Fauler Zauber
Jetzt hat auch das Kino seine Königin der Herzen: Amélie. Ganz
Paris ist ihr Märchenschloss, alle Menschen küsst sie wach und
lässt so Millionen ZuschauerInnen wieder an eine Zeit glauben,
da das Wünschen noch geholfen hat. Nur die Terz wird nicht selig.
“Die fabelhafte Welt der Amélie“ ist ausschließlich von Menschen
bevölkert, die sich selbst genug sind und manisch-regressiv ihren sinnlosen
Obsessionen nachgehen. Ein alter Mann mit Glasknochen, der seine Wohnung
nicht mehr verlassen kann, kopiert immer wieder das Renoir-Gemälde “Frühstück
mit Ruderern“. Nino liest vor Foto-Kabinen zerrissene Passbilder auf, rekonstruiert
sie und klebt sie in ein Album ein. Eine hypochondrisch veranlagte Zigaretten-Verkäuferin
entdeckt ständig neue Krankheitsseiten an sich. Ein andere Figur schließlich
kann die narzisstische Kränkung, verlassen worden zu sein, nicht
ertragen und lässt seine Ex keine Minute lang aus den Augen, dabei “Verdächtiges“
mit Hilfe eines Diktier-Gerätes protokollierend.
Für den Film sind das alles etwas wundersame, aber keinesfalls beunruhigende,
sondern sogar besonders liebenswerte Schrullen. Kein Wunder, denn der Regisseur
ist von derselben Krankheit wie sein Personal befallen. Wie die Amélie-Käuze
ihre Marotten pflegen, so ergießt Jean-Pierre Jeunet sein Privat-Universum,
zusammengestaucht aus jahrelang gesammelten Skurrilitäten, Ideen und
einer ellenlangen Liste persönlicher Abneigungen und Vorlieben, ohne
jedes Maß über die Leinwand. Da gibt es Bilder, deren Motive lebendig
werden und zu sprechen beginnen, Fische mit Selbstmord-Absichten, sich an
die Spitze der Tour de France setzende Pferde, Tennis spielende Nonnen und
vor Trauer zu Pixel-Lachen zerfließende und schließlich ganz
vergehende Körper. Und alle Figuren sind aus dem Fleisch und Blut Jeunets:
Zu ihrer Charakterisierung dienen ihm seine personlichen “Ich mag/Ich mag
nicht“-Aufstellungen. Warm ums Herz soll einem dann werden, wenn sich bei
den “kleinen Dingen des Lebens“ Wahlverwandtschaften mit seinen Leinwand-Helden
einstellen, jemand etwa auch gern die Plastik-Noppen von Elektro-Verpackungen
zerdrückt.
Und wenn man wie Jean-Pierre Jeunet versunken die Welt, wie sie einem gefällt,
aus dem Computer-Baukasten zusammensetzt, darf sie keinen Makel haben und
muss unversehrt sein von Zeichen eines störenden Außen. “Die fabelhafte
Welt der Amélie“ besteht deshalb aus einem Zuckerbäcker-Paris
mitsamt Montmartre, Sacre Coeur, dem “kleinen Café an der Ecke“ und
poetisch-realistischen Behausungen. Der Saubermann hat sogar die Graffiti
von Mauern und Häuserwänden wegdigitalisiert.
Sein überbordendes Kuriositäten-Kabinett löst deshalb schnell
Völle-Gefühle aus, weil es in einem luftleeren Raum schwebt. Wollten
die phantastischen Bilderwelten des Surrealismus noch das verkrustete Korsett
der formierten Gesellschaft aufbrechen, so findet Jeunet in dem “Laissez
faire“-Neoliberalismus von heute keinen Widerpart. Die Realität langweilt
ihn lediglich, sie reizt ihn weder zu Kritik noch zu Bekundigungen des
Einverständnisses, präsentiert sich ihm vielmehr als großes
Niemandsland. Dieses als indifferent empfundene Außen, das dem Individuum
keine Grenzen setzt, lässt bei den Amélie-Protagonisten die Obsessionen
blühen. Der Regisseur selber spinnt gegen den “Horror Vacui“ Bild-Einfälle
am laufenden Meter, wie ein “Zeit“-Journalist richtig bemerkte. Das ist mitunter
ein einsames Geschäft und kann - auch im Interesse der ZuschauerInnen
- nicht ewig so weitergehen. Ändern will man aber auch nichts, weder
an sich noch an der Welt. Bleibt also nur die Rettung aus dem Märchenbuch.
Die Superheldin Amélie verhilft dem Film zu Geschichte, Struktur und
Happy End. Die Figuren befreit sie aus den Gefängnissen ihrer Egos und
öffnet ihren Blick wieder für die Welt. Ist das nicht zauberhaft?
Eher nicht.
Jan
www.terz.org
- 29.08.2001