Künstlerportrait
Dilomprizulike
“The
Junkman from Afrika”
Nach einem Bericht über die
Ausstellung “Afrika Remix” in der letzten Terz-Ausgabe ergab sich
wieder einmal
die Gelegenheit, sich mit den afrikanischen KünstlerInnen
auszutauschen: am
18.September in der African Night im Museum Kunst Palast.
Ingrid Mwangi,
Otobong
Nkanga und Dilomprizulike, kurz “The Junkman”, waren zu Performances
eingeladen, und die Hip Hop Band Daara-J aus Senegal rappte im
Anschluss im
Museum. Die Terz war während der “Modenschau” von Dilomprizulike
Backstage und
traf sich mit ihm am darauf folgenden Morgen zu einem
Frühstück im Hotel Doria
auf der Duisburger Straße.
Er hatte viel
Zeit, was
eigentlich eine Ausnahme war, denn der aus Nigeria stammende
Künstler ist nicht
nur viel auf Ausstellungen im Ausland unterwegs, er hat auch vor zwei
Jahren
begonnen, in Lagos ein “Art Center” aufzubauen:
“The Junkyard Museum of Awkward Things”. Dieses international
ausgerichtete Zentrum befindet sich noch im Aufbau, soll aber
später einmal
KünstlerInnen eine Unterkunft und Arbeitsmöglichkeit bieten.
Lokalisiert ist
das Zentrum am Atlantic Ocean, ca. 20 Minuten von Lagos entfernt. Den
Tag
verbringt Dilompri meist in einem der ärmeren Stadtteile von
Lagos, wo er so
eine Art Helfer, Ansprechpartner und Ehrenbürger für die
“Neighbourhood”
darstellt. Wenn er morgens mit seinem Mercedes Benz durchs Viertel
kreuzt,
nimmt er Passanten ein Stück mit, und wenn es regnet, hält er
einfach kurz am
“Busstop”, und bietet den Leuten an einzusteigen. “Manchmal kotzt
jemand auf
den Sitz, aber das hält mich nicht davon ab, am nächsten Tag
wieder jemanden
mitzunehmen.”
Dilompri
fühlt sich am Ort
seiner selbst gewählten sozialen Funktion und Zugehörigkeit
im Viertel zuhause.
Hier ist der Ausgangspunkt für seine Kunst, die Bushaltestelle,
das Material
für die fragilen Kleidungsstücke aus den Fetzen gefundener
Kleider.
Dilomprizulike verortet sich als Künstler zwischen den
unterschiedlichen
Faktoren, die das Leben in afrikanischen Metropolen heute bestimmen. Er
absolvierte nach seinem Studium in Benin den Master of Arts
während eines
Studienaufenthaltes in Schottland, und hat somit den für viele
afrikanische
KünstlerInnen typischen Werdegang einer teils westlichen
Ausbildung
durchlaufen. Andererseits lehnt er es ab, im Westen zu leben. Er ist
der
Überzeugung, dass man im Leben am meisten bewirken kann, wenn man
an einem Ort
lebt, wo einem die Bedingungen vertraut sind. Und das ist für ihn
dieses
Viertel in Lagos.
Dilomprizulike
charakterisiert das Dilemma, in dem sich die afrikanischen
Großstädte heute
befinden als “Hanging Position”, in der die Menschen nicht mehr zu den
authentischen Wurzeln ihrer Traditionen zurückkehren können,
und gleichzeitig
nicht in der Lage sind, sich genug zu verbiegen, um das Leben “des
weißen
Mannes” zu leben. Und gerade dieses durch den Westen geprägte
Vorbild ist für
viele AfrikanerInnen schon zur eigenen Ambition geworden. Als
Spätfolge der
Kolonisation hat diese Entwicklung im Zuge von Urbanisierung und
kapitalistischer Struktur dazu geführt, dass Gier, Verzweiflung,
Agression,
Gewalt und Instabilität das Verhalten der Menschen bestimmt.
Es ist nicht
überraschend
festzustellen, dass Dilompri sich durchaus mit gegenwärtigen
Strömungen in der
Kunst des Westens vergleichen läßt. Der Künstler als
Schnittstelle zur sozialen
Wirklichkeit marginalisierter Gesellschaftsgruppen, eine Art
Vermittlungsfigur
zwischen sozialem Brennpunkt, Kunst und Gesellschaft. Seine
Installation
“Waiting for Bus” repräsentiert noch eine andere Dimension: Bei
dieser Arbeit
ist das Auge westlicher BetrachterInnen schnell verführt,
einschlägige
Armutsklischees mit “typisch afrikanisch” gleichzusetzen. Der Spott der
grotesk
wirkenden Figuren in Lumpenresten gilt aber nicht der Armut, die
offenbar
dargestellt ist. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass von
den
Figuren eine latente Bedrohung ausgeht, die genauso unbestimmt ist wie
die
geisterhafte Erscheinung der Figuren selbst.
Um die
Zusammenhänge und
Protagonisten der nigerianischen Gesellschaft geht es Dilompri auch in
der
Performance, seiner Modenschau. “Es gibt nur zwei Extreme, und nichts
dazwischen – arm und reich!” Es gehört zur Normalität, dass
diejenigen, die auf
der Haben-Seite stehen, sich in ihren Limousinen mit dunklen
undurchdringlichen
Scheiben “wie ein Geist” durch die Stadt bewegen. Diese Art von
Abschirmung
spiegelt sich auch in der Wohnstruktur von Lagos. Gemeint sind nicht
nur die
Villen der Weißen. Auch eine schwarze Elite lebt in den
Villenvierteln, die durch private
Securities weitestgehend
sicher vor “Eindringlingen” sind. In der Performance charakterisiert er
all die
“Wichtigen” und jene, die sich dafür halten, die bei dem Spiel
“ganz oben”
mitspielen dürfen. Da sind die “Orange Girls”, Frauen, die noch
nie arbeiten
mussten, die Freunde oder Verwandte in
der Regierung haben. Sie benutzen ihren Körper, ihre
Sexualität, symbolisiert
durch die Kugeln (Brüste) am Kleid, um zu bekommen, was sie
wollen. Da ist auch
der “Muscleman”, der keine Schule besucht hat, aber den Minister kennt,
den
Präsidenten kennt, der eine Lizenz besitzt, einen organisierten
Drogenhandel zu
betreiben, und gleichsam mit dem Immunitätsstatus eines Diplomaten
ausgestattet
ein- und ausreisen kann.
Gibt es dennoch
mal Probleme
für ihn und seine “Jungs”, ist Hilfe von oberster Stelle
garantiert. “The
Politician” ist durch 5 Köpfe in einem großen Tuch
dargestellt. Der Politiker
muss viele Gesichter haben, und gleichzeitig die Verbiegungen und den
internen
Spagat mit einem würdevollen Auftreten übertünchen. Es
ist dieser “Kreis” von
Leuten in bestimmten Positionen, der auch für die Zirkulation des
Geldes
verantwortlich ist. Das erklärt,
warum
Korruption und besonders das Zahlen von Schmiergeldern bis in
die niedrigste
Stelle einer Behörde zu finden ist. Es ist die einzige
Möglichkeit ein Stück
vom Kuchen abzubekommen. Es gibt nur dieses eine System.
Fenja Braster
www.terz.org - 29.9.2004