Katrina
Die
systemgerechte Abwicklung einer Katastrophe und ihre
Opfer
Alljährlich
erlaubt sich Mutter Natur, einige Weltgegenden
gründlich aufzuwirbeln. Insbesondere ist die Karibik-Region auf
Grund ihrer
besonderen Lage immer wieder von Wirbelstürmen höchster
Güte betroffen.
Vor hundert
Jahren noch war ein derartiges Naturereignis für
die Menschen ein Schicksalsschlag, dem sie sich fügen mussten.
Oder sie hielten
sich fern von den gefährdeten Regionen, wenn sie es sich erlauben
konnten.
Heutzutage
machen die Fortschritte der Wetterbeobachtung
eine kontrollierte Reaktion auf ein Unwetter möglich. So wurden
auf Cuba vor
einem Jahr ca. 1,3 Millionen Einwohner flugs zwangsevakuiert, als ein
Hurrikan
von gleicher Stärke wie in diesem Jahr „Katrina“ die
Insel heimsuchte. Es
fielen keine Toten an, weshalb auch die freie Presse sich nicht das
Maul
zerreißen konnte über den rückständigen und
menschenfeindlichen Kommunismus
eines Fidel Castros, der durch „kollektivistische“
Maßnahmen die Menschheit
drangsaliert.
Von
Armen und Reichen
Im freiesten
Land der Welt, den USA, hingegen ist eine
Bevormundung der freien Bürger tabu. Zwar forderte man die
Bevölkerung New
Orleans auf, die Stadt zu verlassen, wie und mit welchen Mitteln blieb
den
Bürgern jedoch selbst überlassen. So hatten sich in null
Komma nichts die
Wohlhabenden aus dem Staub gemacht, während die arme
Bevölkerung das
Footballstadion oder das Konferenzzentrum aufsuchte. Wie sollte sie
auch
fliehen, wenn sie noch nicht mal einen fahrbaren Untersatz besaß?
Und wohin
ohne die erforderlichen Zahlungsmittel? Im Land der Kreditkarten
besitzen die
Armen in der Regel nur die Arschkarte. Denn obwohl sie als Lohnsklaven
den
Reichtum der Nation schaffen, bleiben für sie außer harter
Arbeit nur
unzureichende finanzielle Mittel zum Überleben.
Von Natur und Technik
Seit
Jahrtausenden weiß man, dass Wasser zwar ein
Lebenselixier ist, aber auch zerstörerische Wirkungen erzielen
kann. Deshalb
gehört der Bau von Deichen und Auffangbecken in gefährdeten
Gebieten zu den
notwendigen Schutzmaßnahmen der Bevölkerung.
Das alles kostet
Geld, dessen vornehme Pflicht in der
Marktwirtschaft es ist, sich zu vermehren, und das beim Ausbau der
Infrastruktur zunächst diese Funktionsbestimmung nicht
erfüllen kann.
Umweltschutzmaßnahmen werden so nur durchgesetzt, wenn dadurch
nachweislich die
Kapitalakkumulation langfristig gesichert werden kann*. Jeder
Dollar, der
nicht der unmittelbaren Förderung des Gewinnemachens dient, muss
sich so dem
Verdacht aussetzen, verschwendet worden zu sein. Dass der Umweltschutz
unter
den Bedingungen des Kapitalismus ein stiefmütterliches Dasein
fristet, ist
nicht verwunderlich.
Das oberste
staatliche Gebot ist es also, den Trägern der
Gesellschaft, dem Kapital, günstige Investitionsbedingungen zu
verschaffen.
Geringe Steuern, billige Grundstücke, gefügige und
preisgünstige Arbeitskräfte
gehören dazu.
Das bekommt auch
die Bevölkerung von New Orleans zu spüren.
Die ständige Streichung von Sozialleistungen oder die steigende
Arbeitsbelastung gehören zum Alltag.
„Niemand
konnte damit rechnen“, so log Bush immer wieder
über die Folgen der Katastrophe. Aber auch die Auswirkungen der
nicht
alltäglichen Flut sind nicht dem Walten der Naturgesetze zu
verdanken, sondern
haben nachvollziehbare, selbst gestrickte, systembedingte Ursachen. Im
Sinne
der Schaffung von günstigen Investitionsbedingungen wurde die
Steuerbelastung
der Unternehmer gesenkt. Die Refinanzierung lief u. a. über die
Kürzung der
Gelder für die Deichsicherheit in New Orleans um 44%. Entlang der
Küste wurden
Teile des Stauseesystems, die als Auffangbecken für Sturmfluten
dienten,
trocken gelegt, um Neuland für Investitionen in Immobilien zu
schaffen.
Die
Bewältigung der Katastrophe
Ganz den
marktwirtschaftlichen Idealen verpflichtet, wurde
die finanzielle Seite der Hilfe für die betroffene Region
zunächst der
„Eigeninitiative“ der Amis überantwortet.
Ex-Präsidenten, Mimen und Barden
tummelten sich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und stachelten
die
Spendenbereitschaft der der Nation verpflichteten Staatsbürger an.
Die
Staatsgewalt beschränkte sich derweil auf ihre eigentliche
Aufgabe, der
Sicherung des Privateigentums in den zerstörten Gebieten per
Gewalt.
Erst die
drohende Seuchengefahr ließ die Regierung initiativ
werden. Verreckende amerikanische Bürger bedürfen eben dann
der staatlichen
Hilfe, wenn die Gefahr besteht, dass sie das Grundwasser vergiften.
Der
freiheitlich-demokratische Umgang mit der Katastrophe
hat allerdings dem Präsidenten einige Kritik eingebracht. Nicht
nur die
Opposition bedachte die Regierung mit dem in der Demokratie
unschlagbaren
Vorwurf der „Handlungsunfähigkeit“.
Aber Bush
konterte, indem er hemdsärmlig am 15. September
den Südstaatlern großspurig verkündete, eines der
größten Wiederaufbauprogramme
„das die Welt je gesehen hat“ anzuleiern. Und das soll u.
a. so aussehen: Im
Rahmen eines Drei-Stufen-Plans sollen Steuererleichterungen und
Kreditvorteile
für Unternehmer Anreize für die Schaffung von
Arbeitsplätzen bieten. Damit das
Kapital auch die dazugehörige Arbeitsmannschaft findet, die
für den
geschäftlichen Erfolg des Betriebes mit ihrer Arbeit und Armut
garantieren
soll, hat die Regierung auch ein Bonbon für den lohnarbeitenden
Teil der Bevölkerung:
5000 Dollar für jeden. Aber nicht zum Verjubeln! Aus- und
Weiterbildungsmaßnahmen sollen damit finanziert werden, damit der
Unternehmer
beim Neuanfang auf bestqualifiziertes Menschenmaterial
zurückgreifen kann.
Die Tatsache,
dass es die Armen – und die schwarze
Bevölkerung hat hier ihren größten Anteil - besonders
hart getroffen hat,
verwundert zwar niemanden, dient aber durchaus dazu, der Regierung eins
auszuwischen. Aber nicht die Ursachen der Armut, die
kostengünstige Verwendung
der „Neger“ zur Reichtumsvermehrung bzw. den Ausschluss
davon, werden benannt,
sondern eine Erscheinungsform, die rassistische Ausgrenzung des
schwarzen
Teils der Bevölkerung. So hat Bush ein leichtes Spiel im Umgang
mit der Kritik.
Er selbst benennt den Rassismus als Grundübel und Ursache der
Armut und
verspricht Abhilfe, indem er den Underdogs eine systemgerechte
Perspektive
zuweist: Sie sollen in Zukunft die „Chancen Amerikas“
wahrnehmen dürfen. Und
was kann das anderes sein, als das zu verkaufen, was sie haben: die
Arbeitskraft. Die bekanntlich am besten nichts kosten darf, aber
ungeheuer viel
leisten soll, damit sie in das Geschäftskonzept des Unternehmers
passt.
Die nächste
Katastrophe kommt mit Sicherheit. Und mit
Sicherheit werden die katastrophalen Auswirkungen von der Klasse
auszubaden
sein, deren Angehörige auch in diesem Jahr weggeschwemmt worden
sind.
*Umweltpolitik hat bei Linken oft einen guten Ruf, dabei ist
jede Idealisierung fehl am Platz. Sie dient im Kapitalismus einzig und
allein
der langfristigen Sicherung der Kapitalakkumulation und des
Kapitalstandortes.
Die staatliche Einflussnahme in Sachen Umwelt ist eine systemgerechte
Reaktion
auf die permanente Zerstörung der natürlichen Grundlagen
kapitalistischen
Gewinnemachens durch das Kapital selbst.
Auch wenn sich die
folgende Anmerkung weit vom eigentlichen
Thema entfernt, muss der Autor sie dennoch los werden: Kaum eine linke
oder
linksradikale Partei vergisst, dem Umweltschutz, der durch das Kapital
gefährdet ist, in ihrem Programm einen ehrenvollen Platz
einzuräumen. Ähnlich
verhält es sich übrigens auch mit der Parteinahme dieser
Vereine für
Arbeitnehmerrechte. Der Kampf der Lohnarbeiter um adäquate
Lebensbedingungen
ist aber ökonomisch gesehen Ausdruck des Selbsterhaltungstriebes
der lohnarbeitenden
Klasse als lohnarbeitende Klasse und dient letztendlich dem
Fortbestand des
Kapitalismus mit all seinen Folgen für die arbeitende
Bevölkerung und weniger
seiner Abschaffung. Darum kann es bisweilen durchaus zum Repertoire
einer
bürgerlichen Partei gehören, die Rechte der Arbeitnehmer
gegen „Kapitalwillkür“
etc. propagandistisch zu in Anschlag zu bringen. Natürlich
heißt das nicht,
dass die Arbeiter die Hände in den Schoß legen sollen.
Vielmehr erzwingt die
Erkenntnis, dass die Lohnarbeit ein untaugliches Lebensmittel ist, weil
sie
lediglich eine abhängige Variable der Unternehmerkalkulation ist,
deren
Abschaffung.
www.terz.org - 26.09.2005