Henrici weist in seiner Bewertung darauf hin, dass die antiisraelischen und
antijüdischen Eskapaden Möllemanns einen möglichen Weg künftiger
deutscher Außenpolitik aufweisen: eine imperialistische Konkurrenzpolitik
unter Abkehr von "historischer Verpflichtung". Dem ist zuzustimmen.
Henrici irrt jedoch in seiner Bewertung des Antisemitismus. Möllemann ist
nicht bloß ordinärer Nationalist, sondern er hat bewußt mit
antisemitischen Verschwörungstheorien gespielt.
Der moderne Antisemitismus funktioniert als flexibler Code für die Verantwortung
der Juden für jegliches Übel der Welt und hat in Möllemanns "Klartext
- Mut"-Kampagne seine Entsprechung im Wahlkampf erhalten: Ein standhafter
Deutscher, der sich von Juden im In- und Ausland nicht mehr den Mund verbieten
lasse. Das haben nicht nur Deutschland Neonazis so verstanden und bejubelt,
sondern zugleich große Teile der sonstigen deutschen Volksgenossen. Diese
Verschwörungsphantasie, dass die Juden durch geheime Steuerung der Weltpolitik
Deutschland an seiner Selbstentfaltung hindern, ist konstitutiver Bestandteil
des modernen deutschen Antisemitismus. Er ist verknüpft mit der Forderung
nach einer "selbstbewußten Nation", die Auschwitz nicht mehr
als Mahnung und Verpflichtung betrachten will und die sich von "den Juden"
daran behindert sieht. Das zeigen alle aktuellen empirischen Erhebungen über
antisemitische Vorurteile in Deutschland und dies wurde exakt von Möllemann
in seinem Wahlkampf bedient. Die FDP habe ihr "Projekt 18" nicht erreicht
wegen "der Ausfälle" Möllemanns; so hieß es kurz nach
Wahlausgang in den Medien und im FDP-Vorstand. Fakt ist, dass der FDP-Offizier
nicht trotz, sondern wegen seines Spiels mit dem Antisemitismus im Gegensatz
zum FDP-Bundestrend in NRW dazugewonnen hat.
Möllemann ist kein Aussenseiter, sondern steht in Tradition einer walserisierten
Republik, die den Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft gerückt
hat.
AL C.
www.terz.org - 24.9.2002