Kontinent der Befreiung?

1968 ist immer noch ein Schlüsseljahr, das den Aufbruch in die Revolte bedeutete. Die studentischen Proteste in Berlin und Berkeley erreichten ihren Höhenpunkt. In Frankreich wackelte das ganze System. Doch nicht nur in den westlichen Metropolen bedeutete 1968 einen Aufbruch. Überall auf der Welt kam es zu Protesten, die bis heute weitestgehend unbeachtet blieben.

Gerade noch das Massaker in Mexico City im Vorfeld der dort stattfindenden Olympischen Spiele ist einigen bekannt. Während ansonsten die Geschehnisse unbekannt sind, wurden die Ikonen des dortigen Widerstandes übernommen, wie Che Guevara oder auch Stadtguerillakonzepte.

Studierende am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin haben sich auf Spurensuche der 1968er Jahre in Lateinamerika begeben, dessen Ergebnis hier vorliegt. Für fast alle Länder Mittel- und Südamarikas geben sie einen kurzen Überblick der Geschehnisse. Dabei ist weniger das konkrete Jahr 1968 ausschlaggebend. Denn seit der kubanischen Revolution 1959 war der ganze Kontinent in Bewegung. In den 1960er Jahren wuchsen überall die Proteste an, die einerseits häufig in klandestine Guerillaaktivitäten mündeten und auf der anderen Seite mit Massakern und Militärputschen beantwortet wurden. Ende der 1960er Jahre herrschten in vielen Ländern brutale Militärdiktaturen, in denen nach neuen Widerstandsformen und -möglichkeiten gesucht wurde. Einflüsse aus dem Westen wie Popmusik, Mode oder auch die Antibabypille sorgten für eine ständige Politisierung.

Gerade diese Artikel im Buch, die zeigen, wie gesellschaftliche Neuerungen in einen politischen Kontext gestellt wurden und zu einer Ausweitung gesellschaftlicher Umbrüche führten, sind eine Stärke des Buches. Aufgrund des Umfangs der Untersuchung bleibt zwangsläufig vieles auf der Strecke oder ist nur kurz dargestellt, zumal die Bedingungen der einzelnen Länder teilweise sehr unterschiedlich sind. Immer wieder wird auch betont, dass die kubanische Revolution oder der algerische Befreiungskampf wesentlich bedeutender für die Proteste in Lateinamerika waren, als die Proteste in den westlichen Metropolen. Worauf sich dieser Bezug begründet, erfährt man leider nicht.

Überhaupt kommen leider die politischen Inhalte der Revoltierenden zu kurz. Häufig bleibt es bei einer oberflächigen Beschreibung der Proteste. Das ist schade. Am interessantesten sind da noch die Kurzbiografien und Interviews einiger AkteurInnen. Dennoch gibt das Buch einen guten Überblick über das Geschehen um 1968. Es zeigt die Ursprünge der aktuellen Widerstände in Lateinamerika, auf die sich heute viele politisch beziehen und aus denen momentan die interessantesten Überlegungen und Diskussionen zur Veränderung gesellschaftlicher Umstände stammen.

Projektgruppe "1968 in Lateinamerika" des Lateinamerika-Instituts der FU:
Kontinent der Befreiung?
Assoziation A, 256 Seiten für 16 Euro