Mit Gefühl statt Schock
kämpft gegen Rechts der Werbe-Schmock
Neue Kampagnen gegen Rechtsextremismus
Eine aktuelle Plakatkritik von Dieter Bott
1. Vier Jungen und zwei Mädchen, etwa zehn oder 12 Jahre alt, strahlen
uns von großen Reklametafeln an und erheben tapfer ihre Sportgeräte,
die Feld-Hockey-Schläger. - Gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit?
- Gott bewahre!
„Gegen Sucht und Drogen“ verkündet der Deutsche Sportbund auf dieser
Reklametafel, „machen wir Kinder stark“ und wirbt um ihre Mitgliedschaft.
„Sportvereine - für alle ein Gewinn.“ Für alle?
Für die Werbeagentur vielleicht. Aber nicht als Mittel der Sucht-Prophylaxe.
Der Paderborner Sportwissenschaftler Wolf Brettschneider jedenfalls hat bei
seiner kürzlich veröffentlichten NRW-Studie den erhofften Einfluß
des Sportengagements auf die „emotionale Stabilität und ihre Entwicklung
im Jugendalter“ nicht nachweisen können.
2. Daß sich Sportvereine und die von ihnen bezahlten Werbeagenturen
keine unnütze Kopfschmerzen über ihre gesellschaftliche Funktion
machen, davon zeugt auch ein schwarz-rot-goldenes Riesen-Poster mit der Profi-Boxweltmeisterin
Regina Halmich (24).
„Was müssen das für Feiglinge sein“, empört sich Halmich,
„die in Rudeln Schwächere jagen und verprügeln. Diese Rechtsradikalen
und Skinheads sind vermutlich ganz klein, wenn sie alleine sind.“ Ziemlich
groß - ein Drittel der Werbefläche - bestimmt die deutsche National-Fahne
das Bild.
Mit Schwarz-Rot-Gold den Rechtsradikalen „das Wasser abgraben“? Und mit Stolz
auf eine deutsche Box-Weltmeisterin den Nationalismus bekämpfen? Offenbar
wird dieses Konzept von der Bundeszentrale für politische Bildung (in
Zusammenarbeit mit der Deutschen Sportjugend) für wirksam gehalten.
„Diese Rechtsradikalen und Skinheads“ aber, gegen die Halmich Position bezieht,
sind weder - wie sie vermutet - „ganz klein“ noch „allein“. Wenn auch mitunter
schon zwei oder drei von ihnen ausreichen, ein ganzes Zugabteil einzuschüchtern
und zu terrorisieren. Was bringt es, daß man sie als „Feiglinge“ betrachtet,
wenn sie tatendurstig vollstrecken, was dem Geist der Sozial- und Asylgesetzgebung
entspringt und auf Verständnis von patriotischen Saubermännern
rechnen kann? Zu schweigen von den um ihren Wohlstand besorgten Standort-Natonalisten,
deren multi-kulturelle Toleranz nur soweit reicht wie der eigene ökonomischen
Vorteil.
4. „NICHT MIT UNS!“ versichert „der neue Nahverkehr in NRW“ als Blickfang
und Bekenntnis über einem umscharfen grauen Foto, das eine anonyme Menge
öffentlicher VerkehrsteilnehmerInnen zeigt. Etwa jeder Dritte ist eingerahmt,
als wolle ihn eine unbekannte Statistik hervorheben. Wofür und Weswegen?
Die verschwommenen VerkehrsteilnehmerInnen auf diesem Plakat
zeigen weder „Farbe“ noch „Flagge“ noch „Gesicht“, wie das die Appelle zur
Zivilcourage nun schon seit Jahren vergeblich fordern.
Was ist aus den Bürger-Initiativen geworden, ein Jahr nach den Düsseldorfer
Anschlägen und dem „Aufstand der Anständigen“? Diesem Nah-Verkehrsplakat
ist zu entnehmen: Gar nichts! „Wer Menschen wegen ihrer Herkunft oder Hautfarbe
diffamiert, muß draußen bleiben.“ Wer garantiert das? Der Bundeskanzler,
der seine Wiederwahl fördern möchte, indem er Arbeitslose als Faulpelze
diffamiert? Sicher ist nur, daß 60,-DM zahlt, wer keinen Fahrschein
hat. Und wer als Land seiner Herkunft kein zum Asyl berechtigenden Staat
vorweisen kann, landet im Abschiebeknast: „muß draußen bleiben“.
5. Bekanntlich ist das Gegenteil von gut nicht schlecht sondern gutgemeint.
Das Plakat zeigt einen herzigen farbigen Knirps - „Gegen Ausländerfeindlichkeit
und Gewalt“ - im blau-weißen Trikot umarmt von zwei blonden Kameraden,
als sei die Welt wenigstens im Jugendfußball noch in Ordnung. „Deutscher
Sportbund: Bei uns spielt die Herkunft keine Rolle. Für Toleranz und
Integration.“
Die Integration-Leistung der deutschen Sportvereine ohne Ansehung der Herkunft
ist umstritten. Dafür ist die Toleranz in der Fankurve gegenüber
sexistischen und rassistischen Sprüchen noch immer ungebrochen. Und
doch ist die Angst von Fußballerinnen und Fußballern, sich als
Lesbe und „schwule Sau“ zu outen, ein genauerer Indikator für den Geist
der Sportskameraderie als seine angebliche Wirkung im Kampf gegen Drogen,
Gewalt und Ausländerfeindlichkeit.
6. Wenn der Anspruch nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, dann
sind Fehlleistungen vorprogrammiert. Sperrt nicht der kleine farbige Fußballer
auf dem Plakat seinen Mund weit auf, laut und unersättlich wie die Asylbegehrenden,
die sich hier durchfüttern lassen wollen? Und zeigt er nicht im Unterschied
zum makellosen Gebiß seiner blonden Sportkameraden eine Zahnlücke,
als wolle er auch diese noch gratis behandelt haben?
7. Mit „Gefühl statt Schock“ möchte eine bekannte Hamburger Werbeagentur
die Ausländerfeindlichkeit bekämpfen. „Springer & Jacoby entwarf
für das „Netz gegen Rechtsextremismus“ unentgeltlich eine Anzeigenkampagne“
(Die Woche, 17.08.01). Schockiert reagierte die Öffentlichkeit, als
Lea Rosh die Auschwitz-Lüge zitierte, um provokativ für das Berliner
Mahnmal Spenden zu sammeln: „Den Holocaust hat es nie gegeben.“
Peinlich, daß die Rechtsradikalen aussprechen, was längst Sache,
Tagesordnung und Normalität ist, wenn die letzten Überlebenden
der ZwangsarbeiterInnen endlich ihren schäbigen Abschlag erhalten. Im
Namen des Holocaust soll dann niemand mehr Ansprüche erheben.
8. „Zum Thema Rechtsextremismus hat jeder von uns eine emotionale Beziehung“,
erzählt ein Art-Direktor, der in Hamburg die neue Annoncen-Kampagne
entworfen hat. „Rechte Gewalt kann jeden treffen.“ Selber erlebt hat er das,
als in seinen S-Bahn-Waggon Skinheads zustiegen, unterwegs zum Heimspiel
des HSV.
„Vorsicht!“ warnt ein kleines gelbes Dreieck oberhalb der Achselhöhle
eines Feinripp-umspannten männlichen Brustkorbs (Typus „latin lover“,
aber ohne Gesicht), als ginge es darum, ein Deodorant gegen Achselschweiß
zu empfehlen: „Wegen zu dunkler Hautfarbe kann ihre Wohnung mit Brandsätzen
beworfen werden.“
Soll der angesprochene Hauseigentümer oder Wohnungsbesitzer etwa darauf
achten, daß er nicht an farbige Studenten vermietet?
9. Eine weitere Annonce verhandelt das kostbare Spür-Näschen der
Werbebranche. „Vorsicht!“ warnt das gelbe Dreieck auf einem nachdenklich
gestimmten Gesicht: „Wegen einer zu großen Nase können Sie lebensgefährlich
verletzt werden.“ - Aufgepaßt, Mike Krüger! - „Rechte Gewalt kann
jeden treffen.“
Wenn das „die emotionale Beziehung“ darstellt, die die Hamburger Werbeagentur
„zum Thema Rechtsextremismus“ unterhält, dann möchte man den Art-Direktoren
ab sofort von weiteren Spielen des HSV und dem Benutzen der öffentlichen
Verkehrsmittel abraten.
Zur Aufklärung ihrer merkwürdigen „Gefühle“ wäre das
gesparte Eintrittsgeld in das kleine Bändchen von Achim Greser zu investieren:
„Der Führer privat“ (Edition Tiamat), wo der Titanic-Zeichner mit hellem
Witz und klarem Verstand Angst und Schrecken, den die neuen und alten Nazis
verbreiten, so gründlich demontiert, daß vielleicht sogar der
Werbebranche endlich mal wieder was Gescheites einfällt.
www.terz.org
- 29.08.2001