Bei
François Ozon läuft
alles über Kreuz. In “5 x 2” rollt er eine Beziehung von hinten
auf: Scheidung,
Ehe-Alltag, Geburt des Kindes, Hochzeit und Kennenlernen - und
lässt auch
innerhalb der einzelnen Episoden einiges verquer ablaufen. So zieht es
das
Ex-Paar gleich nach dem Scheidungstermin auf ein Hotelzimmer,
wohingegen die
Braut die Hochzeitsnacht mit einem anderen verbringt. Harter Tobak,
aber der
Regisseur versteht es, ihn in verträglicher Form zu verabreichen.
Er konzipiert
die einzelnen Stationen als autonome Blöcke und nimmt der
übermächtigen
Struktur so etwas von ihrer Schwere. Zudem gestaltet Ozon die fünf
Sequenzen
mit einigem Gespür für Offbeat-Dramaturgie. Bei “Ehen vor
Gericht” etwa spielt
das Ex-Paar nur eine Nebenrolle. Es spricht einzig der Beamte, der
minutenlang
tonlos die genauen Trennungsmodalitäten herunterbetet. Marion
und Gilles
wirken dabei seltsam abwesend, wie sie überhaupt den ganzen Film
über passiv
bleiben. Der Filmemacher gesteht ihnen weder Handlungsmacht noch
Individualität
zu - eigentlich noch nicht einmal eine richtige Liebesgeschichte. Es
gibt
keinen Grundkonflikt, an dem die beiden sich abarbeiten. Vielmehr
steckt von
Anfang an irgendwie der Wurm drin. Irgendwie: Warum Marion ihren Mann
schon am
ersten Tag der Ehe betrügt oder warum Gilles der Geburt seines
Sohnes
fernbleibt, erläutert François Ozon nicht und verweist
damit auf höhere, der
Liebe an sich nicht eben wohlgesonnene Mächte. Und wenn die
Liebenden am Ende,
das ein Anfang ist, am Meer dem Sonnenuntergang entgegengehen, dann
schließt
sich beim allwissenden Zuschauer der tragische Kreis.
Für
Schwarzseher wie Ozon
oder den “Irreversible”-Regisseur Gaspar Noé stellt die
narrative Rolle
rückwärts eine angemessene Erzählform dar, weil sie
nicht an zauber-trunkene
Anfänge und ergebnis-offene Plot-Entwicklungen glauben. Es bedarf
deshalb
einiger formalistischer Kunstgriffe, um ihre Film-Geschichten in Gang
zu
bringen, ohne allerdings deren Pessimismus zu einer weniger
langweiligen
Angelegenheit machen zu können.
Jan
filmSchau
mich an
Agnès
Jaoui hat ein Faible
für die kleinen Dinge des Lebens. So kommen bei ihr unfreundliche
Taxifahrer
und grimmige Kellner zu verdienten Film-Ehren. Sie sind die
Ausläufer eines
ganzen Imperiums der schlechten Laune, über das Jaouis Partner und
Co-Autor
Jean-Pierre Bacri als genial-grantiger Verleger und Schriftsteller
Etienne
Cassard gebietet. In “Schau mich an” hat keiner gute Laune. Alles dreht
sich um
Karrieren, die entsprechenden Beziehungsnetzwerke, die Erotik des
Erfolgs und
andere Oberflächen-Reize. Entsprechend schonungslos, ignorant oder
scheinheilig
geht man miteinander um - freundlich sind nur die Übernahmen. Fast
scheint es,
als wollten die Protagonisten Margaret Thatchers Satz “So etwas wie
Gesellschaft gibt es nicht” illustrieren.
In dieser Welt
fühlt sich
Cassards Tochter Lolita einigermaßen fehl am Platz. Etwas mollig,
trotz aller
Bemühungen eher nicht zur Opern-Diva berufen und von ihrem Vater
vernachlässigt, bleibt ihr nur die Wahl, sich über dessen
Berühmtheit
Distinktionsgewinne zu verschaffen. Aber im Fall von Sébastien
leitet sie ihr
sozialer Realismus in eine Sackgasse. Sie hat den Jungen wider Erwarten
einzig
durch ihre Selbstlosigkeit betört, wie sich dankenswerterweise
kurz vor Schluß
herausstellt. Das Bürgertum verfügt also doch noch über
reine Herzen und ist
noch nicht so ganz reif für den Müllhaufen der Geschichte.
Ein etwas
kleinmütiges Fazit, das aber in der Natur der ganzen kleinteiligen
Sache lag.
Ein anderes Ende hätte es mit dem kleinbürgerlichen
Mikrokosmos auch gar nicht
nehmen können, wollte die Regisseurin nicht den Rahmen ihres
Sittenstücks
sprengen und sich zu einem veritablen Klassenverrat aufschwingen. So
sehr die
Alltagsgestalten und -geschichten zunächst erfreuen, so fad
und läppisch wirkt
die Überdosis Normalität deshalb mit einigem Abstand. Alain
Resnais wußte
schon, warum er in “On connait la chanson” die Drehbuch-Welt von Jaoui
und
Bacri mit Musical-Einlagen weiten ließ.
Jan
www.terz.org - 29.9.2004