TERZ 04.10 - STORE : music made my day
by HONKER
Steigen se ein, steigen se ein, noch ne Fahrt im Kirmeskarussell der Kackzeit. Wenn se denken, se leben in interessanten Zeiten, so bedenken se, dass das doch ein alter chinesischer Fluch ist: Möget ihr in interessanten Zeiten leben! "Mindestlohn ist DDR pur ohne Mauer." Muahaha - was hatten wir gelacht damals! Und nun liefert Fuido the Duido, letzter Kaffefahrtenkaiser des spätrömischen Steuersozialismus, uns, seinen glühend-heißblütigen Fans, schon wieder eine seiner sensationellen Steilvorlagen, so dass wir aus der schwarzschwefelgelben Freude gar nicht mehr rauskommen. Den meisten fehlten vor Verzückung die wilden Worte, nur die alte unerbittliche Genialschwuchtel Rosa von Praunheim lief auf der heurigen Berlinale mit einem lakonischen "Gays against Guido" auf. So geht's doch auch.
Beim Verkauf der Hypo Alpe-Adria verdiente sich die Finanzgeburtselite Austria-Germanias mal wieder nen Ast, so auch der markige Ordoliberale und hochdekorierte Ex-Nestlé-Generaldirektor Helmut Maucher, der 1997 in einem Interview Arbeitsunwillige als "Wohlstandsmüll" betitelte. Liberale Leistung muss sich halt wieder lohnen. Apropos Müll: hartherzlich-hartzlich auch die Story von der schwerbehinderten "Toom"-Baumarkt-Mitarbeiterin, die in Bad Oldesloe Pfandflaschen aus dem Müllcontainer und aus Pflanzenkübeln aufsammelte und prompt dafür gefeuert wurde. Boom Toom! Der freundliche Baumarkt hat das Vertrauen in die zu 80% behinderte Frau verloren, die bei einer Subfirma seit 1987 als Putze schafft. Und wir übrigens zu Toom. Steigen se ein, steigen se ein.
Wussten se übrigens, dass Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg noch folgende Vornamen hat: Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester? Nee? Nee, ne?! Es gibt eben Leute, die sogar in ihren Namen reicher sind als wir. Und dann gibt es noch Kapazunder wie Harald Ehlert, den "evangelischen Sozialkapitalisten" (Selbstaussage) der "Berliner Treberhilfe", der seine Sozialorganisation Hedgefonds-artig organisiert, im 400-PS-Maserati durch die Gegend fährt und sich eine schniecke Seevilla als Schulungszentrum und Wohnung leisten kann. Etwaige Kritik an diesem bigotten Dreck bezeichnet er, Überraschung, als bigott, und Neid als Zeichen von Erfolg.
Genauso kaputt ist die zeitgleich herausgekommene Mär von der Berliner Frauennothilfe "Hatun und Can", die sich einen BMW-X6-Turbodiesel für 60.000 Schleifen zulegte - man brauche halt einen großen Wagen, um die Habe der Betroffenen zu transportieren, ließ der Verein verlauten. Alice Schwarzer, die dem Verein einst ihre Günther-Jauch-Gewinnshow-Kohle von 500.000 Euro. spendete, war nicht amused. Soziale Hilfe ist heute ein stinknormales kapitalistisches Produkt in einem Wettbewerbsmarkt geworden, in dem sich halt die größten Arschlöcher äh besten Unternehmer durchsetzen. Und ewig grunzen die Grandezzaschweinchen.
Steigen se ein, steigen sei ein … vielleicht noch einen Seitenblick auf die religiösen Rockergangs, die Kirchenfucker aus Ettal und all die anderen Pädo'n Beat-Bruderschaften? Bedankt, nur soviel, dass der Kirchenaustritt in NRW demnächst 30 Euro pro Person kosten soll. Das Land will durch die Austrittswilligen seine Finanzen sanieren und kalkuliert bei der Berechnung der Einnahmen schon ein, dass sich in Zukunft weniger auf den Weg ins nächste Amtsgericht machen. Statt das Geld für den Verwaltungsaufwand beim Verursacher - der Kirche, für die der Staat ja die Mitgliederverwaltung übernimmt - einzutreiben, scheut man sich nicht, die Religionsfreiheit durch eine Kirchenaustrittsgebühr einzuschränken. Nicht alle werden sich das leisten können. Das entsprechende Gesetz, dass keinerlei Ermäßigung für Gering-, Nichtverdiener, Schüler oder Studenten vorsieht, ist schon vom Kabinett verabschiedet und wurde bereits an den Landtag weitergereicht. In Pforzheim, Baden-Württemberg, kostet der Kirchenaustritt übrigens schon seit der Währungsumstellung deutschlandrekordmäßige 50 Euro. Austrittsgebühren bei "Vereinen" sind nach Vereinsrecht übrigens nicht gestattet, bei Religionsgesellschaften aber trotz verfassungsgarantierter Weltanschauungsfreiheit offenbar ohne Probleme für einen Bankensubventionierenden Staat, der zudem nicht mehr weiß, wie er die Pfründe für seine Büttel aufbringen soll, überaus statthaft.
Steigen se ein … abschließend noch eine Runde zu den genialen Slowaken, die uns allen zeigen, wie man's macht: ihr neues Gesetz schreibt ab dem 1. April "Heimatliebe" vor. Das ist visionär: Wir werden in immer interessanteren Zeiten leben, die wir per Gesetz lieben müssen. Steigen se aus, steigen se aus ...
V.A.: TWISTED CABARET Vol. 1 (volvox) Schon der Beginner dieser Compilation ist wahrlich ein Brenner: mit "Start a fire" fordern die einzigartigen Tiger Lillies als sozialpsychotische Pyromaniacs, die Umwelt doch einfach gleich abzufackeln und noch heute ein Feuer anzuzünden. Aber Moment mal - natürlich nicht etwa im heimelig-miefigen Muffpunk-Pullover, sondern via cleverst transformierter Weimarer-Kabarett-Ästhetik, also burlesk, bizarr, polemisch und schön schräg und schattig. Diesen Grundgestus teilen sich 18 Künstler, darunter Klinglöckchen-Namen wie die Residents, Pink Dots oder Dresden Dolls, daneben gibt's neben grundguten Urgesteinen der Muscial-Cabaret-Szene jede Menge Entdeckungen, in der Extended Edition via Bonus-DVD logisch noch mehr. Vom klassisch fahrenden Tingel-Tangel-Völkchen bis zu rabenschwarzen Club-und-Gesellschafts-Beschmutzern ist hier alles dabei - faszinierend, wie eine alte Ikonographie ins Hier und Heute transformiert wird.
ROTHKAMM: ALT (baskaru) Sowohl ein Release auf Baskaru als auch ein Album von Frank Rothmann sind in der Regel hoch beachtenswerte Ereignisse. Der in Gütersloh geborene und mittlerweile in LA lebende und arbeitende Komponist, Klangkünstler und -philosoph könnte durch seine enigmatische, bisweilen solipsistische und emotional-präzise Arbeitsweise ein wenig der aufgeklärte Caspar David Friedrich der avancierten Elektronik genannt werden, wenn derartige klischeeartige Zuschreibungen nicht Gefahr liefen, das Hören seines faszinierenden Audios von vornherein zu verbauen. Das "Eismeer"-Cover auf dem Album verweist indes in einen Rezeptionskontext, in dem sich magisch-mathematische Mysterien und die gescheiterten Hoffnungen sinnfällig ineinander verweben. Von Mikrotonalität zu offenen Schichtungen - grandios.
NAKABAN: DER METEOR (noble) Was für eine Reise! Das wie stets bemerkenswerte Label aus Tokyo präsentiert einen sanft-umwerfenden Animationsfilm, der meilenweit von jeder Manga-Ästhetik entfernt ist und dafür vielmehr sehr europäisch daherkommt. In 8 Teilen wird die Reise eines jungen Mannes auf der Suche nach einem Kometen erzählt: märchenhaft realistisch, wunderschön unkitschig, poetisch surrealistisch. Da Nabakan ursprünglich ein Maler ist, erleben wir seine herrlich farbigen Einzelbilder in einem einzigartigen Animationsszenario, begleitet von der großartigen minimal-kammermusikalischen Musik von Takeo Toyama. Dieser stupende imaginäre Mix aus einer kolorierten Lotte Reininger-Animation, sinistrer Eric-Carle-Grafik und naiv-pointierter Kurt Weil-"Silbersee"-Tonalität hallt lange nach.
RAOUL SINIER: TREMENS INDUSTRY (ad noiseam) Der von Paris aus operierende multitalentierte Künstler ist ein hochoriginell-inspirierter Elektronikproduzent zwischen Beat, Sequenz und Score, dazu Designer, Maler und Digitalgrafiker - eine Graphic Novel mit Sylvie Frétet ist frisch erschienen - und ein fantastischer Video-Animemacher. Voilà - dieses Audio plus über zweistündige DVD (inkl. deutsch/englischer Untertitel) ist in Siniers reichhaltigem Werkkatalog sein bislang definitiv weitester Wurf. Die Cartoons sind in ihrer krätzigen Klasse surrealistische Leckerbissen, die man sich am besten mal spätnachts gönnt. Dokus, z.B. über eigenwilligen Gitarrenbau, kommen hinzu. Sinier beweist, dass ästhetisches Multitasking nicht die übliche Prekariats-Mischkalkulation sein muss, sondern mit logischer Konsequenz in düster-bewusster Klarheit unangepasste Kanäle bespielen kann, ohne dabei gleich den digitalen Blues zu bekommen. Hier ist ein Freigeist, der die Verhältnisse sarkastisch umarmt und ihnen dabei ganz klassisch Parasiten und Bugs einsetzt, die zu neuen Mutationen führen. It's your turn to tame them.
PHILIPP QUEHENBERGER: HAZARD (laton) Der Innsbrucker zähmt bei seinem Zweitling das Pferd von hinten auf, um es gelinde gelassen mit dem Arsch auf den Kopf zu stellen. Gleichermaßen geschult durch Band- wie auch Free'n Improv-Kontexte ist seine technoide Beat-Ästhetik geprägt durch einen manischen, bislang durchaus bewusst groben Hang zu Punk und Psych, der bei allem Hang zur pointiert-komprimierten Eklektik jegliches Detailfeingefühl mal gerne ignorieren und sich auf den wesentlichen Effekt konzentrieren kann. Wirkung vor Wissen, was grobkörniges und bisweilen benötigtes Jack in the Box-Vergessenmachen besonders nachhaltig machen kann. Krassklare Kontur-Rasur heutiger Minimlbärte im 90er-Approach, Wunden verfuzzt und zugenäht.
MATTHEW HAWTIN: ONCE AGAIN, AGAIN (plus8) Apropos 90er: wer sie elektronisch miterlebte, weiß hoffentlich noch, wie frei, offen und unbestimmt alles anfänglich mal war, bevor ab Mitte des Jahrzehnts die Szene- und Stilpolizisten kamen und Techno heute endgültig verschränkt cool wurde. Die Frage ist: Wer kommt heute noch aus dem Berghain raus? Richie Hawtins Bruder Matthew fing an, 1993 auf der Detroiter Partyreihe "Hardest" Ambient aufzulegen. Er war tatsächlich so etwas wie das Ying zu dessen Yang, sattelte ab 1999 zur Kunst um, blieb dem Ambient aber immer verbunden. Dieser Mix knetet 29 Tracks aus der Zeit von 93 bis 96 zusammen und zeigt einem jüngeren Publikum, wie inspiriert und zeitlos der Stil auch heute noch ist. Großartig.
CAMO & KROOKED: ABOVE & BEYOND (capital 20) Der direkte Sprung in die Jetztzeit: dieses blutjunge Wiener Drum & Bass-Duo frönt dem Jump-Up-Stil, den Hospital einst etabliert hat. Die 14 vollsynthetisch geilen und komplett überraschungslosen Rave-Tracks der Shootingstars erklimmen eine neue Stufe zum Großraum-Dissen-D & B und gehen mir desweiteren so was von unterm Arsch vorbei, das lässt sich kaum mehr in Worte fassen. Snowboardmucke.
SOFA SURFERS: BLINDSIDE (arge monoscope) Diese Wiener sind schon länger dabei, aber mit bislang 5 Alben seit 13 Jahren nicht gerade überproduktiv, was auch an diversen Solo-Aktivitäten liegt. Ihre Marke ist ein offen-kantiger Elektro-Dub-Grund-Groove - man erinnere sich an ihr Album "Encounters" -, aber ihre Wurzeln liegen vielmehr im Postrock und sogar Crossover. Von daher wundert es weniger, wenn hier bei vielen Tracks eine regelrechte Kehrtwendung zum Breitwand-Gitarrenrock gemacht wird, der aber durch treibende Basslines und Dub-Strukturen bestimmt wird und mitunter gar an Massive Attack erinnert. Das Album wächst und wird definitiv bei jedem Hören besser - klarer Tipp!
ERIK SUMO BAND: THE TROUBLE SOUP (le pop musik) Die Budapester sind in Ungarn, wo die Uhren ja politisch derzeit besonders schlecht gehen, außerordentlich beliebt, das lässt ein bisschen Hoffnung zu. Ihr Eklektik-Mix aus Psych-Funk-Ska-Reggae-Folk-Chanson-Dancefloor-Jazz überzeugte schon 2005 auf "My Rocky Mountain". Hier geht es ähnlich treibend und wahrhaft bunt zu: die Band spielt inspiriert, Ambrus Tövishazi gibt den avancierten Songwriter, Erzsi Kiss bringt Opern-Punk-Vibes hinein und Veronika Harcsa gilt eh als die ungarische Vocal-Jazz-Queen. Gruppo Sportivo ist nah.
TRESBASS: FILDEREN (unit) Das Trio aus der Schweiz spielt in eher ungewöhnlicher Besetzung: Saxofone von Peter Landis, Doublebass von Herbert Kramis und E-Bass von Jan Schlegel. Die 11 Stücke klingen weniger tieftönig oder behäbig als vielmehr ungemein filigran und quicklebendig: mit sicher-sensibler Tastung umkreist man mal abwartend, mal forsch bestimmte Themen und kommt so zu luzid-lebendigen Skizzen in spannender Bewegung. Dieser wunderbaren Musik ist ein warmherzig-neugieriger Grundgestus eigen, der sich bestens zur Erforschung von Frühlingsgefühlen, Reiseseh- und Sehnsüchten und Innenräumen eignet.
SYLVIE COURVOISIER-MARK FELDMAN QUARTET: TO FLY TO STEAL (intakt) Eine unumstößliche Tatsache dialektischer Kontradiktion: Je genauer man etwas kennt, desto vorhersehbarer ist oft das Ergebnis. Ergo sollte in kreativen Kontexten das Prozesshafte und das sich selbst und das Publikum Überraschende eine gewichtige, wenn nicht die dominierende Rolle überhaupt einnehmen. Die aus Lausanne stammende und in New York lebende Pianistin Courvoisier, hochinspirierte wie messerscharf bewusste Grenzgängerin auf der Schneide von neuer Komposition und freier Improvisation, ist mit ihrem Lebensgefährten, dem Violinisten Mark Feldmann, auch musikalisch zutiefst verbunden. Dass man sich gleichzeitig Raum lässt und lässig Grenzen setzt kann und dabei noch zwei wunderbare weitere Freigänger, nämlich den großartigen Drummer Gerry Hemingway und den genialen Bassisten Thomas Morgan, für die Weltenwanderungen hinzuholen kann, zeugt von der unverhohlenen und sich selbst regenerierenden Kraft dieses dynamischen Gruppenprozesses. Die Linernotes von John Corbett tragen zum Verständnis dieser Prozesse einiges Erhellendes bei. Wie sich diesen grandios unsentimentalen, aber zutiefst gefühlvoll-visionären und einmal mehr kammermusikalisch anmutenden Schweifungen anschmiegen, wenn nicht ohne Poesie? Ausbrüche wie elektrisch kurzgeschlossene Klapperschlangen, Retardierungen wie zuckende Zündfunkenregen ... und alles doch bisweilen in einer oszillierenden Ruhe zitternd, die synästhetische Erfahrungen transzendent und transparent machen kann.
Denn was wär Musik, wenn sie nicht ging, weit hinüber über jedes Ding, so Rilke. Jetzt sind wir endlich soweit ausgestiegen, dass wir wieder einsteigen können. Alors: ca ira!