“Jede
Revolution beginnt mit einem Auflauf.”
Dieses Zitat stammt weder von Marx oder Bakunin noch von
Subcomandante Marcos. Es entspringt dem Hirn eines cleveren Werbers
oder einer
wortwitzigen Texterin, die damit für ein Produkt aus dem Hause
Pfanni werben.
Revolution und Kartoffeln, Che Guevara und Laptops, Karl Marx und
Autos. In den
Marketingabteilungen wird zusammengezimmert, was nicht im Geringsten
zusammengehört. Die Sammlung “So geht Revolution” der
Mediologischen
Vereinigung Ludwigsburg umfasst mittlerweile
eineinhalbtausend Exemplare aus
der Welt der Werbung, die den “Duft der Revolution” atmen.
damenundherren
e.V., das Antifa-Café im Hinterhof und TERZ zeigen Ausschnitte.
Spätestens
seit Erscheinen des
Kommunikationsguerilla-Handbuchs im Jahre 1996 gehört Adbusting
und das Faken
von Werbung innerhalb der radikalen Linken wieder zum guten Ton: Kleine
Veränderungen, die Botschaften in ihr Gegenteil verkehren, den
Werbeeffekt
unterlaufen, Implizites sichtbar machen. “Wenn du ein Mann bist,
hol dir den
Playboy!” warb das Männermagazin einst, und findige
FeministInnen förderten
mithilfe eines Schwarzweißkopierers und Kleister die eigentliche
Botschaft
zutage: “Wenn du ein Wichser bist, hol dir den Playboy!”
Aber auch
Aneignungen populärer Zeichen und Codes für die
eigene Sache sind seit den Neunzigern wieder schwer en Vogue:
Statt “Nike”
prangt “Riot” über dem allseits bekannten Swoosh auf
Antifa-T-Shirts,
Klamotten, mit denen die Solidarität zu “Florida-Rolf”
bekundet wird, sind im
Style beliebter Limonaden gehalten. South Park-Figuren und Spiderman
wurden in
den Dienst antifaschistischer Arbeit gestellt und warben für
Jugendcamps oder
Demos. Wir klauen Eure Zeichen und machen damit Revolution. Ätsch!
Aber wie so oft
im Leben, lacht der am besten, der zuletzt
lacht, und als ich in Berlin die geilen Stencils sah, die bei
näherem Hinsehen
doch nur Turnschuhe verkaufen wollten und Che Guevara auf Postkarten
Billigflüge anbot, hab ich gewußt, dass die cleveren
KommunikationswissenschaftlerInnen
in den Werbeetagen mal wieder schneller waren.
Im Zeichen des
Distinktionsgewinns will heute jedeR einE
RevolutionärIn sein: Schuhe tragen, die keineR hat, dem
neuesten Trend immer
eine Nasenlänge voraus, Aufbegehren gegen Eintönigkeit und
Langeweile. Alleine
gegen den Rest der Welt, so wie Thommy Smith, der auf dem Siegerpodest
bei den
Olympischen Spielen seinerzeit seine Solidarität mit den Black
Panthers
demonstrierte – mit dem neuen Auto kein Problem. Da sich im
Kapitalismus die
Produkte als solche immer weniger voneinander unterscheiden,
müssen sie an
Images gekoppelt werden, damit ich als mündige Konsumentin eine
bewußte
Entscheidung zwischen dem coolen und dem uncoolen Produkt treffen kann.
Und
NATÜRLICH will ich die Karstadt-Wollmütze haben, auf der
“Riot” steht, und auch
das H&M-Shirt mit dem Che Guevara-Gesicht. Weil ICH es ja
schließlich ernst
meine, mit der Revolution. Und schon haben sie mich erwischt...
Die
Mediologische Vereinigung Ludwigsburg sammelt Anzeigen
aus den Jahren 1967 bis heute, die mit Bildern, Parolen und Begriffen
der
radikalen Linken und Neuer Sozialer Bewegungen operieren, und die sind
trotz
allem zum Teil ziemlich amüsant. Natürlich wissen auch die
WerberInnen, wie
Kommunikationsguerilla funktioniert, und so kommt der gute alte Marx,
der sich
ja nicht mehr wehren kann, zu der zweifelhaften Ehre, für eine
Autovermietung
zu werben: “Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann
leisten kann”,
wird der große Denker zitiert. Mit ein bißchen Tipp-Ex das
NICHT gestrichen,
und schon ist klar, dass Kapitalismus eben doch glücklich macht
– denn wer sich
kein teures Auto kaufen kann, kann bei Sixt ja wenigstens eins mieten.
Ob es nicht
vielleicht doch irgendwie subversiv ist,
politische Ideen und ihre RepräsentantInnen auf T-Shirts zu
drucken, auch wenn
die Hälfte der TrägerInnen diese gar nicht identifizieren
kann, fragt neulich
eine Frau auf einer Podiumsdiskussion. Nee, subversiv ist das ganz
sicher
nicht, wenn es letztlich nur darum geht, von Kindern produzierte
Billigware
möglichst gewinnbringend zu verkaufen, sagt einer. Naja, aber
irgendwas bleibt
immer hängen, meint darauf ein anderer, denn so ganz
läßt sich ein Zeichen doch
nie von seiner ursprünglichen Bedeutung lösen, auch wenn
inzwischen ein
Großteil der Kids Che Guevara für den Sänger von rage
against the machine hält.
Um Fragen wie
diese dreht sich die Veranstaltung “So geht
Revolution” am 19.9. um 19.30 im Antifa-Café. Ein Referent
der Mediologischen
Vereinigung Ludwigsburg wird dort sein und “jede Menge
Videoclips, die passende
Musik, bisschen was Theoretisches und jede Menge Infos aus den think
tanks der
Werbeindustrie” dabei haben. Die zugehörigen Steine des
Anstoßes sind um die
Ecke bei damenundherren e.V. zu sehen.
Krümel
“So geht Revolution”.
Ausstellung von
Sonntag,
18.9. bis Samstag, 1.10. im damenundherren e.V. auf
der Oberbilker Allee 35.
Vernissage
mit Kaffee und Kuchen am 18.9. um 15 Uhr.
“So geht Revolution”.
Veranstaltung mit der Mediologischen
Vereinigung Ludwigsburg am 19.9., 19.30 Uhr im Antifa-Café im
Hinterhof (Linkes
Zentrum) auf der Corneliusstraße 108.
www.terz.org - 23.08.2005