Antifaschistische Aktivität und Neues aus der Naziszene
Erkrather Punk zusammengeschlagen
Nicht nur in der Landeshauptstadt, auch im benachbarten Erkrath werden Personen
von Nazis angegriffen. Am 30. Juni wurde auf dem Erkrather Altstadtfest ein
antifaschistischer Punk, der sich einen Bandauftritt anschauen wollte, brutal
zusammengeschlagen. Zuvor waren er und sein Begleiter mit den Worten „Scheiß
Zecken, was wollt Ihr denn hier? Heute ist nicht Euer Tag!“ von drei Personen,
darunter die als brutale Schläger bekannten Erkrather Brüder Basti
und Patrick Nitze angepöbel t worden. Sechs bis sieben Personen, darunter
auch Bernd Pless, einer der neonazistischen Rudelführer in Erkrath,
kamen zur Unterstützung hinzu. Ergebnis für einen der Angegriffenen:
Mehrere Platzwunden im Kopfbereich, die genäht werden mußten und
Blutergüsse am ganzen Körper. Der zuständige Düsseldorfer
Polizeiliche Staatsschutz beeilte sich nach dem Vorfall mitzuteilen, daß
man „rund 15 Jugendliche im Auge“ habe, die „am Vatertag und am 20. April
wegen ‚Sieg-Heil‘-Rufen und anderen Parolen aufgefallen“ seien. In der NRZ
vom 5. Juli wird der Leiter der für „Rechtsextremismus“ zuständigen
Staatsschutzabteilung, Martin Kulikowski, mit den Worten „Es gibt aber keine
Organisation und keine Verbindungen zu rechtsradikalen Kameradschaften“ zitiert.
Richtig hieran ist lediglich, daß es in Erkrath tatsächlich noch
keine gefestigte „Kameradschaft“ gibt. Sehr wohl aber gibt es vor Ort eine
Naziclique, die sich unter anderem um Bernd Pless und Stefan Dedecke schart.
Letzterer hat auch die Erstellung zahlreicher Aufkleber mit der Botschaft
„Wir kämpfen für Deutschland“ des „Nationalen Widerstands Erkrath“
organisiert, die überall im Kreisgebiet und Düsseldorf
verklebt werden. Völlig identische Aufkleber gibt es auch vom „Nationalen
Widerstand Solingen“, was nicht weiter verwundert, da Dedecke neben seinen
häufigen Aufenthalten im Ruhrgebiet, besonders in Essen und Duisburg,
auch oft in Solingen anzutreffen ist und sich die neonazistische Szene in
Erkrath und Hilden mit der in Solingen stark überschneiden. Als presserechtlich
Verantwortlicher für die Aufkleber zeichnet der Inhaber des “RK Druck
und Vertrieb“, Rüdiger Kahsner aus Hagen, der sie in der Druckerei der
„Unabhängigen Nachrichten“ in Oberhausen hergestellt hat, ebenso wie
tonnenweise anderer Aufkleber und Flugblätter, die überall im Bundesgebiet,
insbesondere in NRW auftauchen. Die auf den Klebern genannte Adresse Käthe-Kollwitz-Str.
10 in Hagen ist eine Sozialwohnung, in der Kahsner lebt. Er gehört zwar
nicht zu den nordrhein-westfälischen Führungskadern, hat aber dennoch
eine wichtige Funktion für die Szene, da er sich kontinuierlich um Logistik
und Propagandaarbeit kümmert. Er wurde bereits mehrmals wegen
Propagandadelikten und Leugnung des Holocaust verurteilt. Kahsner gehörte
noch 1998 dem “Aktionskomitee Rudolf Hess“ an, das sich an der Vorbereitung
eines Aufmarsches anläßlich des 11. Todestages des Hitler-Stellvertreters
Rudolf Hess im Sauerland versuchte (vgl. TERZ 9/98).
Die Erkrather Szene ist stark mit der rechten Fußballszene verwoben
und häufig bei Spielen des Wuppertaler SV anzutreffen. Aber auch im
Duisburger Wedaustadion, bei Rot Weiß Essen und bei der Spielvereinigung
Velbert sind Mitglieder der Clique, die aus mindestens 20 Personen besteht,
anzutreffen. Ähnlich viele Personen sind auf „Kameradschaftsabenden“
und internen Parties dieser Clique zu finden. Beliebter Treffpunkt zum Feiern
des „Führergeburtstag“ und anderer Events ist eine umgebaute Garage
in der Erkrather Schinkelstraße 11. Gute Kontakte werden auch zur „Kameradschaft
Düsseldorf“ gepflegt, deren „Kameradschaftsführer“ Sven Skoda und
Vanessa Laass nach ihrem plötzlichen Wegzug aus Oberkassel ihr
Hauptquartier kürzlich in der Derendorfer Tussmann straße
11 eingerichtet haben. Beste Kontakte seitens der Erkrather „Kameraden“ gibt
es darüber hinaus nach Velbert, Mettmann, Wülfrath, Duisburg, Oberhausen,
Moers und Essen. So war zum Beispiel Stefan Dedecke bereits 1997 auf überregionalen
„Kameradschaftstreffen“ im Ruhrgebiet anzutreffen.
Es kann also keine Rede davon sein, daß die Erkrather Szene völlig
unorganisiert ist und keine Kontakte zu „Freien Kameradschaften“ hat. Letztendlich
dürfte es aber auch für Opfer neonazistischer Gewalt keinen Unterschied
machen, ob sie von ideologisch gefestigten Mitgliedern einer „Kameradschaft“
oder grottendämlichen, gewaltgeilen und mit Nazis sympathisierenden
Fußballfans zusammengeschlagen werden. Es gilt also auch in Erkrath
dringend dafür zu sorgen, antifaschistischen Widerstand zu organisieren.
Düsseldorfer Normalität
Das seien nur „Fortuna-Fans“ gewesen, wußte einer der Kneipengäste
mitzuteilen und fügte hinzu: „Die treffen sich regelmäßig
einmal im Monat hier. Die sind in Ordnung“. Beim näheren Hinsehen jedoch
entpuppte sich das „harmlose“ Treffen von ca. 30 Personen am Abend des 21.
Juli in der Kneipe „Bei Billa“ auf der Vollmerswertherstraße als nicht
ganz so harmlos. Diverse TeilnehmerInnen waren in klassischer Naziskinkluft
erschienen. Einige von ihnen machten einen „kleinen Ausflug“ in die nahe
Dianastraße, um dort eine Frau zusammenzutreten, die offensichtlich
mit beim „Stammtisch“ gewesen war, dann aber wohl, aus welchen Gründen
auch immer, den Zorn ihrer Tischnachbarn auf sich gezogen hatte. Aufgescheucht
durch die herbeigerufene, dann aber planlos herumstehende Polizei löste
sich der „Stammtisch“ später auf und wurde auf die Rheinkirmes verlagert.
Unter den Nazisskins war einmal mehr der nur hundert Meter entfernt wohnende
Sven Gustavsohn, der zu den Angreifern am 13.6. vor dem „Cafe Tigges“ zählte,
anzutreffen. Ebenfalls vor Ort zu finden war der fleißige Demogänger
und „Rudolf Hess“-Fan Christian Naujok, der ebenso wie Gustavsohn sicherlich
nicht zu den intellektuellen Leuchten des „Nationalen Widerstands“ zählt.
Dieses Manko kompensiert Naujok offensichtlich darüber, daß er
hin und wieder in Begleitung weiterer Skins Baseballschläger und abgesägte
Billardqueues schwingend zwischen Erkrather und Mettmannerstraße
umherstreift. Seine Wohnung in der Erkrather Straße 58 dient des öfteren
auch als Treffpunkt für eine ca. fünfköpfige Naziskin-Clique.
Eine Woche später jagte dann eine ca. 15- bis 20köpfige Gruppe
Kurzhaariger mit Holzlatten und Hämmer bewaffnet eine achtköpfige
Gruppe Schwarzer durch den Volksgarten. Erst nachdem von weitem Polizeisirenen
zu hören waren, nahmen die Verfolger von ihrem eindeutigen Vorhaben
Abstand und suchten das Weite.
Nicht einmal eine ansonsten übliche Presseerklärung waren beide
Vorfälle der Düsseldorfer Polizei wert. Normalität eben -
nicht nur am „Vatertag“ in Magdeburg, sondern auch in Düsseldorf.
Never ending Lemmer
Immer wieder hat es in der rechten Karriere des Düsseldorfer RechtsRock-Unternehmers
Torsten Lemmer Phasen gegeben, in denen er behauptete, er habe der Szene
den Rücken gekehrt. Insbesondere dann, wenn ihm die extreme Rechte als
politische Plattform, Absatzmarkt und Ausgangspunkt zur Selbstdarstellung
zu eng erschien.
Schon nach dem unfreiwilligen Ende seiner Tätigkeit als Fraktionsgeschäftsführer
der Düsseldorfer REP-Abspaltung „Freie Wählergemeinschaft“ (FWG)
Anfang 1993 hatte Lemmer Journalisten gegenüber verkündet, er wolle
mit der Szene nichts mehr zu tun haben. Tatsächlich baute er mit dem
ehemaligen FAP-Aktivisten Andreas Zehnsdorf und mit finanzieller Unterstützung
von Charlotte Rosenberger, Schwester des ehemaligen nordrhein-westfälischen
REP-Landesvorstandsmitglieds Dr. Robert Nagels, die Firmen „Creative Zeiten
Verlag und Vertrieb GmbH“ (CZ) und das Label „Funny Sounds and Vision Produktions-
und Handelsgesellschaft mbH“ auf. Mit Lemmer und Zehnsdorf als Geschäftsführer
entwickelten sich „Funny Sounds“ und CZ zu Marktführern im RechtsRock-Geschäft.
Zum 1.1.1999 gab Lemmer seine Geschäftsführerposten an
seine rechte Hand, den ehemaligen Hamburger JN-Landesvorsitzenden Jan Zobel
ab, ohne allerdings seine Unternehmensanteile zu veräußern. Von
nun an konzentrierte er sich darauf, zusätzlich seriöse Felder
zu erschließen. Er erwarb einige Sonnenstudios, bewarb sich zur Vollversammlung
der IHK und betätigte sich als Hundezüchter und Vorsitzender der
Düsseldorfer Gruppe des renommierten „Boxer-Klub e.V. Sitz München“.
Gleichzeitig bastelte er gemeinsam mit Jan Zobel an seinem politischen Comeback.
Innerhalb kürzester Zeit wurde zumeist unter der offiziellen Verantwortung
Zobels ein Revival alter FWG-Strukturen aufgelegt: Vom „Jugendoppositionstammtisch“
über die Zeitschriften „Düsseldraht“ und „Reflex“, provokanten
Auftritten im Rathaus bis zur Gründung einer eigenen Liste, die zu den
nächsten Kommunalwahlen antreten und Lemmer in den Stadtrat bringen
soll. All das aber brachte nicht den erwünschten Erfolg. Die Chancen,
bis ins Jahr 2004 öffentlich präsent zu bleiben, um dann in Konkurrenz
zu den REPs mit mehreren Kandidaten in den Stadtrat einzuziehen, standen
mehr als schlecht.
Im Frühjahr 2001 rief dann Christoph Schlingensief auf die
Bühne. Lemmer sah seine Chance gekommen und folgte gemeinsam mit Zobel,
Melanie Dittmer, Jürgen Drenhaus und seinem 18-jährigen Zögling
Tim Holzschneider diesem Ruf, verkündete seinen endgültigen Ausstieg
und ließ sich von Pressekonferenz zu Talk-Show reichen. Diese Orientierung
machte aber eine weitere Unstrukturierung des Unternehmens erforderlich.
Einerseits war nun auch Zobel auf den „Aussteiger“-Geschmack gekommen, andererseits
mußte jede nachweisbare Verbindung Lemmers zur extremen Rechten gekappt
werden. Die in den letzten Jahren recht erfolgreiche Firma „Funny Sounds“
hatte Lemmer schon im Vorjahr abgewickelt. Durch Gerichtsbeschluß vom
17.11.2000 wurde über das Vermögen der Gesellschaft das Insolvenzverfahren
eröffnet und diese aufgelöst. Lemmer war zu diesem Zeitpunkt allerdings
alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer einer weiteren in
der Öffentlichkeit nicht bekannten Firma, der „Enorgon-Aktiv Meyer GmbH“,
die sich der „Herstellung von homoöpathischen Produkten unter Verwendung
der Orgonstrahlen“ widmet und Lemmers 81-jährigen Großvater Ludwig
Moos gehört, der sie 1997 von Dr. Robert Nagels und den OberhausenerInnen
Jörg und Daniela Meyer erworben hatte. Moos fungierte 1992/93 für
die FWG als stellvertretendes Ausschußmitglied des Düsseldorfer
Stadtrats. Derzeitig findet eine Umstrukturierung dieser Firma statt. Der
Name soll nun in „VGR-Multimedia Verlagsgemeinschaft Rheinland GmbH“ geändert,
der Sitz ins nahe Hilden verlegt werden und der Zweck der GmbH demnächst
„der Verlag, die Produktion und der Vertrieb im Groß- und Einzelhandel
von Tonträgern, Zeitschriften, Büchern, Werbe- und Fanartikel (...)
und das Management von Künstlern und Autoren“ sein. Dies ist einem notariell
beglaubigten und an das zuständige Handelsregister gerichteten Begehren
von Moos zu entnehmen. Torsten Lemmer selbst ist im Rahmen der Umstrukturierung
als Geschäftsführer abberufen worden. Sein Nachfolger mit Anschrift
in einer Lemmer und Nagels gehörenden Immobilie in Hilden ist sein Zögling
Tim Holzschneider. Es dürfte bei einer derartigen Konstellation also
niemanden erstaunen, wenn auch einige Lagerbestände sowie eine Reihe
von Plattenverträgen und Urheberrechten günstig den Weg nach „VGR
Multimedia“ finden werden.
Von „Creative Zeiten“ ist nicht mehr als eine Hülle übriggeblieben.
Auch das Hochglanzmagazin „RockNord“, auflagenstärkste Szenezeitschrift
in Deutschland, ist bereits herausgelöst worden und wird nun von Lemmers
langjährigem Geschäftspartner Andreas Zehnsdorf herausgegeben.
Der klägliche Rest von „Creative Zeiten“ wird derzeit öffentlichkeitswirksam
Innenminister Otto Schily zum Kauf angeboten, mit der selbst auferlegten
„Verpflichtung“, daß „die Hälfte des Erlöses zurück
aus dem Verkauf in eine Einstiegsinitiative für Rechtsradikale“ fließt,
eine „Initiative“, in der Lemmer „- auch um Glaubwürdigkeit zu gewinnen
- selbst tätig werden will“, wie es in einen „Offenen Brief an den deutschen
Innenminister! (der Bundeszentrale für politische Bildung zur Kenntnis)“
heißt. Angestrebte Verkaufssumme: Zwei Millionen DM. Aber Lemmer wäre
nicht Lemmer, wenn er das von ihm „gespendete“ Geld anschließend nicht
auch selbst verwalten würde, schließlich ist er jetzt schon Vorsitzender
des „Aussteiger“-Vereins „Rein e.V.“ , den er zusammen mit Schlingensief
und Peter Kern im Juni diesen Jahres für „ausstiegswillige Neonazis“
gegründet hatte. Und so fügt sich eines zum anderen. Lemmer steht
einmal mehr im Rampenlicht, was seine fast krankhafte Profilierungssucht
befriedigt, der Euro rollt und auf dem RechtsRock-Markt und in der Naziskinszene
wird weiter kräftig mitgemischt.
www.terz.org
- 29.08.2001