Ha! Genial! Düsseldorf hat wieder was! Die Death-Parade! Die IG-Metal
marschiert! Diese Stadt ist so unglaublich, das müsst ihr erst mal fressen!
Und dann fix vergessen. Gehe ich spazieren, finde ich ein Loch. Ist da ein
Deckel drauf, hebe ich den hoch, fliegen 1000 Platten rauf. Ist denn hier
Nachsommer oder was? Anscheinend. Um der Flut des ganzen Guten (wirklich!)
beizukommen, geht’s heuer noch schneller und kompakter zu: der Produktwegweiser
zur erwähnenswerten September-Musik. Elektronik zuerst: Indieaner-House
aus Hamburg gibt’s auf der erste Werkschau von HAMBURGEINS (Dial/Ladomat).
Die Platte ist genial schön, der Promotext von Lado-Charlotte, wie immer,
unerträglich, aber das könnt ihr ja gottlob nie lesen. Dafür
bekommt ihr so simpel wie bestechende Hooks ins Herz geworfen, von Leuten,
die House und Indiepop gegessen haben und die hoffentlich nicht wirklich
so sind wie ihr Waschzettel. Auf ähnlichem Terrain arbeitet das Berliner
Label SENDER, das mit PANORAMA ebenso eine überdeutlich zu empfehlende
Werkschau herausgebracht hat. Allerdings deutlich technoider, bewegender,
äh: rockender. Minimalistische Flurschwitznasswischer, zwischen
deren Spalten das Lächeln knirscht und unverzagt nach dem Anderen fragt.
Eine brilliante Antwort ist nicht nur denkbar, sondern wird gemacht - der
kollektive Wunsch wird Instant-Tatsache: one day we’ll be free. Kein sozialer
Diskurs-Zuckerguss, never!!! Nur soviel: sehr gute Musik. Doch weiter geht’s
mit lustigem Gedisse: SCHLAMMPEITZIGER ist auch nicht 1fach. Eigentlich ist
er’s ja, mit seinen nett-vertrackten ElektroPopMiniatürchen mit den
dämlichen Titeln, die zwischen Kraut & Jetzt wie auf der Autobahn
schwimmen und rauchen - das lässt sich meist angenehm bis indifferent
hören, und remixed ist auch schön. Leider wirkt er oft so’n bisschen
wie der arrogante Kunststudentenjoe, schnöselt unnötig rum, &
das gibt logisch Punktabzug in der Endnote. Doch hier geht’s ja um seine
Musik, und die wird unbotmässig überschätzt. Findet’s halt
selber raus: retrospektiv lässt sich das auf den COLLECTED SIMPLESONGS
(Domino) sehr schön hören. Und wer kommt da um die Ecke? Die unsympathische
und völlig überschätzte Elisabeth Esselink aka SOLEX aus Amsterdam
mit einer neuen Platte, mit den üblichen Samples von Platten, die kein
Schwein braucht - glaubt ihr ernsthaft, ihre eigene Scheibe sei dann anders
geworden? LOW KICK & HARD BOP (Matador) bemüht Klischees von Schrägheit
& abgefurztem Pop, bis die Trommelfelle bluten. Mrs. Solex kiekst über
Loops, pinkelt einige Bläser drauf & möchte uns das als schräge
Swingarrangements verkaufen...angesichts dieser Musik möchte man die
Erfinder des Samplers verfluchen, zur Rechenschaft ziehen, Matthew Herberts
Manifest unterschreiben & zum erzkonservativem Songschreiber werden.
Keine Gnade mehr für derart uninspirierten Scheiss, dessen billige Sample-Machart
nur noch nervt. Wie wohltuend dagegen die instrumentalen Texturen von MIRA
CALIX, die auf der PRICKLE EP (Warp) ein 4-teiliges elegisches Stück
und einen Andrea Parker-Remix bietet. Hier baut sich eine sehr eigene Atmosphäre
auf, die ohne jegliches ordinäres Gelärme und vordergründige
Schrägheit auskommt. Eine Perle aus Stilbewusstsein und Schönheit,
weckt Erwartung auf den Longplayer. Als nächstes wieder ein schwieriger
Fall: MÚM mit PLEASE SMILE MY NOISE BLEED (Morr Music). Um es kurz
zu machen: wärt ihr doch in Island geblieben! Insgesamt leider eher
eine Enttäuschung. Latürnich, latürnich: schön, lieb,
nett, warp, die Grabbelkiste ist weit geöffnet in Berlin - aber aller
Zauber scheint dahin. Denn wer nach Berlin zieht, darf nicht in die sichere
Wohnzimmerfalle tapsen. Das ist hier passiert, & die Streicher &
die Weirdness wurden leider in Island gelassen. Jetzt sitzt man hier und
macht Musik, die 1995 weitaus besser aufgehoben wäre & die Aphex
& Plaid auch schon mal ähnlich und äh etwas früher hinbekommen
haben. Der Island-Bonus ist verspielt, jetzt müsst ihr mehr bringen.
Nebenbei: ihr seid trotzdem noch sehr bemerkenswert. Einige Freunde verbogen
das Material, hört rein & urteilt im Vergleich zu früher! Keine
Fragen zum Rerelease of da month: LISA CARBON feat. ATOM TM mit TRIO DE JANEIRO
(quatermass) - run & listen! Die 95er-Platte - damals auf Atom Hearts
Label, heute sehr gesucht - klingt heute noch derart aussenstehend und humorvoll,
dass sie ihresgleichen sucht. Völlig eigener Stil ohne jede Anbiederung
an irgendwas - Futur III, herausragend! Dasselbe gilt natürlich auch
für DAVID SHEA, der auf TRYPTICH (quatermass) erneut ein fantastisches
Beispiel seiner Arbeit inmitten notierter und resampleter Musik gibt. Shea
zeigte, wie mit dem Sampler kompositorisch gearbeitet werden kann, doch diese
vielschichtigen Arrangements stellen auch für ihn Neuland dar - sehr
innovative Klangcollagen mit gutem Bewusstsein für Tradition. Ganz so
avanciert gibt sich der Berliner POLE bekanntlich nicht, doch stellt Stefan
Betkes neues Album R (scape) ein faszinierndes Projekt aus Redefinitionen
der eigenen Geschichte dar - 2 Raum-Stücke von 96 bilden den Ausgang,
um von Burnt Friedman und Kit Clayton neu eingerichtet wurden - & das
kann nicht verlieren. Das elektrische Sounddesign von RECHENZENTRUM dann
wurde durch PEEL SESSIONS (Kitty Yo) veredelt - mit neuem Mann an Bord versucht
man, sich im eigenen Rahmen neu zu erschaffen. Mitunter gelingt es, dann
viel gut. Ein bisschen Retrogardistik: FISHERSPOONER regeln die Zukunft auf
#1 (Gigolo) aus der Vergangenheit des 80er Elektro heraus, wobei ihre Kunstperformance
den Rahmen transformiert. Leider bekommt man auch hier ständig das Unwort
„Pop“ an den Kopf geworfen. Kaputtdenken, das!!! GOLDEN BOY & MISS KITTIN
haben Sympathiepunkte für diesen oder jenen Track, der so manche Nacht
aus dem Arsch holte : Klettermax, Frank Sinatra, und sie legen die derzeit
oberbeliebte Rechnung „Vocals & Elektropopwunsch“ auf unsere Tische.
Bezahlen oder Zeche prellen? Schwer, denn Platte logisch charmant & gut.
Dann die MERRICKS: SILVER DISC (SUB UP) ist knorke bis auf Andreas Neumeister,
das musste doch nicht sein, aber sie wollten’s ja so. Irgendwie immer sehr
sehr bemerkenswert und sympathisch, was die Münchener Band mit Popwunsch
(schon wieder...) auf die Beine stellt, wobei die Stücke mit Marion
Dimbarths Gesang dem wirklich nahe kommen. Überzeugend aber vor allem
der intelligente Stilslalom, der die Platte wirklich äusserst anregend
macht - drück auf Pause, Stunden später wieder rein, und du staunst
erfreut. So muss es sein. Supergross dann die fast wirkliche Popplatte von
TECHNIQUE: ihr POP PHILOSOPHY (Poptones) enthält obergute Tunes,
die leider auf Dauer etwas nachlassen oder in obskure beinahe-Trance-Mixe
übergehen. Trotzdem sind die beiden Damen SEHR on Top derzeit - meine
Wahl! Bandmusik jetzt! PHANTOM GHOST (Ladomat) sind zwei HH-Indienasen von
Toco & Stella, Namen werden nicht verraten, nur soviel: ihre Platte entäuscht
sie wahrscheinlich selber, allen anderen aber bleibt der Atem weg. Verhauchte
Seelen, wie oft wollt ihr noch umgehen, bleibt doch mal stehn und hört
zu! Ganz grosse kleine Alltagsetüden ohne Platitüden - nicht eine
langweilige Minute. Wahnsinnsüberaschung, die total klar war, Geist
von Geistern. Hamburg ohne Ende: die Bandmusik von BEIGE GT klingt erstmal
ziemlich gut. Irgendwann fängt das Gegrinse über diese unverschämte
Frische an, mit Instrumenten und dem Bewusstsein über Pop 2001 so druckvoll
loszulegen. Die Band mit Kompakt-Elektro-Anbindung und Techno-Coverversion
(Höre auch: Heads of Agreement / Lado) ist 1A Indiepop, erinnert in
besonderen Zeiten an eine Mischung aus Lemonheads & Palais Schaumburg.
Aujau. Verliert irgendwann etwas, trotzdem sehr hörenswert: JUKEBOX
HEROES (L’aged’or). Mehr Gutes: das Ausnahmeprojekt STATION 17 arbeitet auf
HITPARADE (Mute) mit namhaften hiesigen Elektronikern zusammen - Nameoverkill,
doch gutes Modell, das viele relevante Stile kommuniziert. ANITA LANE bringt
mit SEX O CLOCK (Mute) das samtkratzigste female Songwriteralbum heraus -
old-school-sex-vibes, very white, very funny, very groovy, very intense -
ein ganz grosses Stück, übertrifft einiges auf dieser Seite um
Klassen. Altschulhof auch beim Gitarrenpop der Neuseeländer THE CLEAN,
die auf GETAWAY (Matador) so spielen wie vor Jahren - wunderschön und
frisch, dieses 4. Album seit 1979! Aufgepasst beim Girl/Boy-Duo QUASI aus
Portland: Janet Weiss von Sleater Kinney und Sam Coomes, Basser für
Elliot Smith, sind auf THE SWORD OF GOD (Domino) genau der richtige Spiegel,
den die ewige (Rock-) Kultur der USA benötigt - frisch verkracht und
hemmungslos - Rock’n Roll can never die, seid gewarnt! Better be Funk: BLAXPLOITATION
(Beechwood) versammelt auf 2 CDs die 20 Oberklassiker-Tracks der bekanntesten
Blaxploitfilme, die zum ersten Mal schwarzen Kapitalismus hoffähig
& funky machten. Viele Rap-Rolemodels leiten sich noch heute davon ab,
die Musik ist, keine Frage, Klassik pur. Zum Wiederentdecken steht ein Funk-Burner
der Extraklasse an: Filmmusik vom Italiener PIERO PICCIONI, der allen möglichen
A- und B-Movies sein grosses Talent vermachte, und mitunter die Klasse von
Morricone erreicht. Der Soundtrack zum Drogenkrimi PUPPET ON A CHAIN (DC)
von 1970 dauert zwar nur ne halbe Stunde, ist aber wirklich ein Juwel: kräftiger
perkussiver Jazzfunk für eine Speedboot-Verfolgungsjagd in Amsterdam
- und was man sonst noch so alles macht...Für Fans: unumgehbar ist natürlich
DAVID AXELROD (auf MoWax) - die Platte ist jetzt schon eine des Jahres. No
mo words - just listen to this hot shit!!! & der Typ ist wirklich einmal
KULT! Die Compi FUNKY PRECEDENT 2 (Matador) dann solltet ihr euch genauer
anhören: 15 Wahnsinnstracks aus Turntablizm, StreetHop, Percussiv-Rap
und ähnlichen Street-Styles - massive Entdeckungen zu machen! Stichwort
Polit-HipHop: da versucht man uns derzeit, THE COUP aus Oakland zu verkaufen.
Gut gemeint, aber den Satz „Overthrowing the system has never been so much
fun“ schätze ich schon mal gar nicht. Das Album heisst bezeichnenderweise
PARTY MUSIC (75 Ark) und geht mit Black-Panther-Images hausieren. Die sind
auch real, da Rapper Boots nicht nur Sohn eines Panther-Anwalts ist, sondern
auch sonst in politischen Kontexten aktiv war. Nur stösst diese Imagelackierung
in (sub)kulturindustriellen Kontexten immer leicht auf. Wenn das Info dann
gar Franz Fanon bemüht, seid ihr dran - go out & check it! (...die
Musik ist natürlich klasse...). Ähnlich gelagert: URSULA RUCKER,
der Traum aller Middleclass-Diskurs-Addicts. Böse gesagt. Lieb gesagt:
tolle Stimme, schöne Tracks zwischen Soul- & Jazz, klares Bewusstsein,
Alle hören zu, finden’s toll & nix ändert sich. Ist das auch
Retro, wenn conscious-lyrix jetzt wieder im kommen sind wie Ende der 60er?
Nicht wirklich, heuer erscheints etwas selbstreferentiell, und will doch
so viel kommunizieren. Und dann sagt sie wieder einen Satz, der dich umhaut,
weil er heute 1fach NÖTIG ist im Popbusinesskontext. So go on, SUPA
SISTA (!K7), meinen Segen hast du. Bruder KURUPT will mit SPACE BOOGIE (Pias)
nix ändern, nur seinen Kontostand. Auch ehrlich. HipHop dieser Art hat
jedoch, was Stil & Images betrifft, seinen Zenith längst überschritten.
Schmückt sich mit bourgeoisem Material, na ok, besser, als zum 1000.
Mal „die Strasse“ zu proklamieren. West-Coast-Rap der besseren Art, die paar
P-Funk & Soul-Elemente hauen’s satt raus aus dem normalen Rap-Einerlei
- es funkt. Den rauhen, abgedunkelten Underground-HipHop gibt’s natürlich
auch: ganz schön gross von CANNIBAL OX aus Harlem auf THE COLD VEIN
(DefJux), sehr futuristisch und spannend, gewohnt groovige und äusserst
progressive Vibes dagegen wieder vom SUBVERSE-Label: Seattle’s SOURCE OF
LABOR mit STOLEN LIVES profiliert sich als eine der innovativsten und kräftigsten
Crews. Die ARSONISTS, jetzt zum Trio geschrumpft, tragen diesen approach
schon längst auf weitere Ebenen. DATE OF BIRTH (Matador) lässt
in punkto Innovation wie Eingängigkeit auch weiterhin keine Fragen offen,
ähnlich wie ROOTS MANUVA das auf RUN COME SAVE ME (Big Dada) gerade
aus UK betreibt. Zum Schluss: der schönste Mix, weil’s nur noch herrlich
fliesst, kommt von den DJ-Kicks des TRÜBY TRIO (!K7), und die notwendigsten
Rereleases, um sich auf den Winter vorzubereiten, von DAVID BOWIE: CHRISTIANE
F. zum ersten Mal auf CD, und mit ALL SAINTS Collected Instrumentals
(beide Emi), die nur noch Staunen lassen. Deckel wieder drauf. Wir brauchen
das noch.
MARCUS
bookAntisemitismus - die deutsche Normalität
Der ca ira-Verlag gibt mit seiner Neuerscheinung einen höchst informativen
Einblick in die Genese und aktuelle Ausprägung des Antisemitismus. In
dem Sammelband - dem Kommunisten Peter Gingold zu seinem 85. Geburtstag gewidmet
- sind AutorInnen vertreten, die sich - wie z.B. Thomas Haury, Wolfgang Pohrt
oder Lars Rensmann - schon durch wegweisende Analysen antisemitischer Ausformungen
einen Namen gemacht haben. Der Band ist in drei Abschnitte unterteilt: Im
ersten Teil zur Geschichte des Antisemitismusi ist besonders der Beitrag
von Lutz Hoffmann zum Antisemitismus als Baugerüst der deutschen Nation
hervorzuheben, in dem auch auf die Ambivalenz der Feindbildproduktionen zwischen
antisemitischen und heutigen zeitgleichen antiislamischen Stereotypen eingegangen
wird. Im zweiten Teil zur Reflexion über Auschwitz setzt sich Lars
Rensmann mit den Thesen zum Antisemitismus aus der Dialektik der Aufklärung
sowie weiteren Ausführungen von Vertretern der Kritischen Theorie zum
Antisemitismus auseinander. Zudem hervorzuheben ist die Auseinandersetzung
von Ines Kuth und Andrea Woeldike mit dem in wertkritischen linken Zirkeln
viel beachteten Aufsatz des Politologen Moishe Postone zum nationalsozialistischen
Antisemitismus. Eine schon lange vom Verlag angekündigte Übersetzung
seines 1993 verfassten Werkes “Time, labor and social domination” steht bisher
allerdings unverständlicherweise noch aus. Im dritten Teil über
den heutigen Antisemitismus finden wir einen lesenswerten Beitrag von Thomas
Haury über Antisemitismus in der Linken, der jedoch leider nicht die
Qualität seines Aufsatzes in dem - ebenfalls im ca ira-Verlag erschienenen
- Buch Leon Poliakovs über Antizionismus und Antisemitismus heranreicht.
Den Abschluss des Bandes bildet ein höchst informatives Interview mit
dem jüdischen Kommunisten Peter Gingold über Antisemitismus und
Befreiung.
Zum Einstieg in das Thema ein ohne Abstriche lohnenswertes Buch!
Al C.
Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hg.):
Antisemitismus - die deutsche Normalität.
Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns,
vorlageca ira-Verlag, 2001, 287 S.
fehritalesBolschewismus heute - ein
Report!
Für die werte Leserschaft sind mir keine Mühen und Entbehrungen
zu groß. Wie der rasende Reporter bin ich ständig auf der Suche
nach News und Themen am Rande der gesellschaftlichen Normalität. So
ergab es sich, daß ich vor einigen Wochen eine Reise nach Berlin antrat,
um mit bekannten Terz-Mitarbeitern einer Veranstaltung der Zeitschrift Bahamas
beizuwohnen. In einem mittelgroßem Saal versammelte sich bei über
30 Grad Celsius eine Gruppe Leute, um Vorträgen zu horchen, die die
unbedingte Solidarität mit Israel betonen sollten. „Nieder mit Deutschland!
Lang lebe Israel! Für den Kommunismus!“ prangte es von der Wand, wobei
der Zusammenhang dieser Thesen während des ganzen Abends im Nebulösen
blieb. Es folgten in der Sommerhitze Redebeiträge (die unserer Terzler
waren die besten), die stundenlang dauerten, eine Diskussion durfte erst
nach ca. drei Stunden einsetzen und blieb dann natürlich fast aus. Nun
weiß ich auch, warum Fidel Castro so lange redet: Selbst wenn einer
eine andere Meinung vertreten möchte, wird er oder sie einfach nur zu
müde sein... . Die Veranstalter waren dennoch mit der Veranstaltung
hochzufrieden. Hatten doch immerhin 86 Leute in den Saal gefunden. Wieviel
Einwohner hat Berlin? 4 Millionen? Oder noch mehr? Bevor man mich falsch
versteht: Auch ich bin der Meinung, daß der Staat Israel wenig Möglichkeiten
hat, mit Moslemfundamentalisten zu verhandeln. Aber die Frage,
ob eine solche Form von Veranstaltung Israel nutzt, muß gestellt werden.
Vielleicht sollten diese „Antinationalen Kommunisten“ doch einmal beim guten,
alten Lenin in dessen „Linksradikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus“-Broschüre
nachlesen... .
Ein Pragmatiker des nicht leninistischen Typs war ohne Zweifel Pablo Escobar,
der es mit Kokain zu Milliarden Dollars brachte. Brutalität, Intelligenz,
Fingerspitzengespür in einer total kaputten Gesellschaft brachten ihn
nach oben. Wie aber kann man einen Mann zur Strecke bringen, der vor hundertfachem
Mord nicht zurückschreckt, Politiker, Polizisten und Juristen kauft
oder umbringt und ohne Ende Männer und Waffen befehligt. Diese nicht
ganz leichte Problemstellung moderner Polizeiarbeit kann man spannend nachlesen
in „Killing Pablo“ von Mark Bowden. Man muß schon kaltschnäuzig
sein, um wegen diesem Buch nicht immer wieder nur noch staunend anzuerkennen,
daß es auch in unseren Tagen kein Niveau gibt, daß so niedrig
ist, daß Menschen es nicht noch einmal deutlich unterbieten können.
Ohne Sympathie mit Escobar zu haben sei hier nur angemerkt, daß die
Methode hart, simpel und erfolgreich war. Wenn sich Polizei, Nachrichtendienste
und Konkurrenzkartelle zusammentun und einfach jeden umbringen, der mit der
Zielperson Kontakt hat, dann isoliert man die betreffende Person im Lauf
der Zeit und kann sie liquidieren. Auch wenn dabei über 1000 Leute umgebracht
werden... .
Nun zu einigen musikalischen Highlights. Electrotard (Man’s Ruin) von den
Melvins ist zugegebenermaßen nur etwas für Leute, die diesen Kaputtnikrock
ohne wenn und aber lieben. Für Leute wie mich also. Lärm, Soundcollagen,
Metall, alles so verquirlt, daß es für Headbanger unerträglich
ist. Allerdings handelt es sich hier um Alternative Versions von bekannten
Stücken plus einiger Coverversionen. Sie covern die Cows! Wow!
Tricky bietet auf Blowback (Anti) durchaus Gewohntes, allerdings größtenteils
sehr angenehm. Früher nannte man dies ja TripHop. Nun ja, ich würde
sagen, es ist seltsame verstörte Popmusik, nicht so depressiv wie Portishead,
aber auch nicht viel fröhlicher, dafür abwechslungsreicher. Geht
ok. Schwerer tue ich mich dafür schon mit dem von linken Musikfreunden
so geliebtem Manu Chao und seiner Esperanza (Virgin). Einerseits mag ich
seine ruhigen, traurigen Stücke, aber die schnellen erinnern mich an
den Rummelplatz. Und auf einer 45-Minuten-CD noch so einiges von der letzten
aufzuarbeiten, muß das sein? Ich höre die Platte ganz gerne, aber
wenn ich dann auch noch mitbekomme, daß „die Musik für Globalisierungsgegner“
(Jungle World) live 75 DM Eintritt kostet - na ja....
Swell: Everybody wants to know (Beggars Banquet) ist sehr ruhig, schön
und leicht versponnen wie immer bei ihnen. Das könnte leicht langweilig
sein, geht aber in Ordnung. Platte des Monats für mich ist Golden Shower
of the Rathole Sheik (?). Ein britischer Punkrocker, den es nach Schweden
verschlagen hat. Die CD fängt mit einem Punk-Song an, wie er vor 10
Jahren und mehr typisch fürs AK47 gewesen wäre. Aber dann folgen
Thrashnummern und Blues-Stücke, so gut, daß er keinen Vergleich
mit Wild Billy Childish zu scheuen braucht. Wirklich klasse.!
P.S.: Ich bin doch etwas unangenehm berührt von dem völligem Mangel
an Resonanz betreffend meines Preisrätsels. Richtige Antworten: Keine!
Falsche Antworten: Ebenfalls keine! Hiermit verlängere ich die Aktion
um einen Monat und gebe noch folgenden Tip. Die Autorin des herzzerreißenden
Gedichtes über die Liebe wurde im deutschen Nachkriegskino der Adenauerära
ausgiebigst gewürdigt, ohne daß diese Filme irgendetwas mit der
Realität dieser Person zu tun hatten: Oder locken die Gewinne nicht
so richtig? (Rätsel nachzulesen unter: www.terz.org; hier die Fehritales
der letzten Nummer).
Fehri
bookDeutsche Bank- Macht- Politik
Das vorliegende Werk ist insbesondere ein Buch über Herrmann Josef Abs.
Der Historiker Eberhard Czichon zeichnet anhand des Falles Abs die Geschichte
der Deutschen Bank durch die Nazizeit bis zur Bundesrepublik Deutschland
nach. Gerade die Nachkriegszeit ist von Abs geprägt, wie von kaum jemand
anderem. Schon als junger Banker war er in die Schuldenzahlungen der Weimarer
Republik aufgrund des Versailler Vertrages involviert. Nach dem Zweiten
Weltkrieg führte er die Schuldenverhandlung Deutschlands in London und
hat sich für die Adenauer-Republik unverzichtbar gemacht. Wer Abs kritisierte,
verunglimpfte Deutschland. Kritiker wie Czichon wurden mit Prozessen überzogen.
Noch 1992, kurz vor dem Tod von Abs im Jahre 1994, erhielt er den Staatspreis
von Nord-Rhein-Westfalen aus der Hand von Johannes Rau. Nach der Lektüre
des Buches ruft das nicht nur ungläubiges Staunen hervor. Wer da aufgrund
seiner Lebensleistung so hoch geehrt wurde, hat reichlich viel Dreck am Stecken.
Anders als die in Naziuniform auftretenden Banker der Dresdner Bank, dominierte
bei der Deutschen Bank der Nadelstreifenanzug. Das Abs nicht in die NSDAP
eintrat, trug hinterher mit zu der Legendenbildung seiner angeblichen Nazigegnerschaft
bei. Das Buch beschreibt eine eindeutig andere Sicht. Egal, ob es um die
Arisierung, um die Finanzierung von Aufrüstung und Krieg, um die Ausplünderung
besetzter Länder oder die Profite aus der Zwangsarbeit geht, überall
ist die Deutsche Bank mit dabei. Und mit ihr Abs. 1944 stieg das Geschäftsvolumen
auf über 11 Milliarden Reichsmark, fast dreimal soviel wie 1939. Auf
dem Höhepunkt der Nazidiktatur hält Abs 43 Aufsichtsratsmandate
und bestimmt wie kein anderer die Finanzgeschäfte der Deutschen Bank.
Und zwar zur vollsten Zufriedenheit der Nazis, deren Duktus sich die Deutsche
Bank und Abs hervorragend anpassen. Genauso wie nachher dem der Bundesrepublik.
Man mag es gar nicht glauben, dass Abs 1948 als „entlastet” eingestuft wird.
Aber er hat sich praktisch ohne Unterbrechung für die deutschen Geschicke
unentbehrlich gemacht. Abs war, wie Czichon schreibt, „nie der Diener der
Politik, er gestaltete sie mit, wie immer aus dem Interesse seines Bankhauses
heraus.” Und damit war es für ihn egal, ob gerade Nazis oder Demokraten
an der Macht sind.
Teilweise etwas zusehr ins Detail der internen Bankvorgänge gehend,
ist dies dennoch ein spannendes Buch. Er beschreibt nicht nur die Verbrechen
der Deutschen Bank in der Nazizeit, sondern zeigt Kontinuitäten auf.
Es sind Fakten, an denen das Bankhaus selber nicht mehr vorbei kommt, wie
neuere Veröffentlichungen der Deutschen Bank zeigen. Gerade im Umfeld
der Zwangsarbeiter-Debatte wurde auch das Gebaren der Deutschen Bank und
von Abs zum Thema. So musste viel der Legende Abs widerlegt werden, allerdings
reichte es immer noch aus, dass die Bank kritischen Historikern wie Czichon
ihre Archive öffnet.
Meikel F.
Deutsche Bank- Macht- Politik - Eberhard Czichon - Papyrossa Verlag -
360 Seiten für 36.20 DM
comixAlack Sinner: Begegnungen
Leider viel zu selten erscheinen die Geschichten des Privatdetektivs Alack
Sinner. Erschaffen hat den immerwährend rauchenden Anti-Held das schon
legendäre Duo Muñoz/Sampayo. Die harten Schwarz-weiss-Bilder
kommen ohne Zwischentöne aus und unterstützen die düstere
melancholische Stimmung des Comics. Es sind die 80er Jahre in New York. Reagan
hat noch kein Alzheimer und treibt das Leben immer mehr in eine perspektivlose
Zukunft. Alack Sinner macht sich auf die Suche, denn irgendwo da draussen
muss es doch etwas geben. Aber seine Reise zurück in die Vergangenheit
ist nur ein hilfloser Versuch, seine Angst vor der Zukunft zu verdrängen.
Sein Vater gibt ihm keine Antwort. Dann tauchen alte Freunde aus dem Polizeidienst
auf - es endet in der Katastrophe. Sinner wird für eine Zeit eingesperrt.
Ein Tramp fragt ihn, ob er an etwas glaubt? „Die Liebe...aber eigentlich
glaube ich selbst nicht daran.” antwortet Sinner. Immerhin versucht er es,
in dem er seine alte Liebe Enfer trifft. Deren Liebe ist leichter zu erhalten
als die Liebe seiner Tochter Cheryll.
Ein schönes und schweres Comic, das die beiden in Italien lebenden Argentinier
hier geliefert haben. Man erfährt nicht nur Details aus der Vergangenheit
Sinners, sondern es gibt viele kleine Nebengeschichten, die auf noch viel
größere Geschichten hinweisen und ein Abbild dieser frühen
80er Jahre geben. Viele Personen aus früheren Alben laufen Sinner über
den Weg und geben dem Album seinen Namen. Da die Bände in großem
Abstand erschienen sind, gibt es alle drei Sinner-Alben zusammen zum Vorzugspreis.
Alack Sinner : Begegenungen
Muñoz/ Sampayo, Edition Moderne
120 S. in s/w für 39.80 DM
alle drei Alben (Viet Blues, Privatdetektiv, Begegnungen) für
79.80 DM
bookDie Sprache des Hasses
Der Ex-RAFler und heutige NPDler Horst Mahler ist mittlerweile eine Art Medienstar.
In der Eso-Szene dagegen gibt es einen weiteren rechten Helden: Udo Holey
- genannt Jan van Helsing, der antisemitische Verschwörungstheorien
in Romanform unter die verwirrten Geister bringt. Die Autoren Heller und
Maegerle liefern in der Neuerscheinung des Schmetterlingsverlags interessante
Hintergrundinformationen zu diesen zwei Figuren. Zudem beschäftigen
sie sich ausführlich mit Sprache und Symbolik des aktuellen Rechtsextremismus
und liefern eine theoretische Zuordnung der sogenannten Neuen Rechten. Ein
eigenes Kapitel gibt zudem Einblick in die völkisch-nazistischen Wurzeln
aktueller esoterischer Ausformungen. Von Ufologie über Metapolitik,
Geheimgesellschaften und Thule-Mythos bis zu kanonischen Erklärungen
- hier findet ihr vernünftige Antworten auf Fragen, die verwirrte Geister
bewegen.
Friedrich Paul Heller/Anton Maegerle: Die Sprache des Hasses - Schmetterlingsverlag
2001, 211S., 26,60 DM
bookWie wird man fremd?
Im Zuge gesellschaftlicher Zersetzungen und Krisen kommen die xenophoben
Vorurteilsstrukturen und Feindbild-Projektionen gegen „die Fremden”
wieder voll zur Geltung. Antisemitische und rassistische Feindbilder dienen
hierbei als Projektionsflächen für Subjektkonstruktionen im Spätkapitalismus
- sie sind der ideologische Kitt der Moderne. So könnten die Thesen
der jour fixe initiative Berlin zusammengefasst werden, die mit ihrer Neuerscheinung
eine theoretische Intervention zum Rassismus-Diskurs liefern. Von Horkheimer
und Adorno über Foucault und Differenztheorien bis hin zu postmodernen
Musikanalysen - das Programm ist vielfältig: Nicht der Rassismus der
Neonazis steht hier im Vordergrund, sondern die Flüchtlingspolitik,
der Antisemitismus als Kehrseite des Nationalismus, das Bild vom Nomadentum
und die Nicht-Identität des Exils sowie das Menschenbild in aktuellen
neoimperialistischen Theorien.
Intellektuelles Futter für die linke und antirassistische Praxis!
jour fixe initiative berlin (Hg.): Wie wird man fremd? - Unrast Verlag,
2001, 256 S., 29,80 DM
bookDie Gemeinschaft der Lüge
Schon kapiert, was du eigentlich in den Händen hältst? Ein „alternatives
Presseorgan”? Eine linke „Gegeninformation” , ein „mediales Produkt sozialer
Bewegungen”, ein „StattZeitungsblatt” oder ein „subversives
Autonomenblatt”?
In der Neuerscheinung vom Verlag Westfälisches Dampfboot bekommt ihr
eine Fülle von Hintergrundinformationen sowie - exzellent herausgearbeitet
- kritische Medientheorie vom Feinsten und das alles komprimiert und aktuell
dargestellt: Ein wahres Schätzchen in puncto Publizistik-Kritik. Kein
Wunder, denn der Autor Gottfried Oy ist selbst linker Medienpraktiker des
ehemaligen Flagschiffs des Sozialistischen Büros, der früheren
Zeitschrift „links”. So bekommt ihr einen höchst lesenswerten Überblick
zur Kritischen Theorie, zur linken Medientheorie zum Cultural Studies-Ansatz
wie zu neuesten Kommunikationsguerilla-Ansätzen geliefert und erhaltet
zugleich einen informativen Einblick in die Entwicklung bundesdeutscher Gegenöffentlichkeitsproduktionen.
TERZ-TIP: kaufen - lesen - Terz machen!
Gottfried Oy: Die Gemeinschaft der Lüge. Medien- und Öffentlichkeitskritik
sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik - Westfälisches Dampfboot,
2001, 292 S.
bookDas verortnete Feindbild
Auch schon alles aufgearbeitet von der SED-Diktatur? Den sogenannten Antifaschismus
schon als Propaganda enttarnt? Den schlimmsten Staat auf deutschem Boden
in der “DDR” erkannt? Dann erübrigt sich Weiterlesen... . Ansonsten
findet ihr in der Neuerscheinung des PapyRossa-Verlages eine Menge interessanter
Fakten zur sogenannten Aufarbeitung der SED-Diktatur, die - so der fundierte
Nachweis des Autors Ludwig Elm - in erster Linie ein propagandistischer Schachzug
staatstragender Totalitarismus- und Extremismustheoretiker war, um die kapitalistische
BRD als die Endstufe demokratischer Entwicklungen ideologisch zu zementieren.
Elm zeichnet zudem die sogenannten Vergangenheitsbewältigung in den
ehemaligen beiden NS-Nachfolgestaaten vergleichend nach und kommt zu anderen
Ergebnissen als denen der staatstragenden Geschichtswissenschaften.
Eine andere Form der Aufarbeitung, die es verdient, studiert zu werden!
Ludwig Elm: Das verordnete Feindbild. Neue geschichtswissenschaft unf
“antitotalitärer Konsens” - PapyRossa-Verlag, 2001, 167 S. 29,80 DM
comixCamshots
Ist die Prostitution mit der Fabrikarbeit zu vergleichen? Eine Frage, die
in den frühen Jahren zu erbitterten Diskussionen in der feministischen
Szene führte. Auch wenn der Status mittlerweile verbessert wurde, hat
sich die gesellschaftliche Sicht nicht sehr geändert. Ohne die Schwere
der politischen Diskussion versuchen die Münsteraner Helmut Müller
und Andine Steinbach, sich in modernisierter Form diesem Thema anzunähern.
In Zeiten von “Big Brother”, Internetsexseiten und der neuen Spaßgesellschaft
ist die frage heute eine andere: Ist es schlimmer als Prostituierte zu arbeiten,
oder dein Leben an Internet-User zu verkaufen? Letztendlich bleibt die Frage
offen. Camshots zeigt die Faszination des nunmehr auch nicht mehr ganz neuen
Mediums, der man sich kaum entziehen kann.
Natalie ist ein Webcam Girl, das sich den ganzen Tag in ihrer Wohnung von
Voyeuren aus dem Internet begaffen lässt. Die Trennung von Beruf und
Privat ist jedoch nicht so leicht. Dort wo sich Virtualität und reales
Leben treffen, ist die Wahrnehmung als Lustobjekt das verbindende Element.
Natalies Umfeld reagiert nicht nur abweisend. Kann man in dieser Situation
überhaupt einen besten Freund haben ohne das dessen Freundin auf die
Barrikaden geht? Aus dieser zerstörerischen Situation bricht Natalie
gerade noch rechtzeitig aus. Aber es gibt andere, die ihren Job übernehmen.
Das bunte Erstlingswerk ist ein gelungenes Comic, das sich mit den sogenannten
Neuen Medien auseinandersetzt. Aus Computerillustrationen, Grafik, Fotografien
und Verfremdungen haben sie ein schönes Comic geschaffen, das sich weder
in Vergötterung noch Verteufelung ergeht, sondern zwischenmenschliche
Töne sucht. Wer mehr erfahren möchte, kann auch ihre Webseite aufsuchen
http://www.camshots.net
Camshots
Müller/Steinbach
Ehapa verlag
bunte Seiten für 16.80 DM
bookSolea
Dies ist nun der letzte Teil der Marseille Trilogie des im letzten Jahr verstorbenen
Jean-Claude Izzo.
Im ersten Band “Total Cheops” stand Fabio Montale noch im Polizeidienst;
im zweiten Band “Chourmo” hatte er den Dienst schon quittiert und hatte die
ersten Berührungen mit der Mafia. Nun in “Solea” gerät er ungewollt
ins Visier dieser Organisation. Seine alte Freundin Babette muss aufgrund
ihrer journalistischen Recherchen über die Mafia untertauchen. Die Mafia
versucht nun, Montale für die Suche nach Babette einzuspannen. Um ihn
dazu zu zwingen, fangen sie an ihm liebgewordene Menschen aus seiner Umgebung
umzubringen. Die auf ihn stark einwirkende Kommissarin Pessayre erwartet
seine Hilfe bei der Suche nach den Mördern. Aber Montale macht sein
eigenes Ding, denn er hat sich Rache geschworen und bricht mit seinem Vorhaben,
keinen Menschen umzubringen.
Ein tempogeladenes Krimimeisterwerk nimmt seinen rasanten Lauf, dessen unschönes
Ende man schon vorher befürchtet und nicht wahrhaben will. In dem dritten
Band schafft es Izzo nochmals, die Geschwindigkeit zu erhöhen. Die Frauenbegegnungen,
das Essen, Marseille geraten etwas in den Hintergrund. Izzo wirkt selber
gehetzt. „Total Cheops” war noch verhalten optimistisch; „Chourmo” ging
schon eher in Richtung Resignation und nun in „Solea” ist von Optimismus
nichts mehr zu verspüren. Es gibt nur noch einen Ausweg, den des eigenen
Eingreifens. Izzo bricht mit seinem „Held”, in dem er ihn von mehreren Seiten
kritisiert. Das eigene Handeln mit dem Zweck die Seinen zu schützen,
führt wiederum zu Katastrophen, so dass nur ein Ausweg für ihn
bleibt, ohne dass sich wirklich etwas ändert. Izzo versucht in diesem
Band, den Leser direkt aufzurütteln. Sein Exkurs zum Thema Neoliberalismus
ist jedoch reichlich dürftig und stellenweise ärgerlich. Doch den
Spass an der Lektüre schmälert das in keinster Weise.
Posthum ist er dieses Jahr mit dem „Deutschen Krimi Preis International”
ausgezeichnet worden. Derzeit wird die Marseille Trilogie verfilmt. Also
viel Lob für Izzo. Und das ist auch berechtigt. Alle drei Bücher
sind nicht nur hervorragende Krimis, sondern sie beschäftigen sich eindringlich
und realitätsnah mit aktuellen Problemen. Aus dem Konglomerat von Rassismus,
Mafia, Korruption in Politik, Polizei und Wirtschaft und religiösem
Fundamentalismus bastelt Izzo eine Mischung, die es in sich hat. Als langjähriger
Journalist hatte er weitreichende Einblicke in das Geschehen. Als undogmatischer
Linker gehörte seine Sympathie den Underdogs, den Zukurzgekommenen,
den Unterdrückten, aber ohne in ein Schwarz-weiss-Schema zu verfallen.
Aber die Bücher Izzos sind nicht nur Krimis, sie sind eine Hommage an
Marseille und das Essen. Insofern ist die Trilogie auch ein Führer durch
Marseille und die dortigen Gaumenfreuden. In „Solea” findet sich auch eine
Aufstellung der in den drei Büchern vorkommenden Lieder und die lohnt
sich, denn Izzo hatte einen verdammt guten Musikgeschmack für jede Lebens-
und Gefühlslage.
Meikel F
Solea - Jean Claude Izzo - Unionsverlag
224 S. für 16.90 DM
bookNur ein Toter mehr...
Täglich werden in Deutschland sogenannte „Ausländer” diskriminiert,
angepöbelt und angegriffen. Wiederkehrend werden sie sogar ermordet
- ein Faktum, das mittlerweile zur Normalität des Alltag gehört
und an das sich scheinbar auch der Großteil der Bevölkerung gewöhnt
hat. Es ist ein außerordentlicher Verdienst der Prozessbeobachtergruppe
Guben, einen solchen Fall akribisch und medienkritisch nachgezeichnet zu
haben: den Fall Oma Ben Noui, einem Asylbewerber, der von einem rassistisch
fanatisiertem Mob in den Tod getrieben wurde. In der Neuerscheinung der Reihe
„antifaschistische Texte“ wird dieser Fall nicht nur kritisch durchleuchtet
und so dem Vergessen entrissen. Zugleich zeigen die Autor/innen anhand eines
konkreten Beispieles von mörderischem Rassismus die öffentlichen
Relativierungen und den institutionellen Rasismus in der BRD sowie den alltäglichen
Prozess von Verdrängung, Relativierung und Verharmlosung von Rassismus.
Im letzten Kapitel wird der Umgang mit dem Gedenken an den zu Tode gehetzten
Menschen beschrieben - eine nüchterne wie zugleich bewegende Enttarnung
des sog. Aufstandes der Anständigen...
Nur ein Toter mehr... Altäglicher Rassismus und die Hetzjagd von
Guben - rat, 2001, 171 S., 19,80 DM
www.terz.org
- 29.08.2001