Gerresheimer
Zukunft:
Gefängnis
statt Glashütte?
Die
Kriminalität des Kapitals ist vollkommen legal
Es
gibt Krimis und auch tatsächliche Kapitalverbrechen, die
auf den ersten Blick deshalb so spannend erscheinen, weil die
Täter versuchen,
alle Spuren ihres Verbrechens mit geradezu penibler Akkuratesse zu
verwischen.
Hinweise auf die Verbrecher sollen verschwinden. Schlussfolgerungen zu
den
Motiven sollen verhindert werden. Das Täterprofil soll hinter
einer Fassade der
bürgerlichen Anständigkeit verborgen bleiben.
Ähnlichkeiten zu den letzten
Atemzügen der Gerresheimer Glashütte sind nicht
zufällig. Indizien und Zeugen,
Analysen zur Gesetzmäßigkeit von Kapitalakkumulation,
Monopolisierung und
Globalisierung sind unerwünscht.
Selbst die
Datierung der Vorgänge erscheint kompliziert: Die
Zeiger der Uhr am Pförtnerhaus verharren seit geraumer Zeit in der
Gegend von
„5 vor 12“. Etwa seit dem 31. August, dem
„Todestag“ der Glashütte, gab es
einen öffentlichen Hinweis auf die „Täter“: In
fast 30 Metern Höhe wehte ein
zwei Meter hohes und 12 Meter breites Transparent zwischen zwei
Türmen der
Glashütte. Vom Parkplatz des „Bauhauses“ an der
Straße „Nach den Mauresköthen“
war längere Zeit deutlich über den US-Konzern und
Weltmarktführer
Owens-Illinois (O-I) im schönsten Globalisierungsenglisch zu
lesen: „O-I killed
die Glashütte!“
Die Täter
lassen Spuren verschwinden: Am Wahlsonntag, 18.
September, 13 Uhr, war das Transparent verschwunden. Unwidersprochen
blieben
Hinweise, dass Frau Dr. Bosselmann aus der Chefetage nicht
persönlich in
schwindelnder Höhe über die Stahlrohre turnte, um diesen
Hinweis auf die
Machenschaften ihrer Vorgesetzten in der Europa-Zentrale in Lausanne
und der
Welt-Zentrale in Ohio zu vernichten.
Auch zu ebener
Erde wurden Spuren vernichtet. Nicht nur vom
Kapital. Auch vom Proletariat. Auf dem Betriebsgelände fehlte
irgendwann die
US-Fahne. An ihrer Stelle hing dann wochenlang ein schwarzer
Stofffetzen auf
Halbmast. Genau wie die Fahnen von BRD, NRW und der Stadt
Düsseldorf. Am 31.
August tauchten Stars and Stripes anlässlich der Beerdigungsfeier
wieder auf.
Zusammen mit dem Sarg, der die Glashütte symbolisiert, ging die
US-Fahne in
Flammen auf.
16. September:
Frau Dr. Bosselmann konnte sich fast freuen.
Die Fahnen erreichten das obere Ende der Fahnenstange wieder. Da musste
aber
wohl ein „Fehler“ gemacht worden sein, denn auch das
schwarze Tuch flatterte
oben. Zweit Tage später - am Wahltag flatterten (zur Freude der
Geschäftsleitung) auf dem Betriebsgelände die Fahnen der BRD,
von NRW und
Düsseldorf. Die Schwarz fehlte. Die der USA aber auch.
Dabei waren die
Fahnen jetzt so hervorragend gesichert: Eine
Woche vor der Wahl endete nicht nur das Recht auf Arbeit am Werkstor,
sondern
auch der freie Zugang. Ein zwei Meter hoher Zaun war neu errichtet
worden, um
das Werksgelände zum Parkplatz hin zu sichern. Vor den Schranken
war zudem ein
gewaltiges, feinmaschiges Tor aufgebaut worden. Mit einer Eisenkette
wurden die
Torflügel miteinander verbunden. Zwei Vergleiche gab es bisher:
Die Hütte sähe
aus wie ein Knast. Da könne Oberbürgermeister Erwin die
„Ulmer Höh“ gleich nach
Gerresheim verlegen. Kommunisten von der Glashütte lernten den
Knast schon vor
70 Jahren kennen – und wurden dort enthauptet. Auch der zweite
Vergleich war
drastisch: Wo Arbeiter keine Rechte mehr haben, wird Arbeit zur
Zwangsarbeit
und der Arbeitsplatz zum Konzentrationslager. Hat Gerresheim alles
schon
erlebt.
Hinter dem Tor
arbeiten 19 von ehemals einmal mehr als 5.000
Arbeitern. Mehr geht nicht, weil dann neue Rechte für die
Beschäftigten
entstehen könnten. Sie haben die Aufgabe, in der Hütte
aufzuräumen. Aber auch
ihre Tage sind gezählt. Und dann gibt es noch Frau Dr. Bosselmann
und ihre
Verwaltung. Einer ist relativ neu dabei: Rainer Wölk, ehemaliger
Werksleiter
der Glashütte Holzminden. Es gibt Kollegen, die sagen, dass er
nicht über die
höchsten Qualifikationen verfüge. Er soll aber eine
„Fahrkarte“ nach Lausanne
haben. Es macht betriebswirtschaftlich wenig Sinn, in Gerresheim eine
„Deutschland-Verwaltung“ zu halten, wenn O-I weitere
Hütten in Deutschland
zerschlägt.
Wie man sich
konzentrierter und feiner etablieren kann,
zeigte jüngst die Gerresheimer Glas AG, der ehemalige
Mutterkonzern der
Gerresheimer Glashütte. Schon vor etlichen Jahren hatte man die
Verwaltung an
der Heyestraße gegenüber vom „Roten Platz“, also
nicht an der Produktion,
aufgegeben und war an den Mörsenbroicher Weg 191 gezogen. Das war
auch für den
zwischenzeitlichen Vorstandsvorsitzenden, der wirklich Rambow
hieß, eine
bessere Adresse. Jetzt ließ sich dieses Etablissement noch
steigern: Die
Verwaltung sitzt im noblen Benrather Karree.
Damit es auch
vor der Hütte an der Heyestraße 178 keine
Hinweise mehr auf Ansätze von Klassenkampf und Widerborstigkeit
gibt, ließ Frau
Dr. Bosselmann auch dort massiv aufräumen. Das fiel den
GerresheimerInnen auf,
denn plötzlich war die Mahnwache mit allen drum und dran
verschwunden. Saßen
dort noch vor Tagen der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Norbert
Ziegert, Eve
Ziegert als Sprecherin des Solidaritätskomitees
„Rettet die Gerresheimer
Glashütte!“, entlassene Kollegen, Rentner und
GerresheimerInnen, die ihre
Solidarität ausdrücken wollten, so mussten jetzt sogar die
Bänke entfernt
werden. Das Hausrecht des Kapitals gilt auch für die letzte
(Sitz-)Bank.
Es entspricht
zwar dem Grundgesetz und der
NRW-Landesverfassung, dass das Kapital einer Sozialpflichtigkeit
unterliegt.
Aber vermutlich sind das Grundgesetz und die Landesverfassung
verfassungswidrig, denn sonst müssten sie ja anzuwenden sein.
Daher weiß
Oberbürgermeister Erwin genau, dass er nicht in die
„Rechte“ der Wirtschaft
eingreifen kann. Deshalb konnte er O-I bisher auch keinen einzigen
Arbeitsplatz
abtrotzen. Taxifahrer könnten sie werden, empfahl er den
Höttern.
Und dann gibt es
noch das Gerresheimer Rathaus. Im August
wurde von der DKP erneut eine Sondersitzung zur Glashütte
eingefordert. Dieser
Antrag wird „links“ überholt und rechts ausgebremst:
Es gibt plötzlich schon
für die reguläre Sitzung eine parteiübergreifende
Resolution, in der die
Schließung der Hütte verurteilt wird. Aber es fehlt die
Forderung der DKP nach
Rechenschaftslegung des Oberbürgermeisters über die
Aktivitäten, zu denen er
einstimmig vom Rat der Stadt und von der Bezirksvertretung
Gerresheim
aufgefordert worden war. CDU-Bezirksvorsteher Pruchniewski will
die Resolution
sofort ohne Aussprache abstimmen lassen. Niemand meldet sich. Nur die
DKP:
Erwin soll über seine Aktivitäten berichten. Ein Brief Erwins
an die Mitglieder
des Stadtrates ist plötzlich da. Aber Erwin hat nichts
vorzuweisen. Unerwähnt
bleibt in dem Brief natürlich auch, dass Erwin sich kein einziges
Mal bei den
Arbeitern der Glashütte und bei der Mahnwache vor dem Werkstor hat
sehen
lassen, dass er die VertreterInnen des Solidaritätskomitees aus
dem Rathaus
geworfen hat und dass er die Sprecherin des Komitees, Eve Ziegert, als
Rattenfängerin titulierte.
Die DKP
unterstützt die Hötter weiterhin durch die
Verbindung von außerparlamentarischem Engagement im
Solidaritätskomitee „Rettet
die Gerresheimes Glashütte!“ und Forderungen im Gerresheimer
Rathaus. Im
Gottesdienst der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) in der
Kantine
der Glashütte erläuterte sie die Gedenktafel für die
Zwangsarbeiter, die in der
Hütte ausgebeutet worden sind. Für die Sitzung im
Gerresheimer Rathaus am 27.
September hat sie sechs Anträge und zwei Anfragen zur
Glashütte vorgelegt. Von
CDU, SPD, Grünen und FDP: 0 Anträge und Anfragen. Die
Ergebnisse der Bundestagswahl
haben in den Wahllokalen, die um die Glashütte herum liegen,
gezeigt, dass die
Vertreter der Bourgeoisie wenigstens arithmetisch bereits auf dem
absteigenden
Ast sind.
Uwe
Koopmann
www.terz.org - 26.09.2005