Gentech-Standort
Düsseldorf
Am
Merowinger Platz 1 steht das hochmoderne „Life Science
Center“. Es beherbergt zahlreiche Biotech-Unternehmen und macht
Düsseldorf im
Verbund mit der Uni und diversen anderen Einrichtungen der
„Zukunftstechnologie“ zu einem führenden
Gentechnologie-Standort. Das Center
wird von Stadt und Land mit großen Mitteln gefördert und
dient in vielfältiger
Weise der Propagierung und Durchsetzung der Bio- und Gentechnik. Nach
dem
Wahlsieg der Pro-Gentechnikfraktionen in NRW und im Bund können
die Gen-Küchen
auf großzügige Unterstützung hoffen.
Bei den Klagen
der Industrie über das angeblich so
innovationsfeindliche Investitionsklima in der Bundesrepublik spielte
die
hierzulande ach so arg gebeutelte Gentechnik eine prominente Rolle.
Nach der
NRW-Landtagswahl und der Bundestagswahl können die Genmultis so
richtig
durchstarten. In Nordrhein-Westfalen hat die CDU nach alter
Gepflogenheit
wieder den Bock zum Gärtner gemacht und mit Eckhard Uhlenberg
einem Bauern das
Landwirtschafts- und Umweltministerium zugeschanzt. Der kündigte
dann auch
gleich an, die Rahmenbedingungen für die grüne Gentechnik zu
verbessern und auf
eine Änderung des Haftungsrechtes hinzuwirken. Nach der bisherigen
Regelung
haften LandwirtInnen für Schäden, die durch Pollenflug
gentechnisch
veränderter Pflanzen entstehen. Ohne Änderung werde sich kein
deutscher
Landwirt an diesen Bereich, der europaweit enorme Zuwächse
verspreche,
heranwagen, so Uhlenberg. Er schlägt daher einen Haftungsfonds
vor, in den
Staat und Industrie einzahlen. Und das könnte teuer werden, denn
Meldungen über
konventionelle oder ökologische Nutzpflanzen, in die sich
gentechnisch
veränderte Sorten eingekreuzt haben, häufen sich. In Kanada
haben Ökobauern und
-bäuerinnen deshalb gerade eine Sammelklage gegen MONSANTO
und Bayer
eingereicht.
Schöne
Aussichten also für den in NRW angesiedelten
Bayer-Konzern, der natürlich im Life-Science-Center einen
prominenten Platz
besetzt. So ist die Bayer Innovation GmbH im Haus vertreten. Sie hat
die
Aufgabe, die Forschungsaktivitäten des Konzerns noch stärker
auf lukrative Produkte
zu focussieren und für sie Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Daneben stellt der
Multi auch den Aufsichtsratsvorsitzenden der „Life Science
Agency“ (LSA GmbH).
Bei ihr handelt es sich um eine reine Lobby- und
Propaganda-Organisation der
Gentech-Industrie. Sie wurde Anfang des Jahres 2003 mit dem Ziel
gegründet,
„der innovativen Life Science-Branche in Nordrhein-Westfalen
einen zentralen
Beratungs- und Servicepartner zu bieten und sie zu internationalem
Erfolg zu
führen“. Nach eigenen Angaben „bündelt die LSA
GmbH die Kompetenzen der Vereine
Bio-Gen-Tec-NRW, Health Care und MeTNet und kooperiert mit dem Land
NRW.“ Die
LSA GmbH gibt an, „Unternehmen und Institutionen aus
Biotechnologie,
Medizintechnik und Pharma/Gesundheitswesen in allen Phasen von
Gründung und
Wachstum zu beraten und zu begleiten. Durch eine aktive
Öffentlichkeitsarbeit
und internationale Kooperationen will die LSA GmbH das Profil des Life
Science-Standortes NRW weiter schärfen – vor Ort und in
aller Welt.“ (alle
Angaben stammen von der Internetseite www.liscia.de).
Da der
Bayer-Konzern seine Konzernzentrale in Leverkusen
hat, ist anzunehmen, dass Gen- und Biotechnologie in NRW eine besondere
Rolle
spielt. Entsprechend hat sich die Landesregierung hohe Ziele gesetzt
und will
NRW zu einem Spitzenstandort für Life Sciences in Europa ausbauen.
Und so kommt
es, dass es in keiner anderen Region Deutschlands eine so hohe Dichte
an
Unternehmen und Forschungseinrichtungen für Life Sciences gibt.
Laut Auskunft
der Landesregierung sind das über 53 Hochschulen mit insgesamt
rund 500.000
StudentInnen, 23 Forschungsinstitute, 31 Technologietransferstellen, 69
Technologiezentren, 460 Krankenhäuser sowie sieben
Universitäts- und
Großkliniken. Die Biotechnologie-Branche in NRW zählt etwa
130 Unternehmen.
Hinzu kommen ca. 180 biotechnologisch orientierte
Dienstleistungsunternehmen. Entsprechend umfangreich fließen die
Fördergelder
aus der Staatskasse.
Neben der Life
Science Agentur GmbH und dem Life Science
Center in Düsseldorf gibt es noch das Zentrum BioRiver. Ebenfalls
ein reiner
Lobby- und Marketingverbund der Gentechnik-Konzerne Bayer & Co.
Nach deren
eigenen Worten „gibt der Rhein als verbindendes Element der
Zentren Köln, Bonn
und Düsseldorf der Kernregion der nordrhein-westfälischen
Biotechnologie den
Namen: BioRiver. Rund drei Viertel der über 300
Biotechnologie-Unternehmen in
Nordrhein-Westfalen sind hier zwischen Köln, Bonn,
Düsseldorf, Leverkusen,
Aachen und Jülich konzentriert.“ (Internetseite:
www.bioriver.de) Natürlich ist BioRiver
ebenfalls im „Life Science Center“ zuhause.
Das Life Science
Center ist in unmittelbarer Nähe der
Universität und der Universitätskliniken angesiedelt. Sowohl
an der Universität
als auch an den Uni-Kliniken spielt Gentechnik eine gewichtige Rolle
nicht nur
in Forschung und Lehre. Die Beziehungen zu Bayer und anderen
Gentech-Unternehmen, die für die kommerzielle Nutzung der
Laborfrüchte sorgen
wollen, sind nämlich ausgezeichnet. Zudem sind aus dem Fachbereich
„Biologie“
der Hochschule zahlreiche Biotech-Unternehmen, wie zum Beispiel die
Hildener
Firma Quiagen hervorgegangen, die andere Gentech-Unternehmen wie das in
Düsseldorf ansässige Orthogen ergänzen.
Zudem
verfügt die Heinrich-Heine-Uni mit dem Philosophen
Dieter Birnbacher noch über einen Bioethiker, der noch den
abstrusesten
Laborfrüchten moralischen Flankenschutz gewährt. Der in
zahlreichen
Ethikkommissionen sitzende Birnbacher ist ein vehementer
Fürsprecher der
präimplativen und pränatalen Diagnostik, die das Schicksal
nicht perfekter
Kinder besiegeln kann. Die Verhinderung der „Geburt
unglücklicher Kinder“ ist
dem Philosophen eine Herzensangelegenheit, wobei dem Bioethiker hilft,
dass für
ihn „Selektion“ ein „weitgehend neutral verwendeter
Begriff“ ist und mit der
deutschen Vergangenheit nichts zu tun hat. So fand er dann auch nichts
dabei,
den Euthanasie-Befürworter Peter Singer zu einem Vortrag
einzuladen.
Und so kommt es,
dass Bayer in Düsseldorf eine weit über die
Allgegenwärtigkeit seiner Produkte, seiner Bekanntheit als
Verseucher der
Trinkwasserquelle „Rhein“ und seiner
Marionettenspielerei im Landtag
hinausgehene Rolle spielt: Düsseldorf ist ein wichtiges
Forschungs- und
Propagandazentrum der Bayer-Gentechnik, nicht zuletzt weil die Konzern-
und
Forschungszentrale der Bayer-Tochter, die weltweit führend im
Bereich grüner
Gentechnik ist, nämlich Bayer Crop Science, unweit der
Landeshauptstadt in
Monheim liegt.
Die deutsche
chemische Industrie arbeitet seit den Zeiten
der IG Farben nicht gegeneinander, sondern mit vereinten Kräften
gegen die
internationale Konkurrenz. Deshalb kommt auch dem ebenfalls in
zahlreichen
Gentech-Lobbyvereinen vertretenen Henkel-Konzern mit seiner Zentrale in
Düsseldorf eine wichtige Bedeutung bei der Umsetzung der
gemeinsamen
Gentechnik-Strategien zu. Die „schöne neue Welt“ hat
also in Düsseldorf
zahlreiche Architekten sitzen.
Axel
www.terz.org - 26.09.2005