"Anschläge", so hieß in den 70er Jahren der Titel eines
Buches aus der Feder des ehemaligen Kneipiers der Gaststätte "Tannenbaum"
in Derendorf, Manfred Spies. Darin wurden die "Denk-Anschläge"
des sich als Plakatkünstler bezeichnenden Autors auf angemieteten Plakatwänden
dokumentiert. Anschläge scheinen den sich als "engagierten Zeitzeugen"
einschätzenden Künstler auch heute noch tief zu bewegen. Nur sind
es diesmal nicht in erster Linie seine eigenen "Denk-Anschläge",
sondern die palästinensischer Selbstmordattentäter, deren Beweggründe
Manfred Spies in Düsseldorf via Lesung "verstehbar" machen möchte.
Hierzu verlieh er "Said" seine Stimme, der Hauptperson aus der Neuerscheinung
von Raid Sabbah: "Der Tod ist ein Geschenk." In dem bei Knaur erschienenen
Buch wird die Geschichte jenes verhinderten palästinensischen Selbstmordattentäters
Said erzählt, der vor Ausführung seines Planes in Djenin bei Auseinandersetzungen
mit israelischen Militärs ums Leben kam.
Da die TERZ nach einer Ankündigung der Rheinischen Post zu einer Spies-Lesung
am 24.9.03 im Auxilium rätselte, was einen Düsseldorfer Plakatkünstler
nun dazu treibt, ausgerechnet Lebensgeschichten eines palästinensischen
Selbstmordattentäters öffentlich vorzutragen, schickte sie einen Redakteur
- leider ausgerechnet mich -- auf Spies-Kunde.
Ausgestattet mit einem Tonband, einigen Vorwarnungen über das leicht erregbare Gemüt des Vortragenden und einigen angelesenen psychologischen Grundkenntnissen über den Zusammenhang von Vorurteilsstrukturen und Verschwörungstheorien begab ich mich in die Gefilde des Auxiliums. Dort wurde ich eingangs auf meine Nachfrage um freien Presseeintritt und Möglichkeit zum Tonbandmitschnitt an den am Eingang postierten Vorsitzenden der Deutsch-Palästinensischen Gemeinde verwiesen, der sich zunächst nach dem Medium TERZ erkundete und dann rätselte, ob einem Tonbandmitschnitt stattgegeben werden könne. Dies gab den Ausschlag zu meiner ersten persönlichen Begegnung mit dem aufgeregt herbeieilendem Vortragskünstler Manfred Spies: "TERZ? Ein Schundblatt" sei dies und was ich hier wolle. Freien Eintritt? Nein, zahlen solle ich gefälligst. Auf meine Frage, ob diese doch recht ungewöhnliche Behandlung denn für alle Pressevertreter gälte, wurde ich von dem sich selbst als "Nicht-Profi" bezeichnenden Vorleser ungefragt über den Geisteszustand der TERZ-Schreiberlinge aufgeklärt: Die Rheinische Post z.B. würde hier anders behandelt werden, denn "die hat meine Veranstaltung angekündigt". Wir jedoch seien "kranke Hirne, die ihr Gehirn abgegeben haben. Ihr sucht ja sowieso nur danach, mir Antisemitismus vorhalten zu können. Aber Sie können ruhig alles aufzeichnen. Ich habe nichts zu verbergen!" Von einem Spies'schen Antisemitismus war bisher in der TERZ noch gar nicht die Rede, sie druckte lediglich eine kritische Kurzmeldung über eine wirre Verteidigung des Möllemann'schen Wahlkampf-Flyers durch den "Plakatkünstler". Nach der Ableistung von 5 Euro Eintritt - -einer indirekten Spende für die Deutsch-Palästinensische Gemeinde, da das Auxilium laut Spies "so freundlich und engagiert" gewesen sei, auf Raummiete zu verzichten - wurde mir der Zugang zum reichhaltig bestuhlten und ziemlich leeren Lesesaal gestattet.
"Der Tod ist ein Geschenk"
Den ca. vierzig anwesenden Zuhörern offerierte eingangs der Leiter des
Auxiliums mit Hinweis auf die eindringliche Bitte des Vorlesenden um Erwähnung,
dass im Publikum der FH-Professor Wolfgang Dreßen sowie der Landtagsabgeordnete
und frühere Möllemann-Intimus Jamal Karsli anwesend seien. Die Presse
hingegen sei heute nur spärlich vertreten und die Veranstaltung bedauerlicherweise
auch schlecht besucht, was wohl mit dem brisanten Thema und der doch weitgehend
Israel-freundlichen Presseberichterstattung in Zusammenhang stehen könne.
Daher seien Veranstaltungen wie die heutige mit Manfred Spies "Signale
für einen Aufbruch" im öffentlichen Meinungsbild.
Starke Worte für eine spärlich besuchte Veranstaltung mit einer nicht
allzu bekannten Person des öffentlichen Lebens. Doch der starke Applaus
der Anwesenden bestärkte den Eindruck, dass die Bedeutung erheischende
Vorrede Widerhall bei den Anwesenden erzeugte und auch dem allein auf dem Podium
thronenden Vorleser Manfred Spies alles andere als unangemessen erschien. Mit
ernster Miene genoss dieser zunächst eine Minute andächtigen Schweigens
im Saal, um dann mit honoriger Stimme zu verkünden, dass er von dem Vorsitzenden
der Deutsch-Palästinensischen Gemeinde darum gebeten worden sei, eingangs
um Spende für diese Organisation zu bitten. Er, Spies, wolle jedoch zunächst
einmal vortragen, um den Zuhörern danach die Möglichkeit zur Entscheidung
einer Spende zu geben und zwar nur dann, "wenn Sie danach zufrieden mit
dem Gebotenen gewesen sind." Eine noble Geste des Stars des Abends also,
die augenscheinlich Selbstbewußtsein und Überzeugungskraft vermitteln
soll; ein offenkundiges Anliegen, dem wiederum durch Applaus Respekt gezollt
wird. Um die Dramaturgie zu erhöhen, bittet Spies um Ausblendung des Saallichtes
und erläutert dem Publikum die Funktion zweier links und rechts auf seinem
Schreibtisch aufgestellten und mit roten Glühbirnen versehenen Schreibtischlampen:
"Die linke leuchtende Lampe signalisiert, dass ich aus dem Buch vortrage.
Wenn ich die rechte Lampe anknipse, signalisiert dies, dass dies nicht der Orginaltext
aus dem Buch ist." Denn er, Spies, wolle nicht nur vorlesen, sondern zudem
Informationen und Hintergründe zum Thema geben und zwar "Fakten",
indem er "Dokumente" heranziehe, um das Publikum über die "wirklichen
Geschehnisse" in Israel aufzuklären. Streng objektiv wolle er vorgehen,
so Spies: Keine eigene Meinung einbauen, sondern eben durch "Dokumente
und Fachleute Beweise" für die folgend ausführlich geschilderten
Schandtaten der israelischen Politik und Militärs bringen. "Auch Juden"
seien es , die er zitiere, um an seinen Beweisführungen keinen Zweifel
aufkommen zu lassen. Sprach es und nahm das Publikum mit auf eine anderthalb-stündige
Reise durch das Seelenleben eines verhinderten palästinensischen Selbstmordattentäters,
geschmückt mit Lichtwechseln und ellenlangen Zitaten aus UN-Resolutionen,
von Marcel Pott, der Rheinischen Post u.ä. - der Abend wurde länger
und länger. Nun ist Manfred Spies kein Lutz Görner und erst recht
kein Marcel Reich-Ranicki: Da hagelt es halt Versprecher, kurzzeitige Gesichtsentgleisungen
und ungewollte Pausen bei der Zeilensuche senken die ästhetische Note der
Inszenierung rapide. Doch dies tat der Verve des Vortragenden keinen Abbruch;
Manfred Spies taucht mit all seinen sprachlichen Möglichkeiten in den Text
ein und wird trotz Verhaspeleien bei dramaturgischen Höhepunkten des Textes
schneller und lauter: "NEEEIIIINNNNN!!!!" schreit er aus aller Kraft
ins Mikrophon, als die Textzeile mit dem Schuss israelischer Soldaten auf Saids
Mutter kommt, und da empfindet man: Spies verleiht hier nicht nur einem verhinderten
Selbstmordattentäter seine Stimme, sondern in diesem Moment wird Spies
selbst zu Said.
Überwältigt von der eigenen Vortragsweise macht Spies nach diesem dramaturgischen Höhepunkt des Abends eine Pause, blickt ernst in den Saal, um dem Publikum dann zu erklären, dass er, Spies, es den Anwesenden erspare, weitere im Buch geschilderten Details von Folter in israelischen Knästen vorzulesen. Statt dessen fährt er fort mit dem Vortragen von "Dokumenten" über die Folter in israelischen Knästen, um dann wieder weiter aus dem Buch zu lesen usw. Endlich ist es 20.30 Uhr, das qualvolle Geschenk des Todes hat ein Ende, und aus dem imaginären Said Spies wird mit Einschalten der Saalbeleuchtung wieder der ordinäre Manfred Spies.
Die "Antisemitismus-Keule"
Auch nach der dramatisch inszenierten Lesung blieb die TERZ-Fragestellung unbeantwortet,
warum es gerade der palästinensische Selbstmordattentäter sein muss,
dem der Düsseldorfer Künstler Spies seine Stimme verleiht. In der
folgenden Diskussion half uns der Vortragskünstler bei der Beantwortung
dieser Frage: "Ich fühle mich als Deutscher verpflichtet, den Palästinensern
zu helfen," so Spies. Warum gerade als Deutscher? Doch nicht, weil es gegen
die Juden geht? Spies, etwa doch ein Antisemit? Nein, nicht trotz, sondern gerade
wegen des Holocaust sei er als Deutscher für die Palästinenser, erklärt
Spies. Weil die Nazis mit ihrem Antisemitismus doch mit zur Bildung des Staates
Israel beigetragen hätten und die Palästinenser gar nichts dafür
könnten und Spies ihnen als Entrechteten daher seine Stimme verleihen will:
"Das darf man auch als Deutscher aussprechen: Die Palästinenser haben
erst angefangen sich zu wehren, als man ihnen das Land streitig machte. Die
jüdischen Terrorgruppen waren die ersten, die Bomben geworfen haben. Dass
die Araber Krieg angefangen haben, kann ich verstehen." Diese von ihm selbst
wohl als mutig empfundene Stellungnahme stößt auf Zustimmung bei
dem Vorsitzenden der Deutsch-Palästinensischen Gemeinde, der in seinem
Statement zu verdeutlichen versucht, dass die Medienberichterstattung über
den Nahen Osten in diesem Lande gleichgeschaltet sei: "Wir müssen
Privatfernsehen schauen, um die Wahrheit zu erfahren, da im öffentlich-rechtlichen
TV nicht die Wahrheit gesagt werden darf." Wer verbietet es denn, "die
Wahrheit" sagen zu können? Es war dann der Landtagsabgeordnete Karsli,
der in seinem Statement pathetisch "dem Publikum Mut" bescheinigte,
"zu dieser Veranstaltung gekommen" zu sein. Mut, zu Spies gekommen
zu sein? Wegen drohender Verhaftung? Oder gar wegen möglicher jüdischer
Selbstmordattentäter? Was mag es sein, das Vortragende und Zuhörer
dazu treibt, sich als Verfolgte, Gepeinigte oder Heroen zu empfinden, wenn sie
der Reklame für eine Neuerscheinung aus dem Knaur-Verlag beiwohnen? Die
Antwort lag bei nahezu jedem Statement in der Luft. Es ist die "Antisemitismus-Keule",
von der sich Leute wie Karsli und auch Spies verfolgt fühlen. Dabei betont
Manfred Spies deutlich, dass er ja eigentlich gegen Antisemitismus sei: "Ich
habe auch jüdische Freunde". Auch den allgemein gebräuchlichen
Nazi-Vergleich bei Debatten um den Nahost-Konflikt lehne er ab: "Ich sage
das auch immer meinen palästinensischen Freunden!" Hiermit versuche
man unstatthaft, "dem eigenen Anliegen eine größere Bedeutung"
zukommen zu lassen. Das sei dasselbe wie bei der "Antisemitismus-Keule":
"Der Nazi-Vergleich ist das Gleiche wie der Antisemitismus-Vorwurf",
so Spies, der von Letzterem nicht zuletzt auch sich verfolgt sieht: "Es
ist merkwürdig, warum über die Möllemann-Aburteilung nicht offen
berichtet werden kann," so Spies. "Ich hoffe, dass in diesem Land
einmal unabhängig über Antisemitismus gesprochen werden kann."
Schon auf dem diesjährigen Bücherbummel verteilte Manfred Spies Flugblätter
unter dem Titel "Die Jagd und die Treiber" zur Verteidigung des Selbstmord-Fallschirmspringers
Jürgen W. Möllemann, bis er von dort auf Betreiben der Veranstalter
selbst "vertrieben" wurde. Im Flugblatt bekundete das langjährige
SPD-Mitglied Spies: "Ich finde es empörend, dass meine Partei an der
Treibjagd gegen Möllemann sehr aktiv mitgewirkt hat." Weiter heißt
es da, dass der Antisemitismus-Vorwurf gegen Möllemann "Schwachsinn"
sei: "Sie können mir glauben, daß ich mich mit diesem ganzen
Komplex - auch mit dem Fall Karsli - wissenschaftlich gründlich beschäftigt
habe. (...) Das Ergebnis ist ein Krimi. (...) Aber so wie in der Vergangenheit,
werde ich auch jetzt nirgendwo Gehör bekommen (...). Und warum ist das
so?"
Tja, warum ist das so? Warum hört ganz Deutschland inklusive der gesamten
Riege der Politik in der Frankfurter Paulskirche Martin Walser zu, wenn der
von der "Auschwitz-Keule" redet und im "Spiegel" den verstorbenen
jüdischen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis diffamiert, wenn Rudolf
Augstein im gleichen Blatt über die "New Yorker Haifische im Anwaltsgewand"
schwadroniert und den verstorbenen Bundeskanzler Adenauer zitiert, der schon
in den fünfziger Jahren bekundete: "Das Weltjudentum ist eine jroße
Macht!"
Und warum hört trotzdem keiner auf Manfred Spies?
Nachtrag
In der TERZ wäre kein Platz für die Auseinandersetzung mit derartigen
Vortragskünstlern, wenn sich an ihnen nicht zugleich eine verallgemeinerbare
Tendenz im Bewußtsein wild gewordener Spießbürger erkennen
ließe. Die Möllemänner und Walsers dieser Republik spielen auf
der Klaviatur des Populismus mittels tradierter Vorurteile, die sich eines "sekundären"
oder "Post-Holocaust"-Antisemitismus bedienen, eines Antisemitismus
trotz oder wegen Auschwitz. Dies beinhaltet die Vorurteile, dass "die Juden"
nach wie vor die Weltgeschehnisse lenken würden und "uns Deutsche"
wegen der Nazi-Verbrechen ewig gängeln und an der Entfaltung "unserer
Identität" und freien Meinung hindern. Der Publizist Hendryk Broder
formulierte hierzu salopp den Satz: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz
nie verzeihen."
Die "Klartext. Mut. Möllemann."-Kampagne einer temporär
haiderisierten FDP zielte in diese Richtung genauso wie Paulskirchenrede Walsers.
Real ist die bundesdeutsche Berichterstattung voll von Kritik an Israel und
real gehört in diesem Lande kein Mut dazu, sich " Israel-kritisch"
oder auch judenfeindlich zu äußern, denn antiisraelische wie antisemitische
Vorurteile beherrschen nicht nur die Stammtische, sondern das gesamte bundesdeutsche
Durchschnittsbewußtsein. So geben z.B. nach einer jüngsten repräsentativen
Befragung Studierende der Universität Essen zu 36% der Ansicht ihre Zustimmung,
einen "Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit" zu ziehen und 61%
wünschen sich "endlich ein gesundes Nationalbewusstsein". Zugleich
vertreten 7% die Ansicht, "die Juden haben zuviel Einfluss in der Welt",
17% meinen, dass "viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten
Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu
lassen" und 20% meinen, "die Juden verstehen ganz gut, das schlechte
Gewissen der Deutschen auszunutzen." (Ahlheim/Heger, Die unbequeme Vergangenheit)
Es gehört daher in diesem Lande auch kein "Mut" dazu, Palästinensern
via Lesung eine Stimme zu verleihen, die aufgrund leidvoller persönlicher
Erfahrungen der Idee verfallen, durch Selbstmordattentate Juden umzubringen,
denn schließlich erscheint ein derartiges Buch in einem bundesdeutschen
Großverlag. Leuten, die es als ihre innere Verpflichtung "als Deutsche"
ansehen, "Palästinensern zu helfen", sollte man an ihrer selbst
gewählten Bestimmung nicht hindern. Wenn derartige Bestimmungen verknüpft
werden mit Selbstinszenierungen als "Verfolgte" oder Tabubrecher,
sollte derartigen öffentlichen Anwandlungen jedoch mit Skepsis begegnet
werden.
Al C.
www.terz.org - 29.9.2003