Ha! Genial! Düsseldorf hat wieder was! Die Death-Parade! Die IG-Metal marschiert! Diese Stadt ist so unglaublich, das müsst ihr erst mal fressen! Und dann fix vergessen. Gehe ich spazieren, finde ich ein Loch. Ist da ein Deckel drauf, hebe ich den hoch, fliegen 1000 Platten rauf. Ist denn hier Nachsommer oder was? Anscheinend. Um der Flut des ganzen Guten (wirklich!) beizukommen, geht’s heuer noch schneller und kompakter zu: der Produktwegweiser zur erwähnenswerten September-Musik. Elektronik zuerst: Indieaner-House aus Hamburg gibt’s auf der erste Werkschau von HAMBURGEINS (Dial/Ladomat). Die Platte ist genial schön, der Promotext von Lado-Charlotte, wie immer, unerträglich, aber das könnt ihr ja gottlob nie lesen. Dafür bekommt ihr so simpel wie bestechende Hooks ins Herz geworfen, von Leuten, die House und Indiepop gegessen haben und die hoffentlich nicht wirklich so sind wie ihr Waschzettel. Auf ähnlichem Terrain arbeitet das Berliner Label SENDER, das mit PANORAMA ebenso eine überdeutlich zu empfehlende Werkschau herausgebracht hat. Allerdings deutlich technoider, bewegender, äh: rockender. Minimalistische Flur­schwitz­nasswischer, zwischen deren Spalten das Lächeln knirscht und unverzagt nach dem Anderen fragt. Eine brilliante Antwort ist nicht nur denkbar, sondern wird gemacht - der kollektive Wunsch wird Instant-Tatsache: one day we’ll be free. Kein sozialer Diskurs-Zuckerguss, never!!! Nur soviel: sehr gute Musik. Doch weiter geht’s mit lustigem Gedisse: SCHLAMMPEITZIGER ist auch nicht 1fach. Eigentlich ist er’s ja, mit seinen nett-vertrackten ElektroPopMiniatürchen mit den dämlichen Titeln, die zwischen Kraut & Jetzt wie auf der Autobahn schwimmen und rauchen - das lässt sich meist angenehm bis indifferent hören, und remixed ist auch schön. Leider wirkt er oft so’n bisschen wie der arrogante Kunststudentenjoe, schnöselt unnötig rum, & das gibt logisch Punktabzug in der Endnote. Doch hier geht’s ja um seine Musik, und die wird unbotmässig überschätzt. Findet’s halt selber raus: retrospektiv lässt sich das auf den COLLECTED SIMPLESONGS (Domino) sehr schön hören. Und wer kommt da um die Ecke? Die unsympathische und völlig überschätzte Elisabeth Esselink aka SOLEX aus Amsterdam mit einer neuen Platte, mit den üblichen Samples von Platten, die kein Schwein braucht - glaubt ihr ernsthaft, ihre eigene Scheibe sei dann anders geworden? LOW KICK & HARD BOP (Matador) bemüht Klischees von Schrägheit & abgefurztem Pop, bis die Trommelfelle bluten. Mrs. Solex kiekst über Loops, pinkelt einige Bläser drauf & möchte uns das als schräge Swingarrangements verkaufen...angesichts dieser Musik möchte man die Erfinder des Samplers verfluchen, zur Rechenschaft ziehen, Matthew Herberts Manifest unterschreiben & zum erzkonservativem Songschreiber werden. Keine Gnade mehr für derart uninspirierten Scheiss, dessen billige Sample-Machart nur noch nervt. Wie wohltuend dagegen die instrumentalen Texturen von MIRA CALIX, die auf der PRICKLE EP (Warp) ein 4-teiliges elegisches Stück und einen Andrea Parker-Remix bietet. Hier baut sich eine sehr eigene Atmosphäre auf, die ohne jegliches ordinäres Gelärme und vordergründige Schrägheit auskommt. Eine Perle aus Stilbewusstsein und Schönheit, weckt Erwartung auf den Longplayer. Als nächstes wieder ein schwieriger Fall: MÚM mit PLEASE SMILE MY NOISE BLEED (Morr Music). Um es kurz zu machen: wärt ihr doch in Island geblieben! Insgesamt leider eher eine Enttäuschung. Latürnich, latürnich: schön, lieb, nett, warp, die Grabbelkiste ist weit geöffnet in Berlin - aber aller Zauber scheint dahin. Denn wer nach Berlin zieht, darf nicht in die sichere Wohnzimmerfalle tapsen. Das ist hier passiert, & die Streicher & die Weirdness wurden leider in Island gelassen. Jetzt sitzt man hier und macht Musik, die 1995 weitaus besser aufgehoben wäre & die Aphex & Plaid auch schon mal ähnlich und äh etwas früher hinbekommen haben. Der Island-Bonus ist verspielt, jetzt müsst ihr mehr bringen. Nebenbei: ihr seid trotzdem noch sehr bemerkenswert. Einige Freunde verbogen das Material, hört rein & urteilt im Vergleich zu früher! Keine Fragen zum Rerelease of da month: LISA CARBON feat. ATOM TM mit TRIO DE JANEIRO (quatermass) - run & listen! Die 95er-Platte - damals auf Atom Hearts Label, heute sehr gesucht - klingt heute noch derart aussenstehend und humorvoll, dass sie ihresgleichen sucht. Völlig eigener Stil ohne jede Anbiederung an irgendwas - Futur III, herausragend! Dasselbe gilt natürlich auch für DAVID SHEA, der auf TRYPTICH (quatermass) erneut ein fantastisches Beispiel seiner Arbeit inmitten notierter und resampleter Musik gibt. Shea zeigte, wie mit dem Sampler kompositorisch gearbeitet werden kann, doch diese vielschichtigen Arrangements stellen auch für ihn Neuland dar - sehr innovative Klangcollagen mit gutem Bewusstsein für Tradition. Ganz so avanciert gibt sich der Berliner POLE bekanntlich nicht, doch stellt Stefan Betkes neues Album R (scape) ein faszinierndes Projekt aus Redefinitionen der eigenen Geschichte dar - 2 Raum-Stücke von 96 bilden den Ausgang, um von Burnt Friedman und Kit Clayton neu eingerichtet wurden - & das kann nicht verlieren. Das elektrische Sounddesign von RECHENZENTRUM dann wurde durch PEEL SESSIONS (Kitty Yo) veredelt - mit neuem Mann an Bord versucht man, sich im eigenen Rahmen neu zu erschaffen. Mitunter gelingt es, dann viel gut. Ein bisschen Retrogardistik: FISHERSPOONER regeln die Zukunft auf #1 (Gigolo) aus der Vergangenheit des 80er Elektro heraus, wobei ihre Kunstperformance den Rahmen transformiert. Leider bekommt man auch hier ständig das Unwort „Pop“ an den Kopf geworfen. Kaputtdenken, das!!! GOLDEN BOY & MISS KITTIN haben Sympathiepunkte für diesen oder jenen Track, der so manche Nacht aus dem Arsch holte : Klettermax, Frank Sinatra, und sie legen die derzeit oberbeliebte Rechnung „Vocals & Elektropopwunsch“ auf unsere Tische. Bezahlen oder Zeche prellen? Schwer, denn Platte logisch charmant & gut. Dann die MERRICKS: SILVER DISC (SUB UP) ist knorke bis auf Andreas Neumeister, das musste doch nicht sein, aber sie wollten’s ja so. Irgendwie immer sehr sehr bemerkenswert und sympathisch, was die Münchener Band mit Popwunsch (schon wieder...) auf die Beine stellt, wobei die Stücke mit Marion Dimbarths Gesang dem wirklich nahe kommen. Überzeugend aber vor allem der intelligente Stilslalom, der die Platte wirklich äusserst anregend macht - drück auf Pause, Stunden später wieder rein, und du staunst erfreut. So muss es sein. Supergross dann die fast wirkliche Popplatte von TECHNIQUE: ihr POP PHILO­SOPHY (Poptones) enthält obergute Tunes, die leider auf Dauer etwas nachlassen oder in obskure beinahe-Trance-Mixe übergehen. Trotzdem sind die beiden Damen SEHR on Top derzeit - meine Wahl! Bandmusik jetzt! PHANTOM GHOST (Ladomat) sind zwei HH-Indienasen von Toco & Stella, Namen werden nicht verraten, nur soviel: ihre Platte entäuscht sie wahrscheinlich selber, allen anderen aber bleibt der Atem weg. Verhauchte Seelen, wie oft wollt ihr noch umgehen, bleibt doch mal stehn und hört zu! Ganz grosse kleine Alltagsetüden ohne Platitüden - nicht eine langweilige Minute. Wahnsinnsüberaschung, die total klar war, Geist von Geistern. Hamburg ohne Ende: die Bandmusik von BEIGE GT klingt erstmal ziemlich gut. Irgendwann fängt das Gegrinse über diese unverschämte Frische an, mit Instrumenten und dem Bewusstsein über Pop 2001 so druckvoll loszulegen. Die Band mit Kompakt-Elektro-Anbindung und Techno-Coverversion (Höre auch: Heads of Agreement / Lado) ist 1A Indiepop, erinnert in besonderen Zeiten an eine Mischung aus Lemonheads & Palais Schaumburg. Aujau. Verliert irgendwann etwas, trotzdem sehr hörenswert: JUKEBOX HEROES (L’aged’or). Mehr Gutes: das Ausnahmeprojekt STATION 17 arbeitet auf HITPARADE (Mute) mit namhaften hiesigen Elektronikern zusammen - Nameoverkill, doch gutes Modell, das viele relevante Stile kommuniziert. ANITA LANE bringt mit SEX O CLOCK (Mute) das samtkratzigste female Songwriteralbum heraus - old-school-sex-vibes, very white, very funny, very groovy, very intense - ein ganz grosses Stück, übertrifft einiges auf dieser Seite um Klassen. Altschulhof auch beim Gitarrenpop der Neuseeländer THE CLEAN, die auf GETAWAY (Matador) so spielen wie vor Jahren - wunderschön und frisch, dieses 4. Album seit 1979! Aufgepasst beim Girl/Boy-Duo QUASI aus Portland: Janet Weiss von Sleater Kinney und Sam Coomes, Basser für Elliot Smith, sind auf THE SWORD OF GOD (Domino) genau der richtige Spiegel, den die ewige (Rock-) Kultur der USA benötigt - frisch verkracht und hemmungslos - Rock’n Roll can never die, seid gewarnt! Better be Funk: BLAXPLOITATION (Beech­wood) versammelt auf 2 CDs die 20 Oberklassiker-Tracks der bekanntesten Blaxploit­filme, die zum ersten Mal schwarzen Kapitalismus hoffähig & funky machten. Viele Rap-Rolemodels leiten sich noch heute davon ab, die Musik ist, keine Frage, Klassik pur. Zum Wiederentdecken steht ein Funk-Burner der Extraklasse an: Filmmusik vom Italiener PIERO PICCIONI, der allen möglichen A- und B-Movies sein grosses Talent vermachte, und mitunter die Klasse von Morricone erreicht. Der Soundtrack zum Drogenkrimi PUPPET ON A CHAIN (DC) von 1970 dauert zwar nur ne halbe Stunde, ist aber wirklich ein Juwel: kräftiger perkussiver Jazzfunk für eine Speedboot-Verfolgungsjagd in Amsterdam - und was man sonst noch so alles macht...Für Fans: unumgehbar ist natürlich DAVID AXELROD (auf MoWax) - die Platte ist jetzt schon eine des Jahres. No mo words - just listen to this hot shit!!! & der Typ ist wirklich einmal KULT! Die Compi FUNKY PRECEDENT 2 (Matador) dann solltet ihr euch genauer anhören: 15 Wahnsinnstracks aus Turntablizm, StreetHop, Percussiv-Rap und ähnlichen Street-Styles - massive Entdeckungen zu machen! Stichwort Polit-HipHop: da versucht man uns derzeit, THE COUP aus Oakland zu verkaufen. Gut gemeint, aber den Satz „Overthrowing the system has never been so much fun“ schätze ich schon mal gar nicht. Das Album heisst bezeichnenderweise PARTY MUSIC (75 Ark) und geht mit Black-Panther-Images hausieren. Die sind auch real, da Rapper Boots nicht nur Sohn eines Panther-Anwalts ist, sondern auch sonst in politischen Kontexten aktiv war. Nur stösst diese Imagelackierung in (sub)kulturindustriellen Kontexten immer leicht auf. Wenn das Info dann gar Franz Fanon bemüht, seid ihr dran - go out & check it! (...die Musik ist natürlich klasse...). Ähnlich gelagert: URSULA RUCKER, der Traum aller Middleclass-Diskurs-Addicts. Böse gesagt. Lieb gesagt: tolle Stimme, schöne Tracks zwischen Soul- & Jazz, klares Bewusstsein, Alle hören zu, finden’s toll & nix ändert sich. Ist das auch Retro, wenn conscious-lyrix jetzt wieder im kommen sind wie Ende der 60er? Nicht wirklich, heuer erscheints etwas selbstreferentiell, und will doch so viel kommunizieren. Und dann sagt sie wieder einen Satz, der dich umhaut, weil er heute 1fach NÖTIG ist im Popbusinesskontext. So go on, SUPA SISTA (!K7), meinen Segen hast du. Bruder KURUPT will mit SPACE BOOGIE (Pias) nix ändern, nur seinen Kontostand. Auch ehrlich. HipHop dieser Art hat jedoch, was Stil & Images betrifft, seinen Zenith längst überschritten. Schmückt sich mit bourgeoisem Material, na ok, besser, als zum 1000. Mal „die Strasse“ zu proklamieren. West-Coast-Rap der besseren Art, die paar P-Funk & Soul-Elemente hauen’s satt raus aus dem normalen Rap-Einerlei - es funkt. Den rauhen, abgedunkelten Underground-HipHop gibt’s natürlich auch: ganz schön gross von CANNIBAL OX aus Harlem auf THE COLD VEIN (DefJux), sehr futuristisch und spannend, gewohnt groovige und äusserst progressive Vibes dagegen wieder vom SUBVERSE-Label: Seattle’s SOURCE OF LABOR mit STOLEN LIVES profiliert sich als eine der innovativsten und kräftigsten Crews. Die ARSONISTS, jetzt zum Trio geschrumpft, tragen diesen approach schon längst auf weitere Ebenen. DATE OF BIRTH (Matador) lässt in punkto Innovation wie Eingängigkeit auch weiterhin keine Fragen offen, ähnlich wie ROOTS MANUVA das auf RUN COME SAVE ME (Big Dada) gerade aus UK betreibt. Zum Schluss: der schönste Mix, weil’s nur noch herrlich fliesst, kommt von den DJ-Kicks des TRÜBY TRIO (!K7), und die notwendigsten Rereleases, um sich auf den Winter vorzubereiten, von DAVID BOWIE: CHRISTIANE F. zum ersten Mal auf CD, und mit ALL SAINTS Collected Instru­mentals (beide Emi), die nur noch Staunen lassen. Deckel wieder drauf. Wir brauchen das noch.
MARCUS


bookAntisemitismus - die deutsche Normalität


Der ca ira-Verlag gibt mit seiner Neuerscheinung einen höchst informativen Einblick in die Genese und aktuelle Ausprägung des Antisemitismus. In dem Sammelband - dem Kommunisten Peter Gingold zu seinem 85. Geburtstag gewidmet - sind AutorInnen vertreten, die sich - wie z.B. Thomas Haury, Wolfgang Pohrt oder Lars Rensmann - schon durch wegweisende Analysen antisemitischer Ausformungen einen Namen gemacht haben. Der Band ist in drei Abschnitte unterteilt: Im ersten Teil zur Geschichte des Antisemitismusi ist besonders der Beitrag von Lutz Hoffmann zum Antisemitismus als Baugerüst der deutschen Nation hervorzuheben, in dem auch auf die Ambivalenz der Feindbildproduktionen zwischen antisemitischen und heutigen zeitgleichen antiislamischen Stereotypen eingegangen wird. Im zweiten Teil zur Reflexion über Auschwitz setzt sich Lars Rensmann mit den Thesen zum Antisemitismus aus der Dialektik der Aufklärung sowie weiteren Ausführungen von Vertretern der Kritischen Theorie zum Antisemitismus auseinander. Zudem hervorzuheben ist die Auseinandersetzung von Ines Kuth und Andrea Woeldike mit dem in wertkritischen linken Zirkeln viel beachteten Aufsatz des Politologen Moishe Postone zum nationalsozialistischen Antisemitismus. Eine schon lange vom Verlag angekündigte Übersetzung seines 1993 verfassten Werkes “Time, labor and social domination” steht bisher allerdings unver­ständlicherweise noch aus. Im dritten Teil über den heutigen Antisemitismus finden wir einen lesenswerten Beitrag von Thomas Haury über Antisemitismus in der Linken, der jedoch leider nicht die Qualität seines Aufsatzes in dem - ebenfalls im ca ira-Verlag erschienenen - Buch Leon Poliakovs über Antizionismus und Antisemitismus heranreicht. Den Abschluss des Bandes bildet ein höchst informatives Interview mit dem jüdischen Kommunisten Peter Gingold über Antisemitismus und Befreiung.
Zum Einstieg in das Thema ein ohne Abstriche lohnenswertes Buch!
Al C.
Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hg.):
Antisemitismus - die deutsche Normalität.
Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns,
vorlageca ira-Verlag, 2001, 287 S.


fehritalesBolschewismus heute - ein
Report!

Für die werte Leserschaft sind mir keine Mühen und Entbehrungen zu groß. Wie der rasende Reporter bin ich ständig auf der Suche nach News und Themen am Rande der gesellschaftlichen Normalität. So ergab es sich, daß ich vor einigen Wochen eine Reise nach Berlin antrat, um mit bekannten Terz-Mitarbeitern einer Veranstaltung der Zeitschrift Bahamas beizuwohnen. In einem mittelgroßem Saal versammelte sich bei über 30 Grad Celsius eine Gruppe Leute, um Vorträgen zu horchen, die die unbedingte Solidarität mit Israel betonen sollten. „Nieder mit Deutschland! Lang lebe Israel! Für den Kommunismus!“ prangte es von der Wand, wobei der Zusammenhang dieser Thesen während des ganzen Abends im Nebulösen blieb. Es folgten in der Sommerhitze Redebeiträge (die unserer Terzler waren die besten), die stundenlang dauerten, eine Diskussion durfte erst nach ca. drei Stunden einsetzen und blieb dann natürlich fast aus. Nun weiß ich auch, warum Fidel Castro so lange redet: Selbst wenn einer eine andere Meinung vertreten möchte, wird er oder sie einfach nur zu müde sein... . Die Veranstalter waren dennoch mit der Veranstaltung hochzufrieden. Hatten doch immerhin 86 Leute in den Saal gefunden. Wieviel Einwohner hat Berlin? 4 Millionen? Oder noch mehr? Bevor man mich falsch versteht: Auch ich bin der Meinung, daß der Staat Israel wenig Möglichkeiten hat, mit Moslemfunda­menta­listen zu verhandeln. Aber die Frage, ob eine solche Form von Veranstaltung Israel nutzt, muß gestellt werden. Vielleicht sollten diese „Antinationalen Kommunisten“ doch einmal beim guten, alten Lenin in dessen „Linksradikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus“-Broschüre nachlesen... .

Ein Pragmatiker des nicht leninistischen Typs war ohne Zweifel Pablo Escobar, der es mit Kokain zu Milliarden Dollars brachte. Brutalität, Intelligenz, Fingerspitzengespür in einer total kaputten Gesellschaft brachten ihn nach oben. Wie aber kann man einen Mann zur Strecke bringen, der vor hundertfachem Mord nicht zurückschreckt, Politiker, Polizisten und Juristen kauft oder umbringt und ohne Ende Männer und Waffen befehligt. Diese nicht ganz leichte Problemstellung moderner Polizeiarbeit kann man spannend nachlesen in „Killing Pablo“ von Mark Bowden. Man muß schon kaltschnäuzig sein, um wegen diesem Buch nicht immer wieder nur noch staunend anzuerkennen, daß es auch in unseren Tagen kein Niveau gibt, daß so niedrig ist, daß Menschen es nicht noch einmal deutlich unterbieten können. Ohne Sympathie mit Escobar zu haben sei hier nur angemerkt, daß die Methode hart, simpel und erfolgreich war. Wenn sich Polizei, Nachrichtendienste und Konkurrenzkartelle zusammentun und einfach jeden umbringen, der mit der Zielperson Kontakt hat, dann isoliert man die betreffende Person im Lauf der Zeit und kann sie liquidieren. Auch wenn dabei über 1000 Leute umgebracht werden... .
Nun zu einigen musikalischen Highlights. Electrotard (Man’s Ruin) von den Melvins ist zugegebenermaßen nur etwas für Leute, die diesen Kaputtnikrock ohne wenn und aber lieben. Für Leute wie mich also. Lärm, Soundcollagen, Metall, alles so verquirlt, daß es für Headbanger unerträglich ist. Allerdings handelt es sich hier um Alternative Versions von bekannten Stücken plus einiger Coverversionen. Sie covern die Cows! Wow!
Tricky bietet auf Blowback (Anti) durchaus Gewohntes, allerdings größtenteils sehr angenehm. Früher nannte man dies ja TripHop. Nun ja, ich würde sagen, es ist seltsame verstörte Popmusik, nicht so depressiv wie Portishead, aber auch nicht viel fröhlicher, dafür abwechslungsreicher. Geht ok. Schwerer tue ich mich dafür schon mit dem von linken Musikfreunden so geliebtem Manu Chao und seiner Esperanza (Virgin). Einerseits mag ich seine ruhigen, traurigen Stücke, aber die schnellen erinnern mich an den Rummelplatz. Und auf einer 45-Minuten-CD noch so einiges von der letzten aufzuarbeiten, muß das sein? Ich höre die Platte ganz gerne, aber wenn ich dann auch noch mitbekomme, daß „die Musik für Globa­lisierungsgegner“ (Jungle World) live 75 DM Eintritt kostet - na ja....
Swell: Everybody wants to know (Beggars Banquet) ist sehr ruhig, schön und leicht versponnen wie immer bei ihnen. Das könnte leicht langweilig sein, geht aber in Ordnung. Platte des Monats für mich ist Golden Shower of the Rathole Sheik (?). Ein britischer Punkrocker, den es nach Schweden verschlagen hat. Die CD fängt mit einem Punk-Song an, wie er vor 10 Jahren und mehr typisch fürs AK47 gewesen wäre. Aber dann folgen Thrashnummern und Blues-Stücke, so gut, daß er keinen Vergleich mit Wild Billy Childish zu scheuen braucht. Wirklich klasse.!

P.S.: Ich bin doch etwas unangenehm berührt von dem völligem Mangel an Resonanz betreffend meines Preisrätsels. Richtige Antworten: Keine! Falsche Antworten: Ebenfalls keine! Hiermit verlängere ich die Aktion um einen Monat und gebe noch folgenden Tip. Die Autorin des herzzerreißenden Gedichtes über die Liebe wurde im deutschen Nachkriegskino der Adenauerära ausgiebigst gewürdigt, ohne daß diese Filme irgendetwas mit der Realität dieser Person zu tun hatten: Oder locken die Gewinne nicht so richtig? (Rätsel nachzulesen unter: www.terz.org; hier die Fehritales der letzten Nummer).
Fehri


bookDeutsche Bank- Macht- Politik

Das vorliegende Werk ist insbesondere ein Buch über Herrmann Josef Abs. Der Historiker Eberhard Czichon zeichnet anhand des Falles Abs die Geschichte der Deutschen Bank durch die Nazizeit bis zur Bundesrepublik Deutschland nach. Gerade die Nachkriegszeit ist von Abs geprägt, wie von kaum jemand anderem. Schon als junger Banker war er in die Schuldenzahlungen der Weimarer Republik aufgrund des Versailler Vertrages involviert. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte er die Schuldenverhandlung Deutschlands in London und hat sich für die Adenauer-Republik unverzichtbar gemacht. Wer Abs kritisierte, verunglimpfte Deutschland. Kritiker wie Czichon wurden mit Prozessen überzogen. Noch 1992, kurz vor dem Tod von Abs im Jahre 1994, erhielt er den Staatspreis von Nord-Rhein-Westfalen aus der Hand von Johannes Rau. Nach der Lektüre des Buches ruft das nicht nur ungläubiges Staunen hervor. Wer da aufgrund seiner Lebensleistung so hoch geehrt wurde, hat reichlich viel Dreck am Stecken. Anders als die in Naziuniform auftretenden Banker der Dresdner Bank, dominierte bei der Deutschen Bank der Nadelstreifenanzug. Das Abs nicht in die NSDAP eintrat, trug hinterher mit zu der Legendenbildung seiner angeblichen Nazigegnerschaft bei. Das Buch beschreibt eine eindeutig andere Sicht. Egal, ob es um die Arisierung, um die Finanzierung von Aufrüstung und Krieg, um die Ausplünderung besetzter Länder oder die Profite aus der Zwangsarbeit geht, überall ist die Deutsche Bank mit dabei. Und mit ihr Abs. 1944 stieg das Geschäftsvolumen auf über 11 Milliarden Reichsmark, fast dreimal soviel wie 1939. Auf dem Höhepunkt der Nazidiktatur hält Abs 43 Aufsichtsratsmandate und bestimmt wie kein anderer die Finanzgeschäfte der Deutschen Bank. Und zwar zur vollsten Zufriedenheit der Nazis, deren Duktus sich die Deutsche Bank und Abs hervorragend anpassen. Genauso wie nachher dem der Bundesrepublik. Man mag es gar nicht glauben, dass Abs 1948 als „entlastet” eingestuft wird. Aber er hat sich praktisch ohne Unterbrechung für die deutschen Geschicke unentbehrlich gemacht. Abs war, wie Czichon schreibt, „nie der Diener der Politik, er gestaltete sie mit, wie immer aus dem Interesse seines Bankhauses heraus.” Und damit war es für ihn egal, ob gerade Nazis oder Demokraten an der Macht sind.
Teilweise etwas zusehr ins Detail der internen Bankvorgänge gehend, ist dies dennoch ein spannendes Buch. Er beschreibt nicht nur die Verbrechen der Deutschen Bank in der Nazizeit, sondern zeigt Kontinuitäten auf. Es sind Fakten, an denen das Bankhaus selber nicht mehr vorbei kommt, wie neuere Veröffentlichungen der Deutschen Bank zeigen. Gerade im Umfeld der Zwangsarbeiter-Debatte wurde auch das Gebaren der Deutschen Bank und von Abs zum Thema. So musste viel der Legende Abs widerlegt werden, allerdings reichte es immer noch aus, dass die Bank kritischen Historikern wie Czichon ihre Archive öffnet.
Meikel F.
Deutsche Bank- Macht- Politik - Eberhard Czichon - Papyrossa Verlag - 360 Seiten für 36.20 DM


comixAlack Sinner: Begegnungen

Leider viel zu selten erscheinen die Geschichten des Privatdetektivs Alack Sinner. Erschaffen hat den immerwährend rauchenden Anti-Held das schon legendäre Duo Muñoz/Sampayo. Die harten Schwarz-weiss-Bilder kommen ohne Zwischentöne aus und unterstützen die düstere melancholische Stimmung des Comics. Es sind die 80er Jahre in New York. Reagan hat noch kein Alzheimer und treibt das Leben immer mehr in eine perspektivlose Zukunft. Alack Sinner macht sich auf die Suche, denn irgendwo da draussen muss es doch etwas geben. Aber seine Reise zurück in die Vergangenheit ist nur ein hilfloser Versuch, seine Angst vor der Zukunft zu verdrängen. Sein Vater gibt ihm keine Antwort. Dann tauchen alte Freunde aus dem Polizeidienst auf - es endet in der Katastrophe. Sinner wird für eine Zeit eingesperrt. Ein Tramp fragt ihn, ob er an etwas glaubt? „Die Liebe...aber eigentlich glaube ich selbst nicht daran.” antwortet Sinner. Immerhin versucht er es, in dem er seine alte Liebe Enfer trifft. Deren Liebe ist leichter zu erhalten als die Liebe seiner Tochter Cheryll.
Ein schönes und schweres Comic, das die beiden in Italien lebenden Argentinier hier geliefert haben. Man erfährt nicht nur Details aus der Vergangenheit Sinners, sondern es gibt viele kleine Nebengeschichten, die auf noch viel größere Geschichten hinweisen und ein Abbild dieser frühen 80er Jahre geben. Viele Personen aus früheren Alben laufen Sinner über den Weg und geben dem Album seinen Namen. Da die Bände in großem Abstand erschienen sind, gibt es alle drei Sinner-Alben zusammen zum Vorzugspreis.
Alack Sinner : Begegenungen
Muñoz/ Sampayo, Edition Moderne
120 S. in s/w für 39.80 DM
alle drei Alben (Viet Blues, Privatdetektiv, Begegnungen) für 79.80 DM


bookDie Sprache des Hasses

Der Ex-RAFler und heutige NPDler Horst Mahler ist mittlerweile eine Art Medienstar. In der Eso-Szene dagegen gibt es einen weiteren rechten Helden: Udo Holey - genannt Jan van Helsing, der antisemitische Ver­schwörungstheorien in Romanform unter die verwirrten Geister bringt. Die Autoren Heller und Maegerle liefern in der Neuerscheinung des Schmetterlingsverlags interessante Hintergrundinformationen zu diesen zwei Figuren. Zudem beschäftigen sie sich ausführlich mit Sprache und Symbolik des aktuellen Rechtsextremismus und liefern eine theoretische Zuordnung der sogenannten Neuen Rechten. Ein eigenes Kapitel gibt zudem Einblick in die völkisch-nazistischen Wurzeln aktueller esoterischer Ausformungen. Von Ufologie über Metapolitik, Geheimgesellschaften und Thule-Mythos bis zu kanonischen Erklärungen - hier findet ihr vernünftige Antworten auf Fragen, die verwirrte Geister bewegen.
Friedrich Paul Heller/Anton Maegerle: Die Sprache des Hasses - Schmetterlingsverlag 2001, 211S., 26,60 DM


bookWie wird man fremd?

Im Zuge gesellschaftlicher Zersetzungen und Krisen kommen die xeno­phoben Vorurteilsstruk­turen und Feindbild-Projektionen gegen „die Fremden” wieder voll zur Geltung. Antisemitische und rassistische Feindbilder dienen hierbei als Projektionsflächen für Subjektkonstruktionen im Spätkapitalismus - sie sind der ideologische Kitt der Moderne. So könnten die Thesen der jour fixe initiative Berlin zusammengefasst werden, die mit ihrer Neuerscheinung eine theoretische Intervention zum Rassismus-Diskurs liefern. Von Hork­heimer und Adorno über Foucault und Differenztheorien bis hin zu postmodernen Musikanalysen - das Programm ist vielfältig: Nicht der Rassismus der Neonazis steht hier im Vordergrund, sondern die Flüchtlingspolitik, der Antisemitismus als Kehrseite des Nationalismus, das Bild vom Nomade­ntum und die Nicht-Identität des Exils sowie das Menschenbild in aktuellen neoimperialistischen Theorien.
Intellektuelles Futter für die linke und antirassistische Praxis!
jour fixe initiative berlin (Hg.): Wie wird man fremd? - Unrast Verlag, 2001, 256 S., 29,80 DM


bookDie Gemeinschaft der Lüge

Schon kapiert, was du eigentlich in den Händen hältst? Ein „alternatives Presseorgan”? Eine linke „Gegeninformation” , ein „mediales Produkt sozialer Bewegungen”, ein „Statt­Zei­tungs­blatt” oder ein „subversives Autonomenblatt”?
In der Neuerscheinung vom Verlag Westfälisches Dampfboot bekommt ihr eine Fülle von Hintergrundinformationen sowie - exzellent herausgearbeitet - kritische Medientheorie vom Feinsten und das alles komprimiert und aktuell dargestellt: Ein wahres Schätzchen in puncto Publizistik-Kritik. Kein Wunder, denn der Autor Gottfried Oy ist selbst linker Medienpraktiker des ehemaligen Flagschiffs des Sozialistischen Büros, der früheren Zeitschrift „links”. So bekommt ihr einen höchst lesenswerten Überblick zur Kritischen Theorie, zur linken Medientheorie zum Cultural Studies-Ansatz wie zu neuesten Kommunikationsguerilla-Ansätzen geliefert und erhaltet zugleich einen informativen Einblick in die Entwicklung bundesdeutscher Gegenöffentlichkeitsproduktionen.
TERZ-TIP: kaufen - lesen - Terz machen!
Gottfried Oy: Die Gemeinschaft der Lüge. Medien- und Öffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik - Westfälisches Dampfboot, 2001, 292 S.


bookDas verortnete Feindbild

Auch schon alles aufgearbeitet von der SED-Diktatur? Den sogenannten Antifaschismus schon als Propaganda enttarnt? Den schlimmsten Staat auf deutschem Boden in der “DDR” erkannt? Dann erübrigt sich Weiterlesen... . Ansonsten findet ihr in der Neuerscheinung des PapyRossa-Verlages eine Menge interessanter Fakten zur sogenannten Aufarbeitung der SED-Diktatur, die - so der fundierte Nachweis des Autors Ludwig Elm - in erster Linie ein propagandistischer Schachzug staatstragender Totalitarismus- und Extremismustheoretiker war, um die kapitalistische BRD als die Endstufe demokratischer Entwicklungen ideologisch zu zementieren. Elm zeichnet zudem die sogenannten Vergangenheitsbewältigung in den ehemaligen beiden NS-Nachfolgestaaten vergleichend nach und kommt zu anderen Ergebnissen als denen der staatstragenden Geschichtswissenschaften.
Eine andere Form der Aufarbeitung, die es verdient, studiert zu werden!
Ludwig Elm: Das verordnete Feindbild. Neue geschichtswissenschaft unf “antitotalitärer Konsens” - PapyRossa-Verlag, 2001, 167 S. 29,80 DM


comixCamshots

Ist die Prostitution mit der Fabrikarbeit zu vergleichen? Eine Frage, die in den frühen Jahren zu erbitterten Diskussionen in der feministischen Szene führte. Auch wenn der Status mittlerweile verbessert wurde, hat sich die gesellschaftliche Sicht nicht sehr geändert. Ohne die Schwere der politischen Diskussion versuchen die Münsteraner Helmut Müller und Andine Steinbach, sich in modernisierter Form diesem Thema anzunähern. In Zeiten von “Big Brother”, Internetsexseiten und der neuen Spaßgesellschaft ist die frage heute eine andere: Ist es schlimmer als Prostituierte zu arbeiten, oder dein Leben an Internet-User zu verkaufen? Letztendlich bleibt die Frage offen. Camshots zeigt die Faszination des nunmehr auch nicht mehr ganz neuen Mediums, der man sich kaum entziehen kann.
Natalie ist ein Webcam Girl, das sich den ganzen Tag in ihrer Wohnung von Voyeuren aus dem Internet begaffen lässt. Die Trennung von Beruf und Privat ist jedoch nicht so leicht. Dort wo sich Virtualität und reales Leben treffen, ist die Wahrnehmung als Lustobjekt das verbindende Element. Natalies Umfeld reagiert nicht nur abweisend. Kann man in dieser Situation überhaupt einen besten Freund haben ohne das dessen Freundin auf die Barrikaden geht? Aus dieser zerstörerischen Situation bricht Natalie gerade noch rechtzeitig aus. Aber es gibt andere, die ihren Job übernehmen.
Das bunte Erstlingswerk ist ein gelungenes Comic, das sich mit den sogenannten Neuen Medien auseinandersetzt. Aus Computerillustrationen, Grafik, Fotografien und Verfremdungen haben sie ein schönes Comic geschaffen, das sich weder in Vergötterung noch Verteufelung ergeht, sondern zwischenmenschliche Töne sucht. Wer mehr erfahren möchte, kann auch ihre Webseite aufsuchen http://www.camshots.net
Camshots
Müller/Steinbach
Ehapa verlag
bunte Seiten für 16.80 DM


bookSolea

Dies ist nun der letzte Teil der Marseille Trilogie des im letzten Jahr verstorbenen Jean-Claude Izzo.
Im ersten Band “Total Cheops” stand Fabio Montale noch im Polizeidienst; im zweiten Band “Chourmo” hatte er den Dienst schon quittiert und hatte die ersten Berührungen mit der Mafia. Nun in “Solea” gerät er ungewollt ins Visier dieser Organisation. Seine alte Freundin Babette muss aufgrund ihrer journalistischen Recherchen über die Mafia untertauchen. Die Mafia versucht nun, Montale für die Suche nach Babette einzuspannen. Um ihn dazu zu zwingen, fangen sie an ihm liebgewordene Menschen aus seiner Umgebung umzubringen. Die auf ihn stark einwirkende Kommissarin Pessayre erwartet seine Hilfe bei der Suche nach den Mördern. Aber Montale macht sein eigenes Ding, denn er hat sich Rache geschworen und bricht mit seinem Vorhaben, keinen Menschen umzubringen.
Ein tempogeladenes Krimimeisterwerk nimmt seinen rasanten Lauf, dessen unschönes Ende man schon vorher befürchtet und nicht wahrhaben will. In dem dritten Band schafft es Izzo nochmals, die Geschwindigkeit zu erhöhen. Die Frauenbegegnungen, das Essen, Marseille geraten etwas in den Hintergrund. Izzo wirkt selber gehetzt. „Total Cheops” war noch verhalten optimistisch; „Chourmo” ging schon eher in Richtung Resignation und nun in „Solea” ist von Optimismus nichts mehr zu verspüren. Es gibt nur noch einen Ausweg, den des eigenen Eingreifens. Izzo bricht mit seinem „Held”, in dem er ihn von mehreren Seiten kritisiert. Das eigene Handeln mit dem Zweck die Seinen zu schützen, führt wiederum zu Katastrophen, so dass nur ein Ausweg für ihn bleibt, ohne dass sich wirklich etwas ändert. Izzo versucht in diesem Band, den Leser direkt aufzurütteln. Sein Exkurs zum Thema Neoliberalismus ist jedoch reichlich dürftig und stellenweise ärgerlich. Doch den Spass an der Lektüre schmälert das in keinster Weise.
Posthum ist er dieses Jahr mit dem „Deutschen Krimi Preis International” ausgezeichnet worden. Derzeit wird die Marseille Trilogie verfilmt. Also viel Lob für Izzo. Und das ist auch berechtigt. Alle drei Bücher sind nicht nur hervorragende Krimis, sondern sie beschäftigen sich eindringlich und realitätsnah mit aktuellen Problemen. Aus dem Konglomerat von Rassismus, Mafia, Korruption in Politik, Polizei und Wirtschaft und religiösem Fundamentalismus bastelt Izzo eine Mischung, die es in sich hat. Als langjähriger Journalist hatte er weitreichende Einblicke in das Geschehen. Als undogmatischer Linker gehörte seine Sympathie den Underdogs, den Zukurzgekommenen, den Unterdrückten, aber ohne in ein Schwarz-weiss-Schema zu verfallen. Aber die Bücher Izzos sind nicht nur Krimis, sie sind eine Hommage an Marseille und das Essen. Insofern ist die Trilogie auch ein Führer durch Marseille und die dortigen Gaumenfreuden. In „Solea” findet sich auch eine Aufstellung der in den drei Büchern vorkommenden Lieder und die lohnt sich, denn Izzo hatte einen verdammt guten Musikgeschmack für jede Lebens- und Gefühlslage.
Meikel F
Solea - Jean Claude Izzo - Unionsverlag
224 S. für 16.90 DM


bookNur ein Toter mehr...

Täglich werden in Deutschland sogenannte „Ausländer” diskriminiert, angepöbelt und angegriffen. Wiederkehrend werden sie sogar ermordet - ein Faktum, das mittlerweile zur Normalität des Alltag gehört und an das sich scheinbar auch der Großteil der Bevölkerung gewöhnt hat. Es ist ein außerordentlicher Verdienst der Prozessbeobachtergruppe Guben, einen solchen Fall akribisch und medienkritisch nachgezeichnet zu haben: den Fall Oma Ben Noui, einem Asylbewerber, der von einem rassistisch fanatisiertem Mob in den Tod getrieben wurde. In der Neuerscheinung der Reihe „antifaschistische Texte“ wird dieser Fall nicht nur kritisch durchleuchtet und so dem Vergessen entrissen. Zugleich zeigen die Autor/innen anhand eines konkreten Beispieles von mörderischem Rassismus die öffentlichen Relativierungen und den institutionellen Rasismus in der BRD sowie den alltäglichen Prozess von Verdrängung, Relativierung und Verharmlosung von Rassismus. Im letzten Kapitel wird der Umgang mit dem Gedenken an den zu Tode gehetzten Menschen beschrieben - eine nüchterne wie zugleich bewegende Enttarnung des sog. Aufstandes der Anständigen...
Nur ein Toter mehr... Altäglicher Rassismus und die Hetzjagd von Guben - rat, 2001, 171 S., 19,80 DM

www.terz.org - 29.08.2001