Entlassungswelle
bei der RP
“Das
Interesse ist der
Maximal-Profit”
Die Rheinische
Post
verteidigt die Hartz-Gesetze nicht nur publizistisch. Sie sorgt auch
dafür,
dass immer mehr Menschen in den Genuss der “Reformen” kommen.
Jüngst hat die
Zeitung 104 MitarbeiterInnen entlassen - der Höhepunkt eines schon
länger
andauernden Rationalisierungsprogramms. Die Terz sprach mit der
Gewerkschaftlerin Christine Kubik* über die aktuelle Situation.
Dem Aufruf des
Düsseldorfer
Sozialforums zur Montagsdemo am 16.8 war eine Resolution von
RP-Beschäftigten
beigefügt. Darin protestierten sie gegen die Entlassung von 104
KollegInnen,
permanenten Arbeitsplatz-Abbau und Lohn-Kürzungen. Auf den
Wirtschaftsseiten
der Zeitung für Politik und christliche Kultur war von alldem
natürlich nichts
zu lesen. So musste die Erklärung der Belegschaft erst wieder
einmal daran
erinnern, dass Zeitungen keine frei über den Dingen schwebenden
Institutionen
sind, sondern Unternehmen, die auch entsprechend unternehmerisch
handeln.
Die 104
Entlassenen
arbeiteten überwiegend in der Anzeigen-Abteilung oder nahmen die
Anzeigen in
den Geschäftsstellen an. Der Verlag will die ganze Sparte
ausgliedern und eine
Agentur mit der Bearbeitung der Annoncen betrauen. “Die Begründung
ist:
billigere Leute, flexibler, keine Schichtarbeit, die arbeiten da bis 21
oder 22
Uhr, wenn’s sein muss, keine Tarife, keine Gewerkschaft, kein
Betriebsrat und
nichts”, erläutert Christine Kubik. Lange haben sich die
Belegschaftsangehörigen gegen diese Unternehmenspolitik zur Wehr
gesetzt. Sie
haben Unterschriften gesammelt, vor den Geschäftsstellen
protestiert und am
Hauptbahnhof Flugblätter verteilt. Der Betriebsrat hat sogar ein
Alternativ-Konzept zur Rettung der Arbeitsplätze entworfen. Aber
die
Vorstandsetage blieb hart. Als 35 Belegschaftsangehörige den
Geschäftsführer
Dieter Reichel zur Rede stellten, beschied er ihnen kurz und knapp:
“Ihr seid
zu teuer!”
Die Rausschmisse
markieren
den Höhepunkt schon länger währender
Rationalisierungsmaßnahmen. Begonnen haben
sie Ende der 90er Jahre mit der Abschaffung der Papier-Montage. Zu
diesem
Zeitpunkt setzte auch die Computerisierung der
Produktionsabläufe ein.
“Digital Workflow” heißt derzeit das Zauberwort bei allen
großen
Zeitungshäusern. “Digital Workflow heißt im Prinzip, dass
die Sachen, die bei
uns als Dateien eingehen, gar nicht mehr bearbeitet, sondern von einem
automatischen Programm gecheckt werden (...) und dann praktisch direkt
auf die
Druckplatte gehen. Das ist die Wunschvorstellung bei allen Druckereien
und
allen Zeitungen. Damit sind sie noch nicht ganz fertig, aber sie sind
auf dem
besten Weg”, so Christine Kubik.
Bis zu ihr als
Druckvorlagen-Herstellerin ist der “Digital Workflow” bisher noch nicht
gelangt. “Aber die haben schon gesagt, ich bin praktisch mit meinen
Kollegen
als nächstes dran”, sagt die verdi-Aktivistin. Von 2000 bis 2004
hat die
Rheinische Post auf diese Weise schon 33 Prozent der Arbeitsplätze
vernichtet.
Das Personal hat am Kosten-Block mittlerweile nur noch einen Anteil von
23
Prozent. Eine wirtschaftliche Zwangslage hat die Zeitung nicht zu
diesen
Maßnahmen getrieben. Im Jahr 2003 hat die Holding einen
zweistelligen
Millionen-Gewinn gemacht. “Ohne Not werden Menschen in Not getrieben”,
empört
sich Christine Kubik, “das Interesse ist der Maximal-Profit”. Diese
Kaltschnäuzigkeit hat die MitarbeiterInnen wütend gemacht.
Viele von ihnen
waren am 3. April oder zu den Montagsterminen im August zum ersten Mal
in ihrem
Leben auf einer Demonstration. “Die ganze Mittelschicht bricht weg.
Kein
Arbeitsplatz ist mehr sicher”, erklärt die Gewerkschaftlerin die
Gründe für die
neue Protest-Kultur.
Öl ins
Feuer gegossen haben
noch die Kommentare vom Arbeitgeber-Chefredakteur Ulrich Reitz
über die
angebliche Notwendigkeit von Reformen, vermeintlich starrköpfige
GewerkschaftlerInnen und die Überflüssigkeit bestimmter
sozialer
Errungenschaften. “Natürlich ist das besonders ärgerlich,
wenn Ulrich Reitz z.
B. schreibt, es ist ein Unikum, wenn überhaupt noch Schichtzulagen
bezahlt
werden, das wäre ein Relikt aus alten sozial-liberalen Zeiten.
Dabei ist er
noch nicht einmal bereit, mal in die Nachtschicht zu kommen, wenn es
wirklich
hoch her geht (...) Diese Situation, dass du als Schichtarbeiter
permanent
gegen deinen eigenen Körper-Rhythmus arbeiten musst und das zum
Teil 40, 50
Jahre, da ist es schon eine Dreistigkeit, wenn man bei einer Zeitung
arbeitet
und dann solche Artikel schreibt”, meint Christine Kubik und berichtet
von
KollegInnen, die ihr Renten-Alter gar nicht mehr erlebt haben, weil die
Schichtarbeit sie kaputt gemacht hat.
Ganz umsonst war
das
Engagement der RPlerInnen aber doch nicht. Sie haben die
Einrichtung einer
Beschäftigungsgesellschaft und einen Sozialplan erstritten.
Wenngleich die
Früchte des Sozialplans wie Abfindungen wohl nicht lange haltbar
sind. “Das
kannst Du bei Hartz IV wieder ausgeben”, prophezeit Kubik. Aber nicht
nur
deshalb wendet sie sich gegen die Pläne der Bundesregierung. “Die
rationalisieren dir die Arbeitsplätze weg und jeder, der jetzt von
Hartz IV
hört, was die alles vorhaben mit den Beratungsstellen usw., kann
doch nur
lachen! Soll dich ein Arbeitsberater vom Arbeitsamt hinterher beraten,
beraten,
beraten? Für was für eine Stelle denn? Dieser Widerspruch
stößt doch jedem
sofort ins Auge. Ich finde schon, dass man dagegen auf die Straße
gehen muss”.
Jan
www.terz.org - 01.09.2004