eine
Sicht
von ganz unten. Für die Freiheit und gegen den Faschismus
kämpfend offenbarten
die Alliierten im Umgang mit den eigenen Soldaten aber selber oftmals
„Mängel“
und rassistische Elemente. Viele der HelferInnen und Soldaten taten den
Dienst
für die alliierten Länder nicht freiwillig, sondern wurden
dazu gezwungen. Die
meisten Länder Afrikas und viele der asiatischen waren Kolonien,
in denen die
Einheimischen als Untermenschen angesehen waren. So waren Schwarze,
Araber,
Asiaten, Latinos und native americans meist auch in den Armeen der
Gegner
Deutschlands Schlachtfutter an vorderster Front, mussten die
schwersten
Arbeiten zu weniger Lohn verrichten. Nur die wenigsten wurden in der
Militärhierarchie in höhere Ränge befördert. In der
südafrikanischen Armee
herrschte bis zum Ende schärfste Rassentrennung. Vor allem die
Kolonialländer
England und Frankreich befürchteten eigenmächtige
Bestrebungen der Kolonien.
Damit hatten sie nicht Unrecht. Die Erfahrungen aus dem Zweiten
Weltkrieg waren
für viele der Anfang für den eigenen Befreiungskampf. Am 8.
Mai 1945 feierten
überall die Menschen den Sieg über Nazi-Deutschland. Auch in
Algier gingen
Tausende auf die Straßen und feierten den Sieg. Aufgrund ihrer
Unterstützung
gegen Deutschland erhofften sie auch für sich mehr Freiheit. Das
freie
Frankreich De Gaulles eröffnete das Feuer und ermordete mehrere
hundert
Menschen. Nur mit Hilfe der einheimischen antijapanischen Guerilla war
es der
US-Armee möglich mit so wenigen eigenen Verlusten die
Salomon-Inseln im Pazifik
zu befreien. Nach Beendigung der Kämpfe erschoss die US-Armee
über 200
Angehörige dieser linksgerichteten Guerilla, weil sie ihre Waffen
nicht abgeben
wollten. Die vielen HelferInnen und UnterstützerInnen
für die alliierten
Kräfte sind aus deren Kriegsgedenken weitestgehend ausgeklammert.
Erst im Jahr
2002 wurde in London ein bescheidenes Denkmal eingeweiht, das an diese
Menschen
aus dem Commonwealth erinnert. Neben diesen schauerlichen Geschichten
behandelt
ein wichtiger Teil des Buches Nazi-Deutschland und Japan. Auf den
ersten Blick
scheint es widersprüchlich zu sein, dass arabische Muslime in die
SS
aufgenommen wurden, war es doch offizielle Politik, dass alle
Nicht-Weißen
Untermenschen sind. Manchmal war der gemeinsame Antisemitismus der
Grund,
manchmal geschah es aus geopolitischen Erwägungen des NS-Regimes.
Das
rassistische Weltbild offenbarte sich dann auf dem Schlachtfeld.
Nicht-Weiße
Gefangene wurden grundsätzlich anders behandelt als weiße
Kriegsgefangene. Für
viele bedeutete das Zwangsarbeit, für viele den Tod.
Ein weiterer
Schwerpunkt
behandelt das Wüten der japanischen Armee in eroberten
Ländern. Auch dies ist
in Deutschland weitgehend unbekannt.
Das Buch legt
man so schnell
nicht mehr aus der Hand. Die 400 Seiten werden durch sehr viele Fotos
aufgelockert. Fotos, die oftmals auch den rassistischen Blick des
Fotografen
beiderseits der Front zeigen.
Insgesamt ein
rundum
gelungenes Buch, von dem man hofft, dass es viele anspornt weitere
Untersuchungen
zu diesem Thema durchzuführen. Abgerundet wird es durch eine
umfangreiche
Bibliographie von meist leider fremdsprachigen Büchern. Absolut zu
empfehlen,
man möchte schon sagen: Kaufzwang!
Meikel F
„Unsere
Opfer zählen nicht“
Die
dritte Welt im zweiten
Weltkrieg; Rheinisches JournalistInnenbüro; Assoziation A; 440
Seiten mit 400
Fotos und 10 Karten; 29.50 Euro
bookDas
Dritte Reich:
Aufstieg
Ganze Berge von
mehr oder
weniger guter Literatur zur Geschichte des Dritten Reiches sind
mittlerweile
veröffentlicht worden. Es würde mich nicht wundern, wenn es
das historische
Thema ist, zu dem am meisten geschrieben worden ist. Warum lesen und
schreiben
Menschen so viel über das Dritte Reich? Es ist bei manchen der
verzweifelte
Versuch zu verstehen, was man nicht wirklich verstehen kann. Für
andere geht es
um die Analyse, um so etwas in Zukunft zu vermeiden. Für wieder
andere ist es
die ewige Faszination des Bösen. Nicht zu vergessen die
Relativierer und
Geldverdiener. Aber es gibt sicherlich auch Leute, die auf hohem Niveau
eine
Darstellung der Geschehnisse lesen wollen, um zu wissen was geschah,
die aber
keine Lust haben, immer wieder zu
diversen Fachbüchern zu greifen. Man wird dann feststellen, dass
es gar nicht
so viele Gesamtdarstellungen dieser Zeit gibt und davon sind die
meisten
schlecht oder veraltet. Der Cambridge Professor Richard J. Evans wollte
diesen
Mißstand beseitigen und schrieb eine
dreibändige Geschichte des Dritten Reiches, deren erster Band
„Aufstieg“ nun in
deutsch vorliegt. Und die Darstellung ist sehr gut –
natürlich supergestrafft – der
Fachmann würde immer
wieder gerne mehr wissen. Aber die Krise Deutschlands während und
nach dem
Ersten Weltkrieges und die Folgen bis hin zur sogenannten
Machtergreifung sind
gut lesbar dargestellt worden und mit Unmengen von Zeugnissen und
Informationen
belegt. Wenn die anderen beiden Bände dieses Niveau halten, werden
die
LeserInnen sicherlich genug erfahren um sich ein Bild dieser Zeit zu
machen. So
gesehen empfehle ich diese Darstellung all denjenigen, die sich relativ
schnell
(der erste Band hat immerhin 750 Seiten), aber nicht oberflächlich
informieren
wollen.
Eins sei aber
leider noch
angemerkt. So gut Evans ist, so erscheint mir das Buch nicht sehr gut
übersetzt
und lektoriert. In Zeiten der Krise sparen die Verlage ja gerade oft
daran.
Aber alle paar Seiten stolpert man über Fehler und manchmal liegt
es auf der
Hand, dass ein Satz eine falsche Bedeutung hat und so nicht gemeint
sein
konnte. Schade.
Richard
J. Evans: Das Dritte
Reich – Aufstieg, München 2005
bookTESTCARD
# 14: AMERIKA
ENTDECKEN?
Nach den
Wikingern und
Kolumbus sollen nun also auch wir Amerika entdecken. Ist sicher ein
großes
Land, aber ist da nicht auch’n bisschen zuviel an
Oberfläche? Die Testcard,
einst gestartet als diskursives Zusatzangebot zur Popkulturthematik,
hat sich
in diesem Band (benannt nach einem Van Dyke Parks-Album)
Annäherungen an
Facetten und Themenbereiche vorgenommen, die letztlich durch eine
Intention
geklammert werden können: es soll das aktuelle hiesige
kulturpolitische
Verhältnis zu Amerika und eben das Selbstverständnis im Land
der unbegrenzten
Möglichkeiten selbst fokussiert und mittels eines mehrheitlich
sub- oder
gegenkulturell ausgerichteten Panoramas problematisiert und in all
seinen Widersprüchlichkeiten
dargestellt werden. So thematisiert man in einem Artikel explizit die
Ursachen
und Folgen eines leicht instrumentalisierbaren Antiamerikanismus und
versucht
darüber hinaus, alternative Diskurse aufzubauen, wobei der Fokus auf dem „anderen“ Amerika
gelegt ist,
das aber als Begriff, selbstredend, auch gleich wieder problematisiert
wird.
Folgender Punkt
fällt bei
der Themenauswahl sofort auf: Was Amerika überhaupt für ein
komplexes
transnationales Staatengebilde ist, wird hier in gewisser Weise
übergangen,
indem sich die gesamte Auswahlthematik der Identifikation
„Amerika = USA“
unterordnet. Das ist traurig aber wahr und mutet bei einem prinzipiell
aufgeklärtem Projekt wie Testcard etwas seltsam an.
„America“ wird - der Van
Dyke Parks-Titel bietet hier natürlich eine popkulturelle
Rückzugsmöglichkeit,
was bereits viel über das thematische Projekt verrät –
hier vor allem als
kulturell codierte Begriffsklammer verstanden, als solche
verallgemeinert und
nicht wirklich generell problematisiert. „Amerika“ wird
unbewusst-bewusst mit
den kulturellen Codes der USA gleichgesetzt - James Dean auf dem
Wasteland-Parkinglot
der Coverabbildung ist die sinngemäße Umsetzung dieser
Logik, und die
behandelten Thematiken befassen sich bis auf zwei Ausnahmen (zum einen
‚Neozapatismus
und Popkultur’, ein traditionell beliebtes kulturlinkes
Identifikationsthema,
zum anderen ein Essay über Bossa Nova) ausschließlich mit
Kulturthemen der USA.
Brasilien, Argentinien, Chile, Kolumbien, Uruguay, Peru, Bolivien usw
usf -
keine Spur. Stattdessen: neue Songschreiber in den USA und altbekannte
RiotGrrrls, herzig dissidente US-Indie-Szenen und -Kulissen,
US-HipHop-Diskussionen, Hollywoodfilme über das Pop-Milieu, Spike
Lee, Oliver
Stone, Harmony Korine, Kinky Friedman. Allgemein schöne Themen,
gewiss, aber
letztlich sowohl längst durch die bürgerlichen Feuilletons
geschleift als auch
den Komplex „Amerika“ doch extrem verkürzend und
eindimensional wiedergebend.
Was nicht heißt, dass die vorgeführten Artikel und Analysen
schlecht oder
überflüssig wären, aber wirklich erweiternd ist dieser
Fokus nicht.
Das führt
gleich zum
nächsten Punkt: die Fixierung auf den pop- und subkulturellen
Diskursrahmen
wirkt auf Dauer etwas ermüdend und wenig hilfreich,
gesellschaftliche
Zusammenhänge konkret und transparent zu machen, zumal die
wirklich
weiterführenden und notwendigen Diskursanalysen wie z.B. eine
kritische Analyse
der Subkulturindustrie darin nicht stattfinden. Den gröbsten
Vorwurf, den man
dem Projekt Testcard von daher machen kann, wäre, dass sie die
sich aufgeklärt
gebende Fan-Berichterstattung der Subkulturindustrie auf ein
seriöses,
quasi-analytisches Plateau überführt und erweitert, die
radikalen
Strukuranalysen aber letztlich ausspart. Aber diese Kritik ist greift
kurz, gemessen
am grossen Kraftaufwand und der generellen Intention eines Projekts,
das
prinzipiell gutzuheissen ist und auch immer wieder hilfreiche und
anregende
Beiträge bietet. Neben den guten und weiterführenden Analysen
gibt es jedoch
auch Stilblüten einer pseudokritischen Klischeesprache zu
beobachten, eines
quasi linksfeuiletonistischer Jargons, der auf einen anbiedernden
Effekt setzt,
und der immer um so problematischer erscheint, je rigoroser und
konsequenter er
seine Behauptungen formulieren will.
Die Testcard,
einst als
neuartiges und ambitioniertes Projekt gestartet, hat mittlerweile einen
Status
erreicht, bei dem das Projekt selbstkritischer und konzeptionell
intentionierter
werden sollte und das eine konstruktive Kritik genauso verdient wie
auch braucht.
Immer wieder
sehr gut bis
höchst zwiespältig: der Kritikenteil, der als erste
Orientierung tatsächlich
gute Anhaltspunkte wie auch hervorragende Tipps bietet, der in seiner
Voluminösität
- er macht nahezu ein Drittel des Bandes aus - jedoch mittlerweile
abschreckt.
Besonders herb trifft zudem der redaktionelle Verlust durch den Tod von
Tine
Plesch, der eine große, schwer zu schliessende Lücke
gerissen hat.
Was noch? Der
Respekt, der
nötig ist, um dieses Projekt zu begleiten: nach wie vor ist es
wichtig in
seinem Versuch, zeitgemäße Gegenkultur abzubilden und
diskursiv zu verhandeln.
Und auch die Perspektive verdient letztlich Respekt: sie versucht
zumindest den
Spagat zwischen einem so unabhängig wie möglich gestaltetem
Sprechort und einem
nahezu amtlich codiertem Diskursraum, in dem immer noch Nischen
eingerichtet
werden sollen, in denen das stattfinden kann, was sonst nur auf noch
marginalerer
Ebene stattfinden würde.
HONKER
Testcard
# 14 „Discover
America“, Ventil-Verlag Mainz, 14,50 Euro
www.terz.org - 30.06.2005