„Alles
Ständige
und Stehende
verdampft ...“*
Seine Formen hat der
Klassenkampf an der Gerresheimer Glashütte in 100 Jahren
geändert.
Die Erkrather
Heimat-Historikerin Hanna Eggerath erinnert sich auf sehr
persönliche Weise an
die frühen Lebensbedingungen und Kämpfe im Umfeld der
Glashütte. Zugleich macht
sie deutlich, dass die Glasmacher schon immer eine internationale
Dimension
hatten. Ihr Herkunftsbereich im Westen reichte bis zur
niederländischen Provinz
Drente – und bis zum Ladoga-See und dem Schwarzen Meer im Osten.
„Mein
Großvater Robert Ziegler war Glasmacher und hat
selbstverständlich in der
Gerresheimer Glashütte gearbeitet. Meine Mutter ist 1899 auf der
Portastraße
15, in einem der Hüttenhäuser, geboren. Noch in den 70er
Jahren wohnte ihr
jüngerer Bruder, Onkel Karl, in diesem Haus. Ich habe ihn oft
besucht.“
Ihr
Großvater war von
Nienburg nach Gerresheim gekommen. Auch dort hatte er schon beim
Glashüttengründer
Ferdinand Heye gearbeitet. Auch ihr Urgroßvater, der wie der
Großvater in der
Nähe von Allenstein in den Masuren geboren war, hatte in Gelguhnen
in einer
kleinen Glashütte gearbeitet. Die Großmutter, Emma Wenzel,
stammte ebenfalls
aus einer Glasmacherfamilie. Emma war in der Nähe von
Königsberg, im Ort Glashütte
Topprienen, geboren. Ihre Vorfahren waren Glasmacher oder Motzer oder
Schürer
oder Einträger.
Aus der
Familiengeschichte
wird die Geschichte der Klassen: „Als im Juli 1901 die Glasmacher
Gerresheims
in den Streik traten, war die Familie Ziegler schon sehr groß.
Fünf Kinder
waren da und Emma Ziegler war mit dem sechsten Kind schwanger. Alle
Arbeiter wurden
aus den Hüttenhäusern auf die Straße gesetzt. Wo die
Familien in den sieben
Streikwochen Unterschlupf fanden, habe ich nicht in Erfahrung bringen
können.
Es heißt, sie hätten mit ihren Frauen und Säuglingen,
mit ihren Ziegen und
Schweinen in den Wäldern gehaust. Verwandte hatten meine
Großeltern in
Gerresheim genug: Gustav, Carl und Hermann Ziegler wohnten mit ihren
Frauen und
Kindern „auf der Hütte“ oder „auf der
Insel“. Sie arbeiteten alle in der
Glashütte, waren alle am Streik beteiligt und waren alle aus den
Wohnungen
gejagt worden. Sie hätten ohnehin nichts abgeben können. Ein
Glasmacher
verdiente 18 Mark und ein Meister 25 Mark in der Woche.“
Rückblick I:
Am 30. April
1864 gibt Ferdinand Heye im „Öffentlichen Anzeiger Nr.
24“ bekannt, dass er eine
Glasfabrik in Gerresheim errichten lassen will. Das
Gerresheimer
Bürgermeisteramt hilft mit einem Konzessionsgesuch an
die preußische
Königliche Regierung in Düsseldorf. Am
23. Mai 1864 bekommt Heye die Konzession
und polizeiliche Erlaubnis. Am 7. November 1864 wird die Firma Heye ins
Register des Amtsgerichtes Gerresheim eingetragen. 1871 gründet
sich der
„Verband der Glasindustriellen Deutschlands“.
Rückblick
II: 1863 wird des
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein von Lassalle gegründet. Am 29.
Januar, 5.
Februar, 5. April und 9. Juni 1864 gibt es die ersten Versammlungen des
Vereins
in Gerresheim im Lokal der Witwe Laufs. 1875 gibt es den I. Kongress
der
Glasarbeiter Deutschlands – ohne Gerresheimer Beteiligung. 1876
folgt der „Bund
der Glasarbeiter Deutschlands“, der sich am 18. Oktober 1878
auflöst, um die
Einziehung seines Vermögens zu verhindern (Bismarcks
Sozialistengesetz: 21.
Oktober 1878). Glasmacher Friedrich Lippert bekommt eine
Hausdurchsuchung und
eine Verhandlung.
Dresdner
Glasmacher sorgen
mit ihrem Zuzug dafür, dass „das sozialistische Element auf
der hiesigen Hütte
wesentlich verstärkt“ wird. 1890 planen die Gerresheimer
einen Ausstand. Der
Bürgermeister macht Meldung an den Landrat: Es gebe Versammlungen
im
„Buchenwalde von Hardenberg“ mit 10 bis 20 Personen zu
jeder Tag- und
Nachtzeit. 1890 sollen fast alle Glasmacher der Sozialdemokratie
angehören.
Gleichwohl: „Sozialdemokraten und Fachvereinler“ bekamen
vielfach prinzipiell
keine Arbeit. Beitritt und auch nur Fühlungnahme bedeuteten
Entlassung.
Neue
Glasbläser – auch aus
Riga, Wilna, Prag, aus den Gebieten von Moskau, Charkow und Minsk
– waren unter
diesen Umständen umworben und zugleich gefährdet.
Zunächst arbeiteten sie als
Streikbrecher unter dem Schutz der Polizei. 1898/99 sollten sie dann
ausgewiesen werden. Aber die Handelskammer zu Düsseldorf hielt
dagegen: „Dem
Umstande aber, dass die russischen bzw. polnischen Arbeiter durchaus
ruhige und
allen aufwiegelnden und revolutionären Bestrebungen fern stehende
Elemente
sind, ist es in erster Linie zuzuschreiben, wenn die Arbeiterschaft des
genannten großen Betriebes sich von jedem von außen
angeregten Streike
fernhielt.“
Hanna Eggerath
hat immer der
eigentliche Grund dieses Streiks beeindruckt: „Die Gerresheimer
Glasmacher
streikten nicht für sich, sondern aus Solidarität mit den
streikenden Arbeitern
in Nienburg und Schauenstein, außerdem für die Anerkennung
des
Koalitionsrechtes und die Einführung eines paritätischen
Arbeitsausweises. Nach
sieben Wochen konnte der Glasmacher-Verband das (geringe) Streikgeld
nicht mehr
aufbringen. Der Streik ging am 26. September 1901 verloren. 100
Glasmacher
wurden nicht mehr eingestellt. Robert Ziegler war Mitglied im Verband
der
Glasarbeiter. Er hatte das Glück, wieder eingestellt zu werden. Er
war ein
guter Facharbeiter.“
Weniger
„Glück“ hatte
Ferdinand Heye. Ihm wurde 1899 vom Königlichen
Oberverwaltungsgericht das
Stimmrecht (Drei-Klassen-Wahlrecht) für Gerresheim entzogen
– weil er nicht in
Gerresheim wohnte. Dafür war er dann Beigeordneter in
Düsseldorf und
Aufsichtsratsvorsitzender des Gerresheimer Gaswerkes, das er 1906 an
Düsseldorf
verkaufte.
Etwa 100 Jahre später :
Die
Gerresheimer Glashütte, längst von der „Mutter“
Gerresheimer Glas AG verstoßen,
kommt am 21. Juni 2004 als BSN Glasspack über die
Anlegergesellschaft CVC
erneut an den US-amerikanischen Glas-Weltmarktführer
Owens-Illinois (O-I) aus
Toledo (Ohio). Das macht Sorgen, denn O-I hat nicht nur die
handwerklichen
Glasbläser durch Maschinen verdrängt, sondern in seinem
ersten Intermezzo in
Gerresheim schon einmal eine große Anzahl von Glasmachern
„freigesetzt“. Es gab
Abfindungen. Es gab aber keine neuen Arbeitsplätze.
Der
Weltmarktführer
berechnet den europäischen Markt nun neu und entdeckt
Überkapazitäten. Statt
weniger arbeiten zu lassen entscheidet ein Mr. McCracken: Gerresheim
muss weg!
Die Hütte macht zwar schwarze Zahlen. Aber das ist kein Grund, sie
nicht platt
zumachen. Denn Mr. McCracken weiß die amerikanische
Steuergesetzgebung auf
seiner Seite: Wenn er nachweisen kann, dass O-I die Gerresheimer
Hütte unter
„falschen Voraussetzungen“ gekauft hat, dann kann er das
steuerlich geltend
machen. Ihm winken 250 Millionen Dollar. Und der Gewinn aus dem Verkauf
des
Industrie-Areals.
Da gibt es nun
viele
Parallelen, aber auch Verwerfungen gegenüber den Kämpfen von
vor 100 Jahren.
Die Hötter werden nicht mehr aus ihren Wohnungen geworfen. Die
1.100
Werkswohnungen hat schon die Gerresheimer Glas AG 1979 längst an
den
Spekulanten Hermann Füssling verkauft. Den Höttern droht
heutzutage der Auszug,
weil sie den Abtrag bei der Bank nicht mehr leisten können, wenn
sie Hartz IV
bekommen.
Die Polizei
schützt nicht
die Arbeitsplätze vor der Zerstörung, sondern das Recht der
Vertreter des
Kapitals und damit der Arbeitsplatzvernichter auf freien Zugang zur
Hütte.
Beschäftigte, RentnerInnen, AnwohnerInnen, viele
Gerresheimer blockieren das
Werkstor an der Heyestraße, um ihren Protest auszudrücken.
Sie werden
aufgefordert, den Platz zu räumen. Bei Nötigung müssten
die Personalien
festgestellt werden. Es sei mit Verfahren zu rechnen. – Aber es
wird nicht
eingegriffen.
Auch
Oberbürgermeister
Joachim Erwin greift nicht ein. Im Gegenteil: eine Delegation des
Betriebsrates
wird im Rathaus gar nicht erst vorgelassen. CDU-Ratsfrau Rosemarie
Theiß wirbt
um Verständnis: Erwin sei doch in Asien gewesen. Vier Wochen lang?
Zeit hatte
er allerdings – um mit der Geschäftsleitung Kontakt
aufzunehmen. Und da wird
auch gleich die Linie klar: In unternehmerische Entscheidungen
könne er nicht
eingreifen. Der Druck auf Erwin wächst. Fast jeden Tag berichtet
die Presse
über neue Aktivitäten des Solidaritätskomitees
„Rettet die Gerresheimer
Glashütte!“ König Erwin I. ist zu einer Audienz bereit.
Vor der Ahnengalerie
der ehemaligen Oberbürgermeister im Rathaus zeigt er aber gleich,
wen er nicht
will: Die Vertreter des Solidaritätskomitees müssen sofort
den Saal verlassen.
Mit Kommunisten rede er schon gar nicht. Er ist erst bereit zu helfen,
wenn die
Hütte nicht mehr steht: Sozialplan, Übergangsgesellschaft ...
Genau das aber
sind
Vorgaben, die niemand in Gerresheim will. – Weit über 5.000
Unterschriften sind
unter die Forderung gesetzt, die Glashütte mit den vorhandenen
Arbeitsplätzen
zu sichern. Darunter sind Unterschriften von
SPD-KommunalpolitikerInnen, die
zuvor noch vor jeglichem „Aktionismus“ gewarnt haben. Mit
Protesten oder einer
solidarischen Sondersitzung im Gerresheimer Rathaus, wie von der DKP
gefordert,
streue man den Glasmachern nur Sand in die Augen, so könne man
ihre
Arbeitsplätze retten.
Trotz der
BedenkenträgerInnen
gibt es eine Demonstration und eine Kundgebung in Gerresheim. Und
im Zug
laufen die BedenkenträgerInnen plötzlich auch mit. Die
Grünen sind allerdings
konsequenter. Sie werden im Zug nicht gesehen. Anders die CDU: Der
Bezirksvorsteher von Gerresheim bleibt dezent am Rande. Die FDP hat in
einer
Pressemitteilung die Hütte längst abgeschrieben. Sie lehnt
auf der Grundlage
einer „Empfehlung“ des Oberbürgermeisters eine
Sondersitzung im Gerresheimer
Rathaus ab. In der Sitzung des Solidaritätskomitees hält sie
die Sitzung dann
doch für möglich – aber am nächsten Tag folgt
wieder ein Kommentar in einer
Stadtteilzeitung mit ablehnendem Tenor.
Zweite Begegnung
mit König
Erwin I.: Überraschende Übergabe der Unterschriften im
Rathaus. Erwin weicht
vor der anwesenden Presse ins Foyer des Rathauses aus. 20
„Blaumänner“ machen
ihm klar, dass sie sich nicht verschaukeln lassen. Erwin verliert die
Contenance und warnt vor „Rattenfängern“. Ein Kollege
erkennt, dass er Erwin
bei der letzten Wahl auf den Leim gegangen sein. Jetzt erkennt er, dass
es ein
Unterschied ist, ob ein Politiker sich für den Erhalt bestehender
Arbeitsplätze
einsetzt oder verspricht, bei einem Sozialplan zu „helfen“ .
In den
Kämpfen wächst das
Bewusstsein. Und mit dem Bewusstsein wachsen die Kämpfe.
K. Putt
www.terz.org - 30.06.2005