Dokumentation
Alternativen des
Elends
flugi der
freundinnen & freunde der klassenlosen gesellschaft
verteilt am 23.8.2004 in Berlin auf der "Montagsdemo"
Ein Gespenst geht
um in der
besten aller möglichen Welten - das Gespenst der Revolte. Alle
Mächte dieser
Gesellschaft geraten in helle Aufregung und entzweien sich scheinbar:
Kaum
entdecken die einen ihr Herz für die Arbeitslosen, wettern die
anderen gegen
mangelnde Einsicht und unhaltbares Besitzstandsdenken. Bei genauerem
Hinsehen
allerdings fällt auf, dass der Regierung zwar handwerkliche Fehler
vorgeworfen
werden, aber bei allen "verantwortungsbewussten politischen
Kräften"
Einigkeit darüber besteht, dass "tiefgreifende Reformen"
durchgesetzt
werden müssen. Der Gewerkschaftsführer warnt vor
Rattenfängern, der Kanzler
wehrt sich gegen eine neue Volksfront, wieder andere schwafeln von
Weimarer
Verhältnissen. Die Pfaffen rufen derweil zur Demut,
Anspruchslosigkeit und
Gewaltfreiheit auf, ein Gewerkschaftsboss der Polizei empfiehlt
Polizeischutz
für die Arbeitsämter wegen Hartz IV. Was ist geschehen, das
diese Ansammlung
von Gemeinwohlkanaillen derart in Rage versetzt?
Anders als am 1. November letzten Jahres, als um die 100.000 Menschen
gegen die
Agenda 2010 auf die Straße gingen, und anders als bei den von den
Gewerkschaften organisierten kreuzbraven Demonstrationen am 3. April
dieses
Jahres zeichnet sich zum ersten Mal ein anhaltender sozialer Protest
gegen die
immer mieseren Lebensbedingungen ab. Dieser Protest ist aber durch und
durch
konfus und droht an sich selbst scheitern, weil er nicht an den
Grundfesten der
Gesellschaft rütteln will, gegen deren unvermeidliche Konsequenzen
er sich
richtet. Entsprechend nehmen die Aktionen teilweise gespenstische
Züge an.
Das Problem sind nicht die Nazis, die hier und da aufkreuzen- wobei sie
inzwischen auf zunehmende Gegenwehr stoßen - , sondern die
Parolen, die sie
anziehen. "Wir sind das Volk" blökt es allerorten, vom Pfaffen bis
zur MLPD, dieser Kreuzung aus "Blauem Bock" und GULAG. Die große
Herbstoffensive ist ausgerechnet für den 3. Oktober geplant,
freilich kaum, um
GEGEN die Nation zu demonstrieren, in deren Namen der Verzicht
gefordert wird.
Während der Kanzler klipp und klar erklärt, daß es
"zwischen dem
außenpolitischen Kurs der Bundesregierung und seinem Willen zu
wirtschafts- und
sozialpolitischen Reformen eine innere Beziehung;" gibt, dass der
"Emanzipationsprozess nach außen im Innern durch
Reformmaßnahmen, die wirtschaftliche Kraft neu schaffen,
ergänzt werden"
müsse- während also das Verelendungsprogramm gegen die
Arbeitslosen und die
neuen Weltmachtambitionen Deutschlands offenkundig eine Einheit bilden,
werden
die sozial empörten Redner am 3. Oktober dem Staat ein wenig
Kuhstallwärme und
Fürsorge für seine Untertanen aufschwatzen wollen. Wen
wundert es da noch, dass
Aktivisten der "Initiative
Volksbegehren" ihre Zeitungen auf der Berliner Montagsdemonstration
verteilen können, in denen ihr Bündnispartner von der
Bullengewerkschaft gegen
"schwerstkriminelle kurdisch-libanesische Familienclans, litauische
Banden
und andere Straftäter" hetzt? Das Verhältnis zu den
eingewanderten
Proletarierinnen und Proletariern aus aller Herren Länder wird
einer der
Gradmesser für den reaktionären oder progressiven Charakter
der Bewegung sein,
die sich derzeit formiert.
"Arbeit statt Hartz IV" ist die zweite zentrale Parole des Protests.
"Arbeit muss her", sagt der DGB, das "Ziel einer
Vollbeschäftigung neuen Typs" verfolgt ein umtriebiger Verein von
Anwärtern auf Parlamentssitze namens "Wahlalternative für
Arbeit und soziale
Gerechtigkeit". Zu welchen Bedingungen dieses Ziel zu erreichen ist,
das
gibt die herrschende Politik zur Zeit in aller Klarheit zu Protokoll.
Hartz IV
ist nicht in erster Linie eine Sparmaßnahme, sondern ein
Instrument, um ALLE
Lohnabhängigen anzugreifen. Je tiefer und schwärzer der
Abgrund, in den die
Arbeitslosen gestürzt werden, um so höher die Bereitschaft,
noch zu den
miesesten Bedingungen dem Unternehmer zur Verfügung zu stehen, ja
nicht krank
zu werden, schon gar nicht mehr Lohn zu fordern. Arbeit für alle,
diesem hehren
Ziel nimmt sich der Staat auf seine Weise an: Zwei-Euro-Jobs für
die Empfänger
von Arbeitslosengeld II, totale Mobilität und unbegrenzte
Zumutbarkeit. Die
verfügbare Arbeitskraft übersteigt bei weitem die für
die Kapitalverwertung
benötigte. Deshalb fällt ihr Preis, deshalb kann man sie ins
Laufrad stopfen,
wo sie kein anderes Ziel mehr kennen soll, als dem Lebensziel eines
Jobs
hinterher zu hecheln. Hinter vorgehaltener Hand sagt fast jeder,
daß ihm die
Plackerei den Nerv tötet. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil
immer mehr
Arbeit einzig dazu dient, den Kapitalismus am Laufen zu halten. Wer
kann von
sich schon behaupten, einer Tätigkeit nachzugehen, die auch in
einer
vernünftigen Gesellschaft ihren Platz hätte? Die
Folgeschäden der
rücksichtslosen Produktion zu beseitigen gehört genauso wenig
dazu wie Waren zu
bewerben und gleichzeitig in der Zirkulation den Ausschluss von ihnen
zu
organisieren, private und staatliche Bürokratie und
Repressionsapparate zum
Schutz des Privateigentums in Gang zu halten, Menschen gegen typische
Gefahren
des Kapitalismus zu versichern, Butterberge zu verwalten und
Lebensmittel zu
vernichten und nicht zuletzt den Ausbau der Militärapparate
voranzutreiben...
Doch von der Form der Arbeit als Lohnarbeit und ihrem immer
irrwitzigeren
Inhalt kein Wort, wenn DGB, Wahlalternative und Konsorten mobil machen.
Die
Blüms und Thierses runden das Bild ab, wenn sie am Los der
Arbeitslosen weniger
den Mangel an Geld beklagen als den angeblichen Verlust von Würde,
Selbstachtung und Lebenssinn: Gegenüber der allerdings
entwürdigenden Situation
der Arbeitslosen, die auf den Ämtern schikaniert werden, soll sich
der Inhaber
eines Arbeitsplatzes glücklich schätzen dürfen.
So weit liegen Protest und herrschende Politik also nicht auseinander.
Immerhin
aber lehnen die Demonstrationen Hartz IV rundweg ab und scheren sich
bislang
nicht um die lächerlichen Zugeständnisse der Regierung. Schon
klemmt sich der
DGB an die Umzüge, will dabei aber "Demagogen gleich welcher
politischer
Schattierung energisch entgegentreten". Der Gewerkschaft der Polizei?
Wohl
kaum. Vielleicht den Nazis? Weit gefehlt: "Das gilt insbesondere
für
undifferenzierte Hartz IV muss weg-Aufrufe". Nur deshalb mobilisiert
der
DGB nun zu den Demonstrationen, um die "Demagogen", das heißt:
alle
entschiedenen Gegner von Hartz IV, soweit zur Vernunft zu bringen, bis
sie sich
nach Art des DGB "sachlich und differenziert" mit der eigenen
Verelendung befassen: Einerseits geht- mir dreckig, andererseits- sind
Reformen
schon notwendig.
Ebenso grotesk ist die Rolle der PDS. Opportunistisch wie eh und je
tummelt sie
sich in den Protesten, während sie das Armutsprogramm gleich in
zwei
Landesregierungen mit durchsetzt. Auf den Demonstrationen fischt sie
nach
Wählerstimmen, um Leute vom Schlage eines Harald Wolf in die
Regierungsposten
zu hieven. Dem Wirtschaftssenator von der PDS erscheint die
"Aufwandsentschädigung von ein bis zwei Euro pro Stunde", die
Arbeitslose in den kommunalen Arbeitsdiensten erhalten werden, als
"immerhin
eine spürbare Verbesserung des Einkommens". Die
Klassengesellschaft
bezeichnet der demokratische Sozialist respektvoll als
"Solidargemeinschaft", und die "gewährleistet eine soziale
Absicherung, wenngleich"- des Senatoren Herz schlägt links! - "auf
niedrigem,
wie ich finde, zu niedrigem Niveau". Doch das ist nicht so wichtig,
denn:
"Die Gemeinschaft hat aber durchaus einen Anspruch auf
Gegenleistung." Heute soll die Demonstration zur Grünen-Zentrale
ziehen,
vergessen wir nächstes mal nicht die der PDS.
Wer die krisengeschüttelte Klassengesellschaft politisch verwalten
will,
verbrennt sich zur Zeit die Finger daran. So orakelt ein Magdeburger
Pfaffe
namens Noack mit Blick auf die Demonstrationen gegen Hartz IV: "Es geht
um
viel mehr - es geht um das erschütterte Vertrauen der Menschen in
die
Politik." Wenn dem so wäre, wäre dies ein tatsächlicher
Fortschritt. Denn die Politik ist der Ersatz einer wirklichen
Selbstbestimmung
der Menschen. Die Eigentumslosigkeit an Produktionsmitteln
versüßt man uns mit
der Teilnahme am politischen Spektakel, in dem das Wesentliche nie zur
Wahl
steht. Hier darf man abwägen, von wem man in Zukunft die
Gesellschaft verwalten
lassen will, welcher Alternative des Elends man seine Stimme schenkt.
Und wie
zumeist, wenn Protest laut wird, bietet sich ein neues Produkt in der
politischen Palette selbst an, um diesen zu institutionalisieren und
das
Vertrauen in die Politik wieder herzustellen. Diesmal springt vor allem
die
Wahlalternative einiger enttäuschter Sozialdemokraten in die
Bresche.
Von den zahllosen Freizeitpolitikern, die ihr Hobby zum Beruf machen
wollen und
auf Mandate geiern, hat der Protest nichts zu erwarten außer
Kanalisierung,
Besänftigung, Versacken in den herrschenden Institutionen.
Manövriermasse und
Stimmvieh rivalisierender Polit-Vereine oder Auftakt zu neuen Formen
der
Selbstorganisation, Betteln um Arbeitsplätze oder Kritik der
gesellschaftlichen
Fabrik, enttäuschtes Volk oder subversive Klasse - das sind die
wirklichen
Alternativen, vor denen der Protest heute steht.
www.terz.org - 01.09.2004