Ende Juli gab sich der Bundeskanzler Deutschlands, Gerhard Schröder, die Ehre, auf dem Platz vor dem Neusser Rathaus zum Volk zu sprechen: Rund 5.000 Staatsbürger und einige Querulanten waren erschienen.
Im Vorfeld hatten Hundertschaften von Landes- und Bundespolizei alle Hände
voll zu tun, um die Umgebung des Veranstaltungsortes nach möglichen Anschlagsherden
zu abzusuchen. Denn obwohl der Kanzler nur das Beste fürs Volk will, rechnet
man immer wieder mit bösen Menschen, die ihm das nicht danken und danach
trachten, eine schöne Volksfeststimmung durch Bomben und Granaten zu stören.
Vor der Treppe zum Zeughaus, wo schon der eine oder andere Kanzler oder Kanzlerkandidat
von Adenauer über Scharping bis Kohl dem Volk erklärten, warum die
Führung der Staatsgeschäfte nur in ihren Händen dem Gemeinwohl
dient, während der jeweilige politische Konkurrent hingegen unverantwortlich
die wirtschaftliche Stabilität, die Förderung des Arbeitsmarktes,
die soziale Gerechtigkeit und den Frieden aufs Spiel setzt, hatte der Kanzler
in der schwarzen Stadt Neuss ein regelrechtes Heimspiel.
Denn die zarten Proteste gegen die Schröder-Regierung, die hier und da
zu hören und zu sehen waren, wurden von der Polizei und Security-Kräften
unterbunden. Die Vertreter der DKP, die mittels eines Transparentes die Kriegspolitik
der SPD brandmarkten, handelten sich zudem eine Beleidigungs-Anzeige ein.
Der Kanzler spricht
"In den letzten vier Jahren haben wir viel erreicht, aber wir haben nicht
alles geschafft." So begann Schröders Vortrag. "Wir haben viel
erreicht, und das, was wir noch nicht erreicht haben, müssen und werden
wir noch schaffen." So beendete der Regierungschef seinen Auftritt in Neuss.
Dazwischen verkündete er dem Volk die aktuellen Erfolge und Drangsale der
deutschen Nation.
1. Einen riesigen Schuldenberg in Höhe von 1,5 Billionen DM habe die Regierung von ihrer Vorgängerin geerbt. Mit dem Hinweis auf jährliche Zinszahlungen von 82 Milliarden DM machte er klar, dass für Wohltaten nichts übrig ist: "Wir dürfen heute nicht aufessen, wovon unsere Kinder und Enkelkinder auch noch leben müssen."
2. Freuen dürfen wir uns, dass wir im Alter überhaupt noch was zu beißen haben. Die Regierung habe nämlich das Rentensystem bezahlbar gemacht durch die Mischung von Beitragsfinanzierung und Eigensicherung. Dass mit der Rentenreform die Unternehmer entlastet und dem Lohnempfänger zusätzliche Kosten aufgebürdet werden, davon sprach der Kanzler nicht.
3. Schwerpunkt der Rede war das Problem der Arbeitslosigkeit. Schuld an der
Misere hätten die "konjunkturell schwierigen Zeiten" und die
"Weltkonjunktur".
Nachdem also der Kanzler die Ursachen der Arbeitslosigkeit wie ein unabwendbares
Naturereignis dargestellt hatte, geißelte er die Opposition und die Unternehmenskultur.
Während die Opposition die arbeitende Menschheit den Wechselfällen
des Marktes ausliefern will und sich "ein paar Manager die Taschen voll
machen" anstatt "sich um die anvertrauten Menschen (zu) kümmern",
möchte die SPD, dass "die Menschen, die alltäglich ihre Pflicht
tun, auch ihre Chance behalten und nicht nur die, die ganz oben stehen."
So schön hört es sich an, wenn man den Arbeitslosen durch ein ausgeklügeltes
System von Leistungskürzungen, Drangsalierung, Kontrolle etc. Beine machen
will.
Ganz nebenbei griff der Kanzler die Terminologie derjenigen auf, die er eigentlich
am rechten Rand unserer Gesellschaft verbieten will. Vom Standpunkt der Volksgemeinschaft
beklagte er die Verantwortungslosigkeit der Unternehmer und warnte vor "Amerikanismen"
in der Wirtschaft. Später wurde der Kanzler noch deutlicher, als er an
die Unternehmer appellierte, sich der drohenden Jugendarbeitslosigkeit anzunehmen:
"Ihr sägt den Ast, auf dem ihr morgen sitzen wollt, selber ab."
Und verurteilte den Unternehmerstandpunkt: "Wenn wir selbst nicht ausbilden
- wir werden sie von anderswo besorgen", mit der Drohung: "Nicht mit
uns!" Denn "zuerst müssen unsere Leute versorgt werden!"
Warum sagte Schröder nicht einfach: "Deutschland den Deutschen!"
4. Nun kramte Schröder in der sozialdemokratischen Klamottenkiste und
holte ein paar Schätzchen heraus.
Die Opposition habe, als sie noch in der Regierungsverantwortung war, unter
Seehofer die Gesundheitsreform "an die Wand gefahren". Diese wollte
teilen zwischen Grundversorgung fürs gemeine Volk und Wahlleistung für
die besser Verdienenden. Das gebe es mit den Sozialdemokraten nicht: Jeder soll
die notwendige Versorgung bekommen. Aber was die Regierung für notwendig
erachtet, haben die Kassenpatienten in den letzten Jahren ordentlich zu spüren
bekommen.
Auch will der Kanzler nicht, dass höhere und hohe Schulbildung vom "Geldbeutel
der Eltern" abhängt. Sein neben ihm stehender Kollege Wolfgang Clement
schien ob dieser Töne ungerührt. Schließlich will er mit der
Einführung der Studiengebühren auch nicht eine finanziell betuchte
Elite fördern, sondern lediglich Finanzlöcher stopfen.
Stolz verwies der Kanzler auf die Arbeitnehmerrechte: "Dieses Land ist
durch Mitbestimmung und die Arbeit der Betriebsräte nicht schwach, sondern
stark geworden." Da hat er Recht. Nirgends ist der soziale Friede so stabil
wie in Deutschland. Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands ist eng damit
verknüpft. Ob die ArbeitnehmerInnen was davon haben, steht auf einem anderen
Blatt. Aber davon war ja nicht die Rede.
5. Zum Schluss schaute Schröder über die Grenzen unseres geliebten
Heimatlandes hinweg und erklärte: "Wir haben Deutschlands Ansehen
in der Welt mehren können."
Davon können die EinwohnerInnen Belgrads und Kabuls ein Liedchen singen.
In diesem Zusammenhang durfte die Erinnerung an den 11. September nicht unerwähnt
bleiben. Da haben sich bekanntlich Terroristen vor der friedliebenden Menschheit
durch ihr gewalttätiges Auftreten mächtig blamiert. Das kann den immer
und überall um den Frieden ringenden Staatsmännern und
-frauen nicht passieren. Ihr gewichtiges Anliegen heiligt alle Mittel zur Vernichtung
des Gegners.
Mitmachen lohnt sich nicht
Mit keinem Wort konnte und wollte der Kanzler auf materielle Verbesserungen
verweisen oder sie in Aussicht stellen. Vielmehr konstatierte er die Verschlechterung
der sozialen Lage des Großteils der Bevölkerung und erklärte
sie entweder für unabwendbar (Arbeitslosigkeit) wegen der Weltkonjunktur
oder meinte, durch die Zufügung eines kleinen Schadens einen nicht genau
spezifizierten Maximalschaden abgewendet zu haben (Rentenreform).
Trotz dieser ernüchternden Auskünfte von demjenigen, der als Regierender
für den angerichteten Schaden verantwortlich ist, bekam er vom anwesenden
Volk durchweg Zustimmung.
Im Folgenden soll am Beispiel beliebter Argumente gegen die Arbeitslosigkeit
der Versuch einer Erklärung für dieses paradoxe Verhalten gestartet
werden.
Gängig ist die Ansicht, die Verringerung der Arbeitslosigkeit sei eng verknüpft
mit dem Geschäftserfolg der Wirtschaft. Wenn der Unternehmer gute Profite
macht, kann und wird er auch ArbeitnehmerInnen einstellen. Tatsache ist, dass
ein Unternehmer, der nichts verdient, seinen Laden dicht macht und die ArbeitnehmerInnen
sind ihren Job los.
Umgekehrt stimmt die Aussage nicht oder nur bedingt. Wenn ein Unternehmer seinen
Gewinn erhöhen will, kalkuliert er zunächst mal seine Kosten durch.
Und da fällt ihm zunächst mal ein, dass die Lohn- und Lohnnebenkosten
zu hoch sind. Ein wirksames Mittel, diese Kosten zu senken ist einerseits der
Versuch, aus den Arbeitskräften mehr herauszuholen, oder andererseits sie
einfach durch Maschinen zu ersetzen.
Die Maximierung der Profite geht also einher mit der Minimierung der Kosten
für das variable Kapital. Was für den einen Teil der ArbeiterInnen
bedeutet, in Zukunft mit der Stütze auszukommen, der andere Teil darf sich
mit verschärften Arbeitsbedingungen abfinden und muss Lohneinbußen
hinnehmen - sei es betriebsintern oder staatlich verordnet.
Zusammengefasst:
Der Lohnabhängige irrt sich zu seinem Schaden gewaltig, wenn er die Beförderung
der nationalen Wirtschaft als ein Mittel zum Erhalt oder Verbesserung seiner
Lage betrachtet.
Der Irrtum erklärt sich weder aus der Blödheit noch aus dem dumpfen
Nationalismus der ArbeiterInnen. Beides ist höchstens Resultat des Irrtums.
Die faktische Abhängigkeit der LohnarbeiterInnen, die ansonsten keine Mittel
zur Subsistenz haben, vom Kapital, und die Notwendigkeit, sich vom Unternehmer
ausbeuten zu lassen, um in diesem Laden überleben zu können, werden
in den Köpfen der Abhängigen als Chancen, ein vernünftiges Leben
zu gestalten, gesehen.
Mit dieser Einstellung begegnet der Arbeitnehmer seinem Staat, von dem er verlangt,
gerechte Bedingungen für seine Vernutzung zu gestalten - und er wird Nationalist.
Da bleibt es nicht aus, dass er den hohen Herren in der Wirtschaft neidet, wenn
sie sich die Taschen füllen und er selber leer ausgeht, die AusländerInnen
nicht nur böse Blicke erfahren, deren Arbeitsplatz doch gerechterweise
Deutschen zustehen müsse. Ganz abstrahiert er von seinen praktischen Interessen,
wenn er sich für die Durchsetzung der Nation weltweit engagiert. Schließlich
ist für den engagierte Staatsbürger eins klar: Erfolg der Nation =
Erfolg der Wirtschaft = Arbeitsplätze und gutes Einkommen für die
Arbeitnehmer. Eine Gleichung, die nur im ersten Paar stimmig ist.
Was leistet die Wahl
Alle vier Jahre fordert der Staat seine BürgerInnen auf zu entscheiden,
welche Personen und Parteien in Zukunft die Regierungsgeschäfte wahrnehmen
sollen. Da der Gegenstand der Staatsführung, die Beförderung von Nation
und Wirtschaft, für alle Parteien gleich ist, unterscheiden sich die Programme
nur in Nuancen. Deshalb ist es für die Nation auch ziemlich gleichgültig,
ob nun die SPD oder CDU/CSU den Stamm der Regierungsmannschaft stellen.Trotzdem
sind Wahl und Wahlkampf für den demokratischen Laden eine eminent wichtige
Angelegenheit. Zum einen wird der Staatsbürger über alle Medien auf
die aktuellen nationalen Aufgaben eingeschworen, zum anderen darf das Volk dem
Umstand zustimmen, in den nächsten vier Jahren wie bisher regiert zu werden.
Sollte es dennoch passieren, dass das Volk sich mal verwählt, findet die
internationale Völkergemeinschaft die geeigneten Mittel, das Wahlergebnis
zu korrigieren.
Wahlempfehlung
Nach sorgfältigem Studium der verschiedenen Parteiprogramme, der agierenden
Charaktermasken und deren Fußvolk empfiehlt der Autor, sich lieber um
die Durchsetzung der eigenen Bedürfnisse und Interessen zu kümmern,
als deren Verwaltung den gewählten Herrschaften zu überlassen.
Aber vielleicht doch die PDS?
Da haben die Genossen von hüben und drüben wohl den Großvater
der kommunistischen Bewegung nicht ganz richtig verstanden. Der meinte nämlich,
die Lohnarbeit sei ein untaugliches Mittel für eine vernünftige Lebensführung.
Und wie lautet das Wahlkampfmotto der PDS? "Arbeit soll das Land regieren."
Das hätte sich der olle Marx bestimmt nicht träumen lassen, dass seine
Nachfahren, wenn sie schon den Kampf gegen den Kapitalismus drangegeben haben,
nicht einmal mehr "Lohn" für die Arbeit einfordern.
Darum mein Vorschlag für einen vernünftigen Wahlkampf der PDS, den
auch ich unterstützen könnte: Da sind doch ein paar führende
Politiker der PDS aufgefallen, unberechtigt und kostenfrei die Flieger der Lufthansa
benutzt zu haben. Daraus ließe sich doch ein Wahlkampfschlager machen.
Ungefähr so: Leute, macht es so wie wir. Nehmt euch, was ihr kriegen könnt.
Und wenn es dabei Hindernisse gibt, helfen wir euch, diese zu beseitigen.
Aber mit solchen Sprüchen kann man keinen Staat machen!
HENRICI
www.terz.org - 26.8.2002