„Kollateralschäden„
Wie in der letzten Ausgabe 7/8-2001 ausführlich berichtet, wurden am
späten Abend des 13. Juni vor der Bilker Kneipe „Café Tigges„
der AStA-Pressereferent der Heinrich-Heine-Universität, Christian Happ,
und zwei Begleiter von den Naziskins Sven Ripphahn und Sven Gustavsohn, dem
Vater von Ripphahn jr., Wilhelm Ripphahn und dessen Kumpanen Günter
Muche und Wolfgang Hennig sowie einem weiteren Skin angegriffen. Zwei der
Angegriffenen und eine zu Hilfe geeilte weitere Person wurden durch Messerstiche
schwer verletzt. Nach anfänglichen Erinnerungslücken gestanden
alle Täter ein, „vor Ort“ gewesen zu sein, Ripphahn gab darüber
hinaus zu, die Stiche aus „Rache“ geführt zu haben.
r habe unter den drei angegriffenen Personen eine wiedererkannt, die vor
Monaten mit dafür gesorgt hätte, daß er nebst Gustavsohn
und weiteren Kumpeln aus dem „Tigges“ geflogen sei, so Ripphahn jr., eine
ebenso unkluge wie falsche Behauptung, da keine der drei angegriffenen Personen
an dem besagten Abend im „Tigges“ war. Ripphahn hatte dort unter anderen
„SS-SA“ skandiert und war mitsamt seiner kahlköpfigen Begleitung sofort
vor die Tür gesetzt worden. Er habe nach dem „Wiedererkennen“ seinen
Vater telefonisch informiert, sei in die nahegelegene Kneipe gerannt, wo
Papa mit seinen Kumpeln gerade das lange Wochenende eingeläutet hatte
und habe diesen erzählt, er sei gerade überfallen worden, gestand
Ripphahn jr. ein. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, daß Ripphahn
senior und seine Helfershelfer davon ausgegangen waren, daß dem „Kleinen“
und seinen Freunden Übles angetan oder zumindest angedroht worden war.
Sie rückten deshalb sofort zur Vollstreckung der ihrer Auffassung nach
harten, aber gerechten Strafe aus.
Die Presse klärt auf
In der Presse wurde nach der ersten Betroffenheitsberichterstattung der „unklare
Tathergang“ dankbar aufgegriffen. „Denn zwischen Wahrscheinlichkeit und Tatsache
liegt der Beweis... und nach den Erfahrungen mit dem feigen Bombenanschlag
... und dem Brandsatz auf die Synagoge ist deswegen Vorsicht angesagt“, wußte
der „Westdeutsche Zeitung“-Redakteur Uwe-Jens Ruhnau seiner LeserInnenschaft
mitzuteilen. In der WZ vom 20.6. wird Mocken wie folgt zitiert: „Einiges
spricht dafür, daß sich da eine Auseinandersetzung zwischen rechts
und links aufgeschaukelt hat. (...) Es gibt immer wieder Skins, die sich
schlagen und welche, die Streit suchen - aus beiden Lagern.“ Aus dem zufällig
des Weges gekommenen Passanten Christian Happ (Happ: „Es hätte jeden
treffen können“) wurde in der „Rheinischen Post“ in einem vom Lokalredaktionschef
Hans Onkelbach verfaßten Artikel das „MSB-Spartakus“-Mitglied Happ
„aus der Umgebung des ANTIFA-KOK“ und damit alle Opfer, über die Onkelbach
mit Ausnahme von Happ bis heute keine einzige Information hat, zu „Männern
aus der linksextremen Szene“; „Neonazis gegen ANTIFA“ eben, „Extremisten“
unter sich, wie Onkelbach in klassisch totalitaristischer Manier feststellte.
Nachdem 14 Tage nach dem Angriff auch noch eine Informationsveranstaltung
des ANTIFA-KOK in der städtischen „Freizeitstätte Garath“ zum Thema
„Neonazismus in Düsseldorf“ von über 30 Neonazis überfallen
worden war, wußte Onkelbach in „Stürmer“-Manier noch problemlos
nachzulegen: „Vor allem die Antifa gilt bei der Polizei als geschickt darin,
die ‚andere Seite‘ mit gezielt plazierten Infos anzulocken, um sich nachher
über eine vermeintliche Gefahr durch Neonazis in Düsseldorf zu
verbreiten.“
Bei einer derartigen Berichterstattung mußten sich die „Kameradschaft
Düsseldorf“ und die „Nationalisten im Düsseldorfer Süden“
schon alle Mühe geben mitzuhalten. Bei der Berichterstattung über
den Überfall in Garath landeten die Nazis allerdings von Onkelbach weit
abgeschlagen auf Platz 2. Auf der Homepage der Südnazis ist zu lesen,
man habe „dem versammelten deutschfeindlichen Rassistenpack, bewaffnet mit
Argumenten, die Grenzen für solche Volksfeindlichkeit aufzeigen“ wollen,
sich aber nach „dem unmißverständlichen Verhalten der selbsternannten
Antifaschisten“ zurückgezogen; eine Version, die der Realität wesentlich
näher kommt als die in der lokalen Presseberichterstattung (vgl. TERZ
7/8-2001, S. 10).
bwohl der Tatverlauf ab spätestens 25. Juni in allen wichtigen Punkten
geklärt war bedrohte die Staatsanwaltschaft von nun an Christian Happ
mit Beugehaft, da er den Namen des von Neonazis bedrohten einzigen unverletzt
gebliebenen Opfers ohne eine Zeugenschutzgarantie nicht nennen wollte. Diese
Garantie wurde mit der Begründung verweigert, es gebe „keine Anhaltspunkte
für eine konkrete Bedrohung“. Logisch, denn wo es keine neonazistische
Szene gibt bzw. geben darf, kann es auch keine Bedrohung durch eine solche
geben, es sei denn, der ANTIFA-KOK provoziert und stigmatisiert „alkoholisierte
rechte Jugendliche“, lockt sie an, verhaut sie anschließend, mit der
Folge, daß diese nun noch mehr frustriert sind, sich deshalb radikalisieren
und zu Neonazis werden, was der ANTIFA-KOK dann wiederum nutzen kann, um
sich in Szene zu setzen - wenn da nicht die „wehrhafte Demokratie“ einem
solchen schändlichen Treiben einen Riegel vorschieben und gegen „rechte
und linke Extremisten“ gleichermaßen vorgehen würde - oder so
ähnlich. Herr, schick Hirn vom Himmel...
„Der dritte Mann„ & „Happy End„
Trotz der Androhung von Beugehaft weigerte sich Christian Happ weiterhin,
den Namen seines zweiten Begleiters zu nennen. Es folgte eine breit angelegte
Solidaritätskampagne. Über 1.000 Organisationen und Einzelpersonen,
darunter auch Landtags- und Bundestagsabgeordnete und der Rektor der Heinrich-Heine-Universität
unterzeichneten eine vom Kulturzentrum ZAKK und dem AStA der HHU initiierten
Resolution, in der die Staatsanwaltschaft aufgefordert wurde, „die Anwendung
von Zwangsmaßnahmen gegen die beiden bekannten Opfer zu unterlassen
und dem noch unbekannten Opfer Zeugenschutz und Anonymität zu gewähren.“
Auch von den überregionalen Medien, sowohl von Zeitungen, als auch von
Funk- und Fernsehen, wurde das Thema nun aufgegriffen und die Androhung von
Beugehaft gegen Opfer neonazistischer Gewalt skandalisiert.
ufgrund der daraufhin noch einmal intensivierten Solidaritätskampagne
gegen Beugehaft und für Zeugenschutz sowie der zunehmenden Skandalisierung
der Beugehaftandrohung knickte die Staatsanwaltschaft Mitte Juli ein und
bot von sich aus der dritten Person über deren Anwältin an, anonym
aussagen zu können. Name, Wohnanschrift und berufliche Tätigkeit
würden aus der Prozeßakte und dem Prozeß selbst heraus gehalten.
Da sich eine Staatsanwaltschaft natürlich niemals politischen Druck
zu beugen bereit ist, erst recht nicht, wenn dieser von links kommt, war
am nächsten Tag in den Medien zu lesen, daß eine „Gefährdungsanalyse“
des polizeilichen Staatsschutzes zwischenzeitlich zu dem Ergebnis gekommen
sei, daß Gefahr für Leib und Leben der dritten Person möglich
sei. Eine solche Expertise hat es jedoch zu keinem Zeitpunkt gegeben, wie
sollte es auch möglich sein, über die Gefährdung einer Person
zu befinden, die zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war. Lediglich die dritte
Person selbst hatte der Staatsanwaltschaft vor der Ablehnung des Zeugenschutzes
über ihre Anwältin umfangreiches Material zur Verfügung gestellt,
aus der eine Gefährdung zwingend abgeleitet hätte werden können,
was aber nicht geschehen ist. Zwischenzeitlich hat die dritte Person bei
der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Der Zeuge habe „den Ablauf der Tat weitgehend
bestätigt“ wird Staatsanwalt Mocken am 19. Juli in der WZ zitiert. Das
aber ist genau das, was von Christian Happ und den AnwältInnen der Opfer
die ganze Zeit über gesagt worden war. Schließlich war der Fall
bereits vor der Vernehmung der dritten Person komplett aufgeklärt. Falls
es in Zukunft zu Angriffen auf Personen kommen sollte, die von Seiten der
Neonazis hinter der dritten Person vermutet werden, ist dies mit Sicherheit
auf das Vorgehen der Staatsanwaltschaft und auf die unverantwortliche Berichterstattung
diverser JournalistInnen zurückzuführen. Ansonsten zeigt dieser
Angriff einmal mehr, was daraus erwachsen kann und wird, wenn man den Worten
von Düsseldorfs CDU-Oberbürgermeister Joachim Erwin folgt, der
noch im Oktober des Vorjahres im Vorfeld eines Neonaziaufmarsches in Düsseldorf
allen „Anständigen“ riet, den Neonazis die „kalte Schulter“ zu zeigen,
sich „rumzudrehen“ und nicht „provozieren“ zu lassen: Acht Messerstiche,
diverse Blutergüsse und Prellungen und ein skandalöser Umgang mit
den Opfern, der eventuell weitere Opfer kosten wird.
www.terz.org
- 29.08.2001