Den Hitler jag ich in die Luft

Immer noch viel zu wenigen Menschen ist Georg Elser bekannt. Nur wenige Wochen, nachdem deutsche Truppen Polen überfielen, zündete Georg Elser am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe, die eigentlich Hitler galt, der dort eine Rede hielt.

Aufgrund des schlechten Wetters, das einen frühzeitigen Aufbruch nach Berlin erforderte, entgingen Hitler und seine Führungsclique dem Attentat um nur wenige Minuten. Es wurden acht Menschen getötet, neben einer Kellnerin auch sieben NSDAP-Mitglieder. Hätte Hitler nicht vorzeitig das Lokal verlassen, wäre er auf jeden Fall draufgegangen, denn Elser hatte die selbstgebastelte Bombe in einer Säule direkt neben dem Rednerpult platziert. Dann wäre die Geschichte mit Sicherheit anders gelaufen.

Als die Bombe, die mit einem Zeitzünder ausgelöst wurde, explodierte, war Elser an der Grenze zur Schweiz schon festgenommen worden, ohne dass die BeamtInnen ahnten, wen sie da hatten. Während Elser das Attentat minutiös und konspirativ plante und ausführte, verschwendete er auf seine Flucht keine großen Gedanken. Die Polizei, aber auch Hitler, konnten und wollten nicht glauben, dass Elser die Tat alleine geplant und ausgeführt hatte. Er wurde gefoltert, seine Angehörigen malträtiert. Die Nazis stellten schnell fest, dass sie mit diesem einfachen schwäbischen Schreiner kein propagandistisches Exempel statuieren konnten. Es kam nie zu einem Prozess und Elser wurde in das KZ Dachau weggesperrt. Am 9. April 1945, kurz vor der Befreiung durch die Alliierten, wurde er hingerichtet. Fatal ist, dass er von einigen KZ-Insassen während der KZ-Zeit und auch nach der Befreiung diffamiert wurde. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass er im Auftrag der Nazis gehandelt hatte. Auch hier konnte sich niemand vorstellen, dass er alleine gehandelt hatte.

Georg Elser passt in kein Schema des klassischen Widerstandes. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, gehörte er nie einer Partei oder Organisation an. Während er um das tägliche Leben kämpfte, sich verliebte und Vater wurde, blieb er Einzelgänger, der dennoch ein reges Interesse an Politik hatte. Schon früh erkannte er, dass die Politik Hitlers in einen Krieg münden würde. Elser hatte den Krieg nicht erlebt, aber die Auswirkungen durch Hunger und Armut in seiner Kindheit im Dorf erfahren. Er entwickelte einen ausgewiesenen Gerechtigkeitssinn und verabscheute den Krieg. In ihm reifte der Plan, Hitler zu beseitigen. Er begann die Planung ein Jahr vor dem Attentat.

Erst in den letzten Jahren wird Elser zunehmend beachtet. Während die Bundesrepublik jedes Jahr den bürgerlich-militärischen Widerstand um Stauffenberg und den 20. Juli 1944 feiert, fehlt eine staatliche Würdigung für Georg Elser. Mit seiner Tat straft Elser der Mär Lügen, dass man nichts wusste und nichts tun konnte. Ein einfacher Schreiner ohne höhere Bildung und ohne gesellschaftlichen Status erkennt frühzeitig die Gefährlichkeit des Nazi-Regimes und nicht erst, als sich die Kriegsniederlage abzeichnete wie die Attentäter vom 20. Juli.

Der Verdienst, Elser aus dem Dunkel der Geschichte herausgeholt zu haben, ist wenigen Initiativen und Einzelpersonen geschuldet. Das vorliegende Buch ist eine erweiterte Neuauflage eines Werkes aus dem Jahr 1999. G. Haasis beschreibt das Aufwachsen Elsers in der Armut, seine Zwiste mit der Familie und wie in ihm die Erkenntnis keimt, dass er etwas tun muss. Er beschreibt Elser als einen zwar schweigsamen, aber für seine Umwelt offenen Charakter, der an das Gute glaubt. Ein Freigeist mit vielen Ecken und Kanten, aber in seiner Überzeugung unbeugsam bis zu seinem Tod. Manchmal verliert sich Haasis in Details, was aber nicht weiter stört. Haasis verliert die Contenance, wenn es um Diffamierungen und offensichtliche Lügen über Elser geht. Aber das ist auch allzu verständlich bei all den von ihm aufgezählten politischen Hindernissen, die eine Anerkennung von Elsers Tat hintertrieben haben. So ist der Fall "Elser" auch ein Beispiel dafür, wie schwer sich der bundesrepublikanische Staat damit tut, ein aufrichtiges Verhältnis zum Widerstand zu entwickeln.

Hellmut G. Haasis:
Den Hitler jag ich in die Luft. Der Attentäter Georg Elser.
Edition Nautilus, 320 Seiten für 19,90 Euro


Grenzregime

Seit Jahren wird am Ausbau der Festung Europa und an der Vorverlagerung der europäischen Grenzen gebaut - tausende von Toten im Mittelmeer zeugen davon.

In den 17 Artikeln dieses Bandes werden Dynamiken, zentrale Akteure (UNHCR, IOM, FRONTEX, CIGEM usw.), Diskurse und Praktiken des europäischen Grenzregimes skizziert. Die AutorInnen (Sozial-, Kultur- und PolitikwissenschaftlerInnen) recherchierten in der Ukraine, in Marokko, in der Türkei, in Mali, dem Kosovo und Mittelamerika. Hintergründe der Migration und neue Ansätze der Migrationskontrolle werden ebenso reflektiert wie die Rolle von Migrations- und Grenzregimeforschung.

Der Band "Grenzregime" wurde vom "Netzwerk kritische Migrations- und Grenzregimeforschung" (www.borderregime.eu) herausgegeben, einer "interdisziplinären europäischen Vernetzung kritischer Migrations- und GrenzregimeforscherInnen und politischer AktivistInnen", der 150 WissenschaftlerInnen, AktivistInnen, KünstlerInnen und NGO-VertreterInnen angehören.

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Sabine Hess / Bernd Kasparek (Hg.):
Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa
ISBN 978-3-935936-82-8
296 Seiten für 16,00 Euro